End-Of-The-Century-coverFür manche Rocker kommt das Jahr 1980 dem Einzug ins Paradies gleich – für andere ist es das furchtbarste in der Historie harter Musik. Doch egal, welche Haltung man dazu einnimmt: Als langweilig und nichtssagend würde diese zwölf aufregenden Monate wohl niemand bezeichnen.

Während der ersten frostigen Tage des neuen Jahrzehnts sorgen The Clash international für Furore: LONDON CALLING, in ihrer britischen Heimat schon seit September 1979 auf dem Markt, erobert nun auch die USA: Die Punks schaffen es bis auf Platz 27 der Billboard-Charts – eine Sensation.

In Deutschland ist der raue Sound weniger gefragt: Hierzulande stehen die Bestenlisten ganz im Zeichen von Pink Floyd: Mit THE WALL lösen sie Andrea Jürgens an der Spitze der Album-Charts ab und setzen sich dort für 17 Wochen fest. Auch die Single ›Another Brick In The Wall, Pt. 2‹ schafft es auf den Top-Thron, allerdings nur für insgesamt vier Wochen. In Sachen Rock gibt es ansonsten wenig Nummer-eins-Scheiben zu verzeichnen: Das Jahr wird von Roland Kaiser, Abba oder Barbra Streisand dominiert. Lediglich ELO können noch punkten, und zwar dank ihrer Kollaboration mit Olivia Newton-John beim XANADU-Soundtrack.

Im Ausland verkaufen sich harte Riffs besser: Rush setzen im Januar mit ihrem Album PERMA­NENT WAVES zum großen Sprung an: Sie schalten in Sachen Komplexität einen Gang runter, integrieren zu- nehmend Keyboard-Parts und ernten damit prompt weltweiten Applaus: Ihre Single ›The Spirit Of Radio‹ wird zur Hymne.

Auch Ufo machen ihre Sache gut – und das, obwohl sie den Abgang von Michael Schenker verkraften müssen. Doch die Band nutzt die Chance, endlich einmal fokussierter arbeiten zu können. Die Mitarbeit des Beatles-Produzenten George Martin spornt sie zusätzlich an, so dass NO PLACE TO RUN im Vergleich zum Vorgänger OBSESSION qualitativ nicht abfällt.

Und George Martin soll nicht der einzige Beatles-Intimus sein, der sich in diesem Jahr dem Rock’n’Roll zuwendet: Phil Spector entschließt sich dazu, mit den Ramones gemeinsame Sache zu machen und bringt mit ihnen im Februar END OF THE CENTURY auf den Markt. Darauf vertreten ist auch ein Cover von Spectors ›Baby I Love You‹.

Während Bryan Adams mit seinem Debüt erstmals in Sachen Rock unterwegs ist und einen Achtungserfolg verbuchen kann, ereignet sich in London eine Tragödie: AC/DC-Frontmann Bon Scott muss sich nach einer durchzechten Nacht im Auto seines Freundes Alistair Kinnear übergeben und erstickt an seinem Erbrochenen. Die Musikwelt trauert und hält zumindest für kurze Zeit den Atem an.

Besonders hart trifft die Nachricht die Musiker von Def Leppard, die gerade dabei sind, die Songs für ihr Debüt ON THROUGH THE NIGHT fertig zu stellen. Sie sind beim selben Manage­ment unter Vertrag wie AC/DC und haben Bon Scott kurz vor dessen Tod bei einer gemeinsamen Tour verehren gelernt. Sie lassen sich trotz der schlimmen Neuigkeiten aber nicht vom Rocken abhalten und schaffen es im März mit jugendlichem Elan und einer gehörigen Portion Unbekümmertheit bis auf Platz 15 der britischen Charts.

Noch besser läuft es für Saxon: Die Yorkshire-Truppe knackt mit WHEELS OF STEEL die Top fünf und beweist damit, dass die New Wave Of British Heavy Metal nicht nur eine kleine Minderheit in Ekstase versetzt, sondern die Massen bewegen kann.

Übertroffen werden die Stahl-Schmieder allerdings von den Prog-Ikonen Genesis, die sich in diesem Monat mit DUKE an die Spitze der UK-Bestenliste setzen. In den USA bringt derweil Joe Perry sein erstes Soloalbum auf den Markt – ein erstes Zeichen für den Niedergang von Aerosmith in der ersten Hälfte der Achtziger. Journey dagegen beweisen, dass sie zu Höherem berufen sind: Ihr sechstes Werk DEPARTURE verhilft ihnen in ihrer Heimat zu Superstar-Status.

Der April steht ganz im Zeichen des Schwermetalls: Für Headbanger ist dieser Monat der wichtigste des Jahres. Sage und schreibe fünf wegweisende Platten kommen innerhalb dieser vier Wochen in die Läden. Black Sabbath veröffentlichen HEAVEN & HELL, die Scorpions ANIMAL MAGNETISM, Van Halen WOMEN AND CHILDREN FIRST, Judas Priest BRITISH STEEL und Iron Maiden ihr gleichnamiges Debüt.

Zudem kann Phil Lynott mit SOLO IN SOHO den Preis für eines der besten Solo-Alben aller Zeiten ein-heimsen, während seine Musikerkollegen von Magnum mit MARAUDER weiter in Bombast-Pomp-Regionen vorstoßen.

Nach diesem grandiosen Frühjahrsauftakt kühlt eine weitere Tragödie die Euphorie im Rock-Business ab: Ian Curtis nimmt sich am 18. Mai das Leben. Nur zwei Monate später kommt er mit dem Joy Division-Meisterwerk CLOSER posthum zu Ruhm und Ehren.

Abgesehen von diesen Hiobsbotschaften ereignet sich im Mai nur wenig Substanzielles: Lediglich Whitesnakes READY AN’ WILLING und Peter Gabriels MELT, bei dem vor allem die Kate Bush-Kollaboration ›Games Without Frontiers‹ Begeis­terungsstürme her­vorruft, gehen als Erfolge in die Rock-Annalen ein. Paul McCartney versucht sich mit II an einem weiteren Solowerk, allerdings derart lustlos, dass er es auch gleich hätte sein lassen können.

Der Juni wartet mit gleich mehreren Alben bekannter Rocker auf. Sammy Hagar bemüht sich mit DANGER ZONE, Ted Nugent macht es mit SCREAM DREAM allerdings weitaus besser. Ebenso Blue Öyster Cult, die mit CULTOSAURUS ERECTUS zu alter Form auflaufen. Kiss dagegen legen mit UNMASKED – zu Unrecht – eine Bruchlandung hin.

In Großbritannien versucht sich Jeff Beck derweil mit THERE AND BACK weiter an der Fusion von Rock und Jazz, während die Rolling Stones sich mit EMOTIONAL RESCUE nicht gerade mit Ruhm bekleckern. Abgesehen vom Titelstück zündet kaum eine Nummer nachhaltig.

Auch der Nachwuchs schläft nicht: Bruce Dickinson beeindruckt mit seiner Leistung auf Samsons HEAD ON seine späteren Arbeitgeber Iron Maiden, und die Motörhead-Lieblinge Girlschool, eine der ersten Frauen-Rockbands, legen mit DEMOLITION den Grundstein für ihre Karriere.

Auch in Deutschland tut sich einiges in Sachen harter Musik: Accept, die schon mit ihrem 1979er-Erstwerk auf sich aufmerksam gemacht haben, legen mit I’M A REBEL nach – und verbuchen dank des Titeltracks eine erste Hymne auf ihrem Haben-Konto. Zudem sind auf der Platte erste Einflüsse der New Wave Of British Heavy Metal zu erkennen, die Udo Dirkschneider & Co. auf BREAKER weiter ausbauen.

Im Juli erreicht das Jahr seinen musikalischen Höhepunkt: Erst überzeugen Queen mit THE GAME, dann kehren AC/DC zurück. Mit dem neuen Sänger Brian Johnson veröffentlichen sie BACK IN BLACK – eine Hommage an Bon Scott, die zum erfolgreichsten Album der Band-Karriere wird. Es geht rund 42 Millionen Mal über den Ladentisch. Daneben verkommen alle anderen Veröffent­lichungen zu Rand­notizen, selbst wenn METAL RENDEZ-VOUS von Krokus mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Nachdem in den ersten Monaten jede Menge Klassiker-Alben erschienen sind, wird es im August Zeit für Live-Action. In England geht neben dem renommierten Reading-Festival ein neues Open Air an den Start. Es trägt einen vielversprechenden Namen: Monsters Of Rock. Und die Veranstaltung im „Doning­ton­ Park“ wird dem Titel gerecht: Dank der hochkarätigen Besetzung mit Rainbow, Judas Priest, den Scorpions, Saxon, April Wine, Riot und Touch läuft das Event gut und kann sich im Laufe der Jahre zum Kult-Festival weiterentwickeln.

Auch an der Plattenfront tut sich einiges: Während sich die beiden Prog-Giganten Jethro Tull und Yes mit ihren Platten schwer tun, bringen Michael Schenker und Ian Gillan beeindruckende Solo-Alben heraus. Zudem treten Killing Joke erstmals auf den Plan.

Im September meldet sich Ozzy Osbourne mit BLIZZARD OF OZ zurück – mit an Bord: Randy Rhoads. Ebenfalls grandios: FRESH FRUIT FOR ROTTEN VEGE­TABLES von den Dead Kennedys, HEARTATTACK & VINE von Tom Waits und David Bowies SCARY MONSTERS (AND SUPER CREEPS).

Doch in diesem Monat schlägt das Schicksal wieder zu: Led Zeppelin-Drummer John Bonham stirbt in der Nacht zum 25. September. Auch er ist Opfer seines exzessiven Alk-Konsums.

Trotz der Trauer in der Rock-Gemeinde muss es weitergehen: Die Dire Straits veröffentlichen MAKING MOVIES, Bruce Springsteen sein monumentales THE RIVER-Opus. Zudem können sich Fans mit frischem Material von Cheap Trick, Talking Heads, Budgie und dem Debüt von Diamond Head eindecken. Thin Lizzy und Status Quo sind ebenfalls zurück – allerdings nicht mit ihren stärksten Werken. Ganz im Gegensatz zu Lemmy Kilmister, der sich nach seiner Hawkwind-Abkehr mit Motörhead zurückmeldet und mit dem Fünftwerk ACE OF SPADES einen Klassiker auf den Markt schleudert.

Wenige Tage später, es ist mittlerweile November, schlagen Saxon mit STRONG ARM OF THE LAW ein zweites Mal in diesem Jahr zu. Ebenfalls formidabel: Whitesnakes LIVE…IN THE HEART OF THE CITY, ebenso wie das Erstwerk von U2, BOY.

Und dann kehrt zum Abschluss dieses gigantischen Rock-Jahres auch noch John Lennon nach fünfjähriger Album-Abstinenz mit DOUBLE FANTASY zurück. Doch nur drei Wochen nach der Veröffentlichung der Scheibe, die weltweit bejubelt wird, zeigt 1980 erneut seine schwarze Seite: Am 8. Dezember wird Lennon in New York von Mark Chapman ermordet. Bis heute hat sich die Musikwelt von diesem Trauma nicht völlig erholt. Und selbst wenn die Räder im Musikgeschäft nicht still stehen – The Clash bringen SANDINISTA! heraus, Queen den FLASH GORDON-Soundtrack und Steve Winwood sein zweites Solowerk ARC OF A DIVER –, ist der Aus- klang des Jahres doch symptomatisch für die gesamten zwölf Monate: Es gibt viel, viel Licht, aber auch viel Schatten.