Aerosmith 2 @ Sony MusicEs gibt nichts zu beschönigen: MUSIC FROM ANOTHER DIMENSION ist das erste Album der Luftschmiede mit eigenen, neuen Songs seit 2001 – und vielleicht auch das letzte. Sei es wegen des fortgeschrittenen Rockstar-Alters seiner Protagonisten, aber auch wegen interner Spannungen, die für eine Band im 42. Jahr ihres Bestehens geradezu lächerlich sind. CLASSIC ROCK traf die Legende in Los Angeles, und erlebte den sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan.

Ort des Geschehens: Das Sunset Marquis Hotel in West-Hollywood. Da, wo Steven Tyler schon seit Jahren in einer geräumigen Villa wohnt, längst so etwas wie das Hausmaskottchen geworden, und dabei immer höflich, nett und bemüht ist. „Hey, German boy. Who´s in?“, lautet sein Standardspruch, wenn man ihm bei Interviews mit Linkin Park, den Deftones, Disturbed oder My Chemical Romance, die an selber Stelle stattfinden, in die Arme läuft. Doch diesmal, Ende September und mitten in der schlimmsten Hitzewelle, die Kalifornien je erlebt hat, ist alles anders. Da hat man eher das Gefühl, ein emotionales Kühlhaus zu betreten. Einfach, weil die Stimmung extrem angespannt, gereizt und deprimiert ist. Gerade unter einem halben Dutzend Journalisten aus aller Welt, die – genau wie der Verfasser dieser Zeilen – stundenlang in einem winzigen Raum warten müssen. Ohne Begrüßung, ohne Getränke, ohne jegliche Informationen zum Zeitplan und zur personellen Konstellation ihres jeweiligen Termins. Das Ganze erinnert an den Neujahrsempfang der SED im Friedrichsstadtpalast, bei dem keiner zur Toilette gehen bzw. das Glas erheben darf, ehe Onkel Erich persönlich erscheint – und das kann dauern. Genauer gesagt: Zweieinhalb Stunden. Gerüchtweise – so die Damen von Hair, Make-up und Bandgarderobe, die für den richtigen Look bei Fotos und TV-Gesprächen verantwortlich sind – läge es an den Verzögerungen beim morgendlichen Fototermin mit Altmeister Ross Halfin, der scheinbar nach seiner eigenen Uhr arbeitet. Aber auch an einem Bandmeeting, welches das Management einberufen hat – und den dichten Zeitplan noch einmal um eine Stunde zurückwirft. Nur: Auf den Gedanken, die Medienpartner zu informieren, kommt niemand. Beim zuständigen Vertreter der Plattenfirma läuft die Mailbox. Konfrontiert man ihn persönlich, ist er ausweichend und hilflos. Genau wie Kollegen aus Japan, deren Zeiten gnadenlos gekürzt werden, aus deren Einzelinterview mit Tyler und Perry nun Gruppentermine mit allen fünf Bandmitgliedern werden, und die – zu Recht – wahlweise an Harakiri oder die Verpflichtung von Auftragskillern denken. Einfach, weil sie in knapp 30 Minuten gerade mal 5-6 Fragen stellen können – die mit Banalitäten in geradezu epischer Länge beantwortet werden. Alles unter strenger Aufsicht des Managements, dessen Abgesandter jedes einzelne Wort vom Nebenraum aus verfolgt, per Diktiergerät mitschneidet, und ein echtes Big Brother-Szenario kreiert. Mittendrin: Knipser Ross Halfin, der unangemeldet in Interviews platzt, sich mit Tyler oder Perry unterhält oder Kommentare zu den Fragen des jeweiligen Journos ablässt. Eine bodenlose Frechheit, die sogar die Frage aufkommen lässt, ob man nicht besser seine sieben Sachen packt und unverrichteter Dinge nach Hause fliegt, statt hier gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Die drei Weisen

Doch als die Reihe endlich an CLASSIC ROCK ist, und man den Schock überwunden hat, plötzlich den Herren Hamilton, Whitford und Kramer gegenüberzusitzen, die gar nicht abgesprochen waren, gibt es auch mal eine positive Überraschung: Die Alt-Herren-Garde, die optisch an einen rüstigen Südstaaten-General (Brad Whitford), ein abgemagertes Skelett (Tom Hamilton) und einen braungebrannten Lebemann (Joey Kramer) erinnert, ist de facto ein echter Interview-Traum. Der nur bei einer Frage rumdruckst: Was ist hier heute eigentlich los? „Egos“, sagt Rhythmusgitarrist Whitford trocken. „Einige Leute fühlen sich von anderen bevormundet und haben das Gefühl, dass sie sich nicht so verkaufen können, wie sie gerne wollen. Aber hey: Das gilt nicht für uns. Hier bist du in guten Händen.“ Was nicht übertrieben ist: Die 28 Minuten, die nun folgen, beinhalten alles – und zwar offen und ehrlich. Angefangen bei der Sinnkrise der letzten Jahre, die von permanentem Verletzungspech, abgebrochenen Tourneen, heftigen Krankheiten (Hamiltons Halskrebs) und mehrfachen Fehlstarts im Studio geprägt war. „Man könnte auch sagen: Wir werden älter“, setzt Tom mit einem spöttischen Grinsen an. „Denn es ist doch so: Je länger du lebst, desto mehr Mist erlebst du. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Und in den letzten zehn Jahren war es wirklich geballt – also so heftig wie noch nie zuvor. Aber das Entscheidende ist: Wir haben es überlebt. Und deshalb wissen wir jetzt alles auch ein bisschen besser zu schätzen – weil es natürlich auch so etwas wie ein Weckruf war. Es hat uns gezeigt, dass wir die Zeit, die wir noch zusammen haben, besser sinnvoll miteinander verbringen sollten, statt uns mit irgendwelchem Quatsch aufzuhalten.“

Wie etwa mit dem blauäugigen Versuch von 2008, als man dachte, einfach mal (zwischen zwei Tourneen) ein Album mit Brendan O´Brien aufnehmen zu können, weil das halt der angesagte Rock-Produzent sei, der alles von AC/CD über Pearl Jam bis Springsteen betreut – und dabei einen Blockbuster nach dem anderen hervorbringt. „Wir hatten keine Ahnung, welchen Ansatz er im Studio verfolgt, und worin sein Stil besteht. Und es stellte sich halt schnell heraus, dass er das exakte Gegenteil von Jack Douglas oder Bruce Fairbairn war. Also dieses organische Ding – live im Studio und so. Das ist nicht wirklich nach unserem Geschmack, und deswegen hat es auch nicht funktioniert. Bei den Sessions, die vielleicht zwei Wochen gedauert haben, ist nichts herausgekommen. Es war einfach keine gute Idee.“

Lenny oder Sammy

Genau wie – das gibt das Trio unumwunden zu – der Ansatz von 2010, einfach mit einem anderen Sänger als Steven Tyler weiterzumachen, dessen permanenten Betriebsunfälle, kombiniert mit zahlreichen Nebenaktivitäten wie der Veröffentlichung einer Autobiographie, Gastauftritten in TV-Serien wie „Two And A Half Man“ oder der Vorstellung einer eigenen Motorrad-Kollektion seine Bandkollegen an den Rand des Wahnsinns und der (beinahe) folgenschweren Fehlentscheidungen führten. „Nimm es so: Wir wollten ins Studio und endlich etwas Neues machen, und wir wollten damit auf die Bühne. Denn das ist unser Job, wir sind Musiker, und nichts anderes“, setzt Joey an. „Doch weil das nicht zu klappen schien, haben wir uns halt mit Leuten wie Sammy Hagar unterhalten – der auch sofort mitgemacht hätte. Einfach, weil wir schon ewig Freunde sind, und er das Material in- und auswendig kennt. Dagegen war Lenny Kravitz ein Vorschlag, der von außen kam, und mit dem weder er noch wir besonders glücklich waren. Und ich muss sagen: Im Nachhinein wünschte ich, wir hätten das alles nicht gemacht, sondern uns mit Steven ausgesprochen. Nur: Wir hatten keinen Draht zu ihm. Er war in einer anderen Welt, in der es ihm offensichtlich auch ganz gut gefallen hat. Aber die halt nichts mit uns zu tun hat.“

American Idol

Eine offenkundige Anspielung auf Tylers Engagement als Jury-Mitglied in der Castingshow American Idol, die ihm eine Gage von geschätzten 40 Millionen Dollar sowie einen Platz an der Seite von Jennifer Lopez bescherte. Gleichzeitig aber auch jede Menge wütende Proteste aus Fankreisen, die dem Sänger den ideologischen Ausverkauf vorwarfen, nur um dann doch – gegen alle Erwartungen – Publikumsliebling zu werden und Aerosmith ein ganz neues Publikum diesseits der 40, 50 zu bescheren. Also junge Kids, die die Hits von gestern und einen der zweifellos besten Frontmänner der Rockgeschichte für sich entdecken – und der Band einen neuen Popularitätsschub geben. „Das ist uns im Nachhinein auch klar geworden“, lacht Tom Hamilton trocken. „Eben, dass es eigentlich gar nicht so schlimm ist, wie zunächst befürchtet. Ich meine, keine Ahnung, ob sich das spürbar in Ticketumsätzen niederschlägt. Aber es hat die Welt definitiv daran erinnert, dass es da draußen eine Band namens Aerosmith gibt, die vielleicht gerade kein neues Album am Start hat, aber immer noch existiert – und kräftig Popo tritt, wenn sie auf der Bühne steht. Dafür müssen wir ihm dankbar sein.“ – „Auch, wenn wir es zunächst nicht glauben konnten, dass er sich darauf einlässt“, setzt Joey fort. „Aber wahrscheinlich waren wir einfach nur sauer, dass er uns nicht selbst informiert hat. Wir haben es aus der Zeitung erfahren – wie jeder andere auch.“ Was kein gutes Licht auf die interne Kommunikation einer Gruppe wirft, die sich damit schmückt, die letzte amerikanische Rockband der 70er zu sein, die noch in Originalbesetzung agiert. Was auch fast stimmt – die Jungs von ZZ-Top mögen es ihnen nachsehen.

Musik aus einer anderen Dimension

Gerade und vor allem angesichts eines Comeback-Albums wie MUSIC FROM ANOTHER DIMENSION, der 15. Longplayer im 42. Jahr – und zugleich einer ihrer besten. Einfach, weil er rein qualitativ auf einer Ebene mit Meilensteinen wie TOYS IN ATTIC, ROCKS und PUMP rangiert, nicht weniger als 15 Stücke (18 in der Deluxe-Edition) enthält und wieder den ureigenen Brückenschlag zwischen butterweichen, voll orchestrierten Power-Balladen sowie richtig heftigen, erdigen Rockern, gewürzt mit einer kräftigen Prise Blues bietet. Eben genau das, was man von der Band-Institution aus Boston erwartet. Und was sie diesmal – mit Ausnahme von je einem Song aus der Feder von Diane Warren, Desmond Child, Jim Vallance und Marti Frederiksen – auch im Alleingang zu verantworten haben. Also ohne Hilfe von sündhaft teuren Songwriter-Gurus, auf die man sich in den späten 80ern/frühen 90ern nur zu gerne verlassen und anschließend über die hohen Tantiemen geärgert hat. „Das Album zeigt, was wir über die Jahre alles gelernt und vor allem gemacht haben“, so Brad. „Du kannst darauf Sachen aus jeder einzelnen Phase unserer Geschichte hören. Wobei es gleichzeitig aber auch zu unseren Anfängen zurückgeht. Was nicht zuletzt daran liegt, dass wir mit einem Produzenten gearbeitet haben, der unsere Arbeitsweise und unseren Sound entschieden mitgeprägt hat. Was das betrifft, verdanken wir Jack Douglas wirklich eine Menge. Und ich denke, er hat das Beste aus dem herausgeholt, was wir hatten. Also wir haben uns ganz bewusst nicht auf zu viel externen Kram verlassen, weil man uns das in der Vergangenheit ja auch oft zum Vorwurf gemacht hat. Wahrscheinlich sogar zu Recht. Deshalb haben wir diesmal hauptsächlich das verwendet, was wir hatten. Und das waren halt 20 Songs, die wir – in welcher Form auch immer – allesamt aufgenommen haben. Eben für unterschiedliche Formate der CD. Was aber auch bedeutet, dass wir jetzt blank sind. Also dass da wirklich nichts mehr ist, worauf wir in naher Zukunft zurückgreifen könnten. Und da wir nun wirklich nicht die schnellsten sind, was das Schreiben von Songs betrifft, könnte es das durchaus gewesen sein. Was nicht heißt, dass ich die Hoffnung aufgebe, aber ich bin einfach Realist. Ich fürchte, dass wir das mit Ende 60/Anfang 70 nicht noch einmal hinkriegen. Obwohl: Diese ganzen alten Blues-Jungs haben es ja auch geschafft.“

Hamster, Prothesen, Pippi in Tüten

Ganz zu schweigen von Bassist Tom, der den Krebs nun schon zwei Mal erfolgreich bekämpft hat, davon zwar deutlich gezeichnet ist, aber trotzdem seinen Einstand als Aersomith-Sänger feiert. Mit einer netten Blues-Nummer namens ›Up On A Mountain‹, die sich zwar nur auf der 18-Track-CD findet, aber doch Mut macht. Eben, dass das letzte Epos ihres auslaufenden Sony-Vertrags vielleicht doch nicht der Schlusspunkt einer unvergleichlichen Karriere mit über 150 Millionen verkaufter Tonträger ist. Dass da neben einer angestrebten Welttournee für 2013 (die auch in Deutschland haltmachen wird) vielleicht noch ein bisschen mehr kommt. Obwohl: Hamilton, Kramer und Whitford, das Rückgrat der Luftschmiede, haben vorgesorgt. Der Drummer mit einem eigenen Internet-Kaffee-Versand (www.rockinandroastin.com), der Rhythmusgitarrist mit einem Filmskript, das Obskuritäten und witzige Anekdoten der Bandgeschichte vereint („Wir hatten schon alles auf der Bühne: Hamster, Fußprothesen und Beutel mit warmen, gelbem Inhalt“). Und der Bassist – nicht ganz so erfolgsträchtig – mit sogenannten „Obscene Babys“, die ihm sichtlich peinlich sind und für lautes Gelächter seiner Kollegen sorgen: „Erinnert ihr euch noch an diese Beanie Babies aus den 90ern, diese bunten Stofftiere? Damit haben meine Kinder immer gespielt – und sind mir so auf die Nerven gefallen, dass ich ein paar Figuren entwickelt habe, die so aussahen, als wären sie gerade von einem LKW überfahren worden. Ich habe sie Obscene Babies genannt und ein paar Tausend Stück davon produzieren lassen. Leider wollte die keiner haben – sie stapeln sich immer noch in meiner Garage.“

Der ganz normale Wahnsinn

Ein amüsanter Schlusspunkt, denn danach geht es in die Höhle des Löwen: In die Suite, in der Steven Tyler und Joe Perry zur zweiten verbalen Runde bitten – und bei der sehr schnell deutlich wird, wo hier und heute der Schuh drückt bzw. wo das aktuelle Problem innerhalb der Band liegt. Nämlich bei unterschiedlichen Managements, die sich mindestens so spinnefeind sind, wie Tyler und Perry selbst. Namentlich Howard Kaufman, der Tom Petty, Fleetwood Mac, Jackson Browne und 4/5 Aerosmith vertritt, sowie Pop-Titan Simon Fuller, dessen Managementfirma XIX Entertainment nicht nur Lewis Hamilton, David Beckham und Ehefrau Victoria betreut, sondern seit neuestem auch den Aerosmith-Sänger. Was in einem Interessenskonflikt erster Güte gipfelt. Denn Fuller, geistiger Schöpfer der Spice Girls und umsatzstarker Castingshows, hat dem 64-jährigen Rock-Oldie nicht nur lukrative Werbedeals mit Burger King, TV-Auftritte in „Two And A Half Man“ und die Juroren-Rolle in „American Idol“ verschafft, sondern damit auch einen weiteren, riesigen Keil zwischen die Fronten getrieben. Was zur Folge hat, dass man trotz des starken neuen Albums echte Grabenkämpfe austrägt, überall arglistige Verschwörungen wittert und nichts und niemandem traut. Am allerwenigsten der Presse, die womöglich versuchen könnte, beide Seiten gegeneinander auszuspielen. Weshalb Journalisten vor Beginn des 30-minütigen Talks (geplant waren 45) noch einmal grundlegende Verhaltensnormen und Richtlinien eingetrichtert werden. Motto: Du musst alle neuen Songs gehört haben, absolut textsicher sein, darfst dich nur auf das Album konzentrieren und ja keine privaten Fragen stellen. Fehlt nur noch, dass frisch geputzte Zähne und gesalbte Füße Pflicht sind.

Rockstar-Shit

Aber: Tyler und Perry – und das ist nicht nur ernüchternd, sondern geradezu erschreckend – halten sich auch selbst an diese Vorgaben. Weshalb die beiden reifen Herren in ihren wallenden Hemden, Tüchern und Haaren, mit denen sie in jeder Folge von „Fluch der Karibik“ mitwirken könnten, denn auch seltsam gehemmt wirken, sich betont diplomatisch geben und auf Schmusekurs setzen. Eben wie Politiker bei der Koalitionsbildung oder als hätte man ihnen eingebläut, so unverbindlich wie eben möglich zu sein. Was darin gipfelt, dass Tyler im Hinblick auf die elfjährige Pause von schlechtem Karma und familiären Verpflichtungen sinniert, die aktenkundigen Drogenprobleme und Solo-Ambitionen unter dem Begriff „Rockstar-Shit“ zusammenfasst – und folgerichtig auch nicht näher erläutern will. Während Perry, ein sturer Bock mit neckischen blonden Strähnchen in der Löwenmähne, den sprichwörtlichen Vogel abschießt. Auf die offenkundig humorvolle Frage, ob Steven Tyler als Fernsehpromi noch schwieriger sei als früher – was nicht zuletzt zur Auflockerung der verkrampften Situation dienen soll -, setzt er zu einem epischen Monolog an, wie toll sein Sänger sei, was für unglaubliche Talente er habe, und dass es quasi ein Geschenk Gottes sei, dass er sich im Rahmen einer solchen Casting-Sendung ausleben konnte. „Ich habe mich für ihn gefreut – also dass er endlich ein weiteres Ventil gefunden hat. Denn er hat so viel Energie, und die Sendung war geradezu perfekt für ihn. Er konnte da ganz er selbst sein. Und er hat Aerosmith dafür ja nie aufgegeben, sondern im letzten Winter an beiden Sachen gleichzeitig gearbeitet. Keine Ahnung, wie er das hingekriegt hat, aber ich bewundere ihn dafür. Und ich denke, dass sich der Kick, vor einem Millionenpublikum im Fernsehen aufzutreten, auch auf die Energie dieses Albums übertragen hat. Also dass das eine das andere beeinflusst hat. Und dass es ihn kreativ beflügelt haben muss, neben J. Lo zu sitzen und all diesen Kids wichtige Lektionen mit auf den Weg zu geben.“ Ein zweiminütiger Monolog, der CLASSIC ROCK fast die Schuhe auszieht. Eben, weil dass hier eher etwas von einem FDP-Parteitag, als von einer der exzessivsten und wildesten Rockbands der 70er und 80er hat. Weil Aerosmith mal für fliegende Fäuste, harte Drogen, hemmungslosen Groupie-Konsum und frontalen Konfrontationskurs mit allem und jedem standen – eben für die berühmten Toxic Twins Tyler/Perry, gegen die selbst die Glimmer Twins Jagger/Richards wie ein gutbürgerliches Kaffeekränzchen wirken. Aber was die beiden hier abliefern, ist Schmierentheater, ist einstudiert und einfach nur falsch. Sprich: So kann es nicht weitergehen – weil dabei nichts herumkommt.

Aerosmith In ConcertWurzelsuche

Doch trotz gezielter Fragen und dem Versuch, ein bisschen Humor ins Spiel zu bringen: Zunächst einmal bleiben sie bei ihrer Linie, handeln Gastauftritte von Mia Tyler und Johnny Depp (letzterer in ›Freedom Fighter‹) mit einem nichtssagenden „sie waren halt gerade in der Gegend“ ab und ergehen sich in einer Selbstbeweihräucherung, die beinahe unerträglich ist. Eben als wollten sie Musik als hochtrabende Kunst verkaufen, ihre eigene Rolle in der Rockgeschichte, die eh unbestritten ist, aufpolieren und sich verbal ins rechte Licht rücken. Fast so, als hätten sie das nötig oder als wurde ihnen das als Motto der heutigen Veranstaltung eingetrichtert. So ist zum Beispiel die simple Frage, ob es sich bei MUSIC FROM ANOTHER DIMENSION um ein klassisches, wenn nicht typisches Aerosmith-Album handele (weil alle vertrauten Zutaten vorhanden sind), Anlass für einen ausschweifenden Monolog, mit dem Perry, der an den Adler aus der Muppet-Show erinnert, seinem Ego Freilauf lässt: „Die Frage müsste doch eher lauten, was ein typisches Aerosmith-Album ist. Denn im Grunde ist jedes anders und folgt seinem ureigenen Ansatz. Wenn überhaupt, finden sich auf dem neuen also einzelne Referenzen an unsere Geschichte – und natürlich dieselben Einflüsse, die wir schon immer aufgegriffen haben: Ein bisschen Muddy Waters, ein bisschen Howlin´ Wolf oder auch Yardbirds. Das sind die Bands, von denen wir gelernt haben. Aber mittlerweile haben wir unseren eigenen Sound. Was dafür sorgt, dass ich beim Hören bestimmter Passagen nicht mehr denke: ,Das kenne ich von Fleetwood Mac.‘ Sondern: ,So etwas ähnliches hatten wir schon mal vor 20 Jahren.‘ Und das ist ja nicht schlimm. Als Künstler ist es ganz legitim, sich auf seine eigene Tradition und Geschichte zu beziehen. Und den Fans damit das Gefühl von etwas Vertrautem zu geben. Ich finde es viel schlimmer, wenn sich jemand hinstellt und sagt: „Wir müssen uns immer wieder neu erfinden und ständig anders klingen“. Das ist doch Blödsinn. Macht das, was ihr am Besten könnt, und macht es richtig.“

Freiheitskämpfer

So, wie er es mit dem von ihm geschriebenen und gesungenen ›Freedom Fighter‹ vorexerziert: Ein Stück dreckiger, bluesiger Power-Rock mit Reibeisenstimme und einem Text, der – auf den ersten Blick – die Motivation hinter den amerikanischen Invasionen in Afghanistan und im Irak in Frage stellt, mit großartigen, bissigen Zeilen wie „there was once a time we believed in your lies/now you can´t walk the streets ´cause you´d never survive“ aufwartet, und den bekennenden Republikaner Perry als weltoffenen, kritischen Zeitzeugen präsentiert, der die Intrigen der Bush-Administration nur zu gut durchschaut. Doch weit gefehlt: „Ich habe eine TV-Reportage über einen Typen gesehen, der Kriegsdokumentationen dreht. Und da wurde mir klar, wie wichtig solche Leute – also Journalisten – sind, wenn es darum geht, die Wahrheit zu finden, und sie der Öffentlichkeit zu vermitteln. Nämlich fast so wichtig, wie diejenigen, die Waffen in die Hand nehmen, um für unsere Freiheit zu kämpfen.

Wovor ich mich nur verneigen kann. Genau wie vor diesen Journalisten, die ihr Leben riskieren, um unsere demokratischen Grundwerte zu retten. Denn das ist es doch, was unsere Freiheit sichert – die Wahrheit. Und die Möglichkeit, sie auch aussprechen zu dürfen.“ Dass es sich bei den meisten Kriegsberichterstattungen um reine Propaganda des jeweiligen Aggressors handelt und sie auch nie ungefiltert über den Äther gehen würden, scheint sich noch nicht bis zur Sleepy Hollow Farm in Vermont rumgesprochen zu haben, wo der 62-Jährige mit Ehefrau Billie Paulette Montgomery residiert, friesische Pferde züchtet und seine eigenen „Joe Perry´s Rock Your World Hot Sauces“ kreiert – eine Kollektion an Salsa- und Tabasco-Variationen, die mittlerweile in jedem gut sortiertem US-Supermarkt erhältlich ist. Und die – so betont er – auch beim Band-eigenen Catering zum Einsatz kommt. Wobei er zum ersten Mal den Hauch eines Lächelns auf seinen wie in Stein gemeißelten Gesichtszügen erkennen lässt. Und auch von Tyler ist ein dezentes Glucksen zu vernehmen.

Aerosmith @ Sony MusicYah Yah Babes

Eine Chance, die es zu nutzen gilt. Etwa mit der Frage nach des Sängers Lyrik, die sich mit Formulierungen wie „A yah-yah baby til out go the lights“ oder „hot monkey sex on a hot tin roof“ wieder einmal selbst übertrifft und auch im fortgeschrittenen Mannesalter einen gut kodierten Lobgesang auf die eigene Libido serviert. „Was ein Yah-Yah-Babe ist?“, lacht Tyler. „Das ist wahrscheinlich das letzte, was du sagst, bevor du kommst, Mann. Eben ,yah, yah, babe.‘ Also zumindest bei mir ist das so. Und ich habe gerne Sex wie ein geiler, kleiner Affe. Wobei ich ehrlich gesagt keine Ahnung habe, wie ich auf diese Formulierungen komme. Sie fallen mir halt einfach so ein, ich schreibe sie auf, und zwei Wochen später wird mir klar: ,Wie cool ist das denn?‘ Aber ich verfolge damit keine tiefere Intention.“ – „Und ich finde es auch cool. Selbst wenn ich mich natürlich frage: ,Was raucht der Mann?’“, fällt ihm Perry ins Wort. Und plötzlich ist die Situation locker und entspannt. So sehr sogar, dass Tyler offen zugibt, oft etwas exzentrisch und schwierig gegenüber seinen Bandkollegen zu sein, sich selbst als abgedreht und wankelmütig beschreibt und seine Schuld an der Krise der letzten Jahre einräumt: „Ich habe mich nicht immer so verhalten, wie ich das vielleicht sollte. Aber hey, ich bin auch nur ein Mensch. Ich habe meine Höhen und Tiefen und muss auch mal etwas anderes tun. Ich meine, kann sich einer vorstellen, was es heißt, von seiner Frau verlassen zu werden, nur weil man sich mit Hepatitis C infiziert hat – was nicht unbedingt beim außerehelichen Sex passiert sein muss? Oder von einem Arzt einen Gehirntumor diagnostiziert zu bekommen, der sich im Nachhinein als harmlos erweist? Ich habe wirklich ein paar rabenschwarze Jahre hinter mir.“

Sex, Sex, Sex

Was nach gesteigerter Midlife Crisis klingt, die er – so Tyler – nicht zuletzt wegen seiner aktuellen Verlobten, Ex-Model Erin Brady, überwunden habe. Und die er genau deshalb noch vor Jahresende zu heiraten gedenke. Einfach, weil sie Anlass für ein neues optimistisches Lebensgefühl ist. Was sich – so deutet Tyler im Song ›Luv XXX‹ an – nicht zuletzt in einem ausschweifenden Sexualleben manifestiert: „Love three times a day/there ain´t no other way“. Sprich drei Mal täglich, und so wild wie es nur geht. „Hör mal, ich bin vielleicht ein alter Mann, ich habe kaputte Knie, ich sehe schlecht und trage bereits meine dritten Zähne, aber das kriege ich immer noch hin – und darauf möchte ich auch nicht verzichten. Ich kann nur jedem raten: Habt mehr Sex, Leute! Lasst euch mal wieder richtig gehen! Lasst es raus! Dann würde es gleich wesentlich weniger Spannungen auf dieser Welt geben, alle wären viel lockerer und glücklicher.“

Ein Satz, dessen voller Tragweite er sich noch vor seiner Vollendung bewusst wird, verlegen in die Runde blickt und fast entschuldigend stammelt: „Das gilt natürlich auch für alle Anwesenden in diesem Raum“. Was etwas von einem großen Erwachen hat, und für ausgelassene Stimmung zum Finale sorgt. Eben so, wie es eigentlich und ursprünglich hätte sein sollen. Einfach, weil es überhaupt keinen Grund für die seltsame Zurückhaltung gibt. Denn: Aerosmith haben ein überzeugendes Spätwerk abgeliefert, als Band sämtliche Höhen wie Tiefen gemeistert und beehren uns – daran besteht kein Zweifel – 2013 noch einmal mit einer flächendeckenden Welttournee. Alles, was danach kommt, wird sich zeigen. Und alles, was nebenbei passiert, ist allenfalls unterhaltsam, hat aber nichts mit der Musik des Quintetts zu tun. Und wäre da nicht wieder Ross Halfin, der unbedingt wissen will, ob Tyler heute Abend noch auszugehen gedenkt, vielleicht hätte sich sogar noch ein richtig langes, nettes Gespräch entwickelt. So hingegen endet das Ganze abrupt, gerade als Tyler über seine Freundschaft zu Charlie Sheen und sein Auftritt als Burger King-Mitarbeiter sinniert. „Die haben mir so viel Kohle geboten, dass ich nicht nein sagen konnte, selbst wenn ich Fastfood gruselig finde“, spricht´s und erhebt sich aus seinem Sessel. Ein kurzes Shakehands, ein „see you next time“, und schon steht man auf der Straße. Richtig nett ist anders.