ScorpionChild2013b @ Weston McGowenSie kamen aus dem Nichts und sorgten schon mit ihrem ersten Song ›Polygon Of Eyes‹ für reihenweise fallende Kinnladen. Doch wer sind diese dezent psychedelischen Vollblutrocker aus der Gluthitze Austins? Was hat sie dazu gebracht, mit SCORPION CHILD ein Album vorzulegen, dessen unzähmbare Energie die Siebziger nicht nur kopiert, sondern überzeugend weiterführt? Aryn Jonathan Black, Eigentümer der Wahnsinnsstimme, versucht sich an Antworten.

Hand aufs staubige Herz: Wie erreicht man als Band ein derart bedenklich hohes Energielevel?

Verdammt, ich weiß, was du meinst! Was wir machen, ist der humanitäre Versuch, die wohlschmeckenden Riffs der Vergangenheit zu bewahren, wir freuen uns aber dar- über, sie der Brutalität der Moderne auszusetzen.

Apropos aussetzen: Ihr kommt aus Austin/Texas, einem Ort, an dem man doch praktisch immer der gnadenlos brutzelnden Sonne ausgesetzt ist. Mögt ihr es heiß und trocken?

Mein sexuell bedingter Kniescheibenreflex sagt mir zwar, dass ich mich eher an heiße und feuchte Gegenden halten soll, hier in West Texas ist es aber tatsächlich oft heiß und trocken. Schade eigentlich…

Wie viel von dieser alles schmelzenden Sonne, dem knochentrockenen Boden und den heißen Winden steckt in Scorpion Child?

Was mich persönlich angeht: Ich liebe es, in der Sonne zu liegen. Wenn es mir zu heiß wird, lasse ich mich einfach in einen See gleiten. Was die Band angeht, kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die Wüste über alles erhaben ist! Die Gegend hier ist voller atemberaubender Orte und extrem inspirierend.

Und Skorpione? Bei euch kreucht und fleucht doch bestimmt einiges.

Oh ja, tonnenweise Kram. Heute Nacht saß ein Gecko vor meiner Tür. Wir schwimmen im äußerst lebendigen Gebiet des Texas Hill Country je mehr Krabbelviecher, desto mehr köstliche Marmelade. Einen Skorpion habe ich hier bisher noch nicht gesehen, dafür aber riesige Tausendfüßler, die dich umbringen können, und 35 verschiedene Arten von Klapperschlangen. Die Tarantel ist nichts dagegen, kann ich dir sagen.

Dann hat euer Bandname also eher doch mit einer Erleuchtung zu tun, die euch nach einer LSD-angetriebenen Nacht in der Wüste gekommen ist?

Nein. In Wahrheit wurden wir in einem schwitzenden Peyote-Ritual gezeugt.

Ist der Scorpion King eigentlich mit dem Lizard King verwandt?

Bei der Antwort auf diese Frage sollte mir am besten Robert Fripp von King Crimson helfen…

Und wie sieht es mit der Frage aus, wie ihr es schafft, den Atem der Vergangenheit mit dem Geist der Gegenwart zu verbinden?

Ich glaube, die bekomme ich allein hin. Die Jahrzehnte, die zwischen dem Damals und heute liegen, gaben uns die nötige Zeit, um all diese Musik zu verdauen und wiederzukäuen. Das würde ich dafür verantwortlich machen.

Und klassischer Rock stand euch eure ganze musikalische Sozialisierung über nah?

Ja, immer. Selbst, als ich Punk war.

In den Sechzigern und Siebzigern lebte die Rock- Musik von dem Geheimnis, dem Kult, der außergewöhnlichen Aura, die die Bands umgab. Ist das verloren gegangen?

Nach Ansicht einiger Leute ist das Internet für das Verschwinden der Mystik verantwortlich. Und in gewisser Weise tragen die sozialen Netzwerke tatsächlich dazu bei, dass wir immer schneller übersättigt sind. Überall gibt es Musik, Konzerteinladungen und ein generelles Überangebot an allem, was mit Musik zu tun hat. Das kann für eine Band ganz schön entmutigend sein. Natürlich hält uns das nicht davon ab, Musik zu machen, doch manchmal fällt es auch uns schwer, alles nur noch dahineilen zu sehen. Wer sich heute noch die Mystik einer echten Rock- band bewahren will, schafft das nur, wenn er wenige Interviews gibt und noch weniger im Netz von sich preisgibt. Uncle Acid And The Deadbeats oder The Knife schaffen das. Und ich verstehe sie, wenn sie wollen, dass niemand etwas von ihrer Band weiß. Ist ja bei uns nicht anders: Die meisten kennen uns nicht, wir veröffentlichen gerade erst unser Debüt auf Nuclear Blast, was uns wahnsinnig vor Freude macht. Noch umgibt uns dieser Halo des Geheimnisses, doch er wird wohl auch bei uns alsbald verschwinden. Vielleicht wäre es also eine gute Idee, wenn Bands und Labels gemeinsam die Internetpräsenz regeln. Weniger ist mehr, soviel steht fest.

Ist Rock mehr als Musik?

Natürlich. Es umfasst so viel mehr. Hardcore ist ein Lebensstil. Hip-Hop ist ein Lebensstil. Rock‘n‘Roll ist ein Lebensstil, hat wieder eine ganz eigene Familie. Vielleicht verleitet diese Musik manchmal zum Exzess, doch Rock gibt es eben nur mit Ecken und Kanten.

Schlüpft ihr in der Band in andere Rollen oder bleibt ihr ihr selbst?

Ich werde immer ich sein, aus künstlerischer Sicht gibt es aber durchaus eine feminine und dämonische Seite an mir. Die Musik erlaubt es mir, zum Tier zu werden und das Leben mit anderen Augen zu sehen. Das kommt mir oft wie eine außerkörperliche Erfahrung vor.

Wann funktionieren Scorpion King am besten?

Interessant, dass du das gerade jetzt fragst. Wir haben alle gerade erst einen guten Freund verloren und ausgerechnet heute eine überaus erfolgreiche Songwriting-Session hinter uns. Was für eine Welt!

Alles, was ihr tut, scheint darauf hinzudeuten, dass Scorpion Child alles für euch ist…

Die Band ist mein Leben. Ich finde es äußerst interessant, diese Vision zu haben, Alben aufzunehmen, die es mit den Klassikern aufnehmen können. Danach werden wir immer streben.

Ein Debütalbum vereinigt ja meist sehr viele über die Jahre angesammelte Ideen und Gedanken. Gibt es dennoch einen roten Faden auf SCORPION CHILD?

Was wir hier verarbeiten, kann im Leben mancher Menschen in 24 Stunden geschehen und bei anderen ein ganzes Leben in Anspruch nehmen. Es fasst Erlebnisse der letzten Jahre in aller Kürze zusammen und breitet einzelne Tage auf die Größe mehrerer Jahre aus. Das Cover des Albums zeigt ja eine Winterlandschaft innerhalb einer Wüste, und in Verbindung mit dem geheimen Untertitel I SAW THE END AS IT PASSED RIGHT THROUGH ME erklärt es die Unterschiede in der Wahrnehmung eines jeden Einzelnen. Stelle immer Fragen. Suche immer Antworten und sei gefasst auf die Probleme und Sorgen des Lebens.

Dieses Suchen spiegelt sich in der Tat in vielen Stücken wieder. Was wollt ihr in den Texten einfangen?

Ich liebe es, mich in etwas aus einer anderen Welt oder in eine andere Lebensform zu verwandeln und die Welt durch diese Gestalt wahrzunehmen. Dieses Tier, diese Kreatur ist ein Transportmittel, mit dem ich neue Dinge erfahren und die Welt anders wahrnehmen kann. Was ich auf diesen Reisen gefunden habe, findet sich in meinen Texten. Keine Droge kommt an die eigene Vorstellungskraft heran. Sie können sie höchstens verstärken. (lacht) Aber dazu muss man sich ja nur anschauen, wie Bowie seine Platten gemacht hat.