Schon mit ihrem 2011er Album QUID PRO QUO sowie Konzerten in der legendären „Frantic Four“-Besetzung zwei Jahre später kehrten sie noch einmal zu ihren Wurzeln zurück. Mit der Wiederveröffentlichung von QUO LIVE aus dem Jahr 1977 schließt sich der Kreis. In der sechsten Dekade ihres Bestehens sind Status Quo so präsent und aufregend wie schon lange nicht mehr. Und demnächst legen Rossi & Co. noch einmal nach.

Und sehet, es gab eine Zeit, da war alles einfach und gut. Westdeutschland. Kindheit und Jugend, die frühen 70er Jahre. Die Käfigstäbe, die einen umgeben – man sieht sie noch nicht. Auch die Musik ist einfach und gut. Man muss nicht auf dem Konservatorium gewesen sein, um Songs wie ›Down Down‹ und ›Caroline‹ zu verstehen. Man kann beschränkt sein, sitzengeblieben, von einem ordentlichen Schulabschluss so weit entfernt sein wie Castrop-Rauxel oder Braunschweig vom Äquator – hier ist etwas, das man auf Anhieb kapiert: Rhythmus. Drive. Lebendigkeit. Ohne dass es gilt, erst einen komplizierten Code zu entschlüsseln, dringen die simplen Boogie-Riffs unmittelbar ins Gemüt und entfachen dort juvenile Begeisterungsstürme.

Auch optisch sind Francis Rossi, Rick Parfitt, Alan Lancaster und John Coghlan nicht anders, als man es selbst ist: Jeans und T-Shirts. Durchschnittstypen mit Durchschnittsgesichtern. Kein schrilles Make-up, keine wilden Maskeraden wie bei Bowie oder The Sweet. Kein Indiz, hier seien fremdartige Götter am Werk, Auserwählte und Unerreichbare, zu denen man von unten aufsehen muss. Denn kleingehalten wird man bereits von den Eltern und Lehrern, von den stärkeren Mitschülern, von den Unsicherheiten, die im Gefolge von Pubertät und aufkeimendem Geschlechtstrieb auftreten. Da braucht es nicht zusätzlich Künstler und Bands, deren artifizielle Konzepte und Attitüden man ums Verrecken nicht begreift – keine komplexen Suiten, die immerzu rufen: „Hey, bist du etwa zu doof für das, was du da gerade hörst?“

Denn sehet, kurz zuvor noch waren die Zeiten verwirrend und trist. Mit ernsten Gesichtern betraten die älteren Geschwister das gemeinsame Zimmer, Scheiben von Emerson, Lake & Palmer, King Crimson und Yes unter dem Arm, verdunkelten den Raum und setzten Kopfhörer auf, ehe die Platten aufgelegt wurden. Musik schien etwas sehr Ernstes, Angsteinflößendes und Elitäres zu sein.

›Is There A Better Way‹?, fragte man sich. Und ja, es gab einen Ausweg: Status Quo. Denn die Betreiber der Boogie-Rock-Maschine aus England zeigten uns, dass wir normal waren, nicht unterbelichtet. Dass wir Spaß haben durften, ohne raffinierten Ansprüchen genügen zu müssen. Dem ROTEN ALBUM der Beatles entwachsen, aber noch nicht reif für Prog- und Krautrock, Zappa und Blues, reichte uns Francis Rossi mit seinen Kumpeln die Hand. Ihnen sei es gedankt, dass wir die Pubertät und frühe Jugend überstanden, ohne an unserer eigenen Mittelmäßigkeit und der uns umgebenden Tristesse zu verzweifeln – um unsere Helden kurz darauf zu verraten und weiterzuziehen: zu Led Zeppelin, Queen, Jethro Tull, Punk und New Wave. Doch unsere erste große Liebe, das waren sie: Die vier Kerle in verwaschenen Jeans, die zu Beginn der 1970er Jahre jeden aufgerüschten Schnickschnack und ihre eigene Pubertät hinter sich ließen, um mit den Alben DOG OF TWO HEAD und PILEDRIVER allmählich erwachsen zu werden.

Ich trage zu dick auf? Aber selbstverständlich, liebe Freunde! Das hier ist eine gottverdammte Huldigung, eine Verneigung, eine Liebeserklärung. Und wehe dem, der da behauptet, die Herrscher über drei Akkorde seien unbedeutender als Mozart und der Erfinder des aufrechten Gangs! Und was ist die Kathedrale von Notre Dame, was sind die Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle, was denn der Mondflug im Vergleich zu Scheiben wie HELLO! und ON THE LEVEL von Quo? Ein blankes Nichts und ungelenke Eitelkeit! Unfug nur und Firlefanz! Und darum: Feiern wir sie! Denn viele kamen und gingen, doch Status Quo hielten durch.

52 JAHRE LANG AKKORDARBEITER

Hätten die Rockmalocher sich damals vorstellen können, dass sie mit ihrem Boogie-Rock im Jahre 2014 noch immer aktiv sind? Dass die Generation Babyboomer die Wiederveröffentlichung ihres legendären Live-Albums überschwänglich feiert, geeint in der Erinnerung, QUO LIVE in ihren Jugendtagen vermutlich häufiger aufgelegt zu haben als jede andere Scheibe? Fragen wir Francis Rossi und Rick Parfitt persönlich. Haken wir nach.

„Nein. Niemand dachte damals, eine Band könne länger als vier oder fünf Jahre lang erfolgreich sein“, lacht Rossi. „Ein geradezu lächerlicher Gedanke. Was das Live-Album betrifft: Ich habe nie verstanden, warum wir es rausgebracht haben und wieso es so erfolgreich wurde. Ich mag Konzertmitschnitte grundsätzlich nicht. In meinen Augen kommen sie an Studioalben einfach nicht ran. Dass Live-Aufnahmen dann anschließend im Tonstudio aufgemotzt werden, um sie besser klingen zu lassen – auch das mag ich nicht. Aber die Plattenfirmen wollen möglichst immer alles vermarkten. Verkaufen! Verkaufen! Verkaufen! Das ist falsch, aber wir sind nun mal ein Teil davon, ein Teil des Geschäfts. Andererseits kommen die Leute an und sagen: ›Diese Platte ist das beste Live-Album ever!‹ Dafür bin ich natürlich sehr dankbar – dafür, den Fans etwas gegeben zu haben, was ihnen etwas bedeutet.“

Rick Parfitts Sicht auf die legendäre Doppel-LP ist wesentlich unkritischer: „Wir gingen damals für unseren ersten Konzertmitschnitt ganz bewusst nach Glasgow. Dort gab es die lautesten, wildesten Fans, und das kommt auf QUO LIVE auch genau so rüber. Der Mitschnitt ist rau, voller Ecken und Kanten, voller Energie und durch und durch authentisch. Und dann noch das ikonische Intro von Jackie Lynton, das die Fans nie vergessen werden. Genauso muss ein Live-Album einer Rockband für mich sein. QUO LIVE ist ein Meilenstein für uns gewesen, und es gab Status Quo weltweit einen ganz neuen Schub. Plötzlich wollte jeder, der das Album hörte, diese magische Atmosphäre auch selbst bei einem Quo-Konzert erleben.“

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Festgehalten vom 27. bis 29. Oktober 1976 im Apollo Theatre in Glasgow mit Hilfe des mobilen Aufnahmestudios der Rolling Stones, dokumentiert der Mitschnitt eine Band, die zu explodieren scheint. Status Quo sind endgültig im harten Rock angekommen. Nummern wie ›Roll Over Lay Down‹ und ›Rain‹, Stücke wie ›In My Chair‹ und ›4500 Times‹ klingen druckvoller und schroffer denn je. Den gloriosen Schlusspunkt bildet Jim Morrisons ›Roadhouse Blues‹ und lässt den Hörer erschöpft, aber glücklich zurück.

„Die Dinge hatten sich geändert“, sagt Rossi. „Zuzeiten von PILEDRIVER saß das Publikum noch Dope rauchend auf dem Boden. Nicht nur bei uns. Schau dir das Hyde-Park-Konzert der Stones von 1969 an. Alle hocken wie unbeteiligt her-um, und oben auf der Bühne steht, beinahe unbeachtet, die Band. Auf jedem Konzert war es dasselbe. Und dann än-derte es sich allmählich: die Musik und auch das Publikum. Plötzlich reagierten die Leute. Überhaupt ist es so: Das Publikum treibt eine Band an – nicht die Band das Publikum.“

Der besondere Zauber, der noch immer von den Glasgow-Aufnahmen ausgeht, wird umso greifbarer, wenn man sich im Vergleich zu ihnen CD 3 und 4 des nun veröffentlichten Box-Sets anhört. Weder das viele Jahre lang nur in Japan erhältliche TOKYO QUO vom 17. November 1976, noch der 1974er-Mitschnitt eines Gigs im australischen Sydney transportieren die außergewöhnliche Magie, welche QUO LIVE zueigen ist. Doch bis zu jenen drei außergewöhnlichen Glasgow-Konzerten war es ein langer, steiniger Weg.

  • EJ

    Ehrlich gesagt schätze ich sie schon seit Dekaden nicht mehr… . Trotzdem Danke für die Huldigung!!