Slash @ Neil Zlozower (1)

Es reicht: 16 Jahre nach dem Ausstieg bei Guns N ́Roses ist Saul Hudson alias Slash nicht länger Willens, ständig zurückzublicken, über die Vergangenheit zu reden oder sich an haltlosen Spekulationen zu vergehen. Denn die Gunners, so erklärt er zur Veröffentlichung seines zweiten Solo-Albums APOCALYPTIC LOVE, sind endgültig passé, eine Reunion so wahrscheinlich wie die Kanzler-Kandidatur von Norbert Röttgen und eine Aussprache mit Axl Rose das Letzte, was er anstrebe.

Folglich ist ein endloser Pressetag mit Gesprächen im 30-Minuten-Takt auch eine echte Tortur für den 46-Jährigen. Da sitzt er also in einem Konferenzraum im Kölner Hyatt, kämpft mit doppelten Espressi gegen den Jetlag und muss sich immer wieder denselben Fragen stellen: Wie er heute zum Frontmann seiner ehemaligen Band stünde, ob er sich das noch einmal gemeinsam vorstellen könne und wie viele Drogen er denn damals verkonsumiert habe. Dabei – und das ist das Tragische – hat er inzwischen je zwei Alben mit seinen Anschluss-Bands Snakepit und Velvet Revolver veröffentlicht, zudem zwei Alleingänge und eine Autobiografie vorgelegt und jede Anekdote aus seinem bewegten Leben erzählt. Doch die Dame von der Lokalzeitung lässt ebenso wenig locker wie der Abgesandte eines Radiosenders – und so bleibt dem Mann mit dem Zylinder gar nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Dabei – und das zeigt sich beim CLASSIC ROCK-Talk – kommt er auch von alleine auf die wilden 80er/90er Jahre zu sprechen. Eben dann, wenn er will.


Seit deinem letzten Album sind gerade mal knapp zwei Jahre vergangen. Sprich: Du bist so produktiv wie nie. Wie kommt’s? Hast du einen Lauf?

(lacht) Ich würde es eher so formulieren: Ich habe einfach kontinuierlich gearbeitet, Mann. Und zwar seit ich mit dem letzten Solo-Album angefangen habe und mein eigenes Ding mache. Ganz abgesehen davon entspricht es meiner Persönlichkeit, schnell und vor allem viel zu arbeiten. Wobei ich mich immer nach dem richte, worauf ich Lust habe. Und da ich derjenige bin, der dieses Schiff steuert, ist das Ganze auch genau so, wie ich es mir vorstelle – und nicht anders. Es ist einfach bam, bam, bam. Also so, wie es sein sollte, und ohne das ganze Drama, ohne den Mist.

Selbst wenn das Album im Grunde eine Kollaboration zwischen dir als Gitarrist und Myles Kennedy als Sänger/Texter ist? Also ein Duo mit Backingband?
Irgendwie schon. Wobei das Tolle an dieser Konstellation ist, dass ich genau so schreiben kann, wie es mir liegt, und dann einfach abwarte, was er daraus macht. Bis jetzt hat er mich noch nicht enttäuscht. (lacht) Er wartet immer mit irgendwelchen tollen Melodien auf. Und deshalb funktioniert es. Mit ihm zu arbeiten, ist ein sehr simpler, lockerer, entspannter Prozess. Etwas, das ich ungemein genieße. Und wir haben ein Album ge- macht, auf das ich sehr, sehr stolz bin. Also: Meinetwegen kann es ruhig bis in alle Ewigkeit so weitergehen.

Myles war einer der Vokalisten auf deinem ersten Alleingang. Sprich: War er derjenige, der dir am besten gefallen hat, oder warum hast du die Zusammenarbeit mit ihm intensiviert?
Na ja, auf dem letzten Album habe ich mit einigen wirklich bekannten Leuten gearbeitet: Ozzy, Lemmy, Iggy Pop, Fergie, Adam Levine, Kid Rock oder Andrew Stockdale. Da war Myles der einzige, den ich vorher nie getroffen hatte. Im Sinne von: Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse – und das, obwohl ich seit Jahren von ihm gehört habe. Doch als er das Studio betrat, hatte das etwas sehr Erfrischendes. Nämlich diese fantastische Stimme und Texte, die wahnsinnig tief gehen. Als ich ihn dann gefragt habe, ob er Lust hätte, mit mir auf Tour zu gehen, sagte er sofort zu. Und das, obwohl er nun wirklich keine Langeweile hat. Aber er hatte halt gerade eine Auszeit von Alter Bridge, und daraus ist diese tolle Arbeitsbeziehung geworden, die ihm trotzdem genug Zeit für seine Hauptband bietet.

Zwischenzeitlich war er ja auch als Robert Plant-Ersatz bei Led Zeppelin im Gespräch. Ein zusätzlicher Anreiz?
(grinst) Das war das entscheidende Argument. Als ich davon hörte, sagte ich mir: „Den Typen musst du unbedingt testen.“ Eben, weil ich mich fragte: „Wer ist der Kerl, dessen Namen ich ständig höre?“ Ich wollte es einfach rausfinden. Und was soll ich sagen: Seine Gesangsmelodien sind toll, wir haben im Handumdrehen einen guten Draht entwickelt, und er ist die coolste neue Sache, die ich seit langem gehört habe.

Heißt das, diese Konstellation ist ein biss- chen stabiler als deine bisherigen?
Das habe ich schon so oft gesagt und gehört, dass ich einfach keinen Bock mehr drauf habe. (lacht) Insofern möchte ich mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sondern ich freue mich erst einmal auf die kommende Tour, und wenn ich dann noch ein Album mache – was ich zumindest vorhabe – sehe ich keinen Grund, warum Myles nicht dabei sein sollte. Aber er muss sich halt erst einmal wieder um Alter Bridge kümmern, während ich möglichst viele andere Dinge tun werde. Also Musik schreiben, mit anderen Leuten spielen und einfach Spaß haben. Was ich halt so tue…

Wobei einige Texte, die von Myles stammen auch genauso gut aus deiner Feder kommen könnten – allen voran ›Not For Me‹.
Der Song ist angeblich von einem Gespräch beeinflusst, das wir mal hatten. Ich meine, ich kann mich nicht daran erinnern, wann und wo das gewesen ist, und er hat mir das auch erst später erzählt, also als das Ganze fertig war…

„The cocain lies, the whiskey lies – I don’t need you no more.“ Das ist schon ziemlich autobiografisch, wenn nicht therapeutisch, oder?
(nickt) Es ist interessant, wie nahe wir uns da kommen oder wie gut er meine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Das ist verdammt cool. Denn es ist der allererste Song, bei dem es im Zusammenhang mit Alkohol und Drogen mal um etwas anderes geht. Nämlich um das komplette Gegenteil von dem, was man sonst immer so hört. Für gewöhnlich geht es doch immer darum, wie viel man rauchen, trinken und feiern kann – das Übliche. Doch das hier ist das exakte Gegenteil. Es ist wie der Morgen danach, wo du dir denkst: „So kann es nicht weitergehen.“ Was ein interessanter Ansatz ist.

Wenn du mit Myles unterwegs bist: Erzählst du viele Geschichten aus deinem Leben? Bist du quasi so etwas wie das Entertainment-Programm auf einer Tour?
Nein, für gewöhnlich rede ich nicht viel. Das tue ich nur, wenn ich Interviews gebe, also wenn ich muss. (lacht) Ansonsten bin ich sehr ruhig, lese viel und spiele Gitarre. Aber ich rede definitiv nicht viel. Das ist nicht mein Ding.

Im Juni gehst du auf Tour mit Mötley Crüe, was in den 80ern/90ern eine geradezu töd- liche Kombination gewesen wäre. Also für deine Gesundheit – und wahrscheinlich auch für ihre.
Das ist richtig. Wir haben oft genug versucht, unsere Grenzen auszuloten. Also da haben wir wirklich nichts ausgelassen. Etwa als Guns N’ Roses 1988 Support auf ihrer „Girls Girls Girls“-Tour waren. Das war extrem dekadent. Ich meine, ich habe „The Dirt“ nie gelesen, weil ich die Geschichten auch so kenne. Aber es war wirklich so – also ein einziges großes Gelage. Was heute allerdings nicht mehr der Fall ist, einfach, weil sich die Zeiten geändert haben. Aber es dürfte trotzdem ein ziemlicher Spaß werden, da bin ich mir sicher. Und wir waren in den letzten Jahren ja auch schon öfter gemeinsam bei Festivals und bei irgendwelchen Headliner-Shows.

Mal ehrlich: Wie viel Rock’n’Roll ist da heute noch im Spiel, oder sind das alles reife, gesundheitsbewusste Herren, die den guten alten Zeiten nachtrauern?
Ganz so schlimm ist es noch nicht. (lacht) Und das wäre auch das Letzte, was ich wollte. Also nur rumzuhängen und über irgendwelche Gesundheitsproblemchen zu reden. Oder über Mode bzw. irgendeinen anderen Mist. Schließlich spielen wir Rock’n’Roll und sollten das auch leben – zumindest ein bisschen. Aber ich für meinen Teil beteilige mich halt nicht mehr an irgendwelchen Exzessen, sondern ich nutze meine Zeit, um zu arbeiten oder einfach nur abzuschalten. Und im Gegensatz zu früher bin ich auch nicht mehr sturzbetrunken. Ansonsten hat mein Lifestyle aber immer noch etwas von einem Zirkus. Und die Mötley-Jungs haben sich auch nicht groß verändert. Ich meine, Tommy (Lee) ist die meiste Zeit komplett dicht.

Was ist mit Groupies?
Die gibt es natürlich immer noch. Aber sie haben längst nicht mehr so viel Zugang, wie das früher der Fall war. Und dann gibt es ja auch noch Ehefrauen, was die Sache gefährlich macht. Gerade in Zeiten des Internets…
Deine beste Mötley Crüe-Geschichte?

Da gibt’s einige. (lacht) Aber ich denke, die beste ist die: Als die ’88er Tour mit ihnen vorbei war und wir im Begriff waren, noch ein paar Konzerte mit Alice Cooper zu spielen, ging bei ihnen gar nichts mehr. Als sie das Hotel verließen, mussten sie Tommy in einem Einkaufswagen zur Limo rollen, weil er sich nicht mehr bewegen konnte. Was alles darüber sagt, wie das damals so war. Aber seien wir ehrlich: Es war halt auch eine Riesensause.

Wie sieht dein aktuelles Live-Set aus? Wie viel Guns, wie viel von deinen anderen Bands und Solo-Aktivitäten ist dabei?
Im Grunde ist es dasselbe, was ich immer mache, nur dass diesmal ein bisschen mehr neues Material am Start ist. Und auf der Mötley-Tour sind wir schließlich ja nur der Opener. Was bedeutet, dass wir vielleicht 45 Minuten spielen. Darunter werden sich dann auch ein paar Guns-Songs befinden, und welche von Velvet Revolver und vielleicht auch ein oder zwei von Snakepit. Aber der Großteil sind neue Sachen. Und wenn wir unsere eigenen Shows spielen, die zwei Stunden dauern, bauen wir diese Mischung einfach ein bisschen aus.

Außerdem spielst du ein paar Shows mit Ozzy & Friends.
Richtig, das mache ich nebenbei. Sie haben sich bei mir gemeldet, weil sie meine Hilfe brauchen. Und natürlich lasse ich sie nicht im Stich. Denn es ist schon eine tragische Sache, die da passiert ist. Also dass Tony Iommi so kurzfristig ausfällt – und wegen so einer üblen Geschichte wie Krebs. Und weil die Konzerte ausverkauft waren, wollten sie sie nicht absagen, sondern ziehen sie jetzt unter anderem Titel durch. Was ich okay finde. Denn diese Aktion zeigt dir, wie unberechenbar Rock’n’ Roll ist: Er hat immer noch etwas Menschliches und Normales. Wobei ich mich aber auch sehr darauf freue, mit Zakk Wylde zu spielen und die Sabbath-Klassiker zu bringen. Das wird garan- tiert cool.

Und um noch mal deine Frage von gerade aufzugreifen, also bezüglich des Rock’n’Roll-Life- styles: Ich habe erst vor ein paar Tagen in einem Hotelzimmer gesessen und über den ganzen Kram gegrübelt, den ich so am Laufen habe. Da ist mir bewusst geworden, dass ich das früher alles gar nicht auf die Reihe bekommen hätte.

Also macht es schon einen Unterschied, tro- cken und clean zu sein?
Und wie! Ich hätte so viele tolle Sachen verpasst. Ich meine, ich habe erst kürzlich mit B.B. King gejammt. Und das hätte ich früher genauso verpennt wie eine Menge anderer Sachen, die ich in den letzten zwei Jahren gemacht habe. Sprich: Wenn ich immer noch drauf wäre, wäre ich nie so glücklich, wie ich’s heute bin. Ich habe 2006 auf- gehört, aber richtig geschafft habe ich den Absprung erst 2008. Das ist gerade mal vier Jahre her.

Eine Zeit, in der du dich an Velvet Revolver versucht hast, die an genau diesen Drogen- problemen gescheitert sind.
Das war definitiv eine schwierige Zeit, und wir haben da unglaublich viel Mist erlebt. Es war ein ständiges Auf und Ab. Während ich clean wurde, ist Scott (Weiland) wieder richtig heftig unterwegs gewesen. Was das genaue Gegenteil von 2005/2006 war, als ich mich kaum noch unter Kontrolle hatte, aber er fast geheilt schien. Insofern hat es einfach nicht gepasst. Was dann dafür sorgte, dass wir uns von Scott getrennt haben.

Wie ist der aktuelle Stand bei Velvet Revolver? Sucht ihr noch Ersatz?
Ich weiß, es klingt unglaublich, aber das ist tatsächlich eine Sache, die wir längst nicht abgeschrieben haben. Nur: Wir wollen halt jemanden, der wirklich zu uns passt, was gar nicht so einfach ist. Es ist also vor allem eine Frage der Geduld denn irgendwann werden wir schon jemanden finden.

Was ist mit Myles, von dem du doch so begeistert bist?
Auf keinen Fall! Er hat Alter Bridge. Und mit mir zu arbeiten, ist etwas ganz anderes, als ein Teil von Velvet Revolver zu sein. Wenn du in der Band bist, kannst du unmöglich zwei Sachen auf einmal machen. Und wenn wir jetzt ein Album aufnehmen oder auf Tournee gehen würden, dann müsste ich wirklich alles zur Seite schieben. Was bei Alter Bridge ja nicht anders sein dürfte. Das ist eine feste Band mit festen Arbeitsabläufen. Da könnte Myles unmöglich eine zweite Band integrieren.

Zwischenzeitlich war noch Corey Taylor von Slipknot im Gespräch. Was ist daraus geworden?
Corey ist toll. Ich liebe ihn. Nur: Ich kann mich nicht durchringen, das als die endgültige Lösung zu akzeptieren. Irgendetwas fehlt da. Oder: Irgend- wie ist er es dann doch nicht.

Was zu der Frage führt: Wie war die Einführung von Guns N’Roses in die Rock’n’Roll Hall Of Fame, die ja ohne Axl stattfand?
Es war toll! Richtig Klasse! Wir hatten eine tolle Zeit. Nur: Eigentlich möchte ich nicht drüber reden und auch nicht zu sehr ins Detail gehen, denn da gab es so viel Drama und so eine dunkle Wolke, die das Ganze überschattet hat – obwohl es eine Ehre sein sollte. Wegen dem Theater wollte ich da auch erst nicht hin. Aber dann haben wir uns dafür entschieden und ER sich dagegen. Wir haben gespielt, und es war ein Riesenspaß. Wir konnten den Fans zeigen, wie sehr wir ihre Unterstützung schätzen, die sie uns so lange ge- geben haben. Darum ging es bei der Aktion.

Und das Theater im Vorfeld? Eben, ob das der Auftakt zu einer Reunion oder einem neuen Album wäre? Wie bist du damit umgegangen?
Fuck! Das war die Hölle! Also wirklich unerträglich. Und das ging wirklich so, seit bekannt gegeben wurde, dass wir nominiert sind. Was einfach nur lästig war. Denn es ist ja nicht so, als wäre die Band noch zusammen – und wir treten da einfach auf. Sondern es musste kompliziert werden, weil die Fronten so verhärtet sind. Deshalb ist mir das monatelang auf die Nerven gegangen. Doch jetzt ist es vorbei. Und alles ist gut. Womit das Kapitel Guns N’Roses ein für allemal beendet ist.

Könntest du dir vorstellen, noch einmal mit den Jungs aufzutreten – unter welchem Namen auch immer?
Man sollte niemals nie sagen. Nur: Momentan habe ich daran kein Interesse. Zumal ich ja gerade dieses Album am Start habe – mit einer Band, mit der es fantastisch läuft. Warum soll ich das über den Haufen werfen, um mich an reiner Nostalgie zu vergehen? Das kann ich immer noch machen, wenn ich 70 bin. Aber hey, ich bin immer noch hungrig, und ich will mit Myles und den Jungs wirklich etwas erreichen. Das ist mein Ziel.