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Nach siebenjähriger Studiopause verzücken Social Distortion ihre ständig wachsende Anhängerschaft nun endlich mit dem Album Nummer sieben: HARD TIMES AND NURSERY RHYMES. Anlässlich der Veröffentlichung philosophiert Bandgründer Mike Ness mit CLASSIC ROCK über Seelenfrieden, Erfolg, Prioritäten, seine neue Produzentenrolle und den notorischen Zeitmangel.

Eingeflogen von einer immerwährenden US-Konzertreise, sitzt Mike Ness an einem tristen November-Vormittag in einem Berliner Hotel und beantwortet im 20-Minuten-Takt Fragen zum siebten Social Distortion-Album HARD TIMES AND NURSERY RHYMES. „Zu Hause stehe ich in der Regel früh auf“, widerspricht der Jetlag-geplagte Sänger, Gitarrist und Komponist zum Einstieg dem Punk-Klischee eines notorischen Langschläfers. „Doch momentan läuft meine innere Uhr wohl immer noch im Tour-Modus.“ In Hinblick auf ein Leben, in dessen Verlauf der am 4.4.1962 geborene Michael James Ness viele Spitzen erklomm und noch mehr Täler durchschritt, zählt unfreiwilliges Aufwachen um vier Uhr morgens zu den kleinsten Übeln: In Orange County aufgewachsen, setzte ihn sein Vater bereits im Alter von 15 Jahren vor die Tür. Inmitten turbulenter Tage und Nächte, die er auf den Sofas gutmütiger Freunde verbrachte, gab er 1979 Social Distortions Startschuss, tourte in den Achtzigern in einem ausrangierten Schulbus durch Nordamerika, überlebte unzählige Drogenexzesse und einen Entzug, verlor seine erste, krebskranke Tochter Vibiana im Alter von nur vier Jahren und Anfang des Jahrtausends Kindheitsfreund, Social Distortion-Mitbegründer und -Gitarrist Dennis Danell aufgrund eines Gehirn-Aneurysmas.

HARD TIMES AND NURSERY RHYMES prä-sentiert das Arbeiterklasse-Sprachrohr als einen Mann, der seine Fehler ausgiebig analysiert und akzeptiert hat. Die reflektierten Texte jedenfalls lassen die Hoffnung aufkeimen, dass Ness nach etlichen persönlichen Kämpfen heute zur Ruhe gekommen ist. „Zum größten Teil trifft die Einschätzung zu“, bestätigt er und grinst: „Ich arbeite wie ein Reporter: lebe einige Jahre lang vor mich hin und berichte anschließend auf einem Album darüber.“ Ein Paradebeispiel heißt ›Gimme The Sweet And Lowdown‹: Hierin wendet sich Ness an eine „unbestimmte“ Person, welche die gleichen Fehler macht, die er selbst vor langer Zeit beging. „Der Song drückt die Dankbarkeit darüber aus, bereits all das zu wissen, was der Angesprochene eines Tages auch erkennen wird“, kommentiert der Autor. In dem seit Jahren zum Bühnenrepertoire gehörenden ›Diamond In The Rough‹ besingt er wiederum eines der am schwierigsten zu erlangenden Güter menschlichen Seins: Seelenfrieden. „Es geht immer darum, die Balance zwischen allen Dingen des Lebens herzustellen“, beschreibt Ness die Versuche, seine innere Mitte zu finden. „Das Gleichgewicht zwischen Alleinsein, Zeit mit der Familie und der Karriere zu finden, scheint die größte aller Herausforderungen zu sein.“

Angesichts eines mit Evergreens wie ›Nickels And Dimes‹, ›Let It Be Me‹, ›Story Of My Life‹, ›Bad Luck‹ oder ›When The Angels Sing‹ gefüllten Hit-Fundus’ müsste Mike Ness spätestens seit den Neunzigern keine Platten mehr produzieren, sondern könnte bis an sein Lebensende mit einem Standard-Set lukrativ um die Welt tingeln. Viel-leicht ist es dieses Wissen, wahrscheinlicher je- doch sein perfektionistischer Hang, der ihn davon abhält. Er will schreiben, aber nicht um jeden Preis, was regelmäßig für lange Abstände zwischen den Veröffentlichungen sorgt. HARD TI- MES AND NURSERY RHYMES macht da keine Ausnahme: 2006 zum ersten Mal angekündigt, suchten Social Distortion – plus der für die Auf-nahmen angeheuerte Schlagzeug-Guru Josh Freese (A Perfect Circle) – erst im Februar 2010 ein Studio in Burbank auf. Die Warteperiode seit SEX, LOVE AND ROCK’N’ROLL (2004) hatte die Gruppe mit einer Greatest Hits-Sammlung und zahlreichen Auftritten überbrückt, bei denen sie – wie üblich – neue Stücke ausprobierte.

Einige der Live-Favoriten feiern auf HARD TIMES AND NURSERY RHYMES Konserven­premieren: beispielsweise die Gangster-Hymne ›Machine Gun Blues‹, der Stones-verwandte, mit einem ZZ Top-Solo abgeschmeckte Karriere­rückblick ›California (Hustle And Flow)‹ oder die Hank Williams-Interpretation ›Alone And For-saken‹. „Durch die Devise, mich nicht auf einen einzigen Stil festzulegen, fühlte sich die Arbeit stets frisch an. Ich wollte unsere Vielseitigkeit demonstrieren, fiktive und reale Geschichten, Licht- und Schattenmomente gegenüberstellen“, erinnert sich Ness. „Ein anderer Vorsatz lautete, meine Singstimme wieder verstärkt einzusetzen. In der Vergangenheit hatten mich Produzenten oft dazu angehalten, wütend zu klingen. Diese eindimen-sionale Herangehensweise ließ kaum Raum für Dynamik. HARD TIMES AND NURSERY RHY-MES selbst zu produzieren, ermöglichte mir uneingeschränkte und ablenkungsfreie Konzentration auf meine Ziele.“

Aufgewachsen mit Folk, Blues und Rock’n’Roll, entdeckte Ness in den Siebzigern durch die Ramones und Sex Pistols den Punk. Jene Einflüsse sowie seine große Faszination für Johnny Cash, Bob Dylan, Eddie Cochran und (den heutigen Social Distortion-Intimus) Bruce Springsteen be- scherten ihm in 32 Jahren Fans unterschied-lichster Herkunft. Ob Punk-, Rockabilly-, (Hard-)Rock-, Country-, Singer-Songwriter-, Metal- oder Mainstream-Radio-Konsumenten: Orange Coun-tys „Cow-Punker“ bringen jeden Fuß zum Wippen und jeden Kopf dazu, in Erinnerungen an lausige Jobs/Beziehungen, Knastaufenthalte, Karosserie-Fetische, Schlägereien, verlorene Freunde, aufreizende Frauen und weite Landschaften zu schwelgen.

Und das 2011 erfolgreicher als je zuvor: In den USA spielen Social Distortion nicht selten in ein und derselben Stadt bis zu 20 ausverkaufte Konzerte in Folge und verteidigen begehrte Stammplätze in Regalen hipper Teenie-Klamottenläden. Sich weder durch Kompositionen noch Scheitel noch Lippen-Piercings unterscheidende Jüng-linge kommen und gehen täglich – Social Distortion aber ziehen inzwischen Früh-Punks und deren (Enkel-)Kinder an. „Über dieses befremdliche Phänomen denke ich viel nach, da ich eine ähnliche Entwicklung bei noch keiner anderen Band bemerkt habe“, gibt sich der Vorreiter aller einsamen Cowboys verwundert. „Wir sind mit jedem Jahr einen Schritt weiter auf der Erfolgsleiter geklettert. Momentan stehen wir auf einer höheren Sprosse als je zuvor. Die Gründe dafür kenne ich nicht, aber ich weiß: Nichts davon war geplant, denn wir verfolgen keine Marketing-Strategien“, beteuert der Vegetarier und lacht: „Ich erkläre mir die steigende Popularität durch eine Art ,Fehler‘ – mit positiven Auswirkungen für uns.“

Für Bodenhaftung sorgen Gattin Christine Marie sowie die gemeinsamen Söhne Johnny und Julian. „Meine Familie steht an oberster Stelle, erst danach kommt die Karriere“, sagt der 48-Jährige. Reist Ness nicht gerade um die Welt, füllt er sein Haus im schönen Newport Beach, Kalifornien, mit (vorwiegend Vierziger- bis Sechziger-)Memorabilia. Außerdem betreibt er seit 2003 mit Kompagnon Don Nemarnik unter dem Namen Black Kat Kustoms einen Werkstattladen für heiße Reifen und ebensolche Accessoires. „Es wird immer schwieriger, Zeit für Arbeiten an Hot Rods, Kustom Cars, Choppern und T-Shirt-Designs zu finden“, räumt der von Kopf bis Fuß Tätowierte ein und grinst: „Ich kann nach einem Jahr auf Tour schließlich nicht nach Hause kommen und meiner Frau erzählen, ich sei die nächsten Wochen im Geschäft zu erreichen.“

In naher Zukunft wird sich Ness weiterhin nicht über zu viel Freizeit beschweren können: Unter anderem plant er für die Zeit nach einer „mehrjährigen HARD TIMES AND NURSERY RHYMES-Tournee“ ein Social Distortion-Akustik-Album, eine DVD-Dokumentation, einen dritten Country-Alleingang und eine Autobiografie.