Der legendäre US-Kritiker und Punk-Apostel Lester Bangs – der im Auftrag des „Rolling Stone“ in Großbritannien war – attestierte AC/DC, „den wahren Geist der evolutionären Vorgänger“ des Rock zu verkörpern. Ihre Lieder waren kein „Halt-mein-Händchen-Zeug, sondern provokant plakativ, unverhohlene Anmache und lüsterne Fantasie.“

Doch für die Band lag die einzige Wahrheit auf der Straße. Sie begannen ihre bislang größte UK-Tour mit einem ausverkauften Konzert in der Universität von Edinburgh, bei dem Bon Scott mitten im Song ›Dog Eat Dog‹ unterbrach, weil er protestieren wollte, wie brutal die Ordner mit den – zugegebenermaßen außer Kontrolle geratenen – Fans umgingen.

Eine Single wurde zu diesen Terminen veröffentlicht – ›Dirty Deeds Done Dirt Cheap‹ mit den noch älteren B-Seiten ›Big Balls‹ und ›The Jack‹ –, die Atlantic mit dem cleveren Slogan „Allen Radiostationen ist das Abspielen dieser Platte verboten“ promotete. Was nicht stimmte, aber den Unterschied merkte niemand, da nur John Peel auf Radio One bereit war, dieses „Verbot“ zu ignorieren.

Auf Tour teilten sich die Young-Brüder ein Zimmer, Mark Evans und Phil Rudd ein weiteres. Ian Jeffery teilte also mit Bon. „Das war wirklich eine Erfahrung“, sagt Jeffery heute mit einem wehmütigen Kichern. „Ich war so oft im Bett und schlief schon, als Bon reinkam, sich setzte, mit dem Fernseher redete und dachte, er redete mit mir oder sonst jemand. Dann lehnte ich mich rüber, machte den Fernseher aus, und er ging ins Bett.“

Das letzte der 18 Konzerte war am 11. März im Londoner Rainbow Theater – derselbe Tag, an dem LET THERE BE ROCK in Australien erschien, zeitgleich mit der neuesten dortigen Single, ›Dog Eat Dog‹. Angesichts der Apathie, die sie seitens des Publikums und der Medien in Australien empfanden, filmten sie nur widerwillig einen Live-Auftritt für eine Sonderausgabe von „Countdown“ mit Leo Sayer, aber das Resultat war wenig beeindruckend. Statt wie üblich mit freiem Oberkörper aufzutreten, sah Bon aus, als habe er sich gegen die Londoner Kälte in eine pelzgefütterte Jacke gewickelt, während Angus statt seiner Schuluniform ein gestreiftes T-Shirt trug. Die Aufnahmen waren zu einem langen Tag geworden, bei dem reichlich Alkohol geflossen war und an dessen Ende einfach nur alle so schnell wie möglich weg wollten.

Im April, zu Beginn einer zwölf Konzerte währenden Tournee als Vorgruppe von Black Sabbath, gab’s den nächsten Ärger. Die Tour sollte eigentlich ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter werden – neues Equipment war angeschafft worden, ebenso wie neue Roadies eingestellt, die es bedienen konnten –, aber die Tour wurde zu einem weiteren Debakel. „Die ganze Technik versagte“, beschwerte sich Angus über die erste Show in Paris. „Wir spielten etwa 20 Minuten und zerstörten dann die Bühne.“

Ab diesem Zeitpunkt verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den beiden Bands – auch wenn Bon sich typischerweise spontan mit Sabbath-Frontmann Ozzy Osbourne verstand, der sich später daran erinnerte, wie beeindruckt er davon war, dass Bon Leisetreter auf der Bühne trug – wie Ozzy. „Die waren toll auf der Bühne, und ich dachte, ich sei der einzige, der sie trug“, sagte Ozzy.

Doch die Tournee endete vorzeitig, als AC/DC nach einem Streit zwischen Malcolm Young und Sabbath-Bassist Geezer Butler gefeuert wurden. Jahrelang ging die Geschichte um, Geezer habe in der Bar ihres Hotels in Schweden törichterweise ein Messer gegen Malcolm gezogen, worauf dieser den unglückseligen Sabbath-Bassisten umgehend zu Boden gestreckt habe. Tatsächlich war es nur ein Spielzeug-Klappkamm. Das Ergebnis war jedoch dasselbe: AC/DC flogen am nächsten Tag nach London zurück.

Als sie sich im Mai zurück in der britischen Hauptstadt die Zeit vertrieben, war Mark Evans der nächste, dem der kalte Wind der Veränderung ins Gesicht wehen sollte. Michael Browning bestellte ihn zu einer Bandbesprechung, bei der verkündet wurde, man werde seine Dienste nicht mehr benötigen. Heute sagt Evans, es sei wohl „eine Frage der Hingabe“ gewesen. „Aber niemand konnte soviel Hingabe für diese Band zeigen wie die Young-Brüder.“

Browning sagt heute, es sei weniger um Hingabe gegangen als um wachsende Animositäten seitens der Brüder gegenüber Evans. „Angus hatte ein persönliches Problem mit Mark,“ meint Browning. Ian Jeffery glaubt, dass Malcolm eine wichtige Rolle bei der Entscheidung spielte. „Malcolm konnte jederzeit in die Luft gehen. Ich habe diese Wut innerhalb der Band gesehen, geschweige denn gegen Außenstehende. Wenn er dachte, dass sie es nicht brachten oder mit jemanden redeten, den er nicht kannte … egal was, auf welcher Ebene auch immer.“

Browning gesteht, dass er zunächst ein ganz anderes Problem vermutete, als Malcolm Young ihn zu dem Meeting über Evans einberief. „Zuerst dachte ich, er rief mich an, um vorbeizukommen und zu besprechen, was man mit Bon machen sollte“, erinnert er sich. „Bon baute immer Mist, so oder so. Da war immer irgendein Drama.“