Roger Daltrey im Interview: „Ich bin kein braver Junge“

Roger Daltrey im InterviewNach einer komplizierten Stimmband-OP und einer lebensbedrohlichen Meningitis hat sich Roger Daltrey in den vergangenen Jahren zurück ins Leben und ans Mikrofon gekämpft. Nun erscheint AS LONG AS I HAVE YOU, das erste Soloalbum des 74-Jährigen seit 1992. Wir trafen Roger Daltrey in London und sprachen mit ihm über die Aggression in der Musik von The Who, seine rebellische Jugend, die lebenslange Freundschaft zu Pete Townshend und den besonderen Tipp eines Freundes, der ihn einst vor harten Drogen bewahrt hatte.

Roger, mit Teilen des neuen Al­­bums AS LONG AS I HAVE YOU begibst du dich, ähnlich wie zuletzt die Stones oder Bob Dylan, zurück zu deinen musikalischen Wurzeln. Aus welchem Anlass?
Ich war immer ein Soul-Sänger und bin es noch, also warum nicht an den Punkt zurückgehen, an dem alles begann? Einige dieser Songs hatten wir im Repertoire, als wir noch The High Numbers hießen. Also sogar vor The Who. Es ging darum, mit der gewachsenen Er­­fahrung der vielen Jahre, die dazwischen liegen, diese Songs nun wirklich in ihrer emotionalen Tiefe und Bedeutung erfassen zu können.

Konntest du konkrete Vergleiche anstellen, gibt es noch eine alte High-Numbers-Aufnahme zum Beispiel vom Titelsong, Garnett Mims ›As Long As I Have You‹?
Nicht von diesem Stück, soweit ich weiß. Generell haben wir aus der Zeit nur noch sehr wenige Aufnahmen. Es gibt aber Versionen von Songs wie ›Dancing In The Streets‹ oder ›Heatwave‹, anhand derer man die Unterschiede deutlich erkennen kann. Meine Stimme klingt heute vollkommen anders, was allerdings nicht daran liegt, dass ich in einer anderen Tonart singen würde, wie immer wieder behauptet wird. ›Baba O’Riley‹ singe ich immer noch in der gleichen Tonart wie vor 40 Jahren. Meine Stimme klingt einfach nur älter und somit anders. Ich bin inzwischen ein alter Mann.

Abgesehen von GOING BACK HOME mit Wilko Johnson vor vier Jahren und dem letzten Who-Album ENDLESS WIRE ist AS LONG AS I HAVE YOU deine erste Studioaufnahme seit 1992. Nur mit dem Alter lassen sich diese Pausen nicht er­­klären. Warum arbeitest du so selten im Studio?
Ich brauche eine klare Richtung und gute Songs, und mit The Who arbeiten wir inzwischen nun mal überwiegend live. Aber interessant, dass du die Zusammenarbeit mit Wilko ansprichst: Ohne GOING BACK HOME würde es das neue Album nicht geben.

Kannst du das näher ausführen?
Die Idee, ein paar von den alten High-Numbers-Songs noch mal aufzunehmen, hatte ich bereits vor zehn Jahren. Damals habe ich Pete (Townshend) damit konfrontiert, aber er hatte kein Interesse, das mit The Who durchzuziehen. Mir gefiel die Idee aber immer noch, und als die Plattenfirma nach dem großen Erfolg von GOING BACK HOME fragte, ob ich ein weiteres Album machen wolle, sagte ich zu.

GOING BACK HOME wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen und in Großbritannien mit Gold ausgezeichnet, warum habt ihr nicht einfach ein weiteres Johnson-Daltrey-Album gemacht?
Das war eine einmalige Sache, die sich nicht wiederholen lässt. Wilko hatte damals Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium und er wollte einen Weg finden, sich zu verabschieden. Ich liebe den Kerl, also habe ich gesagt: „Lass uns ein Album machen, ich singe alles, was du willst.“ Ursprünglich ging es darum, ihm ein schönes letztes Lebensjahr zu bescheren. Wir haben dieses Album unter unvorstellbaren Umständen aufgenommen. Man wusste nie, ob Wilko am nächsten Tag überhaupt noch leben würde. Sein Krebs war so weit fortgeschritten, eine Behandlung schien sinnlos zu sein. Aber wir haben es geschafft, die Aufnahmen abzuschließen und dann war die Platte auch noch wahnsinnig erfolgreich.

Vier Jahre später ist Wilko Johnson immer noch am Leben.
So ist es, dieses Album hat ihm das Leben gerettet. Wie sich herausstellte, war er vom Tag der Diagnose an nie wieder beim Arzt gewesen. Er ging davon aus, dass es für ihn so oder so vorbei sei, also wollte er lieber die verbleibende Zeit nutzen, statt sich einer Chemotherapie zu unterziehen. Dann war das Album fertig, wir gaben ständig Interviews, und wie es der Zufall so wollte, gab es einen Arzt, der eins dieser Interviews hörte und Kontakt mit Wilko aufnahm. Dieser Arzt vertrat die Ansicht, dass Wilko ei­­gentlich gar nicht mehr am Leben sein dürfte. Also fragte er sich, ob eventuell eine falsche Diagnose vorliegen könnte – und er hatte Recht! Glücklicherweise hatte Wilko eine weniger ag­­gressive Krebsart als zunächst angenommen. Trotzdem war sein Tumor inzwischen auf drei Kilogramm angewachsen, also sagte der Arzt: „Du hast auf jeden Fall Krebs, und wenn der Tumor weiter so wächst, wirst du innerhalb der nächsten paar Wochen sterben.“ Er schlug ihm eine sehr risikoreiche Operation vor, Überlebenschance zehn bis 15 Prozent. Wilko hat sich darauf eingelassen, die Operation war erfolgreich und er ist heute immer noch hier. Insofern hat das Album ihm ganz klar das Leben gerettet, ich kenne den Kerl: Ohne diesen Arzt hätte er einfach weiter sein Morphium genommen und wäre irgendwann tot umgefallen.

Deshalb kann es auch keine Fortsetzung geben: Die besondere Energie und Dringlichkeit des Albums ist der dramatischen Schwere des Produktionsprozesses geschuldet.
So ist es. Du weißt ja, wie Plattenfirmen ticken, wenn man Erfolg mit et­­was hat. Sie wollten unbedingt ein weiteres Album in dieser Art. Aber wir sagten: „Das könnt ihr vergessen. Dieses Album ist aus einem bestimmten Grund entstanden und diesen Grund gibt es jetzt nicht mehr. Etwas Ähnliches mit jemandem zu machen, der nicht gerade an der Schwelle des Todes steht, wäre vollkommen unmöglich und auch falsch.“

Stattdessen also AS LONG AS I HAVE YOU. Welches Grundgefühl liegt den Aufnahmen zugrunde, Nostalgie?
Es geht um das genaue Gegenteil von Nostalgie. Natürlich ist das Album eine Reise durch mein Leben und meine musikalischen Vorlieben von damals bis heute, aber nostalgisch ist es nicht. Die Reihenfolge der Songs ist bewusst gewählt: Es beginnt mit den alten Sachen und endet mit ›Al­­ways Heading Home‹, einem Song, den ich Anfang der 90er-Jahre ge­­meinsam mit einem Freund ge­­schrieben habe.

Das Zuhause ist in diesem Fall eine Art ultimativer Sehnsuchtsort, wie definierst du Heimat?
Als ein großes Universum. Das ist ein spiritueller Song darüber, was uns als Spezies ausmacht und wie die Kräfte des Universums auf uns wirken.

›Always Heading Home‹ ist einer von nur zwei Songs, die du für dieses Album selbst geschrieben hast. Der andere ist ›Certified Rose‹.
Auch dieser Song stammt aus einer älteren Session. Ich habe damals mit einem Freund ein paar Sachen geschrieben, die man eventuell für The Who hätte verwenden können, aber dazu ist es nie ge­­kommen. Vor einigen Monaten bin ich dann nachts aufgewacht und hatte eine Idee für ›Certified Rose‹. Daraus wurde die Version, die jetzt auf dem Album ist. Es ist eigentlich eher ein Gedicht als ein Song, und zwar für meine Tochter. Es geht darum, was für eine wundervolle Erfahrung es ist, sie aufwachsen zu se­­hen. Jeder Tag ist eine Überraschung und ein Geschenk.

Das Album vereint Songs aus einer ziemlich großen Zeitspanne und von so unterschiedlichen Künstlern wie Stevie Wonder, Parliament und Stephen Stills. Nach welchen Kriterien hast du das Material ausgesucht?
Vor allem war mir wichtig, dass ich diese Songs gut singen kann, sie mussten mir stimmlich liegen. Und natürlich sind es alles auf unterschiedliche Weise wichtige Lieder für mich. Bei einigen von ihnen habe ich sogar den Text verändert, damit sie besser zu mir passen.

Am meisten überrascht hat mich allerdings deine Version von Nick Caves ›Into My Arms‹.
Ich liebe diesen Song und ich liebe Nick Cave, den wollte ich immer schon mal machen.

In deiner Bearbeitung bekommt der Song eine ganz andere Farbe. Bei Cave ist er ein düsterer Gospel, bei dir wirkt er hoffnungsvoller.
Ich finde, Nick hat den Song damals nicht besonders gut gesungen, da wäre vermutlich mehr drin gewesen. Trotzdem ist er einer der besten Songschreiber überhaupt da draußen.

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