Spock's Beard 2013 (3)

Es wirkt wie ein gelungener Neuanfang. Oder aber wie die nahezu mühelos gesicherte Kontinuität unter geänderten äußeren Bedingungen: Mit BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP liefern Spock’s Beard ein Album ab, das sich aus zwei gegenläufigen Perspektiven beurteilen lässt.

Man könnte es fast als eine Art von Zäsur bezeichnen, würden wir hier nicht nur von einem einzigen Mann sprechen: Nick D’Virgilio hat die amerikanische Prog-Rock-Klassetruppe Spock’s Beard verlassen. Nicht im Streit. Nicht aus Unzufriedenheit. Nicht, weil er sich künstlerisch unter- oder überfordert fühlte. Und schon mal gar nicht, weil er mit der musikalischen Ausrichtung zunehmend weniger einverstanden gewesen wäre. Nichts von alledem. Der Schlagzeuger, Sänger, Komponist und Gründer der Band hat Spock’s Beard ausschließlich deshalb den Rücken gekehrt, weil sein aktueller Job beim Cirque du Soleil dermaßen zeit- und kraftraubend ist, dass ihm weder Freiräume noch Energie für etwas anderes geblieben sind. Nicht einmal für seine große Liebe Spock’s Beard, deren Geschicke er vor und hinter den Kulissen fast 20 Jahre geleitet hat. „Er wäre wahnsinnig gewesen, wenn er dieses tolle Engagement beim Cirque du Soleil wegen uns aufs Spiel gesetzt hätte“, ist sein – man muss nun wohl sagen: ehemaliger – Bandkollege Alan Morse ganz bei dem gefragten Drummer. „Sein Job ist ohne Zweifel unglaublich aufregend und herausfordernd, außerdem kann er sieben Tage pro Woche auftreten, bekommt regelmäßig seinen Gehaltsscheck und darf zudem noch Einfluss auf das musikalische Rahmenprogramm nehmen. Wirklich beneidenswert. Ich hätte mich vermutlich genauso wie er entschieden.“

Ob diese offenkundig entspannte Haltung, die Alan Morse beim Gespräch im März 2013 an den Tag legt, auch sein erster Impuls vor wenigen Monaten war, als D’Virgilio seinen Ausstieg bekannt gab? Man weiß es nicht. Fakt ist: Der Einschnitt bei Spock’s Beard ist kaum weniger dramatisch als vor elf Jahren, als der damalige kreative Kopf Neal Morse (Transatlantic, Flying Colors) die Gruppe verließ. Neal ist der Bruder von Alan Morse, was die Sache seinerzeit nicht weniger kompliziert machte. Andererseits: Die Brüder verbindet nach wie vor ein enges, sehr vertrautes Verhältnis. Und so konnte Alan irgendwann im vergangenen Jahr bei Neal anrufen, ihm von der erneut prekären Situation innerhalb der Band berichten und ihn um Hilfe bitten. Die gewünschte Unterstützung bekam er, und dadurch erhielt sie gleichermaßen auch Spock’s Beard. Denn Alan Morse flog für ein paar Tage zu seinem nächsten Verwandten nach Los Angeles und komponierte dort Material fürs kommende Album. „Neal ist einfach ein toller Songschreiber, man müsste mich für total verrückt erklären, wenn ich sein Angebot abgelehnt hätte“, lobt er den Abtrünnigen, dessen florierende Solokarriere sich für Spock’s Beard mittlerweile fast zur Konkurrenzveranstaltung entwickelt hat. Ob Alan seinen Bruder auch gefragt hat, zu Spock’s Beard zurückzukehren? „Nein, natürlich nicht“, erklärt Alan mit betont treuem Augenaufschlag. „Ich weiß nicht, vielleicht hat er ja sogar auf eine solche Frage gewartet. Andererseits: Neal ist mit seinem Leben dermaßen glücklich und ausgefüllt, weshalb hätte er also zurückkehren sollen?“

TED LEONARD & JIMMY KEEGAN
Zumal zum Zeitpunkt der brüderlichen Kooperation bereits ein Ersatz für D’Virgilio gefunden war: Seit zehn Jahren wurde er während der Tourneen ohnehin von Schlagzeuger Jimmy Keegan unterstützt, der dem Multiinstrumentalisten auf der Bühne mehr Handlungsfreiheiten gab. Keegan zu fragen, ob er bei Spock’s Beard fest einsteigen wolle, war also letztendlich eine reine Formalie. „Jimmy anzurufen war tatsächlich die einfachste Übung“, bestätigt Alan Morse, „er ist ein toller Drummer und seit vielen Jahren mit uns und unseren Songs vertraut. Ihn als neuen Drummer zu gewinnen, war also nicht unser Problem. Das nämlich lautete eher: Wer singt in Zukunft für Nick?“

In dieser Angelegenheit hatte Bassist Dave Meros eine zündende Idee: In seiner Coverband singt seit Jahren Ted Leonard, den Kenner der Prog-Rock-Szene auch als Frontmann der großartigen, in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch etwas zu kurz gekommenen Enchant zu schätzen wissen. „Dave meinte: Lasst uns Ted fragen, ich könnte mir gut vorstellen, dass er interessiert ist“, erinnert sich Morse, „wir waren natürlich einverstanden, denn wir kennen Ted, sein Talent, seine tolle Stimme.“

Was Alan Morse nicht ahnte: Ted Leonard besitzt auch überragende kompositorische Fähigkeiten. „Wir waren ehrlich gesagt ziemlich baff, als Ted mit großartigen eigenen Songs ankam, die zudem perfekt zu Spock’s Beard passen. Zu ›Afterthoughts‹, das ich zusammen mit Neal geschrieben habe, steuerte Ted einen fantastischen Text bei. Wir sind restlos begeistert von ihm.“ Dennoch wurde auch Leonard zunächst auf Herz und Nieren geprüft, bevor man seine Verpflichtung der Öffentlichkeit mitteilte: „Wir nahmen Ted mit zu einigen Festivalauftritten, sozusagen als Ersatzmann, sodass wir beobachten konnten, wie er sich in die Band einfügt. Ich muss sagen: Es ging völlig reibungslos vonstatten, es fühlte sich wie die natürlichste Sache der Welt an.“

Noch einmal zurück zu Schlagzeuger Jimmy Keegan: Auch der hat dem neuen Album BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt und weit mehr versucht, als nur die Fußstapfen seines Vorgängers so gut wie möglich auszufüllen. Keegan sei „halt ein verrückter Kerl, und genauso trommelt er auch“, witzelt Morse, und die offenkundige Sympathie für seinen neuen Schlagzeuger klingt aus jedem einzelnen Buchstaben dieser Formulierung heraus. „Jimmy trommelt etwas aggressiver, er spielt im Vergleich zu Nick eher vor dem Beat, was die Stücke immer ein wenig fordernder klingen lässt. Ohne nun an Nicks Erbe zu kratzen, aber mir gefällt Jimmys dynamische Spielweise außerordentlich.“ Zumal sie auch zur rockigen Ausdrucksweise von Ted Leonard passt, der eben nicht nur Sänger, sondern auch ein passabler Gitarrist ist. So wild, wie sich Morse und Leonard im Album-Opener ›Hiding Out‹ mit ihren Gitarren duellieren, so energetisch und krachend hat man Spock’s Beard bislang nicht allzu häufig hören können.

ANSPRUCH…
Gegründet wurde die Band im Frühjahr 1992. Sämtliche Mitglieder verfügten zu diesem Zeitpunkt bereits über eine umfangreiche, fundierte Erfahrung als Studio- und Session-Musiker, arbeiteten zuvor mit Größen wie Aretha Franklin, Phil Collins, Genesis und Tears For Fears. D’Virgilio beispielsweise musizierte unter anderem mit Peter Gabriel und war auch am Genesis-Album CALLING ALL STATIONS (1997) beteiligt. Ryo Okumoto, Organist und Mello-tron-Spieler der Gruppe, stellte sein Können in den Dienst für Phil Collins und Eric Clapton. Bassist Dave Meros wiederum gehörte zu der Band von Eric Burdon (The Animals) und spielte, bevor er zu Spock’s Beard stieß, mit Toto-Sänger Bobby Kimball.

1994 veröffentlichten die Kalifornier ihre Debüt-EP THE LIGHT, die wie eine Bombe in die internationale Prog-Rock-Szene einschlug. Die Medien überschlugen sich geradezu vor Begeisterung, kaum ein Magazin, dass sich nicht euphorisch über die scheinbar überbordenden Talente dieser Band geäußert hätte. „Die Scheibe wurde quasi in unseren Wohnzimmern und mit ziemlich rudimentären technischen Mitteln produziert“, erinnert sich Morse. „Damals standen beim Mischen noch alle Mann um die Konsole herum, jeder bekam zwei Regler zugewiesen und musste an entsprechender Stelle die Dinger nach oben oder unten schieben. Heute sitzt nur unser Produzent Rich Mouser am Mischpult, alles wird per Computer programmiert und die Regler bewegen sich wie von Geisterhand. Eine unglaubliche Erleichterung der Arbeit.“

Im März 1998 folgte das erste reguläre Album BEWARE OF DARKNESS. Fans und Journalisten waren sich erneut in ihrer Begeisterung einig, die European Classic Rock Society kürte Spock’s Beard zur besten neuen Band. Bereits elf Monate später stand mit KINDNESS OF STRANGERS der direkte Nachfolger in den Plattenregalen. Und es ging Schlag auf Schlag weiter: Innerhalb von nur 24 Monaten erschienen DAY FOR NIGHT und V, gefolgt vom genialen SNOW im Jahre 2002, dem Abschiedswerk von Neal Morse. Zudem gab es seinerzeit fast jedes Jahr eine neue Live-Scheibe oder – wie 1998 ebenso außer der Reihe – das Werk FROM THE VAULT mit Demos und Bonustrack einiger Japan-Releases. Morse: „Unser Anspruch war immer schon, mit unserer Musik so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Wir haben niemals Ruhm oder Geld nachgehechelt, sondern immer nur dem Wunsch, dass wir die Menschen mit unseren Songs glücklich machen.“


…UND WIRKLICHKEIT

Auch deshalb wurde das Marketing-Experiment mit dem zehnten Album der Band, kurz und bündig X genannt, nach nur einem Versuch wieder verworfen. Nach Vorbild der Kollegen von Marillion hatten sich Spock’s Beard nämlich 2010 entschieden, ihre neuesten Songs nicht über eine reguläre Plattenfirma zu veröffentlichen, sondern Fans durch eine frühzeitige Vorbestellung und Vorabzahlung mit der Option auf eine besondere Edition des Albums zur Kasse zu bitten, um die Produktion zu finanzieren. Marillion hatten mit diesem Konzept erfolgreich ihre Alben ANORAKNOPHOBIA (2001) und MARBLES (2004) an den Start gebracht und Gelder generiert, die andernfalls überwiegend Plattenfirmen zugefallen wären. Besonderer Clou des Spock’s-Beard-Konzepts: Im Bonustrack ›Their Names Escape Me‹ bedankten sich die Musiker namentlich bei sämtlichen Vorbestellern des Deluxe-Paketes. „Es war ein lohnenswerter Versuch, die Sache mal ohne Plattenfirma auszuprobieren“, findet Morse, der nach eigener Aussage „geschockt gewesen sei, wie viel Geld da zusammenkam. So etwas machen heutzutage immer mehr Bands, ich denke, dass sich da eine echte Alternative zu den angestammten Vertriebswegen aufgetan hat.“

Weshalb sind Spock’s Beard dennoch zu ihrer früheren Plattenfirma InsideOut und damit zur traditionellen Vermarktungsmaschinerie ihrer Musik zurückgekehrt? „Wie ich schon sagte: Das Geld war es nie, was uns wirklich interessiert hat, sondern die Erreichbarkeit unserer Fans. Und die wurde – so selbstkritisch muss man sein – nicht in dem Maße gewährleistet, in dem wir es gerne gesehen hätten. Zumal diesmal gleich mehrere Plattenfirmen an uns interessiert waren, was wiederum unsere Verhandlungsposition bei InsideOut nicht gerade verschlechterte.“

SANFTER ÜBERGANG
Also alles beim alten? Nun, die Zäsur ist zumindest deutlich sanfter als vor elf Jahren, nach dem Weggang ihres künstlerischen Meisters Neal Morse, verlaufen: Wie aufgeschreckt durch den Rückzug ihres Kreativkopfes hatten sich Spock’s Beard beeilt, noch 2003 mit FEEL EUPHORIA den Fortbestand der Band zu verkünden. Und scheiterten damit in musikalischer Hinsicht. Denn anstatt sich die Zeit zu nehmen, einen nachvollziehbaren Übergang zwischen alten und neuen Direktiven zu schaffen, bürsteten die verbliebenen Musiker einige Songs auf FEEL EUPHORIA dermaßen harsch gegen den Strich, dass der unvorbereitete Fan nur mit dem Kopf schütteln konnte.

Diesmal ist die personelle Umstrukturierung gottlob besser gelungen. Zwischen X (2010) und BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP (2013) liegen drei Jahre, inhaltlich jedoch keine Welten. Den Fehler, sich krampfhaft neu erfinden zu müssen, um der Öffentlichkeit die Unabhängigkeit von einzelnen Bandmitgliedern zu beweisen, haben die US-Progger diesmal nicht begangen. Ganz im Gegenteil: Mit Weitsicht und ruhiger Hand werden die traditionell wichtigen Bestandteile des Beard-Stils, nämlich Yes und Genesis, Beatles und gelegentlich ein wenig King Crimson, auch diesmal zitiert. ›Afterthought‹ ist nahezu das einzige Mal, dass der Zuhörer ob der harsch-quäkenden Solotöne kurz innehält und sich an scharfen Konturen und leichten Arrangement-Widerhaken reibt – ausgerechnet jener Song, den Alan Morse gemeinsam mit seinem Bruder Neal realisiert hat. Alles andere ist wunderbar melodischer Prog Rock in Reinkultur, kulminierend in dem abschließenden Zwölfminuten-Epos ›Waiting For Me‹, einer Ode an Treue und Loyalität.

Irgendwie hat dieser Song etwas Sinnbildhaftes, er scheint geradezu als Parabel für die Berechenbarkeit dieser Band zu stehen und die Fans aufzufordern: Haltet zu uns, denn wir bleiben auch zukünftig unseren Idealen treu! „Ich glaube, wenn es überhaupt einen Unterschied zur bisherigen Geschichte von Spock’s Beard gibt, dann höchstens den, dass wir von Album zu Album anspruchsvoller geworden sind“, sagt Alan Morse. „Aber das bezieht sich nicht nur auf die Strukturen unserer Songs, sondern auch auf die Produktionsweise, also auf Sound, Atmosphäre, Stimmung.“ Immer häufiger entdecke er Alben anderer Künstler, denen die Seele abhanden gekommen ist, erklärt Morse, Alben, die der Flut digitaler Produktionsmöglichkeiten zum Opfer gefallen sind und in ihrer vermeintlichen Modernität nur steril und künstlich klingen. „Natürlich sind die heutigen Studiomöglichkeiten ein Segen für Bands mit kleinem Geldbeutel, aber man darf es halt nicht übertreiben. Musik ist eine durch und durch emotionale Angelegenheit, und wenn es einer Band nicht gelingt, ihren Songs Seele und Herz einzuverleiben, verpufft die Musik zu einer oberflächlichen Hintergrundberieselung.“

Davon sind Spock’s Beard mit BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP Lichtjahre entfernt. Die Musik dieser Band hat genau das, was Morse als Seele bezeichnet. Ihr neues Album wird niemanden enttäuschen, weder die Fans bisheriger SB-Höhepunkte á la BEWARE OF DARKNESS oder SNOW, noch diejenigen, die erst nach dem Abgang von Neal Morse diese Band für sich entdeckt haben. BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP reiht sich nahtlos ein in die großen Veröffentlichungen dieser erstklassigen Band. Und das Beste an diesem Album: Dank ihres neuen Sängers/Komponisten Ted Leonard haben Spock’s Beard eine Zukunft, wie sie vielversprechender kaum sein könnte. Man könnte auch sagen: Der Ted entscheidet!