Wäre es nach ihrem Produzenten gegangen, hätten die Doors ihre letzte Single vor Jim Morrisons Tod gar nicht aufgenommen. Gitarrist Robby Krieger, der den Song geschrieben hat, erklärt warum.

Doors_Portrait Ganz ehrlich? Ich habe mich gelangweilt.“ Gitarrist Robby Krieger erinnert sich in seinem Haus im Benedict Canyon, Los Angeles, an das Schreiben seines Songs ›Love Her Madly‹, dem zweiten Track auf dem finalen Doors-Album L.A. WOMAN. Es ist September 1970, und die Doors befinden sich in einer prekären Lage. Morrison droht eine Haftstrafe wegen Anstiftung zum Aufruhr und Erregung öffentlichen Ärgernisses im Dinner Key Auditorium in Miami im vergangenen März – und das hat Auswirkungen auf die Band: Konzertveranstalter weigern sich, die Doors zu bu-chen, weshalb Auftritte Mangelware und ausgiebige Tourneen unmöglich sind.

Nach ihrem Gastspiel auf dem Isle Of Wight- Festival am 29. August sind sie nun zurück in Los Angeles. Während Morrison die Berufung gegen sein Urteil zu sechs Monaten Haft und zu einer Geldstrafe von 50.000 US-Dollar vorbereitet, ist der Rest der Band „auf sich allein gestellt“, erinnert sich Krieger. „Aber mir war auch klar, dass wir zurück ins Studio müssen, also ging ich los und kaufte mir eine 12-saitige Gibson 335. Ich schrammelte auf meiner neuen Errungenschaft herum und stolperte über ein nettes Riff und einige Shuff-le-Akkorde. So begann ›Love Her Madly‹ erste Zü- ge anzunehmen.“

Das Texten bereitete Krieger keine übermäßige Schwierigkeit. Immerhin hatte er für die Doors „25 Prozent der Texte und und mindestens 75 Prozent der Musik“ beigesteuert. So war ihr Nummer-eins-Hit ›Light My Fire‹ (versehen mit einem kleinen „funeral pyre“-Einwurf von Jim) sein Song. Außerdem schrieb er ›You’re Lost Little Girl‹ und ›Love Me Two Times‹ für das STRANGE DAYS-Album, ›Wintertime Love‹, ›Yes‹ und ›The River Knows‹ für WAITING FOR THE SUN und alle vier Singles vom 1969er Album THE SOFT PARADE. Diese waren ›Touch Me‹, der von Morrison ungeliebte Top-drei-Hit in den USA, ›Wishful Sinful‹, ›Tell All The People‹ (ein weiterer Würgereiz-Song für Morrison) und ›Runnin’ Blue‹.

„Trotz Miami befanden sich die Doors auf keinem absteigenden Ast“, beurteilt Krieger die Situation seiner Band Ende 1970. „MORRISON HO-TEL und ABSOLUTELY LIVE verkauften sich gut. Das Üble an Jim war nur, dass er, selbst wenn alles gut lief, einen Weg fand, es zu versauen. Das war sein Job.“ Es ist Mitte Oktober, und Robby hat ›Love Her Madly‹ in ansehnliche Form gebracht. „Für gewöhnlich handeln meine Lieder von den vier Elementen: Feuer, Luft, Wasser, Erde. Dieses war untypisch für mich. Textlich hielt ich mich an der Idee von diesem Typen fest, der von seiner Freundin besessen ist. Sie aber lässt ihn ständig sitzen und hält ihn hin. Dieser Kerl war ich. Ich schrieb ›Love Her Madly‹ über meine heutige Frau Lynn.“

Lynn Veres Krieger, das Objekt der Begierde, war Go-Go-Tänzerin in New Jersey. Die Doors trafen sie 1967 in der „Ondine“-Diskothek – ei-nem Club, der häufig von Velvet Underground und Andy Warhols Factory-Leuten besucht wur-de. Zunächst wurde Morrison auf sie aufmerksam, als ihre falschen Brüste aus ihrem BH flutschten. Die beiden hatten eine kurze Affäre, bevor sie sich doch zu Krieger hingezogen fühlte. Robby und sie sollten 1972 heiraten.
Krieger zeichnete ›Love Her Madly‹ nicht auf, da er kein Aufnahmegerät besaß. „Ich kam in un-seren Bandraum am La Cienega Boulevard und sang den anderen den Song vor. Zu diesem Zeitpunkt war es noch eine bluesige, fast folk-rockige Nummer à la Arthur Lee. Ray Manzarek setzte diese großartigen Keyboards im Stil eines Cembalos darauf, und John Densmore fügte eine Mi-litär-Trommel und einen Shuffle hinzu. So be-kam das Lied ein gewisses Latin-Feeling.

Es war ein Easy-Listening-Song, aber Jim liebte das. Er mochte diesen gehauchten Gesang. Wenn er wollte, konnte er singen wie Frank Sinatra, den er sehr oft hörte. Jim machte es ein wenig anders und sogar besser. Seine Lieblingszeile war „All your love is gone, so sing a lonely song/ Of a deep blue dream, seven horses seem, to be on the mark“. Jim riet mir immer: „Du musst etwas einbauen, das den Hörer verwirrt.“ Es bedeutete nicht allzu viel – die sieben Pferde sind wie ein glückliches Omen zu verstehen. Aus seiner Zeit in Florida stammte Jims Leidenschaft für Pferderennen. Der Teil mit den Worten ‚seem to be on the mark‘ passte einfach in den militärischen Rhythmus.“

Einer, der ›Love Her Madly‹ nicht gerade schätzte, war der langjährige Doors-Produzent Paul A. Rothchild. „Während der frühen L.A. WOMAN-Sessions hörte Paul ›Riders On The Storm‹ und ›Love Her Madly‹ und ließ die Bombe platzen: ‚Ich werde das nicht produzieren! Das ist Cocktail-Musik!‘“, verrät Kriegr. „Er hatte gerade die Produktion von Janis Joplins PEARL abgeschlossen, und kurz darauf war sie gestorben. Einige Tage später sah er Jim in schlechter Verfassung und dachte: ‚Es spielt sich wieder genauso ab.‘ In seinen Augen ging es mit uns bergab, und er wollte nicht mit in den Abgrund gerissen werden. Aber Jim war zu dieser Zeit sehr fit. Seine wahren Gründe kenne ich also nicht.“

Krieger übernahm darauf die Produktion zu-sammen mit Ton-Ingenieur Bruce Botnick, und so waren die Arbeiten an ›Love Her Madly‹ Anfang Dezember abgeschlossen. Bei den Aufnahmen spielte kein Geringerer als Jerry Scheff den Bass ein. „Jerry war ein lebendiger Typ. Wir haben ihn geholt, weil er schon mit Elvis getourt hatte – er war einfach heiß. Ich schlug seinen galoppierenden Bass vor, weil ich ihn bei Elvis spielen gesehen hatte, und ich wollte exakt dieses Feeling.“

Als die Doors im Frühjahr 1971 das fertige L.A. WOMAN-Album bei Elektra Records ablieferten, teilte ihnen Boss Jac Holzman mit, dass ›Love Her Madly‹ die erste Single werden sollte. „Ich war nicht allzu glücklich darüber, weil ich den Song für zu kommerziell hielt“, so Robby. „Ich wollte ›Riders On The Storm‹, der hatte mehr Tiefgang. Aber Holzman sagte: ‚Nein. Das FM-Radio wird gerade immer größer, und dort wird er sagenhaft klingen.‘ Und er hatte Recht. Im Februar hörte ich ›Love Her Madly‹ zum ersten Mal übers Radio, als ich gerade durch L.A. fuhr. Es hatte die perfekten Frequenzen für Autoradios – es sprang nur so aus den Lautsprechern, und Scheffs Bass ließ es so richtig dröhnen. Ich erzählte Jerry diese Geschichte einige Jahre später, und er sagte: ‚Oh ja, ich weiß. Wo ist das Geld?‘“

In der Woche der Veröffentlichung von ›Love Her Madly‹, im März 1971, verließ Jim Morrison die Doors, um nach Paris zu ziehen. Außerhalb des Studios hat er ›Love Her Madly‹ nur zweimal gesungen: einmal in der „Dallas State Music Hall“ im zweiten Set der Doors (während des ersten Sets war er zu betrunken, um alle Lieder zu singen) und zuletzt im „New Orleans Warehouse“ am 12. Dezember 1970. Dies waren die letzten Live-Auftritte der Band als vollständige Gruppe.

Während Jim keine vier Monate mehr zu leben hatte, kann Krieger, der den letzten Hit in der Geschichte der Doors geschrieben hat, auf den triumphalen Schwanengesang des getriebenen Sängers zurückblicken.

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