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Sie sehen aus wie Jesus im Viererpack, leben resolut in der Vergangenheit und verwehren sich komplett allen modernen Einflüssen in ihrer Musik. Ihre Botschaft jedoch passt auch in unsere dunklen Zeiten: Spaß ist besser als Jammern.

Die Sheepdogs wissen das besser als so manche andere Band, denn Grund zum Jammern hätten sie in den ersten Jahren ihrer Existenz sicher genug gehabt. Gegründet im Jahr 2006, wurde ihnen absolut nichts in den Schoß gelegt. In einem fast schon surreal schrottreifen Dodge-Van zogen sie immer wieder durchs Land, und in einem dünn besiedelten Riesenstaat wie Kanada heißt das nicht, mal eben eine Stunde in die nächste größere Stadt zu fahren, sondern gleich tageweise die Highways unter die Räder zu nehmen – um dann vor 30 desinteressierten Komasäufern zu spielen oder gar komplett vor verschlossenen Türen zu stehen, weil der gebuchte Club zwischenzeitlich dicht gemacht hat, ohne die Band darauf hinzuweisen. Ziemlich frustrierend für eine hoffnungsfrohe Kapelle aus dem eher verschlafenen Städtchen Saskatoon in der Provinz Saskatchewan, das fernab der großen Entertainment-Schaltzentralen Toronto und Montreal noch weniger Chancen hat, auf sich aufmerksam zu machen.

Doch auch wenn man oft demoralisiert in die Heimat zurückkehrte, den erhofften Durchbruch nie in Reichweite sah und mittlerweile einen fünfstelligen Schuldenberg angehäuft hatte, kam es für Frontmann Ewan Currie nie in Frage, aufzugeben: „Das waren teilweise schon echt beschissene Zeiten, die wir da durchgemacht haben, und natürlich fühlst du dich dann oft, als sei das alles völlig sinnlos. Wenn sich niemand für dich interessiert, kann dich das manchmal schon ruterziehen. Aber wir wussten ja, dass es nie einfach sein würde, mit unserer Musik Fuß zu fassen. Man braucht schließlich nur das Radio anzuschalten, um zu hören, dass wir nicht unbedingt dem Massengeschmack entsprechen. Uns war klar, dass es ein Kampf sein würde, uns Gehör zu verschaffen und uns einen Namen zu machen. Und das kannst du nur durchstehen, wenn du an dich glaubst. Ich glaube absolut an uns und unseren Sound, sonst könnten wir uns auch nicht auf die Bühne stellen und eine glaubwürdige Show abliefern. Dieses dicke Fell musst du einfach haben, egal, ob du vor einem leeren Raum stehst oder mit Bierflaschen beworfen wirst. Und wenn du an etwas glaubst, musst du der Sache auch treu bleiben, komme, was wolle.“

Diese Beharrlichkeit sollte sich letztlich jedoch auszahlen, als Mitte 2011 plötzlich Interesse aus einer völlig unerwarteten Ecke bekundet wurde. Das amerikanische „Rolling Stone“-Magazin hatte zum „Choose The Cover“-Wettbewerb ausgerufen, bei dem die Leser entscheiden sollten, welche Newcomer-Band auf den Titel des altehrwürdigen Blatts kommen sollte. Überraschenderweise waren es die Sheepdogs, die mit 1,5 Millionen Stimmen sämtliche Konkurrenten hinter sich ließen und folglich zum ersten Mal flächendeckend in den Zeitschriftenregalen Nordamerikas zu sehen waren – als erste ungesignte Band in der Geschichte des Magazins. Überraschend war es vor allem auch für die Sheepdogs selber– nicht nur, weil sie mit diesem Erfolg nicht gerechnet hätten, sondern weil der Band nicht mal bewusst war, dass sie sich zur Teilnahme beworben hatte, geschweige denn in die nähere Auswahl gekommen war. Ein Manager, dem man mal zufällig begegnet war, hatte sie ohne ihr Wissen nominiert und dem Quartett damit nicht nur den Weg zu Prestige und exponentiell gesteigerter Aufmerksamkeit geebnet, sondern auch zu einem ganz konkreten Plattenvertrag mit Atlantic Records.Jackpot! Ab diesem Zeitpunkt starteten die vier Späthippies durch. Noch im selben Jahr konnten sie kanadische Musikpreise abräumen und mit Erscheinen ihres jüngsten Albums ist der Knoten zumindest daheim in Kanada nun endlich geplatzt: Charteinstieg auf Platz 1 und Platinstatus für mittlerweile 80.000 verkaufte Exemplare. „Es fühlt sich absolut unglaublich an“, ist Ewan nach wie vor erstaunt. „Allein schon der Gedanke, nicht mehr arbeiten zu müssen! Es ist so ein Luxus, mich jetzt den ganzen Tag nur noch mit Musik befassen zu dürfen. Ich muss nicht mehr von einer Tour nach Hause kommen und mir sofort wieder irgendeinen beschissenen Job als Schichtarbeiter suchen, damit ich was zu essen habe. Und das ganze organisatorische Zeug wird uns jetzt auch abgenommen, was eine riesige Erleichterung ist. Wobei ich die Erfahrungen nicht missen möchte, die wir gesammelt haben. In diesen brotlosen Jahren, in denen wir wirklich alles selber in die Hand nehmen mussten, haben wir viel gelernt, vor allem, was das Management betrifft und wie man seine Finanzen auf Kurs hält. Na ja, so einigermaßen.“

Und wie hört sich nun das lapidar THE SHEEPDOGS betitelte Werk an, mit dem man Richtung Edelmetall steuerte? Als hätte sich ein Wurmloch direkt in die sechziger Jahre aufgetan und nie gehörte Musik einer geheimen Allstar-Supergroup ins Hier und Jetzt gesogen. Auf dem Weg durch diese temporale Anomalie haben die Alien-Wächter über das Raum-Zeit-Kontinuum vielleicht noch ein bisschen die Produktion aufgebohrt, aber davon abgesehen sind diese 14 Stücke eine Zeitreise ohne Rückfahrschein. Beat-les, Doors, Allman Brothers, ein bisschen Pink Floyd, ein bisschen Led Zep wirbeln durch die Gehörgänge, führen schweißnassen Southern Rock, fluffig-rosarot getönte Flower-Power-Klänge, lysergisch-synästhetische Psychedelik, tröstend-promilligen Blues, betörende Harmonien, sympathisch blauäugige Aufbruchsstimmung und den Duft von Räucherstäbchen, Bier und dicken Dübeln zu einem bunt schillernden Kaleidoskop zusammen, das in jedem Takt große Wärme und blendende Laune ausstrahlt. Wer bei Highlights wie ›The Way It Is‹, ›While We‘re Young‹, ›I Need Help‹, ›Feeling Good‹, ›Ewan‘s Blues‹ oder ›Sharp Sounds‹ keinen Sonnenschein im Herzen spürt, ist wohl schon tot.

Letzteres ist Ewan besonders wichtig, denn für schlechte Vibes hat er generell wenig übrig. „Wenn man heute Radio hört, wird man nur noch depressiv. Rockmusik ist so steril, so langweilig und eintönig, vor allem aber so negativ geworden! Da geht es nur noch um ‚ich hasse dich‘, ‚ich bin soooooo traurig‘ und ‚fuck you‘. Damit kann ich nichts anfangen. Wenn du so mies drauf bist, dann sperr dich doch in deinem Zimmer ein und heul in dein Kissen, aber geh dem Rest der Welt nicht so auf den Sack! Das ist Musik für Miesepeter, die im Prinzip alles nur noch scheiße finden und mit dem Leben abgeschlossen haben. So bin ich nicht drauf. Rockmusik sollte doch verdammt noch mal SPASS machen!“

Das tut sie in diesem Fall zweifelsohne. Vielleicht auch ein Grund, warum kein Geringerer als Patrick Carney von den Black Keys im Produzentenstuhl Platz nahm? Sicherlich ein Ritterschlag für eine aufstrebende Band, auch wenn der Einfluss des Platinrockers nicht überschätzt werden sollte. „Mit Patrick zusammenzuarbeiten, war wundervoll. Er ist ja nicht nur ein brillanter Musiker, sondern vor allem auch ein unglaublich netter Mensch. Und klar, er hat viel mehr Erfahrung als wir und konnte uns viele gute Ratschläge geben. Er hat ja auch jahrelang im Untergrund das Feld beackert, bevor es mit den Black Keys so richtig abging, und jetzt sind sie eine der größten Rockbands des Planeten. Aber wir haben schließlich auch schon viele hundert Konzerte absolviert. Da haben wir mit der Zeit auch gelernt, was beim Publikum ankommt, worauf die Leute reagieren und wie man sie bei der Stange hält. Patrick war uns eine große Hilfe dabei, die Sachen auszusortieren, die Mist und vielleicht etwas übertrieben kitschig waren, und er hat ein gutes Gespür dafür, was funktioniert. Aber manchmal haben wir uns auch gegen seine Vorschläge entschieden, vor allem, wenn es um die Harmonien ging.“ Die sind so wichtig, dass die Band dafür schon ihren eigenen Neologismus erfunden hat: „guitarmonies“. „Das ist ganz klar einer der wichtigsten Bestandteile unseres Sounds“, so Ewan. „Und erstaunlicherweise einer, den so viele Bands vernachlässigen. Selbst die meisten heutigen Bands, die sich gerne auf den Rock der sechziger oder siebziger Jahre berufen, ahmen vor allem die Riffs und die Rhythmen nach, dazu noch die Ästhetik. Aber die Harmonien aus dieser Zeit greifen die wenigsten auf, da regiert dann doch eher ein moderneres Klangbild.“

Und modern, das wollen die Sheepdogs auf keinen Fall klingen. Wo sich reihenweise Bands lieber an der Seite von Robert Mugabe, Kim Jong-un und Wladimir Putin zusammen ablichten ließen, als das Wörtchen „retro“ mit ihrer Musik in Verbindung zu bringen, hat Ewan keinerlei Probleme damit, in das „früher war alles besser“-Lied einzustimmen. „Aus irgendeinem Grund hat die Rockmusik aus dem Jahrzehnt von ca. 1964 bis 1974 diese einzigartige, zeitlose Qualität. Die Liebe dazu ist nie gestorben, da gab es einfach nichts mehr zu verbessern. Und das kann man immer wieder erleben. Wenn du heute irgendwo auf eine Party gehst, kann da alle mögliche Musik laufen und irgendjemand wird meckern, dass es ihm nicht gefällt. Aber wenn Led Zeppelin oder Creedence Clearwater Revival laufen, ist praktisch garantiert, dass 90 % deiner Gäste damit glücklich sein werden, und zwar nicht nur die alten Säcke, sondern auch junge Leute, die aus einer völlig anderen Zeit kommen. Das hat einfach was Universelles und ich habe keinerlei Problem damit, in dieser Hinsicht als gestrig dargestellt zu werden.“

Interessant ist dabei natürlich die Frage, wie weit diese Besessenheit mit vergangenen Epochen gehen kann. Sich an den Klängen alter Helden zu erfreuen und diese als Inspirationsquelle zu verwenden, ist ein unschuldiges Vergnügen, ebenso das Pflegen einer sich konsequent gegen jegliche trendy Coolness-Bedenken richtenden Optik aus wallendem Haar, wuchernden Bärten und garantiert Designer-freien Klamotten. Das beherrschen diverse Acts von den Black Crowes über Wolfmother bis zu den Rival Sons mindestens genauso gut. Wie sieht es aber aus mit dem Idealismus, der Weltanschauung oder, um es zeitgerecht auszudrücken, dem „Spirit“ der Flower Power-Ära? Kann man sich im Jahr 2013 tatsächlich noch etwas bewahren von jener naiven Unschuld, mit der die Blumenkinder an den gesellschaftlichen, politischen und spirituellen Umbruch des Homo sapiens glaubten? Ewan bejaht: „Ich weiß, was du meinst, und bestimmt war es 1969 einfacher, diese Haltung zu vertreten. Es waren andere Zeiten als heute, und die Welt ist sicher kleiner geworden. Man kann sich nicht mehr so leicht vor dem Zeitgeschehen verschließen, und die Verheißungen der Hippie-Zeit sind natürlich großer Ernüchterung gewichen. Aber das heißt nicht, dass man sich dieses Gefühl nicht trotzdem bewahren kann. Vielleicht ist es reiner Eskapismus, aber ich bin grundsätzlich ein sehr optimistischer Mensch. Und es gibt immer noch viel, das einen glücklich machen kann, ob du nun irgendwo ein cooles Lied hörst, einen tollen Film siehst oder einfach nur bei einem Bierchen mit deinen Kumpels eine gute Zeit hast. So lange man noch so gut drauf sein kann, bleibt mein Glaube an peace & love bestehen!“

Wovon wir uns auch bald in unseren Breitengraden überzeugen können, worauf Ewan sich besonders freut: „Wir waren zwar schon mal kurz in Europa, aber nach Deutschland haben wir‘s bisher noch nicht geschafft. Ich bin superheiß darauf, zu euch kommen, denn auch bei uns weiß doch jeder, wie sehr ihr geile Rockmusik zu schätzen wisst. We‘re gonna party, man!“ Dass die Sheepdogs von besagter geiler Rockmusik bald noch mehr auf Lager haben werden, kündigt der Frontmann übrigens auch schon an. „Wir sind schon dabei, neue Songs zu schreiben, und eins kann ich dir schon sagen: Das wird so richtig klassischer Kneipen-Jukebox-Rock‘n‘Roll!“ Und da haben Heulsusen auch weiterhin nichts verloren.