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Musik, Schauspielerei, Romane – Steve Earle ist in diversen Bereichen erfolgreich und hat dabei sein soziales Gewissen nicht verloren. Seine einfühlsamen Country-Folk-Songs über die Schattenseite des Kapitalismus zeigen ihn als Erbe von Woody Guthrie, Hank Williams und Townes Van Zandt.

Das Hotel Adlon am Brandenburger Tor ist ein Touristenmagnet. Viele fotografieren den Balkon, von dem Michael Jackson sein Baby baumeln ließ. Links und rechts der Berliner Luxusherberge befinden sich Banken, Botschaften, Versicherungen und Stiftungen. Kurz: Das Adlon liegt im Zentrum der Macht. Und in diesem Nobelhotel ist Steve Earle abgestiegen, einer der wenigen kritischen Country- und Folk-Musiker der USA. „Ich logiere in guten Hotels“, sagt der 58-Jährige mit entwaffnendem Lächeln. „Dabei habe ich mir in den letzten Jahren die schlimmsten sozialen Zustände angeguckt. Die Leute, über die ich singe, findet man in Bergwerken und auf Feldern… In aller Welt gibt es harte Zeiten. Mein ganzes Leben hatte ich über die wirtschaftliche Depression gesungen, die ich nur aus zweiter Hand kannte. Aber jetzt sehen wir Zeiten, die ähnlich hart sind, aus erster Hand.“

Das neue Album des sozial engagierten Country-Rockers heißt THE LOW HIGH ROAD und befasst sich mit dem Leben auf den Nebenstraßen des Lebens. Die Zwölf-Song-Sammlung stammt offiziell von Steve Earle & The Dukes (And Duchesses), unter denen sich seine Frau, die alt.Country-Sängerin Alison Moorer, befindet. Wie stets basiert Earles Musik auf Folk, Country und Rock, gelegentlich gefärbt von Bluegrass und Irish Folk. Drei Titel (›Love‘s Gonna Blow You Away‹, ›That All You Got‹, ›After The Mardi Gras‹) stammen aus der TV-Serie „Treme“, in der Steve Earle auch als Schauspieler mitwirkte. Die Serie spielt in New Orleans. „Ich wuchs nicht weit davon auf“, sagt er. „In New Orleans gibt es diese Bruderschaft der Indians, früher eine Art Gang, die ihre eigene Sprache hat. Heute sind sie Teil der Parade beim Karneval. Für sie war Mardi Gras auch ein Datum, an dem offene Rechnungen mit Gewalt beglichen wurden, davon handelt ›After The Mardi Gras‹.“

Im Lied ›Invisible‹, zu dem es ein eindrucksvolles Video gibt, befasst er sich mit dem Schicksal der „unsichtbaren“ Obdachlosen. „Ich lebe im Village, der teuersten Nachbarschaft New Yorks. In dieser Ecke wurde der Job des Singer/Songwriters erfunden, in den 60ern lebte Bob Dylan nahe meiner Wohnung. Ich zahle viel zu viel Miete“, stöhnt Earle, während er einen Totenkopf auf ein weißes Blatt Papier malt. „Auf der anderen Straßenseite meines Gebäudes ist eine Suppenküche. Sie war schon immer da, doch wegen der langen Schlangen fällt sie einem heute stärker auf. Der Typ, um den es geht, ist nicht unsichtbar, aber wir – die Gesellschaft – haben uns entschieden, ihn nicht zu sehen.“

Schon vor „Treme“ spielte Earle in einer Krimiserie mit, „The Wire“ wurde zum gefeierten TV-Hit. „Für mich ist das Filmgeschäft positiv, weil ich keine Verantwortung trage. Fernsehen ist eine Gemeinschaftsarbeit, es ist nicht meine Form der Kunst. Ich bin nur Teil des Geschehens. Es ist gut für mich, die Kontrolle abzugeben.“ Neben seiner Musik und der Schauspielerei hat Earle noch ein drittes Standbein, er schreibt Bücher. Parallel zu seinem Album I‘LL NEVER GET OUT OF THIS WORLD ALIVE (2011) erschien sein Romandebüt gleichen Titels. Besagten Titel übernahm er von einem Hank-Williams-Song, der den morbiden Ton für die Texte angab. Momentan sitzt Earle an einem neuen Buch.

Ein großes Plus von Steve Earle ist ohne Zweifel, dass er gleichermaßen Fans von Rock und Country anspricht. „Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Johnny Cash und Bob Dylan auf der einen Seite und Beatles und Stones auf der anderen“, stellt er fest. „Ich weiß, dass Leute da differenzieren, aber ich habe stets beide Genres gehört. Leute wie Johnny Cash und Buck Owens fassten ohnehin beides zusammen. In Texas, wo ich aufwuchs, konnte man sie alle im selben Rundfunksender hören. Heute bin ich dankbar dafür! Rock‘n‘Roll begann damit, dass fast zur gleichen Zeit Chuck Berry ›Maybellene‹ und Elvis Presley ›It‘s Alright, Mama‹ aufnahmen. Keiner wusste vom anderen. ›Maybellene‹ ist sehr country-haft, so spielte kein anderer schwarzer Gitarrist. Chuck Berry kam gerade aus der Army, wo er solche Musik gehört hatte. Und Presley nahm den Song eines Schwarzen auf…“

Earle war stets ein unangepasster Typ. Als Künstler ging er eigene Wege, privat fiel er durch Drogensucht und sieben Ehen auf. Daneben unterstützte er politische Kampagnen und engagierte sich gegen die Todesstrafe. Die Musikindustrie betrachtete ihn mit Skepsis. „Es dauerte lange, bis ich einen Plattenvertrag bekam. Irgendwann erhielt ich einen und es machte Spaß, Alben mit dem Geld der Konzerne aufzunehmen. Ich tat zwar nicht, was man mir riet, aber mein Publikum war groß genug. Ich versuchte, loyal meinen Fans gegenüber zu bleiben und gleichzeitig, mit den Plattenfirmen auszukommen. Es gibt keine Platte, für die ich mich schämen müsste.“ Die Probleme begannen, als Heroin und Alkohol ihn übermannten. „Ich war anfällig für Drogen, irgendwann klappte ich zusammen“, gibt er achselzuckend zu. „Inzwischen bin ich seit 18 Jahren clean. Ich besuche immer noch die Meetings der Anonymen Alkoholiker, auch wenn ich in Berlin bin, denn kürzlich hatte ich wieder diesen Drang, high zu werden…“

Während des Interviews wirkt Earle keineswegs benebelt. Er erscheint klar und aufgeräumt, seine Geschichten serviert er stets mit einem kleinen Lächeln, das durch den mächtigen Bart schimmert. Das Leben aus dem Koffer mache ihm immer noch Spaß, versichert er, obwohl er seinen jüngsten Sohn vermisst, der 2010 geboren wurde. Er outet sich als Fan des europäischen Fußballs, vor allem der FC Barcelona hat es ihm angetan. Gleich mehrfach freut er sich im Interview darüber, „dass ich einen Job habe“. Die Sorge scheint unbegründet, Earle ist gefragt wie nie zuvor. Dazu führen einige seiner Songs inzwischen ein Eigenleben, sie sind Teil der Volksmusik geworden, wie etwa die Irish-Folk-Hymne ›Galway Girl‹. „Der Titel ist der Vereinssong des irischen Fußballclubs Galway City und wird außerdem bei jeder Hochzeit in Irland gespielt.“