Spiritual Beggars 2013 (10)

 

Früher hat er sich bei Interviews gern Antworten ausgedacht. Frei erfundenen Kram erzählt. Jetzt bleibt Sharlee D‘Angelo lieber bei der Wahrheit. Dass die auch ganz schön spannend sein kann, beweisen der Bassist und die übrigen Spiritual Beggars auf ihrem achten Geniestreich EARTH BLUES. Der erscheint rekordverdächtig schnelle zweieinhalb Jahre nach dem letzten Album der Schweden und begeistert mit höchstem Riffgenuss, Hook-Feuerwerk und massig Spielfreude, schlägt inhaltlich aber ernste Töne an. Ganz wie in den Siebzigern eben. Mit den derzeit angesagten Retro-Bands möchte Sharlee dann aber doch nicht verglichen werden.

Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig wir eigentlich mit diesen ganzen Retro-Bands dieser Tage zu tun haben. Wir haben einen gänzlich anderen musikalischen Ansatz und verfolgen völlig andere Ziele. Damit meine ich noch nicht mal, dass wir einen eigenständigen Songwriting-Stil haben. Den sollte schließlich jede Band mit einem Quäntchen Eigenständigkeit mitbringen.

Dann magst du es bestimmt auch nicht, wenn man Spiritual Beggars als Supergroup bezeichnet, oder? Mit Mitgliedern von Arch Enemy, Carcass oder Carnage ist das zumindest naheliegend…
Dieses Wort Supergroup ist von einem romantischen Dunst umgeben. Es klingt groß, gewichtig, fundamental – und das war es ja auch, als dieser Begriff in den Sechzigern geprägt wurde. Damals hatte dieser Terminus durchaus seine Daseinsberechtigung, heute sehe ich das etwas anders. Wir beispielsweise spielen eben zufällig noch in anderen Bands – und einige dieser Bands sind bis zu einem gewissen Grad auch erfolgreich. Das Lustige ist jedoch, dass Spiritual Beggars vor all den anderen Bands existierten. Wir sind also eher das Gegenteil einer Supergroup.

Was macht die Magie des Bandgefüges aus?
Was alles so viel einfacher macht, ist, dass wir alle ein Haufen riesiger Musik-Nerds sind. Für niemanden von uns gibt es etwas Interessanteres als Musik. Wir haben keinerlei Hobbys außer der Musik, und immer, wenn wir ein wenig Freizeit von unseren Bands haben, machen wir dennoch Musik. Wir sind ein Haufen idiotischer Vinyljünger, die ein sehr einseitiges Leben führen. (lacht) Das schweißt uns zusammen und macht unser Zusammenspiel so harmonisch und organisch. Wenn einer mit einem neuen Riff ankommt, wissen alle gleich, wo er das her hat und wie es weitergehen kann. Wir werfen uns dann seltsame Song- oder Musikernamen an den Kopf, wenn wir denken, dass jetzt ein gewisses Thin-Lizzy-Feeling von Nöten wäre. Für Außenstehende müssen wir wirken wie ein Haufen Verrückter. Aber genau das macht es aus.

Am Anfang des Produktionsprozesses von EARTH BLUES stand eine achttägige Jamsession. Ist das eure bevorzugte Arbeitsweise im Studio oder im Proberaum?
Wir jammen häufig zusammen, ja. Bei den Proben spielen wir oft einfach vor uns hin und sehen zu, wohin es uns trägt. Wir variieren, improvisieren, spielen nicht selten eine Stunde lang einfach drauflos, trinken dann eine Tasse Kaffee und schauen, was sich festgesetzt hat. Das ist manchmal so gut wie nichts, jedoch entstammen auch viele fantastische Ideen diesem Prozess. Wir alle sind Charaktere, die sehr schnell gelangweilt sind, und das freie Arbeiten mit Spiritual Beggars ist eine echte Wohltat gegenüber dem sturen Einspielen endloser Takes. Bei Arch Enemy beispielsweise muss alles deutlich präziser ablaufen. Die Musik ist so fordernd, dass schon eine kleine Abweichung zu Chaos führt. Mit dieser Band haben wir deutlich mehr Freiheiten und lassen die Musik frei fließen. Deswegen klingen wir wohl eher nach den Bands aus den Siebzigern, weil die dieselbe Arbeitsweise an den Tag gelegt haben. Könnte aber auch etwas mit den Drogen zu tun gehabt haben, die sie genommen haben. (lacht)

Wie viel an EARTH BLUES ist improvisiert, wie viel geplant?
Das variiert von Song zu Song. Musikalische Ideen entstehen oft aus einem Jam heraus, doch auf diesen muss man aufbauen und kommt um ein wenig Planung nicht herum. Zumindest das Skelett eines Stücks muss stehen, im Anschluss daran geht es wieder freier zu. Wir sind nicht Kyuss, bei denen man genau hört, dass sie dieses eine Riff haben und dann einfach drauflos spielen. Oder nimm eine Band wie Sleep. Im Vergleich zu denen sind wir eine Popgruppe. Das mag ein drastisches Beispiel sein, denn Sleep sind eine der ex­tremsten Bands aller Zeiten, doch wir sind eben deutlich songorientierter. Wir könnten niemals ein Album mit nur einem Song herausbringen. Und wenn doch, wäre es dennoch deutlich strukturierter. Wir wuchsen mit Songs auf, mit Hooks. Ein Song braucht einfach einen Hook!

Ein Spiritual-Beggars-Album mit nur einem überlangen Song klingt dennoch spannend…
Oh, auf der kommenden Tournee könnten wir uns durchaus mal dazu hinreißen lassen, eine 45-minütige Nummer anzustimmen, doch die örtlichen Behörden würden den Club wohl schließen, bevor er zur Hälfte vorbei ist.

Ist diese Freiheit, die ihr euch und der Musik zugesteht, der Grund, weshalb Spiritual Beggars auch nach 20 Jahren mit Elan, Einfallsreichtum und Spielfreude dabei sind?
Ja. Darüber hinaus gesteht jeder einzelne von uns den anderen eine Menge persönliche Freiheit zu. Niemand macht sein Egoding, alle kümmern sich um das große Ganze. Wir verspüren ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Band – auch, wenn wir es in den letzten Jahren ruhiger angegangen sind. Allerdings haben wir längst wieder Fahrt aufgenommen und tauchen derzeit in den Spiritual-Beggars-Kosmos ein, als wäre er ein Swimmingpool im Urlaub. Es ist so erfrischend und wohltuend wie eh und je.

Kann ›Too Old To Die Young‹ vom neuen Album demnach als Hymne auf euer intaktes Bandgefüge verstanden werden?
Oh, sicher. Wir alle sind definitiv zu alt, um jung zu sterben! (lacht)

Was willst du noch erreichen, bevor es vorüber geht?
Ich will genau das, was ich gerade tue, noch für sehr lange Zeit fortführen. Natürlich verändert man sich über die Jahre, und mit dem Alter kommt Genügsamkeit, doch wir haben es als Musiker weit gebracht und erfreuen uns jetzt jenseits der 40 an den Annehmlichkeiten dieses Musikerlebens. Früher habe ich keine Party ausgelassen, heute kommt es durchaus mal vor, dass ich mich nach einer Show mit einem guten Brandy zurückziehe und Musik höre. Wie das alte Männer eben so machen.

Zu alten Männern passt natürlich auch der Blues, den das neue Album schon im Namen trägt. Auf dem Cover wohnen zwei Menschen dem Ende der Welt bei, die Erde stimmt sozusagen ihren ganz eigenen, tieftraurigen Blues an…
Aus dem Cover könnte man den Anbeginn und das Ende der Welt herauslesen – mit dem Pärchen als Adam und Eva, die zumindest symbolhaft ganz am Anfang stehen, und dem Atompilz als Ende allen Lebens. Es zeigt allerdings auch das Schönste und das Schlimmste auf einmal – Liebe und Tod. Die grundlegende Idee hinter dem Motiv war, eine Parodie auf diese kitschigen Poster von Paaren vor Sonnenuntergängen zu erschaffen und den Titel gleich miteinzubeziehen. Denn wenn uns die Erde just in diesem Moment einen Song singen würde, wäre es unter Garantie ein Blues.

Die atomare Bedrohung prägte auch die Rockbands der Sechziger und Siebziger. Fühlt ihr euch diesen Protestbands dadurch verbunden, dass wir in ähnlichen Zeiten leben?
Absolut. Der Kalte Krieg hatte große Auswirkungen auf die Kunst der damaligen Zeit und damit natürlich auch auf die Musik. Das ist heute nicht anders und verbindet uns in der Tat mit den Bands aus dieser Ära. Der Kalte Krieg mag vorbei sein, mehr als genug Aggressoren gibt es dort draußen hingegen noch immer.

In ›Turn The Tide‹ fragt ihr, ob wir das Ruder noch mal herumreißen können. Gibt es noch Hoffnung?
Die gibt es immer. Es ist nie zu spät. Die Menschheit bessert sich ja auch, mehr und mehr Menschen setzen sich mit Umweltproblemen auseinander. Das gilt zumindest für uns in der westlichen Welt, weil wir hier privilegiert genug sind, über diese Dinge nachdenken zu können. In anderen Gegenden dieser Welt ist gar nicht der Platz für derlei Gedanken. Wenn es nur ums nackte Überleben geht, bleibt der Umweltschutz natürlich auf der Strecke. Ich hoffe, dass wir unseren Kindern, wenn wir denn welche haben, die richtigen Werte mit auf den Weg geben können. So kitschig das jetzt auch klingen mag.

Was möchtest du dieser Welt vermachen? Was möchtest du von dir zurücklassen?
Ich hoffe, dass einiges von der Musik, die ich erschaffen habe, noch weit in der Zukunft existiert. Ich hoffe, dass sich auch künftige Generationen mit derselben Leidenschaft um die Kunst kümmern werden, wie wir es jetzt tun. All diese Schönheit, all diese Weisheit der Kunst dürfen nie in Vergessenheit geraten. Und natürlich hoffe ich, dass Menschen auch noch in vielen Jahrzehnten Kraft aus meiner Musik schöpfen.