ScorpionsWollten die nicht in Rente gehen? Nach gut 40 Berufsjahren als eine der weltweit führenden Hardrockkapellen hatten die Scorpions sich vorgenommen, die Karriere mit der „Sting In The Tail“-Tour allmählich ausklingen zu lassen. Von wegen. Denn erstens läuft besagte Tournee jetzt schon seit drei Jahren, und ein Ende ist nicht in Sicht. Und dann haben die Hannoveraner auch noch das Angebot von MTV reinbekommen, ein Unplugged-Album aufzunehmen. Das taten sie dann im September, in einem Athener Amphitheater. Zum Interview treffen wir Klaus Meine (65), Rudolf Schenker (65) und Matthias Jabs (58) in Hamburg. Nach und nach und noch sichtlich etwas angeschlagen, trudeln die Jungs ein.

Text: Steffen Rüth

Interview

Die Herren, man hört, ihr habt gestern noch einen draufgemacht. Ihr tourt seit Jahrzehnten durch die Weltgeschichte, sind gemeinsame Kneipenabende trotzdem etwas Besonderes?
Klaus Meine: Ja, dass wir so richtig zusammen weggehen, kommt leider selten vor, denn bei unserem Programm ist das kaum zu bewältigen, dass wir uns die Nächte um die Ohren schlagen. Die Zeit haben wir wirklich nicht, denn wir sind soviel unterwegs und meist müssen wir frühmorgens am Start sein. Insbesondere die Vorbereitung der MTV Unplugged Show war wirklich sehr arbeitsintensiv.

Rudolf Schenker: Ich finde es wichtig und gut, hier und da mal einen zusammen trinken zu gehen.

Meine: Rudolf spielt Gitarre. Als Sänger musst du ein bisschen auf dein Instrument achtgeben. Bei Rudolf geht das immer übergangslos von der Kneipentour in die Kneippkur.

Schenker: Genau. Und ab und zu auch Ayurveda. Jeder hat ja seine Aufgabe. Und meine ist eben manchmal: einen draufmachen. Wenn die richtigen Leute zusammen kommen, dann drehe ich gerne mit denen eine Runde.

Klaus, bedauerst du manchmal, dass du dich beim Feiern zurückhalten musst?
Meine: Bei der ganzen Sympathie-und Empathiewelle, die einem Sänger auf der Bühne entgegenschwappt, da kann man das nie im Leben bedauern, dass man der Sänger in einer Band ist. Wenn du hundert Konzerte im Jahr gibst, dann hast du nur Spaß daran, wenn du jeden Abend auch eine hundertprozentig starke Leistung abrufen kannst. Ich merke es sehr, wenn ich die ganze Nacht auf der Piste war. Sehr viel mehr als die Kollegen, die einfach neue Saiten aufziehen und weiterspielen.

Schenker: Wenn wir es übertreiben, dann merken wir es auch (lacht).

DieGriechen können ja auch gut feiern. Wie habt ihr die Tage dort in Athen erlebt?
Matthias Jabs: Wir waren eine ganze Woche in Athen, und das Hotel hatte draußen eine Bar mit Riesenterasse mit Blick auf die Akropolis und über ganz Athen hinweg. Bei Temperaturen um die 25 Grad noch nach Mitternacht. Da waren wir immer gern, die Atmosphäre war toll. Die Griechen haben echt Glück gehabt mit ihrem wunderschönen Land.

Nach welchen Gesichtspunkten habt ihr die Songs für das Unplugged-Album ausgesucht?
Jabs: Das eine war, Songs aus den 70ern, 80ern, 90ern rauszusuchen, darunter auch Titel, die wir nie live gespielt haben. Die Klassiker durften natürlich nicht fehlen, da hat schon die Plattenfirma für gesorgt. Und es gibt noch fünf neue Songs.

Meine: Wir haben darauf geachtet, dass wir nicht nur Balladen, sondern auch viele Uptempo-Songs in diesem Set haben. Die richtige Dynamik während dieser zweieinhalb Stunden ist tierisch wichtig.

Eigentlich ist „MTV Unplugged In Athens“ schon euer zweites Unplugged-Album. Das erste, nämlich ACOUSTICA, habt ihr vor zwölf Jahren in Lissabon aufgenommen.
Jabs: Das war aber ohne MTV. Und drinnen. Jetzt, in dem Amphitheater vor immerhin 3500 Leuten, das war doch schon nochmal eine andere Hausnummer.

Hattet ihr euch das altehrwürdige Lycabettus-Freilichttheater als Location für die Aufnahmen zum Unplugged-Album ausgesucht?
Jabs: Ja, gemeinsam mit MTV. In den Jahrzehnten, in denen die Unplugged-Reihe jetzt läuft, war es das erste Mal, dass so ein Konzert unter freiem Himmel stattfand.

Warum gerade Athen, warum gerade Griechenland?
Meine: Weil wir ganz besonders in Griechenland viele sehr loyale Fans haben. Wir konnten uns von Anfang der Planung an sehr gut vor- stellen, mit diesem Projekt nach Griechenland zu gehen. Am Ende ist es dann wirklich so geworden, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir haben ein Konzert in herrlicher Stimmung und mit ganz tollen Gästen aufgenommen.

Hattet ihr Erfahrung mit dem Amphitheater?
Meine: Nein, unsere letzten Konzerte in Griechenland haben wir in der Regel in Fußballstadien gespielt. Das war jetzt ein intimerer Rahmen für uns. Auch musikalisch hat es dort total gepasst.

Die Atmosphäre als solche ist sehr stimmungsvoll. Und im Publikum sind wahnsinnig viele junge Mädchen…
Meine: Tja, wir können es nicht verhindern.

In Deutschland oder in den USA kommen hauptsächlich Männer zwischen 30 und 60 zu euren Konzerten. Warum ist das in Griechenland anders? Was wollen die 20-jährigen Mädels bloß bei euch?
Meine: Das ist nicht nur in Griechenland so. Auch in Deutschland hat sich das Publikum in den letzten Jahren merklich verjüngt.

Woran liegt das?
Jabs: Wir vermuten, dass es mit unserer Präsenz bei Youtube zusammenhängt. Seit etwa zehn Jahren kann man das beobachten. Es fing an in Brasilien, Mexiko, dann Griechenland, Südeuropa und jetzt weltweit. Gerade viele Mädels sind an Bord gekommen. Das muss mit unserem gereiften Charme zusammenhängen (lacht). Das ist erstaunlich. Früher waren wir tatsächlich eine reine Männerdomäne.
Meine: Da ist auch viel Neugier dabei. Die meisten jungen Leute kennen uns ja nicht von früher. Die sehen was von uns im Netz und denken „macht einen geilen Eindruck.“ Und wenn wir dann das nächste Mal dort in der Nähe sind, kommen sie zum Konzert. Wir haben mittlerweile schon über vier Millionen Fans bei Facebook. Da ist ein unheimlicher Austausch, gerade unter den jungen Leuten. Man kann klar sagen: Die sozialen Netzwerke bringen uns die jungen Scorpions-Fans in die Konzerte.

Interessant. Viele gestandene Bands halten sich bei diesen Netzwerken ja eher zurück.
Schenker: Wir wollen nicht hinten anstehen. Das Interessante im Leben ist ja, dass es sich immer wieder verändert. Und wir sperren uns nicht gegenüber dem Neuen. Wir passen uns an die Situationen an, ohne es zu übertreiben.

Wie viele der jungen Frauen, lieber Rudolf, sind denn wohl gekommen, weil sie dich fast nackt in der Unterwäschewerbung für die Firma Mey gesehen haben?
Schenker: Eine (lacht).

Meine: Seine eigene.

Schenker: Das war eine witzige Aktion, die ich einfach mal gemacht habe. Weil man sich auch über so ein Angebot freut. Ich meine, wenn man die Möglichkeit und den Körper hat, warum nicht?

Du hast auf den Fotos ein beachtliches Sixpack. Ist das hartes Training?
Meine: Heutzutage kann man mit Photoshop eine Menge machen (lacht).

Schenker: Das stimmt, aber mich hält auch die Bühne fit. Wenn man mit einer richtigen Wampe ankommt, dann kann auch Photoshop nichts mehr retten. Nö, also mir hat das Spaß gemacht. Die Fotos zeigen eine andere Seite des Rock’n’Roll. Eben nicht das Verruchte und die Kneipen, worüber wir am Anfang gesprochen haben. Sondern sie zeigen: Der Kerl ist gut in Form, er hält sich fit. Jungs wie Mick Jagger haben das auch drauf. Und die eine Sache schließt die andere Sache nicht aus.

Bist du stolz auf deinen Körper?
Schenker: Nein, stolz bin ich überhaupt noch nie auf irgendwas gewesen. Stolz ist die überzogenheit seiner eigenen Meinung. Ich freue mich über meinen Körper, das schon. Ich habe im Leben nichts ausgelassen, von Partynächten über Meditation bis hin zu Yoga. Und wenn ich dann immer noch heutzutage Werbung machen kann wie David Beckmann, ja warum denn nicht? Ist doch super.

Inwieweit ist das eine politische Sache, dass ihr als deutsche Band – global unterwegs hin oder her – dann ausgerechnet nach Griechenland gegangen seid?
Schenker: Das ist keine politische Erwägung gewesen, sondern eine rein menschliche. Wir interessieren uns immer für die Menschen. Auf diese Weise ist im Endeffekt auch der Song ›Wind Of Change‹ entstanden. Wir gehen nicht wie Amerikaner auf die Bühne mit dieser Haltung „Let’s kick ass“, sondern wir haben uns hinterfragt. Wir sind nach Russland gegangen, um zu zeigen, dass in Deutschland eine neue Generation von Musikern aufwächst, und nicht eine, die nur den Fernseher aus dem Fenster wirft. Meine: Die Frage zielt ja mehr auf die aktuelle politische Situation ab, und wir haben uns da schon Gedanken drüber gemacht. Zu allererst ist das keine politische Entscheidung gewesen, sondern eine Entscheidung für unsere Fans in Griechenland, mit denen wir wirklich seit vielen Jahren eine starke Verbindung haben. Was das Politische betrifft, so sagen wir: Gerade wenn deine Freunde am Boden liegen, dann zeigt es sich, wer deine wahren Freunde sind. Wir wollen damit ein Zeichen setzen, dass wir gerade jetzt nach Griechenland gegangen sind.

Kriegen die Griechen die Kurve?
Meine: Die Griechen sind ein fantastisches Volk. In der jetzigen Krise wird das Land natürlich ganz extrem in die Looser Ecke geschoben, und da gehören die Menschen Griechenlands aber überhaupt nicht hin. Die politische Situation ist das eine, da können wir auch keinen Einfluss drauf nehmen und sind nur die Beobachter. Aber wir gehen da hin, um für unsere Fans zu spielen, mit denen wir eine emotionale Verbindung spüren.

Habt ihr denn politisch gefärbte Termine dort wahrgenommen?
Meine: Wir waren beim deutschen Botschafter in Athen eingeladen. Der hat uns gesagt „Ihr seid wahrscheinlich zur Zeit die besten deutschen Botschafter“. Das war offenbar auch so.
Jabs: Wir haben in der Woche keinen einzigen negativen Kommentar uns gegenüber gehört. Was teilweise in den Schlagzeilen verbreitet wird an vermeintlichem Deutschenhass, das ist dort eindeutig nicht gang und gäbe. Es mag den einen oder anderen geben, der sich frustriert äußert, aber man hat überhaupt nicht das Gefühl, dass die Griechen jetzt pauschal was gegen die Deutschen haben. Es fahren ja auch nach wie vor sehr viele Deutsche nach Griechenland in den Urlaub. Aber so war es immer schon mit uns: Wir gehen rein in die Länder, und sehen aus erster Hand, was dort los ist.

Man hat oft bei euch das Gefühl, dass ihr frühzeitig in Ländern spielt, in denen sonst eben keine Bands eures Kalibers aktiv sind.
Schenker: Genau, das haben wir immer schon gemacht. Wir waren von Sibirien bis zum Amazonas an vielen exotischen Orten. Und immer sind wir de facto als deutsche Botschafter hingegangen. Gerade mit dem Ballast aus zwei Weltkriegen, der es den Deutschen im Ausland oft nicht leicht gemacht hat, und dann auch noch mit für Deutschland untypischer Rockmusik, haben wir die Möglichkeit genutzt, in die Welt raus zu gehen, und speziell auch in den Osten zu gehen. Warum ist da kein anderer hingegangen? Weil da keiner war. Niemand hat daran geglaubt, dass dort ein Markt ist. Uns war das erst mal egal.

Sollte die Politik die Scorpions als Vorhut in heikle Länder auf diplomatische Missionen schicken?
Jabs: Warum nicht? Als musikalische Außenminister.

Meine: Wir werden das bei der neuen Koalition mal anregen. Bei uns ist es ja so: Wir haben in Kairo gespielt, wir waren jetzt gerade im Libanon, letztes Jahr in Tel Aviv – im Nahen Osten singen die Fans die gleichen Songs mit der gleichen Leidenschaft, und bei einer Friedenshymne wie „Wind Of Change“ laufen die Tränen, weil sie darin ein Gefühl der Hoffnung empfinden. Bei uns reagieren also alle gleich enthusiastisch, während in der realen Welt dort der Teufel los ist und Feindschaft vorherrscht. Was ich sagen will: Wir versuchen, mit unserer Musik Brücken zu bauen. Gerade in Beirut haben wir gemerkt, wie viel Kraft die Menschen aus unseren Konzerten ziehen.

Schenker: Die Wirklichkeit ist halt die, dass wir zwar Brücken bauen, aber immer noch mindestens zwei Pässe brauchen, weil man mit dem Israel-Stempel nicht in den Libanon gelassen wird und umgekehrt.

Der russische Präsident Wladimir Putin steht unter anderem wegen der Missachtung von Menschenrechten stark in der Kritik. Wie steht ihr zu Putin?
Schenker: Neun Zeitzonen zu managen und eine derart diffizile Vorgeschichte zu bewältigen, ist für jeden Machthaber eine sehr schwierige Aufgabe.

Nochmal zu euch. Wolltet ihr nicht eigentlich langsam in Rente gehen?
Schenker: Machen wir doch auch.

Rudolf, du hast vor drei Jahren gesagt, ihr wollt in Würde abtreten.
Schenker: Wir haben 2013 nur sieben Konzerte gespielt. Das ist langsamer Entzug.

Meine: Von 100 auf 0, das geht nicht. Du kannst nicht von heute auf morgen das ganze Unternehmen Scorpions stoppen. Das tut keinem gut, in keinem Beruf. Wir sind Kreative, die bis ans Ende ihres Lebens in irgendeiner Form mit Musik verbunden sein werden. Wir müssen das eben allmählich ein bisschen herunterfahren. Die letzten Jahre haben wir immer 60 bis 100 Konzerte gemacht, und das machen wir seit 40 Jahren. Da mal kürzerzutreten mit Mitte 60, das ist doch ganz normal.

Und doch: Ein Karriereende sieht anders aus als das, was ihr hier macht.
Meine: Natürlich haben wir gesagt „Das ist die letzte Tour“, und dann habe ich nach zweiein- halb Jahren gesagt „Jetzt ist mal Schluss mit Abschied.“ Die Presse hat daraus gleich den Rücktritt von Rücktritt gemacht. Da kam so eine Dynamik ins Spiel, die von uns nicht gewollt war. Wenn du natürlich so ein schönes Angebot kriegst wie „MTV Unplugged“, dann ist das noch mal eine komplett neue Herausforderung. Wir haben für die Shows ein ganz neues Programm ausgearbeitet, wir haben Gäste wie Morten Harket, Cäthe oder Johannes Strate eingeladen, wir haben viel Zeit damit verbracht, dieses Set zu entwickeln. Aber verglichen mit den Jahren davor ist das sehr entspannt.

Also ist jetzt bald Feierabend oder nicht?
Schenker: Wir sind 2010 mit dem vollen Bewusstsein herangegangen, eine Farewell- Tour zu spielen. Mit Anfang 60 merkst du den Körper einfach ganz anders als mit 30. Wir hatten, abgesehen von dieser Tournee, jedenfalls keine Pläne. Wenn dann aber ein paar andere Sachen kommen, die uns Spaß machen, dann machen wir das.

Nächstes Jahr kommt auch noch der von Katja von Garnier gedrehte Dokumentarfilm „For Ever And A Day“ ins Kino. Und die Tour wird auch fortgesetzt.
Meine: Richtig. Den Stachel können wir immer noch ausfahren. Man sollte die Scorpions noch nicht so schnell abschreiben.

Kann es auch passieren, dass ihr das System wieder hochfahrt?
Schenker: Wenn die Fans weiter so drauf sind, wie im Augenblick, dann muss man überlegen, wie man weitermacht. Wir machen die Musik ja, weil sie uns Spaß macht. Und zur Zeit haben wir sehr großen Spaß.