Hat Jethro Tulls unverschämter Ian Anderson für die Single und das Album wirklich ein Heldengedicht eines achtjährigen Schülers adaptiert und daraus „die Mutter aller Konzeptalben“ gemacht?

Ian Anderson.(Jethro Tull)Das Jahr 1971 war ungemein bedeutsam für den Prog Rock. Zu den herausragenden Alben dieses Jahres zählen TARKUS von ELP, MEDDLE von Pink Floyd, IN SEARCH OF SPACE von Hawkwind, NURSERY CRYME von Genesis und nicht zuletzt THE YES ALBUM von Yes. Der dreiminütige Popsong gehört der Vergangenheit an. An seine Stelle treten verworrene Epen über Themen wie griechische Nymphen, Nebenmonde oder seltsame russische Stauden. Musik wird zur Herausforderung. Die Rockmusik nimmt sich plötzlich verdammt ernst. Dabei klingt ein Großteil davon unglaublich originell. Die Front zwischen alt und neu, zwischen den verzwickten Experimenten und dem geradlinigen Rock’n’Pop ist gesetzt.

Hier kommen nun Jethro Tull ins Spiel. Seit 1967 hat sich die Band schrittweise von einer klassischen weißen Bluesband zu etwas weitaus Seltsameren entwickelt. Ihr viertes Album AQUA-LUNG, das im März 1971 veröffentlicht wird, ist eine ansteckende Mischung aus Folk, Jazz und Rock. Bandchef Ian Anderson singt über Religion, die Konsumgesellschaft und Weltarmut. Das Album verkauft sich in großen Mengen, festigt ihren Ruf in ihrer Heimat Großbritannien und macht sie zu großen Stars in Amerika. Doch die Kritiker fangen plötzlich an, Jethro Tull mit ins Prog-Paket zu stopfen, was Ian Anderson nicht wirklich gefällt.

„Der Prog bekam langsam eine etwas lächerliche und leicht kritische Note aufgedrückt“, sagt er heute. „Bands wie Emerson, Lake & Palmer, Yes und Genesis wurden als bombastisch und übertrieben beschrieben, als Ärgernis und Angeber angesehen. Und in gewisser Weise stimmte ich mit dieser Einschätzung durchaus überein.“

Anderson reagiert darauf, indem er seine Verachtung gegenüber Kritikern und unheilvollen Musikfanatikern in Tulls nächstes Album einfließen lässt: THICK AS A BRICK. Was als einfache Songidee beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem komplexen 45-minütigen Traktat mit schwindelerregenden Cembalos, Streichern, Or-geln, Trompeten, akustischen Gitarren und mit dem Markenzeichen Andersons, der Flöte, ne-ben zahllosen weiteren Instrumenten. Die ganze Chose wird in einer zwölfseitigen Satirezeitschrift namens „The St. Cleve Chronicle & Linwell Advertiser“ veröffentlicht, in der behauptet wird, Anderson habe alle Texte der Platte aus einem Gedicht eines achtjährigen Wunderkindes namens Gerald Bostock geklaut. Mehr Prog geht nicht mehr.

„Als ich THICK AS A BRICK schrieb, wollte ich sehr humoristisch und satirisch an die Sache he-rangehen“, erklärt Anderson. „Diese Idee kam urplötzlich. Die Platte entstand in einer schnellen und wilden Zeit. Jeden Tag kam ich zur Mittagszeit in den Proberaum und präsentierte, was ich am jeweiligen Morgen geschrieben hatte. Danach beschäftigten sich die anderen gewissenhaft damit, und wir wiederholten das, was wir die Tage zuvor gemacht hatten. Nach zehn Tagen Probe saßen alle Elemente von THICK AS A BRICK. Danach machten wir uns an die Aufnahmen, die ein paar Tage später abgeschlossen waren. Wir haben länger für das Cover gebraucht als für die Musik selbst.“

Ist ›Thick As A Brick‹ nun ein Song oder ein Album? Und soll es mehr sein als eine reine Prog-Verarschung?
„Die meisten Teile habe ich unterwegs geschrieben, was die Musik sehr natürlich werden ließ. Ich hatte eine fast schon Monty Python-ähnliche Idee in meinem Kopf: „Die Mutter aller Konzeptalben“, wie ich es schließlich genannt habe. Es präsentierte den derart grotesken Gedanken, dass ein achtjähriger Junge diese Geschichte für einen Wettbewerb geschrieben haben soll. Natürlich kann man seine Zweifel da erst einmal ignorieren und die Sache glauben. Doch es gab einige Länder, die den Witz einfach nicht verstanden haben. Sie dachten, die Geschichte wäre wahr. Dass dieser altkluge Schuljunge all das wirklich geschrieben und ich es dann für das Album verwendet habe. Man musste die Fiktion anfangs natürlich ein wenig unterstützen, denn das war schließlich unser Ausgangspunkt: die Absurdität frühreifer Jugend und ihre komplexen Ideen. Dass THICK AS A BRICK womöglich ein Album darüber ist, was aus dieser Jugend wird und wie diese Ideen eines vorpubertierenden Kindes zerstört werden. Im Grunde zeigt es zu-künftige Dinge, die geschehen könnten.“

Also gibt es letztendlich doch eine ernsthafte Seite hinter all dem?
„Viele Elemente der Texte sind durchaus ernst gemeint“, schildert Anderson. „Dort beziehe ich mich auf meine eigene Kindheit und meine eigenen ersten Ideen über die Welt und ihre Zusammenhänge. Gleichzeitig habe ich mich sehr auf die Welt des achtjährigen Gerald Bostock bezogen. Das war Teil dieser Absurdität.“

›Thick As A Brick‹ wird im April 1972 veröffentlicht, einen Monat nach Veröffentlichung des Albums. Doch es ist nicht einfach, einen Bestandteil dieses dreiviertelstündigen Meisterwerkes einzeln zu präsentieren. Es überrascht nicht, dass der Song auf beiden Seiten des Atlantik keine Chartplatzierung erreicht. Das Album schafft es immerhin auf Platz fünf in Großbritannien, während es in den USA zwei Wochen lang an der Spitze der Charts steht. Bis heute ist es Jethro Tulls zweiterfolgreichstes Album in Amerika. Kritiker und Fans lieben es, doch Anderson hat dennoch mit allen Eventualitäten gerechnet. Im „St. Cleve Chronicle“ ist ein dreist gefälschter Review des Albums enthalten, in dem es heißt, dass das Album durch „schreckliche Taktwechsel und banale Instrumentierung“ charakterisiert sei. Wollte er damit seinen Kritikern gleich den Wind aus den Segeln nehmen?

„Ich habe kein Problem damit, solche Dinge über meine eigene Arbeit zu sagen,“ gesteht Anderson. „Aber ich finde es nicht so gut, wenn das jemand anderes versucht, weil ich es sofort merke. Es gibt genug Gründe, um zu sagen, das Album wäre extrem, pingelig, pompös, bombastisch und arrogant. All das kann man über Prog Rock sagen, und all das trifft auch auf THICK AS A BRICK zu – doch diese Dinge sind absichtlich dort platziert worden. Wer den Witz nicht versteht, soll sich verpissen! Fangt nicht an, mir et-was zu erklären, das ich ohnehin schon weiß, denn ich habe es absichtlich dazu gemacht. Das ist der springende Punkt!