Viele namhafte Musiker gehen fremd und beackern künstlerische Felder, die mit ihrem Hauptberuf rein gar nichts zu tun haben. Standen im ersten teil primär Maler, Fotografen und Schriftsteller im Mittelpunkt, so sind diesmal ausschließlich Bild-Künstler an der reihe ein kunterbunter Mix.

Gruppengründungen nach Kunststudium

Einer professionellen Betätigung als Bildender Künstler geht häufig eine entsprechende Ausbildung voraus. Gewiss überproportional viele Kunst-, Architektur und Designstudenten haben namhafte Bands gegründet: Ray Davies etwa (schrieb 1995 die semifiktionale Autobiographie „X-Ray“), Absolvent des Londoner Hornsey Col-ege Of Art, rief The Kinks ins Leben. Kunststudent Eric Burdon gründete The Animals. Roger Waters lernte während des Architekturstudiums an der Polytechnischen Hochschule in London Richard Wright und Nick Mason kennen – die Basis für Pink Floyd. Brian Eno besuchte vor der Formierung von Roxy Music die Ipswich Art School und Winchester School of Art, wogegen Bandkollege Bryan Ferry ein Kunststudium an der Universität von Newcastle upon Tyne vorweisen konnte und sogar als Kunstlehrer angestellt war. Mark Almond (belegte Kurse für Kunst und Design am Southport College) formierte Soft Cell. Kevin Godley und Lol Creme (aktuell bei der Supergruppe The Producers aktiv), die späteren Gründer von 10cc, kamen auf einer Kunstschule miteinander in Kontakt. Dort lernten sie das nötige Handwerk, um später Regie zu führen bei wegweisenden Musikclips für The Police, Duran Duran, Frankie Goes To Hollywood und die rabenschwarze, irrwitzige Rockbusiness-Comic- Satire „The Fun Starts Here Out-Takes From A Rock Memoir“ zu realisieren. The Talking Heads waren mit David Byrne, Chris Frantz, Tina Weymouth sogar hochkarätig akademisch besetzt, nachdem sie Mitte der 70er Jahre an der gemeinsam besuchten Rhode Island School Of Design zusammengefunden hatten.

BAP-Boss Niedecken: Kunst als Zufallsproduckt

Der Anteil der Art-School-Absolventen im Musikbiz hat sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert. So ist der in Rinteln/Niedersachsen geborene Blur-Gitarrist Graham Coxon ebenfalls ein ehemaliger Kunststudent, während The Farm-Saitenspezialist Carl Hunter Graphik studiert hat. Gleiches gilt für Wolfgang Niedecken. Jahre vor der Gründung von BAP im Jahre 1976 studierte der Kinks-Fan zwischen 1970 und 1974 Freie Malerei an der Fachhochschule Köln. Dem Examen folgte eine fünfjährige Tätigkeit als freischaffender Künstler, inklusive eines Auslandsaufenthaltes bei Larry Rivers und Howard Kanowitz in New York. Rivers, einer der Gründerväter der Pop-Art, und Kanowitz, der mit seinen fotografischen Vorlagen in ungewöhnlichen Ausschnitten zu den wichtigsten Vertretern des Fotorealismus zählt, wurden stilprägend für Niedecken. Deshalb bezeichnet der Kölner er verfasste „Vom Umgang mit Material und Farbe“, Untertitel des Buches „Pissjääl & Kackbrung“ (Steidl Verlag) selber seine oftmals dreidimensionalen Arbeiten, die mitunter Polaroidfotos, Briefpapier und alltägliche Objekte beinhalten, als „eine Mischung aus Concept Art, Collagen und Malerei“. Ein Bild entsteht bei ihm „nicht durch zwanghaftes Nachdenken, sondern rein zufällig“. Das gilt ebenfalls für „Liebe Inge, Schöne Grüße“ „eine Art in sich geschlossenes Tagebuch, welches bekritzelte Tageszeitungen und Postkarten an meine Galeristin beinhaltet“. Während das ein Meter 50 mal zwei Meter 50 große Original längst für rund 9.000 Euro verkauft wurde, ist es als Cover von Niedeckens Solo-Einstand SCHLAGZEITEN wesentlich preiswerter zu erwerben.

02_Coverkunst The WhoCoverkunst selbstgemacht

Wer Bildnachweise und Danksagungen auf den Hüllen vieler Alben eingehender betrachtet, der wird oftmals feststellen, dass die Artworks von den Musikern selber kreiert worden sind. Ein paar Beispiele, bunt gemischt: Bassist John Entwistle zeichnete das Cover des Longplayers THE WHO BY NUMBERS, Nick Mason das der frühen Pink-Floyd-Compilation RELICS. Cat Stevens malte TEASER AND THE FIRECAT, Kurt Cobain gestaltete das Cover der Nirvana- CD INCESTICIDE, dEUS-Gitarrist Rudy Trouve die Verpackung ihres Debüts WORST CASE SCENARIO. Sinead O’Connor griff zu Farbstiften für UNIVERSAL MOTHER. Aus Joan Baez’ Feder stammt nicht nur das Cover zu ANY DAY NOW, die Folk-Ikone illustrierte auch jeden der darauf enthaltenen „Songs Of Bob Dylan“. Elvis Costello verantwortet das Artwork zu BLOOD & CHOCOLATE. Chris Rea zeichnet nicht nur für den BLUE GUITARS-Einband verantwortlich, sondern auch für die vielen Gemälde in der mit elf CDs plus DVD bestückten Box (earBOOKS/edel). Die US-Singer/Songwriterin Joni Mitchell wiederum hat diverse Hüllen ihrer Alben selbst gemalt, was zur Folge hatte, dass sie ihre künstlerischen Arbeiten mittlerweile längst international ausstellen kann. Auf ihrer Homepage erklärt sie: „Ich bin zuerst Malerin und dann Musikerin“. Auf vielen Hochzeiten tanzt auch Helge Schneider. Die Zeichnungen des bekanntlich vielseitig begabten Unterhaltungskünstlers, für die Einfachheit und ein rasanter Stil typisch sind, finden sich auf den Cover fast all seiner CDs (häufig zudem auf Konzertplakaten), wobei Lieder oft illustriert oder Bandmitglieder karikaturhaft porträtiert werden.

Gitarrist John Squire (konzentriert sich seit 2007 ausschließlich auf die Malerei) bediente sich für das Cover der Stone-Roses-Alben unübersehbar bei Jackson Pollock. Der Grund ist einfach: Angesichts der Tatsache, dass Pol- locks Gemälde „No. 5, 1948“ das derzeit teuerste Bild der Welt sein soll, lässt Squire wissen: „Wir konnten uns die Originale nicht leisten!“

Ganz andere Beweggründe trieben Perry Farrell um. Der Sänger ließ sich für die Motive auf den CD-Hüllen der Alternative-Rocker Jane’s Addiction von Skulpturen und Collagen inspirieren, die er erstellt hat. Die Motive sind stets unkonventionell und ziehen dadurch Aufmerksamkeit auf sich. Sie stellen den weiblichen Körper in den Mittelpunkt und drehen sich um die bigotte Moraleinstellung der Amerikaner. Um das Schocken geht es auch Paul Allender. Der Gitarrist sowie Komponist von Cradle Of Filth entfremdet am PC mit dem Photoshop-Programm die Aufnahmen der Fotografin Cindy Frey. So entsteht die zum Black-Metal-Sound der britischen Band passende ebenso düster-brutale, wie verführerische Verpackung. Damit alles aus einem Guss ist, kümmert sich Allender auch um das Erscheinungsbild ihrer Webseite, die animierten DVDs und das spezielle T-Shirt-Design.

03_Bob_Dylan -Self_PortraitBob Dylan: Zeichnen, was man sieht

Ganz altmodisch hingegen ging 1970 Bob Dylan vor und machte kurzen Prozess. Seinen Worten zufolge fertigte er binnen fünf Minuten das Cover von SELF PORTRAIT. Zwei Jahre früher hatte er schon das Cover für das Debüt-Album MUSIC FROM BIG PINK seiner langjährigen Begleitgruppe The Band gemalt. 1973 veröffentlichte Dylan das 368 Seiten starke Buch „Writings And Drawings“, das neben Texten auch Zeichnungen von ihm enthält. Zeichnungen, die er während seiner „Never-Ending-Tour“ durch die USA, Mexiko, Europa und Asien zwischen 1989 und 1992 erstellt hat, sind in „Drawn Blank“ (1994) zusammengefasst. Das 2008 erschienene „The Drawn Blank Series“ bietet auf 287 Seiten Kolorierungen (mit Aquarellfarben und Gouache) jener Bilder des Vorgängerbuches, die ursprünglich vorwiegend in Bleistift und Kohle angefertigt worden waren (2007 in den „Kunstsammlungen Chemnitz“, zu sehen; 300-Seiten-Katalog dort für € 25 zzgl. Versand erhältlich). Wie Dylan dabei ursprünglich verfahren ist, schildert er im Vorwort der Erstausgabe. Verwiesen wird dort auf einen Kunstprofessor, der ihm empfohlen hat, ganz einfach das zu zeichnen, was er sieht und zwar auf eine Art und Weise, die unmissverständlich alles ausdrückt, wozu einem die Worte fehlen. Sprachlos waren viele Dylan-Fans 2011, als sich bei der ersten Ausstellung von ihm in New York (Titel: „The Asian Series“) Folgendes herausstellte: Konträr zu Dylans Behauptung, dass eigene Beobachtungen die Grundlage seiner 18 Gemälde von Reisen durch Japan, China, Vietnam und Korea gewesen seien, hatte er offensichtlich in sechs Fällen bei dem Bilderportal Flickr bereits existente Fotographien als Vorlage benutzt und diese schlichtweg kopiert!

Paul Roberts: Geschichtenerzähler

Mit eigenen Arbeiten die Hüllen seiner Tonträger zu gestalten, das tut Paul Roberts, seitdem er Platten einspielt. Sein Bild „Fickle Heart“ zierte bereits das gleichnamige Debüt seiner Band Sniff’n’ The Tears. Als die Single-Auskopplung ›Driver’s Seat‹ 1978 erstmalig in die Charts schoss, wurde der Sänger/Gitarrist zusätzlich als Maler europaweit bekannt. Breitenwirksam ist Roberts’ Gemälden nicht abzusprechen. „Ich erwarte von einem Bild, dass es mich als Betrachter magisch anzieht und sofort fesselt“, betont das Multitalent. Genau das möchte der Sohn einer Künstlerfamilie („Meine Eltern haben beide gemalt“) mit seinen meist zwei mal zwei Meter großen Werken erreichen. Vorbilder sind für ihn, der sich als realistischer Maler versteht, Diego Velasquez, Otto Dix, George Grosz und Francis Bacon: „Ich versuche gleichzeitig etwas zu dramatisieren wie zu vereinfachen“.

Paul Roberts hat in seiner künstlerischen Entwicklung verschiedene Phasen durchgemacht. „Während der späten 70er beeinflussten mich Comicstrips und Groschenromane; deswegen war meine Sichtweise damals sehr durch Bildausschnitte geprägt. Außerdem habe ich viel mit Models gearbeitet, eine Situation fotografiert und diese Vorlage als Ausgangspunkt meiner Malerei benutzt. Weil mir das jedoch irgendwann zu eintönig war, habe ich von der konstruierten Darstellung mehr zu einem vielleicht etwas zynischen Karikatur-Stil gewechselt.“

Interessant ist, dass der Brite zwischen Bildender Kunst und Musik keine Verbindung sieht, sondern sie sogar als grundlegend unterschiedliche Ausdrucksformen betrachtet: „Etwas Gemaltes kann entweder inspirierend oder schlicht dekorativ sein, aber es bleibt stets nur der bildliche Weg des Informationstransfers. Musik dagegen ist, weil sie sofort ins Ohr geht, der wesentlich emotionalere Weg für Kommunikation.“ Da hat er zweifelsohne Recht, obwohl gerade seine Songtexte eine hohe visuelle Qualität auszeichnet. Würde dieses Argument mit in Betracht gezogen werden, „dann könnte man durchaus sagen, dass ich mit Hilfe von Worten Bilder entwerfe“. Seine Gemälde wiederum reizen den Betrachter, sich dazu Geschichten auszumalen. Der Kreis schließt sich.

Hatte Roberts er bevorzugt Ölfarben auf Leinwand lange die Themenschwerpunkte „Menschen im Verhältnis zu ihrer Umwelt und der Einfluss der Massenmedien auf das Leben“ favorisiert, so beschäftigen ihn seit geraumer Zeit Rollenspielsituationen oder wie er sagt „menschliche Ängste und die Schwierigkeiten, mit sich selbst und anderen klarzukommen.“ Keine Probleme indes hat die renommierte Galerie von Nicolas Treadwell in Aigen im Mühlkreis/Österreich mit dem Absatz von Paul Roberts’ zwischen zwei und siebentausend Pfund teueren Bildern. Da die Nachfrage größer ist als das Angebot, kann sich Roberts sicher sein, „immer dann mit der Malerei meinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn ich nicht gerade im Studio oder auf Tournee bin.“ Dennoch steht für ihn fest: „Bei mir wird die Musik immer vor der Malerei kommen!“

Captain Beefheart: Nur die Kunst zählt

Eine eindeutige Entscheidung für die Kunst hat indes Captain Beefheart getroffen. Dem wegen seiner unorthodoxen Techniken wie Malen in völliger Dunkelheit bekannten und für Acts wie Tom Waits, Talking Heads, Sonic Youth, XTC & Co. einflussreichen Avantgardisten/Egozentrikers gelang unter seinem bürgerlichen Namen Don Van Vliet, was den wenigsten als Musiker bekannten Malern beschieden war: Lob seitens der offiziellen Kunstkritiker! Sie hielten ihn wegen seiner abstrakten Bilder, die eine wilde Mischung aus Expressivität und kindlichem Trotz kennzeichnet, für einen der kreativsten zeitgenössischen Künstler. Gegenüber „ME/ Sounds“ erklärte der Kalifornier: „Ich habe mehr als ein Dutzend Platten veröffentlicht, das reicht eigentlich für zwei Leben. Ab und zu spiele ich für mich auf meiner Bass-Oboe, aber mit dem Malen bin ich viel glücklicher. So leiste ich mir den Luxus, zwei Drittel meiner Bilder nach dem Malen weg zu schmeißen und die restlichen für ein Schweinegeld zwischen 10.000 und 35.000 US-Dollar zu verkaufen!“

Paul Stanley: Drei Millionen US Dollar Umsatz

Bis zu 50.000 US-Dollar teuer sind die Originale jener Gemälde, die Paul Stanley herstellt. Der Gitarrist/-Sänger von Kiss, der die High School Of Music And Arts in New York besucht hat, beschäftigt sich seit 2001 wieder intensiver mit der Malerei. „Ich habe fernab der Musik einen Weg gesucht, mich auszudrücken“, erklärte er im Interview mit einem amerikanischen Fernsehsender. „Am Anfang malte ich nur so zum Spaß für mich. Als ich dann ein nicht signiertes Werk von mir daheim aufgehängt hatte, wurde ich erstmals gefragt, ob es zu verkaufen sei. So begann alles“. Mittlerweile ist für Stanley aus seiner musikfernen, künstlerischen Beschäftigung ein einträgliches Geschäft geworden. Allein 2008 wurden Gemälde und Skulpturen aus seiner Werkstatt in einem Gesamtwert von drei Millionen Dollar verkauft – meist an professionelle Sammler! Als Maler ist der Amerikaner, der neben Portraits der Kiss-Kollegen primär geometrische Formen fertigt, dem abstrak- ten Expressionismus der 40er und 50er Jahre zuzuordnen einer Kunstrichtung, die von Meistern wie Kandinsky, Mondrian und Paul Klee geprägt wurde.

Stu Stutcliffe: Malen statt Bass spielen

Zugunsten einer Künstlerkarriere traf dagegen Stu Sutcliffe (1940-1962) eine folgenschwere Entscheidung: Der nicht sehr talentierte Bassist beendete seine kurzzeitige Mitgliedschaft bei den Beatles und konzentrierte sich ganz auf seine Aktivitäten als Maler, dessen Stil sich anfangs am abstrakten Expressionismus orientierte und später gefühlvoller wurde. Talent war vorhanden, eine Karriere im Kunstbetrieb wurde leider durch seinen frühen Tod durchkreuzt.

05_Klaus Voormann @ Klaus VoormannKlaus Voormann: Bass spielen statt malen

Den umgehrten Weg, vom Graphiker zum Musiker, wollte Klaus Voormann gehen. Er kaufte Ende 1961 den Höfner-Bass von Stuart Sutcliffe, als sich dieser aus der Musik zurückzog. Der gebürtige Berliner hoffte, bei den Beatles einzusteigen. Daraus ist bekanntermaßen nichts geworden. Voormann, der dann in der Band von Manfred Mann spielte, wurde dennoch einer ihrer engsten Freunde und durfte bei diversen Soloprojekten von John Lennon (IMAGINE), Ringo Starr (RINGO) und George Harrison (ALL THINGS MUST PASS, CON- CERT FOR BANGLA DESH) den Viersaitigen spielen. Voormann, geboren 1938, der erst in Berlin, dann in Hamburg Kunst studiert hatte und als grafischer Designer sowie Illustrator arbeitete, entwarf 1966 während seiner Zeit in London das Cover für das Beatles-Album REVOLVER, auf dem er selbst am rechten Rand der Titelcollage zu sehen ist und das ihm 1967 einen Grammy für die beste Schallplattenhülle einbrachte. Was jener Deutsche, der unter anderem auf dem Lou-Reed-Album TRANSFORMER mitwirkte und von dem das markante Bass-Intro zu Carly Simons Hit ›You’re So Vain‹ stammt, alles erlebt hat, ist auf den 328 Seiten des reich bebilderten Buches „Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John?“ (Heyne) nachzulesen.

Bowie als bildender Künstler? Unfähig!

Der Griff zu Pinsel, Griffel, Kamera, Keramik oder sonstigen Materialien konfrontiert erfolgsverwöhnte Stars oft mit bis dahin unbekannten Realitäten. Dann nämlich, wenn sie auf Kritikerlob hoffen oder ihre Werke in Bargeld umsetzen wollen. Beispielsweise erzielten Kunstdrucke der depressiv-expressionistischen Bilder von David Bowie 1991 bei einer öffentlichen Versteigerung in New York mit 500 US-Dollar das schlechteste Ergebnis. Auch die Londoner „Mini-Retrospektive 1975-95“ des ehemaligen Art-School-Absolventen, der inzwischen auch Computergraphiken mit afrikanischen Motiven (inspiriert durch seine zweite Frau, das somalische Model Iman Abdulmajid), verchromte Kopfskulpturen, futuristische Kohlezeichnungen im Stil des provokanten, extrem teueren Gegenwartskünstlers Damien Hirst sowie traditionelle Blümchenmuster-Tapeten für das Einrichtungsunternehmen Laura Ashley gefertigt hat, stieß auf wenig Gegenliebe. Die renommierte Tageszeitung „The Guardian“ bescheinigte dem Macher, der sich an Egon Schiele, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Marc Chagall orientiert, „Seelenlosigkeit, mangelnde Originalität, kurz: ziemlich unfähig“ zu sein. „Bowies Kunst ist ein Rückfall in den groben Expressionismus der 80er Jahre mit aggressiver Gestenmalerei, auf die viele Maler zurückgreifen, um ihre technische Unzulänglichkeit zu verdecken. Insofern ist Bowie kein besserer Maler als Prinz Charles. Beiden mangelt es zwar an Seele und Originalität, aber zumindest ist der Thron- folger technisch vollendet.“ Der gnadenlose Verriss des Kunstkritikers James Hall hinderte den schwerreichen Werbeguru und Kunsthändler Charles Saatchi allerdings nicht daran, zwei Originale von Bowie zu erwerben. Letzterem geht es bei seinen Aktivitäten als Bilden- der Künstler nicht um eine neue Einnahme- quelle, gilt er doch mit einem geschätzten Vermögen von 900 Millionen Euro als einer der reichsten Künstler weltweit. Bowie („Ich bin kein Sonntagsmaler! Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens!“) engagiert sich gerne sozial. Deshalb stiftete er eines seiner Werke für die „War Child Charity“ eine spezielle Aktion, bei der alle zu diesem wohltätigen Zweck eingereichten Arbeiten in Verbindung zu einem Musiker oder einer Band stehen mussten. Das Ganze unterstützt haben Bono, Kate Bush, Bryan Ferry, Lou Reed und Yoko Ono sowie Paul McCartney.

06_Dieter Meier_portrait (1)Dieter Meyer: Kreatives Multitalent

Bereits bevor Dieter Meier als Sänger der 1979 gegründeten Elektro-Pop-Pioniere Yello inter- national populär wurde, war er als Künstler in vielen Bereichen kreativ: Theaterautor, Poet, experimenteller Filmemacher und Performance-Artist, der beispielsweise zum Concept-Art-Programm der documenta 5 in Kassel 1972 einen Beitrag lieferte. Der schwerreiche Sohn einer Schweizer Bankiersfamilie, der heutzutage in Argentinien die Ojo de Agua-Farm besitzt, dort Fleisch und Wein (beides mit Bio-Zertifikaten) produziert sowie in Zürich die moderne Brasserie „Bärengasse“ unterhält und zur Kon- zeptkunstgruppe Association des Maîtres de Rien gehört, war seit seiner Geburt 1945 höchst facettenreich produktiv. Welch enorme Band- breite sein vielfältiges Schaffen umfasst, machen „Out Of Chaos ein autobiographisches Bilderbuch“ (Edel, € 36) und die mit einer DVD bestückte Monographie „Works: 1968 2011 and the Yello Years“ (Buchhandlung Walther König, € 58) anschaulich. Über sein Schaffen sagt der geistreich charmante Künstler: „Alles dient der Freude an der Selbsterkenntnis im Sinne des wunderbaren Michel de Montaigne.“

McCartney als Maler? Unbekannt!

Der Ex-Beatle beschäftigt sich, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, seit 1983 mit Öl- und Acrylmalerei. „Beeinflusst durch die amerikanische Avantgarde des Abstrakten Expressionismus, seinen Freund Willem de Kooning, einem Wegbereiter des Action Pain- tings, und seine Verehrung für den Surrealis- ten René Magritte“, weiß Wolfgang Suttner als Ausstellungsinitiator, „entstanden in McCart- neys Ateliers mittlerweile Hunderte von groß- formatigen Gemälden. Sie tragen zum Teil autobiographische Züge. Neben abstrakten Bildkompositionen bilden Portraits und Land- schaften, aber auch Karikaturen den themati- schen Kern seines Schaffens.“ Von Pauls welt- weit erster, allgemein zugänglicher Präsentati- on der „Paintings“ (1999 im Kunstforum Lÿz, Siegen) sind noch Plakate (6 Euro) sowie der 142-seitige Katalog (20 Euro, jeweils zzgl. Ver- sand, Kontakt: Tel. 0271.333-2590) erhältlich.

08_John Lennon Brief 6_An Stuart Sutcliffe @ John Lennon Letters © Yoko Ono Lennon 2012 (2)John Lennon: Karrikaturen & Satire

Yoko Ono, zweite Ehefrau von McCartneys Beatles-Partner John Lennon, hatte einen ganz anderen künstlerischen Ansatz. Die japanisch-amerikanische Künstlerin, Filmemacherin, Komponistin experimenteller Musik und Sängerin gilt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Fluxus-Bewegung. Dort zählt nicht das Kunstwerk im herkömmlichen Sinne, sondern einzig die schöpferische Idee. Zu Lebzeiten beteiligte sich Lennon, zusammen mit Yoko, verschiedentlich an solchen Projekten. Sie standen in krassem Gegensatz zu dem, was er einst gemacht hatte. Bereits im Kindesalter hatte John Lennon gezeichnet (vielfach Karikaturen) und meist satirische Texte voller Wortspiele geschrieben. Ein paar Jahre, nachdem er aus dem Liverpooler College Of Art geworfen worden war, veröffentlichte Lennon 1964 sein erstes Buch: „In His Own Write“ versammelt Kurzgeschichten, Gedichte, Schauspiele und Zeichnungen. „Bemerkenswert und außergewöhnlich lustig“, urteilte „The Times Literary Supple- ment“. 1965 erschien „A Spaniard In The Works”. Nach Lennons Tod am 8.12.1980 wurden diese Bücher veröffentlicht: „Skywriting By Word Of Mouth“ (deutsche Ausgabe: „Zwei Jungfrauen oder wahnsinnig in Dänemark“, Econ Verlag), „Ai: Japan Through John Lennon’s Eyes: A Personal Sketchbook“ und „Real Love: The Drawings For Sean“. Das Booklet zu THE BEATLES ANTHOLOGY beinhaltet ebenfalls Zeichnungen sowie Schriftstücke aus seiner Feder. Dass John selbst seine privaten Briefe, Postkarten und Notizen als kleine Kunst- werke gestaltete, ist auf den 414 Seiten des Prachtbandes „The John Lennon Letters“ (Piper Verlag, € 39,99) zu bewundern, der zahlreiche außergewöhnliche Fotos und Faksimiles enthält.

Ringo Starr: Zeitvertreib am PC

Nicht unerwähnt darf im Beatles-Kontext bleiben, dass ihr Schlagzeuger Ringo Starr ebenfalls künstlerisch aktiv ist. „Ich erstelle meine Werke hauptsächlich am Computer“, erklärt der Bewunderer von Rembrandt, van Gogh und des Pop-Artisten Peter Max. „Angefangen habe ich damit in den späten Neunzigern, während ich auf Tournee war. Dank dieser Beschäftigung hatte ich während des Aufenthalts in Hotels etwas zu tun.“ Bemerkenswert ist, dass sämtliche Erlöse aus dem Verkauf von Ringo Starrs Bildern an die Lotus Foundation Charity gespendet werden.

Superseller Summer

Während Bowie als Künstler kein Kassenknüller ist, konnte Donna Summer zu Lebzeiten voll absahnen. Was die Disco-Ikone oft auf die Schnelle im Tourbus an „Hot Stuff“ in Acryl oder Wasserfarben produzierte, vergleichen Kunstkenner nicht nur mit Picasso oder Degas, sondern ist zu Preisen zwischen 15.000 Euro (Ölgemälde) und 100.000 Euro (Skulpturen) auch ein Objekt der (Kauf)Begierde. Nach ihrem Ableben am 17. Mai 2012 soll ein Summers-Werk sogar den Spitzenpreis von einer Million US-Dollar erzielt haben! Urteil der Münchner Galeristin Andrea Tschechow: „Promi-Kunst ist Fetisch! Leute, die solche Summen zahlen, stammen nicht aus der Kunstszene. Dort hat Donna Summer nämlich keinerlei Bedeutung.“ Die Frau, die das feststellt, muss es wissen. Andrea Tschechow hat 1988 mit der Ausstellung von 30 Zeichnungen (um 1.500 Euro) sowie zehn Öl-Gemälden (ab 10.000 Euro) der Jazz-Trompeter-Legende Miles Davis bundesweit für Furore gesorgt. Die Davis-Arbeiten waren bei ihr nicht deswegen zu sehen, weil bekannte Namen ein zugkräftiges Aushängeschild für Galerien sind, „sondern weil sie uns in ihrer freien Art gefallen haben“. Trotz der enormen Publicity sind schätzungsweise nur rund drei Prozent der Besucher reine Musikfans gewesen!

09_Marilyn MansonMarilyn Manson: Appetitmacher

Zu dem Thema, dass bei derartigen „Trophäenbildern“ die Prominenz des Künstlers oft höher bewertet wird als die tatsächliche handwerkliche Qualität und allein dadurch bisweilen hohe Preise erzielt werden, meint Tschechow: „Leute, die deswegen etwas kaufen, geht es nur um die Person. Ihnen ist es egal, ob es ein Hemd oder Gemälde des VIPs ist.“ Einen ganz anderen Aspekt erkennt indes Marilyn Manson. Im Gespräch mit dem „Metal Hammer“ über seine Aquarell-Malerei, deren Originale für Preise zwischen 2.500 und 40.000 Euro über die eigene Homepage zu erwerben sind, wies der Schock-Rocker auf eine mögliche positive Nebenwirkung seiner Werke hin: „Ich bin ziemlich stolz darauf, dass sich meine jüngeren Fans so für meine Kunst interessieren. Sie wären sonst eventuell nie zu einem derart frühen Zeitpunkt mit Kunst in Berührung gekommen. Vielleicht wird sie das ermutigen, sich auch andere Sachen anzuschauen!“