Sie gelten bis heute als Australiens Antwort auf die Sex Pistols und Ramones, dabei ist ihr Kreativkopf Chris Bailey heute so weit vom Punkrock entfernt, wie man das nur sein kann. Und was das Australische betrifft, ist er sich auch nicht so sicher…

Chris Bailey_promo photos_Trackdown StudiosDen Vergleich mit Iggy Pop empfindet er als Kompliment. Auch Bailey wird bis heute mit Punk assoziiert, obwohl er seit den Anfangstagen alle möglichen Musikstile in Angriff genommen hat. Auf dem neuesten Album KING OF THE SUN etwa finden wir sympathischen Songwriter-Folkrock, immer mal wieder punktuiert von wunderschönen Streicherpassagen, kleinen Riffakzenten und natürlich der unverwechselbar lebens-gegerbten Stimme des Protagonisten. „Ja, ich genieße es immer noch, alle möglichen Sachen auszuprobieren, zu forschen und dann ein Lied zu erschaffen. Bei den letzten beiden Alben war ich mehr auf der bluesrockigen, rotzigen, härteren Schiene, diesmal wollte ich eher ein studiobezogenes Album machen, ein bisschen ruhiger, ästhetischer.“ Ob es dabei eine Linie gibt, die er durch das Schaffen von The Saints definieren kann? „Die gibt es, aber ich könnte sie dir nicht beschreiben. Es gibt da ein gewisses Etwas, dass alle Saints-Alben verbindet, aber erklären könnte ich dir das nicht. Ich entscheide immer sehr instinktiv, ob etwas ein The-Saints- oder ein Soloalbum unter meinem Namen wird.“

Diese kreative Rastlosigkeit hat vielleicht damit zu tun, dass Bailey im Prinzip heimatlos ist. Seit 15 Jahren wohnt er in Amsterdam, doch zu Hause fühlt er sich dort nicht: „Ich bin damals nur hierher gezogen, weil meine Freunde das beschlossen hatten. Es ist eine angenehm anonyme Existenz für mich, weil die Saints in den Niederlanden nie besonders erfolgreich waren. Aber die Stadt verwirrt mich bis heute. Es ist lustig, weil alle glauben, man komme wegen der Drogen her, dabei habe ich mich noch nie fürs Kiffen interessiert.“ Umso mehr für das Thema der kulturellen Identität. „Es ist schon ironisch, denn am liebsten mag ich Musik, die stark mit ihrem Ursprungsort verbunden ist. Chanson aus Frankreich, kreolische Musik in Louisiana, selbst eure Umpa-umpa-Musik in Deutschland. Aber ich selbst habe sowas für mich gar nicht. Ich wurde in Afrika geboren, bin in Nordirland aufgewachsen, dann zogen wir nach Australien, als ich noch ein Kind war, von dort ging‘s nach Schweden, wo ich einige Jahre lebte, und jetzt bin ich eben in Holland. Ich habe einen irischen Pass, aber keinen definierten Akzent, keine richtigen Wurzeln. Ich bin das, was man einen ‚Plastic Paddy‘ nennt, jemand, der nur auf dem Papier Ire ist. Das ist einerseits befreiend, ich bin ja quasi ein richtiger Weltenbürger, aber manchmal vermisse ich es schon, ein gewisses Heimatgefühl zu spüren. Wahrscheinlich werde ich immer danach suchen.“ Sein Vagabundendasein genießt er trotzdem: „Es gibt Musiker, die hassen das Touren, aber ich sehe es eher als einen Beruf, in dem du ständig im Urlaub bist. In all den Jahren des Rumreisens habe ich nie vergessen, dass es ein Luxus ist, so viel von der Welt zu sehen, und das begeistert mich bis heute.“

Ein Ende dieser Reise ist auch nicht abzusehen, denn Chris ist aktiv wie eh und je. „Ich habe schon zehn Stücke fürs nächste Album fertig, und eine Tour ist auch schon in Planung.“ Mit Zuversicht blickt er in die Zukunft, auch was das Musikgeschäft als solches angeht: „Wir haben alle das Gejammere gehört, wie die Downloads das Business zerstört haben. Aber es verändert sich nun mal immer etwas, und wir hoffen, dass Veränderungen positiv sind. Was mich sehr zuversichtlich stimmt, ist die Wiedergeburt des Vinyls. Schon seit Jahren steigen da die Verkäufe, und mittlerweile erscheint wieder fast alles auf LP. Das zeigt, dass das Interesse an echter Musik nach wie vor da ist, und es wächst! Insofern bin ich momentan optimistischer, als ich das seit Langem war.“