No Sinner_2013_Credit Mandy Lyn

Eigentlich war Colleen Rennison auf dem besten Weg zu einer veritablen Hollywood-Schauspiel­karriere. Doch die hübsche Kanadierin wollte etwas anderes. Statt Glitzer und Glamour unter der Sonne Kaliforniens zu genießen, tourt die 26-Jährige diesen Winter lieber mit ihrer Roots-Band No Sinner durch trostlose europäische Clubs und Bars, um ihr Debüt BOO HOO HOO vorzustellen.

Colleen war sechs, als sie das erste Mal vor der Filmkamera stand. Mit acht spielte sie an der Seite von Ray Liotta und Linda Fiorentino, mit nicht einmal zehn war sie die Filmtochter von Bruce Willis und Michelle Pfeiffer in Rob Reiners Blockbuster „An deiner Seite“. Auch danach rissen die Rollenangebote nicht ab, doch die junge Dame aus Vancouver hatte andere Pläne: „Ich wollte schon immer Musikerin sein!“, sagt sie fast trotzig, als sie uns am Tag nach dem No-Sinner-Konzert im holländischen Breda Rede und Antwort steht. „Es ist allerdings schwierig, eine Band zu gründen, wenn man fünf ist! Mein Wunsch zu performen hat mich zum Film geführt, aber mein oberstes Ziel war es immer, zu singen.“ Für die jüngste Konzertreise im Vorprogramm von Beth Hart ließ sie sogar eine lukrative Filmrolle sausen. Angst davor, aufs falsche Pferd zu setzen, hat sie jedoch nicht. „Ich habe das Gefühl, dass mir die Rollenangebote nicht weglaufen“, erklärt sie. „Wer mich jetzt engagieren will, wird das sicher auch irgendwann in der Zukunft noch tun wollen. Bei der Musik ist das anders. Da muss man das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“

Colleen weiß, wovon sie spricht. Vor rund fünf Jahren zog sie an die US-Ostküste, fest entschlossen, groß rauszukommen. „Ganz ehrlich, ich dachte, ich gehe nach New York und erobere die Stadt im Sturm“, erzählt sie und muss über ihre eigene Naivität lachen. Doch weder ihre Zeit an einer renommierten Schauspielschule noch der Management-Vertrag mit Eminems Shady Records brachten sie wirklich voran. „Ich wollte mit echten Musikern zusammenarbeiten, aber das Label konnte mich lediglich an HipHop-Produzenten vermitteln“, erinnert sie sich an die fruchtlose Zusammenarbeit. Rückblickend hakt sie das Intermezzo als zumindest lehrreiche Erfahrung ab.
Mit nicht einmal Mitte 20 begann sie dann gewissermaßen ihr zweites Leben. „In New York habe ich all das Geld ausgegeben, das ich als Kind mit meinen Filmen verdient hatte“, verrät sie. „Erst als es weg war, hatte ich das Gefühl, wirklich zu leben. Geld kann eine ziemliche Ablenkung sein.“ Sie ging zurück nach Kanada, und plötzlich kamen die Dinge ins Rollen. Bei ihrem ersten bezahlten Konzert in einer Kaschemme in Vancouver traf sie den jungen Gitarristen Eric Campbell und Drummer Ian Browne (ehemals Matthew Good Band), der wiederum den zeitweilig bei der Sub-Pop-Band Hot Hot Heat aktiven Parker Bossley als Bassisten und Songwriting-Partner empfahl. No Sinner waren geboren. Mit BOO HOO HOO legt das Quartett nun ein blues- und soulgetränktes Rock-Album vor, auf dem sich Colleen als naturgewaltige Sängerin und Performerin auf den Spuren von Janis Joplin, Tina Turner, Bessie Smith und Nina Simone erweist. Der unverfälschte Sound der Band dürfte nicht zuletzt all diejenigen begeistern, denen in der modernen Musik die alten Werte fehlen, denn textlich wie klanglich ist bei No Sinner nichts geschönt. „Ich wüsste gar nicht, wie das geht“, unterstreicht die Sängerin, die aber nicht nur musikalisch bodenständig ist. „Ich mag es, wenn meine Stiefel alt und meine Jeans löchrig sind“, sagt sie bestimmt. „Ich brauche wirklich nicht viel!“

Carsten Wohlfeld