STVon wegen ›Give A Little Bit‹: Anlässlich ihrer 40th Anniversary-Tour vergehen sich die Original-Mitglieder der britischen Supergroup an verbalen Grabenkämpfen, bei denen die Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit ebenso vernebelt erscheinen, wie der gesunde Menschenverstand. CLASSIC ROCK traf die drei Streithähne Rick Davies, Roger Hodgson und Dougie Thomson – und erfuhr drei verschiedene Sichtweisen über eine Konzertreise, die unter keinem wirklich guten Stern steht.

Supertramp_Rick Davies (mitte)Rick Davies, 66

Aktuelle Profession: Seit 1983 Keyboarder, Sänger und alleiniger Bandleader in Personalunion. Lebt mit Ehefrau/Managerin Susan in den exklusiven Hamptons, vor den Toren von New York. Zwischenzeitlich eigentlich schon „semi-retired“.

Meinung zur „40th Anniversary“-Tour: Wähnt sich auf einer Mission zur Beglückung der zahlungskräftigen Menschheit. „Ich mache das aus dem einfachen Grund, weil es für uns die vielleicht letzte Gelegenheit ist, all diese wunderbaren Songs live zu spielen, die so viele Menschen Zeit ihres Lebens begleitet und so glücklich gemacht haben. Es ist unsere Art, Danke und vielleicht auch Bye, Bye zu sagen.“ Eine Ankündigung, mit der Mick und Keith seit schlappen 20 Jahren kokettieren…

Zum Rechtsstreit Davies/Hodgson über Songrechte: „Alles, was wir bis 1983 geschrieben haben, war Supertramp-Musik. Und genau die spielen wir. Wie es auch in einem fast 600 Seiten starken Vertrag geregelt wurde. Daran ist nichts illegal.“

Lieblingsphase der Bandgeschichte: „Ganz klar der Erfolg mit BREAKFAST IN AMERICA in den USA. Da wurden wir in kürzester Zeit immer größer und größer, plötzlich waren wir sogar Nummer eins der Charts! Eine tiefe Genugtuung. Und endlich mussten wir nicht mehr in miesen Hotels übernachten.“

Persönlicher Tiefpunkt: „Ein Promotrip im Orientexpress von Paris nach Venedig zum 1985er-Album BROTHER WHERE YOU BOUND. Eine Idee unserer französischen Company, die das Album an der Bar vorstellte. Das Problem: Die Nadel des Plattenspielers hüpfte mit jeder Bahnschwelle. Ein absolutes Desaster.“

Comeback-Bereitschaft: „Ich habe mich vor ein paar Jahren mit Roger getroffen und mit ihm über eine eventuelle Zusammenarbeit gesprochen. Das ging dann 15 Monate hin und her – und sah eigentlich ganz gut aus. Doch letztlich konnten wir keine Einigung erzielen, weil er sich nicht festlegen wollte. Warum, weiß ich nicht. Aber da musste ich eben alleine aktiv werden.“

Zukunftspläne: „Ich würde gerne ein Blues-Album im Stil der alten Schule machen. Also etwas ganz Unspektakuläres. Keine Ahnung, wann ich das angehen werde, aber ich übe schon seit Jahren dafür und werde auch immer besser.“

CLASSIC ROCK-Fazit: Ein starrköpfiger Pop/Rock-Patriarch, der sich mit gepflegter 70s-Nostalgie die Rente sichern möchte – und dabei über Leichen (aka die Originalbesetzung) geht. Leider.

o_o_RH_FOTO_1-Guitar-Soulful-300-dpiCharles Roger Pomfret Hodgson, 60

Aktuelle Profession: Nach seinem 1983er-Ausstieg zunächst Solist, dann Privatier in Nordkalifornien und seit ein paar Jahren unermüdlicher Live-Interpret von Supertramp-Klassikern. Natürlich nur seine eigenen – wenn auch bei Sparkassen- und Supermarkt-Eröffnungen sowie im Vorprogramm von Pur.

Meinung zur „40th Anniversary“-Tour: „Ich freue mich, dass die Fans die Band noch einmal erleben dürfen. Und ich wäre gerne ein Teil davon – wenn man mich lassen würde. Aber Rick will das alleine durchziehen. Und zwar mit meinen Songs, an denen er gar keine Rechte hat. Warum ich mich nicht dagegen wehre? Das tue ich! Aber ich habe keine Lust, das vor Gericht auszutragen. Dafür ist das Leben zu kurz.“

Zum Rechtsstreit Davies/Hodgson über Songrechte: „Wir hatten eine Abmachung unter Freunden, die per Handschlag besiegelt wurde, und an die ich mich gehalten habe. Im Gegensatz zu ihm. Er missbraucht meine Stücke für etwas, das den Namen Supertramp nicht mehr verdient.“

Lieblingsphase der Bandgeschichte: „Unsere Anfänge in den frühen Siebzigern – als wir zwar nicht viel Geld, aber viel kollegialen Spirit und Spaß an der Musik hatten. Wir waren eine tolle Band, mit fünf Jungs, die sich prima verstanden und wahnsinnig gute Musik zusammen gemacht haben.“

Persönlicher Tiefpunkt: „Die Zeit nach BREAKFAST IN AMERICA, als wir verlernt haben, als Band zu denken und zu agieren. Da waren plötzlich viele Leute um uns herum, die nur dafür gesorgt haben, dass wir uns immer weiter voneinander entfernen und unsere Freundschaft immer weiter in den Hintergrund rückte. Wir haben schlicht den Draht zueinander verloren.“

Comeback-Bereitschaft: „Ich habe keine Zeit für die komplette Anniversary-Tour, weil ich ja meine eigenen Shows spiele. Doch ich bot Rick an, ihn so oft wie möglich zu begleiten, um den Fans wirklich etwas Besonderes zu bieten. Leider hat er darauf nicht reagiert. Mein Angebot steht aber weiterhin.“

Zukunftspläne: „Ich bin 60 Jahre alt und besitze noch jede Menge Energie. Also ich habe noch ein paar kreative Jahre vor mir, viele gute neue Songs und Lust am Live-Spielen. Genau das werde ich in Zukunft tun.“ Eben überall, wo man ihn lässt…

CLASSIC ROCK-Fazit: Ein unverwüstlicher Idealist und Althippie, der Rick das Leben schwer macht. Er spielt die alten Hits zum halben Preis – mit doppelt so viel Gusto.

25dougiDouglas Campbell „Dougie“ Thomson, 59

Aktuelle Profession: Vierfacher Familienvater mit Wohnsitz Chicago. Begeisterter Hobby-Segler und Manager der Metal-Band Disturbed. Hat 1988 den Bassisten-Job bei Supertramp quittiert – und sich bis vor kurzem einen verbitterten Rechtsstreit mit Rick Davies geliefert. Anlass: ausstehende Tantiemen in unbekannter Höhe.

Meinung zur „40th Anniversary“-Tour: „Das würde ich mir nicht anschauen. Für kein Geld der Welt. Einfach, weil das ein Fake ist – also nicht Supertramp, sondern eine Coverband, die Supertramp nachspielt. Ich meine, John und Bob sind zwar dabei, aber nicht mit Herz und Seele, sondern nur, weil sie Geld brauchen. Und ohne Roger funktioniert das Ganze eh nicht. Es ist nicht dasselbe, es ist nicht Supertramp.“

Zum Rechtsstreit Davies/Hodgson über Songrechte: „Im Zuge von Rogers Ausstieg gab es ein Gentlemen-Agreement: Rick bekommt die Rechte am Namen Supertramp, verzichtet im Gegenzug aber darauf, Rogers Stücke zu spielen, weil diese die Grundlage einer Solo-Karriere bilden sollen. Eine ganz simple Sache. Leider hat sich Rick nie daran gehalten, sondern Rogers Stücke einfach von einem anderen Sänger interpretieren lassen. Kein netter Schachzug – und einer der Gründe, warum ich ausgestiegen bin.“

Lieblingsphase der Bandgeschichte: „Ende der Siebziger, als wir so erfolgreich waren, dass wir in den größten Hallen der Welt spielen durften, in den besten Hotels der Welt übernachtet haben und nur noch mit Bodyguard vor die Tür konnten. Das habe ich sehr genossen, war eine schöne Zeit. Ich kam mir wirklich vor wie ein Rockstar.“

Persönlicher Tiefpunkt: „Die Tour zu BROTHER WHERE YOU BOUND. Ich habe jede Sekunde davon gehasst. Und das war auch das Letzte, was ich mit Supertramp gemacht habe.“

Comeback-Bereitschaft: „Eigentlich möchte ich damit nichts mehr zu tun haben, weil ich mit der Phase meines Lebens abgeschlossen habe. Aber: Wenn Roger bei dieser Anniversary-Tour mitgemacht hätte, wer weiß, was dann passiert wäre. Rick hat mich allerdings gar nicht erst gefragt. Das sagt alles.“

Zukunftspläne: „Ich liebe, was ich tue – und das möchte ich auch noch ein paar Jahre tun.“ Nämlich Disturbed betreuen, segeln gehen und meinem ältesten Sohn beim Fußballspielen zusehen.

CLASSIC ROCK-Fazit: Wer Disturbed großgezogen, nebenher Moby zum Weltstar gemacht hat und selbst über das Supertramp-Cover von Scooter (›The Logical Song‹) lachen kann, verdient Respekt.