Dass er ein Mann ist, der die Extreme liebt, wussten wir. Doch Steven Wilsons radikale Kursänderung zwischen seinem ersten Solo-Werk INSURGENTES und dem aktuellen Doppelalbum GRACE FOR DROWNING überrascht selbst diejenigen, die einen Wandel erwartet haben.

Steven_Wilson_1 @ Lasse HoileDer Mann ist einfach nicht zu stoppen: Steven Wilson denkt nicht mal im Traum daran, seine Kreativitätsschlagzahl zu reduzieren. Immer in Bewegung bleiben, nie auf der Stelle treten, mehrere Projekte zeitgleich anschieben, das ist sein Ding. Im Moment ist er damit beschäftigt, seine zweite Soloplatte GRACE FOR DROWNING an den Fan zu bringen – das Werk, das vor wenigen Tagen als Doppelalbum auf den Markt gekommen ist, fügt ein neues Register in Wilsons ohnehin schon breitgefächerten musikalischen Vorlieben-Schrank hinzu. Darin enthalten sind zahlreiche frische Visionen enthalten, die nur wenig mit den düsteren, vom Postpunk beeinflussten Ideen des 2009er-Vorgängeralbums INSURGENTES gemein haben.

Auf GRACE FOR DROWNING tritt Wilson aus der Dunkelheit und macht Platz für schillernden Progrock, der sich ganz offenkundig an den Vorbildern King Crimson, Soft Machine und Van der Graaf Generator orientiert. Doch der rastlose Brite versteht sein aktuelles Werk nicht nur als eine Art Hommage, sondern auch als eine Reanimation. Wilson startet mit GRACE OF DROWNING den Versuch, Jazz bzw. dessen Liebe zu Improvisation in einen Progrock-Kontext einzubetten – und zwar nicht in einen historischen, sondern in einen modernen, zeitgemäßen. „Als ich an meiner ersten Soloscheibe gearbeitet habe“, setzt Wilson zu einer Erklärung seines Ansatzes an, „lief bei mir zu Hause häufig Achtziger-Postpunk, also Bands wie Joy Division, The Cure oder A Certain Ratio. Diesmal war das anders. Bevor ich mit der Komposition der GRACE FOR DROWNING-Songs begann, hatte ich längere Zeit mit den King Crimson-Reissues zu tun, die vor kurzem erschienen sind. Ich bin der Ansicht, dass dieser Sound und auch die Herangehensweise der Band an Musik sich auf meine eigene Arbeit niedergeschlagen hat. Man kann hören, dass ich mich intensiv mit Crimsons Œuvre beschäftigt habe. Und inzwischen dürften die meisten meiner Fans wissen, dass ich extrem leidenschaftlich bin, wenn es um Musik geht – und dass ich im Grunde gar nicht ohne sie leben kann. Immer, wenn ich ein neues Projekt starte, bin ich also auch von Songs anderer Künstler umgeben. Und das beeinflusst mich.“

Im Fall von GRACE FOR DROWNING hat es Wilson die spezielle Verbindung von Prog und Jazz angetan, die in den frühen Siebzigern in Insiderkreisen populär war. Und obwohl der 44-Jährige nicht nerdig genug ist, um auch den Sound seines aktuellen Werks an die damalige Zeit anzupassen, so will er doch auch einen Beitrag dazu leisten, dass jüngere Fans auf diese Ära aufmerksam werden. Und natürlich hat er bei der Arbeit auch nach einer Herausforderung für sich selbst gesucht – ganz Künstler eben. „Diesmal habe ich bei den Aufnahmen auf Jazzer gesetzt, um selbst ein Gefühl für diesen besonderen Klang zu entwickeln – und natürlich auch, um dem Ganzen eine authentische Note zu verleihen“, verrät er. „Dieses Setup ist neu für mich – ich habe noch nie mit einem ähnlich gearteten Musikerkollektiv gearbeitet. Doch es hat auf Anhieb bestens funktioniert.“ An Wilsons Seite brillieren die Bassisten Tony Levin und Nick Beggs, zudem Drummer Marco Minnemann sowie Saxofonist Theo Travis. Und sie sorgen mit ihrem Können dafür, dass GRACE FOR DROWNING eine geradezu waghalsige Platte geworden ist. Denn einfach machen es die Musiker dem Hörer nicht. Die Songs sind so vielschichtig, dass es schwer fällt, einen roten Faden auszumachen. Die stilistische Bandbreite des Doppel-Albums reicht von zerbrechlichen Piano-Balladen, die zerbrochene Beziehungen thematisieren, bis hin zu einem 23-minütigen Serienkiller-Epos (›Raider II‹), das verdammt tief in die Niederungen der Hölle hinabsteigt.

Erhältlich ist GRACE FOR DROWNING sowohl als klassische Doppel-CD wie auch als Bluray, letztere Version wurde mit einem 5.1 Surround-Sound ausgestattet und enthält zudem extra für die Platte angefertigtes Videomaterial von Lasse Hoile, der bereits mehrfach für die visuelle Interpretation von Wilsons Klangideen verantwortlich war. „Ich habe übrigens überhaupt nichts gegen moderne Technik“, räumt Wilson in diesem Zusammenhang auch mit einem weitverbreiteten Irrtum über ihn auf, der ihn schon seit längerer Zeit nervt. „Nur weil ich auf meiner DVD iPods zerstört habe, bedeutet das doch noch lange nicht, dass ich generell gegen eine Weiterentwicklung in diesem Bereich wäre. Im Gegenteil – nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein als das! Ich habe nur etwas gegen den iPod, weil ich der Ansicht bin, dass durch seinen Siegeszug Musik in schlechterer Qualität gehört wird, als es eigentlich sein müsste. Und es stört mich, dass sich die Menschen durch das Gerät nicht mehr so intensiv mit der Musik auseinandersetzen, sondern sie weitgehend nebenher laufen lassen, als Berieselung. Wenn Songs im Bluray-Format angeboten werden, liegt die Sache allerdings anders – eine bessere Qualität ist im Moment schlicht nicht zu bekommen. Und durch den visuellen Aspekt fordert das Material noch zusätzliche Aufmerksamkeit. Für mich ist es zurzeit der perfekte Weg, um Musik zu genießen – und deshalb habe ich mich auf diesen Bereich eingeschossen.“

Ebenfalls überaus spannend: Wilson betrachtet GRACE FOR DROWNING nicht nur als Heim-Entertainment, sondern will die Songs auch auf die Bühne bringen. Ende Oktober kommt er auch für vier Shows ins CLASSIC ROCK-Land. Neben Beggs, Minnemann und Travis wird ihn dabei auch Keyboarder Gary Husband begleiten, der u.a. mit John McLaughlin und Allan Holdsworth sowie dem Gitarristen Aziz Ibrahim (Asia/Stone Roses) zusammengearbeitet hat. Eine weitere Reise ins Ungewisse für Steven Wilson, da er erstmals mit seiner Soloband auf Tour geht – aber vor Abenteuern hat sich der Engländer ja noch nie gedrückt.

Zudem braucht er noch etwas Nervenkitzel, bevor er sich Ende des Jahres zurückzieht, um mit der Arbeit am nächsten Porcupine Tree-Album zu beginnen. „Ich habe eine großartige Band, die mich tatkräftig unterstützen wird“, freut sich Wilson auf die anstehenden Gigs. „Mit einigen in der Crew habe ich schon im Studio zusammengespielt, mit anderen nicht. Das wird eine tolle Erfahrung werden. Ich wusste schon bei INSURGENTES, dass ich nach der Veröffentlichung des zweiten Albums auf Tour gehen würde – vorher hätte es keinen Sinn ergeben, dazu reicht das Song-Material nicht aus. Doch da GRACE FOR DROWNING ein Doppelalbum geworden ist, habe ich nun sogar die Auswahl aus drei Platten“, rechnet er vor und setzt lachend nach: „Da muss ich wohl in den sauren Apfel beißen und meinen Hintern auf die Straße bewegen!“