She Rocks: Die grossen Frauen der Rockmusik

Debbie Harry: Blonde Ambitionen. „Eine Frau in der Rockmusik zu sein, war sehr Punk“, sagt die Sängerin von Blondie. Nach mehr als 40 Jahren im Geschäft ist sie noch immer ein Vorbild – und unterstützt junge weibliche Talente.

Debbie Harry wurde zur selben Zeit groß wie The Slits, die Raincoats oder X-Ray Spex, doch heute arbeitet sie mit neuen Stars wie Sia und Charli XCX auf POLLINATOR, dem elften Blondie-Album, zusammen. Hellwach wie eh und je erzählt sie mit ihren 72 Jahren von ihrer Vergangenheit und Gegenwart.

Fühlte sich der Punk wie eine befreiende Zeit an, um eine Frau in der Rockmusik zu sein?
Ich hatte eigentlich gar nicht die Zeit, viel darüber nachzudenken. Ich musste mich damit abfinden, dass ich diskriminiert wurde, denn Mädchen in Rockbands waren in diesem Maße noch nicht vollkommen akzeptiert. Aber in gewisser Weise war es gleichzeitig sehr Rock’n’Roll und sehr Punk, dass man das als Mädchen machte. Absolut Punk.

Gab es vor dem Punk Vorbilder, die dich dazu inspirierten, es ihnen gleich­zutun? Joan Baez, Janis Joplin, Joni Mitchell, Joan Jett…
Sie alle. Ich hörte alles und jeden. Als echtes Babe und echte Ikonoklastin war wohl Janis Joplin die, die mir am meisten zugesprochen hat. Aber in musikalischer Hinsicht war ich auch sehr von den R&B-Girl-Groups beeinflusst. Das war eine Kombination von Dingen, nicht nur ein be­­stimmtes Element. Ich würde es hassen, so engstirnig zu sein.

Du hast deinerseits Pop-Ladys wie Madonna und Lady Gaga beeinflusst, ebenso Rockerinnen wie Courtney Love und Hayley Paramore.
[Bescheiden] Sie hatten ja keine große Auswahl, also hatte ich da wohl Glück.

Hast du dich auf dem Höhepunkt der Blondiemania mächtig gefühlt?
Wir hatten eine sehr gute, dramatische, sehr schnelle, furchtlose Laufbahn. Im Wesentlichen wurden wir aus einer Kanone geschossen, und als wir dann bei [dem Label] Chrysalis landeten, war es nur noch Album-Tour-Album-Tour-Single-Single-Single-Single. Sieben Jahre lang nonstop. Das war mit ein Grund, dass Blondie 1981 explodierten, oder implodierten. In diesen sieben Jahren arbeiteten wir wie verrückt. Das war sehr stressig, und man hat viel Druck auf uns ausgeübt. Das ist schon lustig, denn heute wartet man mindestens zwei, drei Jahre zwischen den Alben.

Blondie sind eine von wenigen Bands aus dieser Zeit, die auch vier Jahrzehnte später noch Top-5-Alben landen. Worauf führst du diese Langlebigkeit zurück?
Ich möchte nur ungern sagen, dass es Glück ist, denn es war mehr als das. Aber wer weiß, warum das alles so funktioniert hat? Das tat es aber, und wir waren smart genug, um Chancen zu ergreifen. Manchmal bieten sie sich einem und man sieht weg. Rückblickend sagt man dann: „Mann, das hätte klappen können.“ Wir hatten das Glück, bereit dafür zu sein. Es gab riesige Probleme – rechtliche, vertragliche –, die sich uns in den Weg stellten, aber wir fanden zum Glück die richtigen Leute zur richtigen Zeit.

Blondie brachten die kunstvolle US-New-Yorker Avantgarde nach Europa. Das war wie ein Besuch von Außerirdischen.
Ha! Nun, das ist doch gut. Her mit den Aliens! [Reißt sich wieder zusammen und spricht wieder über Blondies Langlebigkeit] Ich weiß es nicht. Die Geschmäcker haben sich gewissermaßen ausgeweitet. Das Publikum ist heute viel besser informiert und smarter, wir haben Zugriff auf so viel Musik. Ich denke, viele dieser alten Definitionen über das Altern und Altersgruppen und was für Musik die Leute hören… das hat abgenommen.

Wie anders ist das Leben auf Tour für Blondie heute im Vergleich zu den Hochzeiten der 70er und 80er?
Ha! Nun, ich denke, ich werde nicht mehr so viel herumhüpfen wie damals. Aber es gibt Momente, in denen ich mich sehr inspiriert fühle. Das macht mir sehr viel Spaß. Ich denke sehr oft darüber nach, wie viel Glück ich habe. So frustrierend es manchmal auch werden kann, wenn wir auf die Bühne gehen und spielen, ist es letztlich immer noch, na ja, magisch. Dafür muss ich immer dankbar sein.

Chrissie Hynde sagte mal: „Männer in Bands sind Pussies.“ Stimmst du dem zu?
[Lacht] Na ja…Ich weiß nicht, wie sie das meint. Vielleicht ist das auch gut so.

Hast du genauso viel mit Sia und Charli XCX gemeinsam wie mit Patti Smith? Du scheinst mühelos zwischen den Äras zu navigieren.
Ein Stück Musik ist für mich ein Stück Musik. Es steht für sich selbst. Es impliziert nicht sehr viel. Wenn es mir gefällt, ist der ganze Rest egal. Wenn ich also ein Stück von Charli XCX oder Sia bekomme, denke ich: „Wow, das ist toll.“ Ich erfahre erst später, von wem es ist.

Sind jüngere Musiker nervös, wenn sie dich treffen?
Das kommt auf die Person an. Ich bin da genauso. Wenn ich Leute treffe, die ich bewundere und deren Fan ich bin, fehlen mir manchmal die Worte. Ich denke, das passiert uns wohl allen.

Bei wem verschlug es dir die Sprache?
David Bowie [auf Iggy Pops THE IDIOT-Tour 1977 mit Blondie als Vorgruppe] machte mich wohl etwas sprachlos. Aber bei Schauspielern passiert mir das öfter als bei Musikern.

1977 waren Blondie mit Television auf Tour, während die Talking Heads mit den Ramones als Doppel-Headliner unterwegs waren. Hätte das nicht umgekehrt sein sollen?
Da hast du wohl in gewisser Weise Recht. Aber das war eins der Dinge an der New Yorker CBGB-Szene. In mancherlei Hinsicht war sie sehr homogen, weil all diese radikal verschiedenartigen Bands aus diesem kleinen Kosmos und dieser kurzen Phase kamen. Das ist schon ziemlich bemerkenswert, wenn man darüber nachdenkt.

Ist es eigentlich wahr, dass du mal Stimmen aus dem Kamin in deinem Elternhaus in New Jersey gehört hast, die komplexe mathematische Formeln rezitierten?
Ha! Diese Geschichte hätte ich niemals irgendjemandem erzählen sollen, denn das geschah, als ich noch sehr jung war – vier oder fünf. Aber wer weiß schon, was zur Hölle ich damals dachte. Ich weiß nicht, warum es passierte.

Warst du schon immer anders, auch in der Schule?
[Überrascht von der Frage] Ich denke, ich habe meine exzentrischen Seiten eher für mich behalten.

Was hielten die Leute von dir?
Keine Ahnung. Ich meine, ich hatte schon Freunde und war kein totaler Miesepeter, der nur in dunklen Ecken abhing. Eigentlich fühlte ich mich schon mehr oder weniger normal. Doch mein imaginäres Leben war sehr groß, ich war wohl eine ziemliche Tagträumerin. Ich war immer neugierig – die Welt hat mich immer interessiert und fasziniert. Es war nicht so, als wollte ich immer nur in meiner kleinen Heimatstadt Hawthorne in New Jersey bleiben und dort mein Leben leben, ich wollte die Welt sehen. Wie mir das ge­­lingen würde, wusste ich nicht, aber ich hatte auf jeden Fall große Augen.

Deine Karriere im Musikbusiness hält nun schon 45 Jahre an. Du musst wohl ziemlich entschlossen sein!
Ja. Na ja, ich denke mal, der schwierige Teil ist vorbei! Abgesehen davon, dass das kein einfacher Job ist – er verlangt nach viel Einsatz, Denkarbeit und auch körperlicher Kraft. Aber ich denke, ich habe mir meinen Ruf verdient. Wenn ich ein Publikum und eine Gefolgschaft habe, ist es wirklich meine Aufgabe, sie zu unterhalten und ihnen das Beste zu geben, was ich geben kann.

Ihr macht immer noch großartige Platten. POLLINATOR stieß letztes Jahr auf sehr positive Resonanz.
Ich bin sehr zufrieden damit. Das sind wir, glaube ich, alle. Wir haben sogar ein Konzert gegeben, bei dem wir überwiegend neues Material spielten, und ich schwöre, das ganze Publikum hat mitgesungen. Da waren viele der echten Die-hard-Fans. Das machte mich so glücklich, da war ich wirklich happy.

Wie ist der typische Blondie-Fan?
Es gibt alle möglichen verschiedenen Arten. Das haben uns die Business-Leute schon immer gesagt, dass unser Publikum sehr breit gefächert ist.

Siehst du jemals Fans von damals und denkst: „Hey, hast du mich 1978 nicht mal angepöbelt?“
Haha! Viele Fans sind uns über diese ganze Zeit treu geblieben und ich habe mich über die Jahre mit ihnen unterhalten. Aber hin und wieder kommt da jemand, der Erinnerungen bei mir weckt – und sie müssen recht oft geweckt werden.

Wahrscheinlich sagen dir auch oft Fans, dass sie zu eurer Musik ge­­heiratet oder Kinder gezeugt haben oder was auch immer.
Ja, das kommt vor. Leute schreiben oder sagen mir, dass irgendein Teil ihres Leben durch Blondies Musik besser wurde. Was ich wirklich herzzerreißend – und gleichzeitig herzerwärmend – finde, ist wenn man mir sagt: „Du hast mich davon abgehalten, mich umzubringen.“ Dann denkt man nur: „Heilige Scheiße.“ Ich bin froh, dass das passiert ist, aber es ist furchtbar, das zu hören, weißt du? Im Grunde genommen ist das ein hohes Lob. Musik lenkt dich von deinen Problemen ab und gibt dir ein bisschen Raum, um etwas anderes zu fühlen, und deshalb liebst du sie.

Hörst du dir jemals eure alten Alben an?
Nein! Manchmal beschließen wir vielleicht, einen Song aus der tiefen, dunklen Vergangenheit herauszuholen und wieder auf unsere Setlist zu setzen, und dann ich höre ich ihn mir auch wieder an. Vor ein paar Tagen spielte unser Keyboarder Matt Katz-Bohen dieses Riff und ich sagte: „Was ist das? Das ist sehr schön.“ Und er ant­wor­­tete: „Oh, das ist ›Fade Away And Radiate‹ [vom ­78er Blondie-Album PARALLEL ­LI­­NES].“

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