Metallica at the Sonisphere Festival 2010Sonisphere, das Festival der großen Vier: Metallica, Megadeth, Slayer und Anthrax. Hinzu kommen etliche weitere Hochkaräter: Alice In Chains, Airbourne, Volbeat, Stone Sour und viele andere mehr. Der Rock-Zirkus macht in insge-samt elf europäischen Ländern Station, allerdings nicht in Deutschland. Aus diesem Grund reist CLASSIC ROCK mit dem Tour-Tross von Smoke Blow nach Jonschwil in der Schweiz – und wird dort Zeuge großartiger Auftritte, die jedoch von einer katastrophalen Organisation überschattet werden.

„Die Schweiz? Zu viel Regen…“ Ein scharfsinniges Urteil, das Metallicas Tourmanager genervt von sich gibt, als er am Donnerstagmittag die Apollo Stage im Jonschwiler Degenau Park betritt und die Lage checkt. Dabei müssen seine Schützlinge heute noch gar nicht ran – es besteht also noch Hoffnung, dass das Wetter sich bessert und alles gut wird.

Doch zumindest am heutigen Tag geht nichts mehr. Die Aufwärm-Party mit Job For A Cowboy, Exodus und Airbourne fällt völlig ins Wasser. Statt vor der Bühne zu rocken, stellen sich die Fans lieber in den angrenzenden Imbissbuden und dem Partyzelt unter. Verständlich, denn selbst Airbourne, deren Sänger Joel O’Keeffe heute auch auf seine berüchtigte Klettereinlage verzichtet, können einem nicht helfen, wenn man später nass bis auf die Unterhose im Schlamm-versunkenen Zelt liegen muss. Nur eine Handvoll Fans erfreut sich daher an den monsunartigen Eisregen-Schauern und der Schlammattacke. Doch als die PA mehrfach ihren Dienst versagt, weil sie nicht für Tiefsee-Tauchgänge ausgelegt ist, trotten auch sie mit langen Gesichtern davon.

Von denen gibt es am nächsten Morgen noch mehr, denn es bietet sich ein Anblick, der selbst hartgesottene Festivalgänger flüchten lässt – die ersten Fans reisen daher bereits jetzt ab, um der drohenden Lungen- oder Nierenbeckenentzündung zu entgehen. Vor der Saturn-Stage hat sich derweil ein mehrere Zentimeter tiefer See von der Größe eines Tennisplatzes gebildet. Vor der Apollo Stage, wo die Kieler Smoke Blow ihren Weckruf starten, sieht es nicht besser aus. Während die Stage-Crew verzweifelt versucht, die Wassermassen von der Bühne zu wischen, ziehen die Hardcore-Rocker ihren kurzen Auftritt durch. Denn die entscheidende Frage lautet: Rockstar oder Roggenbrötchen? Die Antwort: auf geht’s! Schließlich will niemand in der Band vergeblich 15 Stunden durch halb Europa gefahren sein. Für Smoke Blow geht trotz widrigster Umstände ein Traum in Erfüllung: Sie dürfen Metallica supporten! Und am Ende trägt ihr Sound-Kampf gegen den immer noch prasselnden Regen Früchte. Die Schweizer kriechen aus ihren Schlammzelten und würdigen rasante Rock-Bomben wie ›Alligator Rodeo‹ mit fettem Applaus.

Nach diesem ermunternden Auftakt bessert sich auch die Laune der Fans: Zwar ist die Open Air-Situation nach wie vor katastrophal – doch zumindest kommt nachmittags nach vier Tagen Dauerregen endlich einmal die Sonne raus. Metallica haben anscheinend die Hälfte ihrer Gage an den Wettergott abgetreten…
Als die kalifornischen Riff-Helden zu später Stunde die Bühne betreten, wird dann auch eines deutlich: Sonisphere ist nicht wie angekündigt das Festival der „Big Four“: Eigentlich müsste das Ganze „1 + 3“ heißen. Denn was Metallica inszenieren, hat natürlich nur noch wenig mit dem rohen, alkohol- und schweißgetränktem Thrash Metal ihrer Anfangstage zu tun.

Stattdessen finden sich im Metallica-Gepäck übergroße LED-Wände, Explosionen und jede Menge Bühnennebel. Dazu gibt es große Emotionen, die selbst die vermatschte Sonisphere-Gemeinde in wärmende Wallung bringt – selbst wenn heute niemand mehr die Kraft für frenetischen Jubel hat. James Hetfield gefällt das gar nicht: Der Fronthüne fragt immer wieder, ob die Leute schon schlafen würden bzw. überhaupt noch anwesend wären. Dabei darf er sich nun wahrlich nicht beschweren: Während die Fans zwölf Stunden im knöcheltiefen Bibber-Schlamm auf die Band gewartet haben, sind für die Herrschaften aus den Staaten zwei Stunden vor Showbeginn hinter der Bühne sogar noch einmal neue, von einer eigenen Security bewachte Holzwege verlegt worden.

Doch in musikalischer und showtechnischer Hinsicht kann der Metallica-Auftritt überzeugen: Der Gig ist ein derartiges Bühnenspektakel, dass man meint, gleich würde David Copperfield höchstselbst aus einer der Rauchwolken hüpfen. Jeder der vier Metallica-Musiker wird von einer eigenen Kamera verfolgt, so dass der Fan sie auch in den hinteren Reihen auf Schritt und Tritt beobachten kann. Pyros und Donnerschläge sorgen dann immer wieder für „Ooohs“ und „Ahhhs“ im Publikum. Einer der Höhepunkte: ›One‹. Die Bühne explodiert, rotes Feuerwerk erhellt den Jonschwiler Nachthimmel, und die rund 40.000 Fans liegen sich bewegt in den Armen. Danach mobilisiert die Metallica-Meute die letzten Kräfte und feiert die Klassiker ›Master Of Puppets‹, ›Fight Fire With Fire‹, ›Nothing Else Matters‹ und ›Enter Sandman‹ sowie den Zugabenblock mit ›Whiplash‹ und dem unverwüstlichen, fulminanten ›Seek & Destroy‹.

Nachdem der letzte Ton verklungen ist, macht sich die Erschöpfung und Frustration breit. Das Gros der Sonisphere-Besucher will nur schnell nach Hause – doch die meisten schaffen es nur mit Müh und Not bis zu ihrem Auto. Das ist jedoch inzwischen im Schlamm versunken, so dass nur noch ein Trecker helfen kann, und der kostet zum Teil horrende Summen.

Ein paar Unerschütterliche entschließen sich daher, noch zu Volbeat oder den Wikinger-Bangern Amon Amarth abzufeiern, obwohl sie sich insgeheim auch ins trockene Zuhause zurückwünschen. Dennoch ist das die clevere Lösung, denn in punkto Abfahrt geht kaum etwas vorwärts. Die Stimmung sinkt endgültig auf den Tiefpunkt. So hagelt es in den nächsten Tagen Beschwerden auf der Veranstalter-Website, viele davon zu Recht. Zwar kann niemand das Wetter beeinflussen, und eine Absage hätte auch niemandem genützt – doch die Möglichkeiten, das Event noch zu retten, sind nicht ausgeschöpft worden. Verlegung von Platten vor den Bühnen, was schon im Vorfeld möglich gewesen wäre, ist hier nur ein Beispiel. So bleibt nach dem Jonschwil-Sonisphere ein bitterer Nachgeschmack, denn die Probleme sind allesamt auf dem Rücken der Fans ausgetragen worden – und das ist schlichtweg nicht tragbar.

Thorsten Zahn

RANDNOTIZEN

Die Fans feiern ihn, und ihm gefällt es offensichtlich. Anthrax-Fronter Joey Belladonna flitzt über die Bühne, und bei ›Indians‹ rasten alle aus. Und das nicht nur wegen der Karnevals-Federn, die sich Belladonna ins Haar steckt – die übrigens nach einem Ritt über die Bühne wieder ins goldene Köfferchen kommen. Lustig: Fürs Ein- und Auspacken der Federn haben Anthrax einen eigenen Mitarbeiter.

Die Grunge-Überlebenden Alice In Chains spielen einmal mehr ein unglaubliches Set. Stimmlich perfekt liefern Band-Chef und Gitarrist Jerry Cantrell & Co. mit Songs wie ›Dam That River‹, ›Check My Brain‹, ›Would?‹ und ›Rooster‹ einen Hit nach dem anderen. Ein Höhepunkt des Festivals, während auf den Leinwänden parallel ein Tiefpunkt des deutschen Team-Fußballs zu sehen ist: Deutschland verliert 0:1 gegen Serbien.

Motörhead-Boss Lemmy Kilmister wirkt ein bisschen müde, rockt das Set aber routiniert runter. Gitarrist Phil Campbell übernimmt einfach die Ansagen und bemerkt dabei gar nicht, wie sein Amp-Turm umfällt, den der Drum-Tech beim Basteln an Mikkey Dees Schlagzeug mit dem Hinterteil umgestoßen hat. In letzter Sekunde stürzt ein beherzter Mitarbeiter der Stage Crew heran und fängt das Top-Teil auf. Die Show geht ohne Unterbrechung, so schnell lassen sich Songs wie ›Stay Clean‹, ›Metropolis‹ oder ›Ace Of Spades‹ nicht aufhalten.

Stone Sour stellen einmal mehr unter Beweis, dass sie den großen Sprung nach vorne schaffen können. Die neuen Songs ›Mission Statement‹, ›The Bitter End‹ und ›Digital‹, die Stone Sour heute schon vom neuen Album AUDIO SECRECY spielen, haben es auf jeden Fall gewaltig in sich – sehen die Fans auch so.

Dave Mustaine zieht mit Megadeth ein Top-Set ab – mit ›Hangar 18‹ und ›Symphony Of Destruction‹ als Höhepunkte. Abseits der Bühne gibt er sich auch cool: Auf die Frage, wie es mit Metallica und speziell Lars Ulrich läuft, antwortet er: „Ich bin nicht hier, um eine Beziehung zu retten – ich will vielmehr eine neue aufbauen.“