thin lizzy badSie hatten einen Gitarristen zu wenig und Page, May und Blackmore ließen sich (wie erwartet) nicht blicken. Also machten Thin Lizzy eben zu dritt weiter, setzten alles auf ein Bassriff von Phil Lynott – und erschufen ein melodisches Juwel.

Im September 1976 besuchten Phil Lynott und Scott Gorham die jährliche Leserpoll-Feier des „Melody Maker“, um den Preis für die „Besten Newcomer“ entgegenzunehmen. Eine Ehrung, die die beiden eher be­­fremdlich fanden, schließlich hatten sie schon drei Jahre zuvor mit ›Whiskey In The Jar‹ ih­­ren ersten Top-10-Hit in Großbritannien ge­­landet und gerade die Arbeit an ihrem bevorstehenden siebten Album JOHNNY THE FOX beendet. Doch sie spiegelte wider, wie weit Thin Lizzy in jenem Jahr mit JAILBREAK in das Bewusstsein des Mainstream-Publikums vorgedrungen waren. Für eine Band, deren bisherige Karriere mit vielen Momenten enttäuschter Hoffnungen gespickt war, lag die Herausforderung nun darin, auf diesen Durchbruch aufzubauen.

Ihr Manager Chris O‘Donnell hatte Tony Visconti als den Mann auserkoren, der die Gruppe endlich nach vorne bringen sollte. Dank seiner Arbeit mit T. Rex und David Bowie hatte der New Yorker Produzent gerade einen Lauf. Als O‘Donnell dann auch noch ein Interview las, in dem Visconti sich wunderte, warum Thin Lizzy noch immer kein Album aufgenommen hatten, das ihre Live-Power einfängt, trat er mit ihm in Kontakt, um zu fragen, ob er daran interessiert sei, diesen Umstand endlich zu korrigieren. Sie einigten sich darauf, dass Lynott und Gorham nach der „Melody Maker“-Zeremonie in seinem Good-Earth-Studio in Soho vorbeischauen würden, um neue Demos zu präsentieren, die für ihre achte Platte vorgesehen waren.

Visconti war von dem neuen Material be­­eindruckt, ebenso wie von ihrem charismatischen, gesprächigen Anführer. „Er war Prince Charming“, erzählte er dem Lynott-Biografen Graeme Thomson. „Voller En­­thu­­siasmus, sehr aufgeschlossen und freundlich. Er wollte der Band zum Erfolg verhelfen und strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Alle Songs waren geschrieben und offensichtlich auch schon einstudiert. Sie waren in Top-Form.“

„Es war so ein wichtiges Album für uns“, sagt Gorham heute. „Wegen all der Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen hatten, mussten wir das Ruder rumreißen oder wir würden untergehen.“

Aus steuerlichen Gründen – eine Nebenwirkung ihres erhöhten „Rockstar“-Status – mussten sie außerhalb von Großbritannien aufnehmen. Im Mai 1977 kamen sie im Sounds Interchange Studio in Toronto an, beflügelt von einer großen US-Tournee als Vorgruppe von Queen. Gary Moore war zum zweiten Mal ausgestiegen und der langjährige Gitarrist Brian Robertson war nach einer Barschlägerei noch immer im Exil, was die Absage einer vorhergehenden Tour durch die USA erzwungen hatte. Also beschloss Lynott, das neue Album als Trio einzuspielen, in dem der Kalifornier Gorham sämtliche Gitarrenparts übernehmen würde. Im Hinterkopf behielt Lynott außerdem noch die Idee, dass Freunde wie Brian May, Jimmy Page und Ritchie Blackmore zu Gastauftritten vorbeischauen würden, doch aus dieser eher wirklichkeitsfremden Vorstellung wurde nichts.

Nach einer Woche schien Thin Lizzy aber nicht nur ein Gitarrist abzugehen, sondern bald auch ein Produzent. Visconti hatte mit dem Abbruch der Sessions gedroht und zu O‘Donnell gesagt: „Ich kann mit diesen Typen nicht arbeiten. Sie sind sturzbesoffen.“ Der Manager flog umgehend nach Toronto, um die Situation zu bereinigen und alle Beteiligten zu überzeugen, dass sie an etwas sehr Besonderem arbeiteten. „Es ist eine tolle Platte, sie ist fantastisch“, sagte er. „Und übrigens, das ist die Single – ›Dancing In The Moonlight‹.“

Die jazzig-schwingende, fingerschnippende Geschichte einer Teenage-Romanze in den Straßen von Süd-Dublin – der Brennpunkt dessen, was einmal zum Album BAD REPUTATION werden sollte – wurde Scott Gorham und Schlagzeuger Brian Downey anfangs einfach nur als simple Basslinie präsentiert, wie sich Ersterer erinnert: „Phil sagte: ‚Ich habe da diesen Groove … Was denkst du?‘ Und ich antwortete: ‚Yeah, das ist ziemlich cool, das gefällt mir‘. Ich hatte auch einen Groove in meinem Kopf, der anders war, als er ihn spielte – meiner war härter, seiner etwas ausgelassener. Aber er bestand darauf, dass seine Version kommerzieller wäre. Da sagte ich: ‚Okay, ich richte mich nach dir, du hattest in der Vergangenheit auch den richtigen Riecher‘.“

Trotz anfänglicher Bedenken hinsichtlich der früheren Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Ge­­genspieler Robertson passte sich Gorham schnell an und blühte auf. Seine Westcoast-Harmonien brachten eine gewisse Leichtigkeit in Lynotts neue Komposition und bereicherten sie mit Farben und Schattierungen, ohne das zentrale Bassriff zu übertünchen. Der Geniestreich des Produzenten bestand aber darin, den Supertramp-Saxofonisten John Helliwell an Bord zu holen, um den melodischen Kontrapunkt zu Lynotts luftigen Vocals zu setzen.

›Dancing In The Moonlight‹ wurde (als Doppel-A-Seite mit dem Titelstück des Albums) im Sommer 1977 im Zenit der Punk-Explosion auf die Radio-Playlisten gesetzt und fand mit einem funkelnden Gefühl der Nostalgie, einer Verspieltheit und einer Unschuld, die freudig gegen den Strom des Zeitgeists schwammen, viele Freunde. „Es schien ein großes Risiko zu sein und wir fragten uns, was die Fans wohl denken würden, denn es war so anders als alles, was wir bislang veröffentlicht hatten“, so Gorham. „Zum Glück liebten sie es.“

›Dancing In The Moonlight‹ erreichte in Großbritannien die Top 20, verhalf dem Album zu Platz 4, bis dato ihre beste Platzierung, und führte sie in den USA zurück in die Top 40. Es wurde zum Höhepunkt ihrer Live-Sets und wurde im folgenden Jahr auf dem umwerfenden Konzertmitschnitt LIVE AND DANGEROUS unsterblich gemacht. Selbst heute, fast vier Jahrzehnte später, ist es ein essenzieller Teil des Thin-Lizzy-Live-Erlebnisses.

„Das ist definitiv einer unserer coolsten Songs“, so Gorham. „Als wir ihn zum ersten Mal live spielten, konnte man sehen, wie alle mitsangen, also wussten wir, dass er einen Nerv getroffen hatte. Der Song entspricht dieser Vorstellung, die alle von Phil haben – dieser romantische, freche Typ –, und wurde zu einem der Lizzy-Eckpfeiler schlechthin. Er hatte wohl recht, was dieses Arrangement betraf … aber meine Version wäre genauso cool gewesen.“