Jahrelang war der Kanadier das enfant terrible der Popmusik. Doch nach Ausflügen in Oper, Theater und Film ist der 38-Jährige soweit geläutert, dass er mit OUT OF THE GAME nicht nur das kommerziellste Album seiner Karriere vorlegt, sondern auch sein Privatleben neu sortiert. CLASSIC ROCK traf den Mann, der Leonard Cohen zum Großvater machte, in London.

Rufus Wainwright (2)Rufus, fünf Jahre Klangkunst – warum jetzt wieder so etwas Triviales wie Popmusik?
Ich denke, es gibt nur wenige Künstler, die sich so weit vom Pop entfernt haben wie ich. Also die sich mit Opern und Judy Garland auseinandergesetzt haben – auch, wenn das technisch gesehen die Popmusik der Vergangenheit ist. Und jetzt, nachdem ich all das probiert und mich gleichsam ausgetobt habe, ist es sehr aufregend, sich wieder mit Pop zu beschäftigen. Zumal ich mich da ja auch zu Hause fühle. Und ich einfach eine Pause von diesem ganzen Formalismus brauche. Ich meine, es war toll sich in der klassischen Welt zu bewegen. Und ich habe durchaus vor, da noch einmal zurückzukehren und eine zweite Oper zu schreiben bzw. noch ein paar andere Projekte anzugehen. Nur: Während ich mich dort aufgehalten habe, also in diesem Paralleluniversum, erkannte ich auch die Wichtigkeit des Pop. Deshalb bin ich zurück. (lacht)

Wobei OUT OF THE GAME vom Sound her an die legendäre 70s Künstlerkommune im Laurel Canyon in Los Angeles erinnert – an die Eagles, Fleetwood Mac, Joni Mitchell, Crosby Stills Nash & Young. Mit einer düsteren Seite aus Alkohol, Drogen und Tod.
Stimmt. Und das habe ich mit eigenen Augen erlebt. Zum einen, weil ich da eine Zeit lang selbst aktiv war, und weil ich die Kinder dieser Musiker kenne. Wie Chris Stills, dessen Vater Stephen Stills ist. Oder die Töchter von Carole King. Nicht, dass Carole Missbrauch betrieben hätte, aber ihre Freunde haben das definitiv. Einfach, weil das normal war. Und warum die 70er? Weil das für mich eine der spannendsten Zeiten war, was die gegenseitige Befruchtung innerhalb der Musik betrifft. Egal, ob Black Music, Disco, Folk Rock oder Motown: Es wurde alles vermischt – und im Radio gespielt. Von daher ist es die egalitärste und übergreifendste Phase in der Musik und vielleicht auch der Gesellschaft, die Amerika je erlebt hat – im Gegensatz zu dem, was vorher stattgefunden hat und was jetzt wieder der Fall ist. Eben dass alles so segmentiert ist – nach Rap, Pop oder Country. Das wurde in den 70ern alles gemixt. Was die Frage aufwirft: Warum ist das heute nicht mehr möglich? Warum haben wir so einen gewaltigen Schritt zurück gemacht?

Und inwiefern hat das Album etwas Therapeutisches, wie du es formulierst?
Nun, es ist therapeutisch, aber auch zum verrückt werden. (lacht) Denn es enthält jede Menge Referenzen an meine verlorene Jugend. Die Irrungen und Wirrungen meiner Jugend. Aber auch, was es heißt, Kinder zu haben. Denn das sind große Themen. Und ich versuche, darin et-was Gutes zu erkennen.

Selbst im Tod deiner Mutter, Kate McGarrigle, die Anfang 2010 an Krebs starb?

Ja, ich erwähne sie vor allem in ›Montauk‹, aber auch in ›Candles‹, dem letzten Song des Albums. Aus dem einfachen Grund, weil sie so viel Einfluss auf mein kreatives Schaffen hatte und immer noch hat. Weshalb Martha und ich uns jetzt noch einmal mit ihrem Material befassen und eine Menge Tribut-Shows spielen. Bislang haben wir eine in London und eine in New York gegeben. Und die in New York haben wir dokumentiert. Sie wird bald als Film veröffentlicht – mit großartigen Künstlern wie Antony & The Johnsons oder Norah Jones. Von daher ist meine Mutter geradezu allgegenwärtig, auch wenn sie nicht mehr unter uns weilt.

Und was hat dich veranlasst, Vater zu werden? Schließlich hast du aus deinen sexuellen Präferenzen ja noch nie ein Geheimnis gemacht…
Nun, ich hatte das eigentlich nie vor. (kichert) Was wahrscheinlich genau der Grund sein dürfte, warum es passiert ist. Denn meine Mutter war sehr krank, und eine gute Freundin von mir wollte unbedingt ein Kind. Also habe ich meine Mutter gefragt, was sie davon hält. Und sie meinte nur: „Rufus, du musst das tun.“ Also habe ich mitgespielt. Und im Nachhinein war es die richtige Entscheidung. Wobei ich vermute, dass meine Mutter vor allem besorgt um mein eigenes Wohlergehen war. Denn als die Mutter meines Vaters starb, wäre auch er um ein Haar gestorben. Er war extrem deprimiert und musste sich in ärztliche Behandlung begeben. Und als die Mutter meines Großvaters starb, war es tatsächlich so, dass er ihr nur ein Jahr später gefolgt ist – weil er den Verlust nicht verkraften konnte. Von daher ist da diese heftige Mutter-Sohn-Beziehung in meiner Familie. Und ich denke, sie hat sich ernsthafte Sorgen gemacht, was mit mir passieren könnte. Ein Kind zu bekommen, hat mir da definitiv geholfen.

Versuchst du hier etwa, eine neue Dynastie zweier kanadischer Musikerfamilien zu starten – der Cohens und der Wainwrights?
Kanadisch? Ich würde sogar sagen: der Welt! (lacht) Das war ein Scherz… Obwohl: Das ist eine Sache mit Tradition. Eben, dass sich zwei Familien, die im selben Geschäft sind und gut miteinander klarkommen, dazu entscheiden, ihre Kräfte zu bündeln. Und man darf nie vergessen: Meine Eltern waren zwar bekannt, aber nie superreich. Sie hatten schwere Phasen in ihren Karrieren. Was auch für Leonard gilt, der einen ganz tiefen Fall erlebt hat. Von daher müssen wir als Musiker zusammenhalten.

Wie hat Leonard reagiert, als er erfahren hat, dass du ihn zum Großvater machst?
Ich denke, er war sehr glücklich. Denn er verbringt viel Zeit mit Viva. Und sie leben ja alle in LA. Von daher ist er einfach happy. Und da er sich gut um sich kümmert, wird er das wohl auch noch einige Zeit bleiben, da bin ich mir sicher.

Zum Schluss noch eine Frage zu „Lulu“. Ein Stoff, dem du dich bereits ein Jahr vor Lou Reed und Metallica gewidmet hast, und zwar auf ganz andere Weise. Was hältst du von ihrer Version?
Na ja, Lou hat neulich seinen 70. Geburtstag gefeiert. Und es ist irre, wie er sich inszeniert. Ich meine, ich glaube ihm kein Wort – und bin mir nicht sicher, ob er das wirklich ernst meint, was er da von sich gibt. Oder ob er nur sehen will, wie weit er damit kommt. Nur: Er macht es trotzdem und umgibt sich immer wieder mit spannenden Leuten. Die andere Sache ist, dass er sich einen Sinn fürs Experimentieren und für die Kunst bewahrt hat. Er findet es immer noch aufregend, neue Gebiete zu entdecken. Und für junge Künstler ist es sehr ermutigend zu sehen, dass ihm das Spaß macht. Denn seien wir ehrlich: Ich habe genug 45-Jährige getroffen, die müde und ausgebrannt sind und kein Interesse mehr an irgendetwas haben. Da ist Lou anders – und das ist gut so. Ich meine, ich bin kein Heavy Metal-Fan, aber ist das überhaupt Heavy Metal, was die da gemacht haben? Ich bin mir nicht sicher. Und selbst, wenn ich keinen Bezug dazu habe – für ihn ist es definitiv gut gelaufen. Er hat eine Menge Presse bekommen.

Man darf ihn nur nicht interviewen…
Richtig. Dafür ist er berühmt. Aber hey, versucht mal, eine Weihnachtsshow mit ihm zu spielen.

Wie bitte?
Ein Riesenspaß! Er hat Weihnachten regelrecht massakriert. (lacht) Auch wenn er sich zum Ende zusammengerissen hat. Er ist erst zehn Minuten vor Schluss vom Geist der Weihnacht erfüllt worden.