Titelstory: Alice Cooper – Jenseits der Guillotine

alice cooper 2017 Seit fünf Jahrzehnten verzaubert Vincent Damon Furniers Alter Ego Alice Cooper sein Publikum mit erstklassigen Rocksongs und ebenso atemberaubenden Live-Shows. Im Sommer 2017 legte der „Godfather Of Shock Rock“ mit PARANORMAL eines seiner vielleicht wichtigsten Werke auf die Plattenteller seiner treuen Gefolgschaft. CLASSIC ROCK sprach mit der lebenden Legende über den Entstehungsprozess des neuen Opus, die besondere Beziehung zu Starproduzent Bob Ezrin, die Reunion mit der originalen Alice Cooper Band und den Sieg über die Alkoholsucht.

Alice, in deinen vergangenen Interviews mit CLASSIC ROCK sprachst du über Alice Cooper immer in der dritten Person – warum trennst du so strikt zwischen Cooper und deiner wahren Identität Vincent Da­­mon Furnier?
Die beiden sind schlichtweg grundverschieden! Ich spreche, denke oder laufe nicht wie Alice. Er ist ein Charakter, der nur auf der Bühne lebt und nicht mit seinem Publikum kommuniziert. Diese Konversation könnte ihn zu greifbar für den Zuschauer erscheinen lassen. In ihm steckt viel Humor und generell viel Emotion – jedoch auf eine nicht gerade menschliche Art.

Ende Juli erscheint dein 27. Studioalbum PARANORMAL. Wie hast du das Projekt so lange geheim halten können?
Wir waren so damit beschäftigt, an der Scheibe zu arbeiten, dass wir vergaßen, darüber mit irgendjemandem zu sprechen. Gerade befinden sich meine Band und ich in den Tourvorbereitungen, die Scheibe wird gemixt, der Veröffentlichungstag steht und Alice gibt Interviews dazu.

Es ist schon sehr erleichternd, dass das Album vor seiner Vollendung steht, denn ohne zu übertreiben kann ich versprechen, dass es ein verdammt gutes Alice-Cooper-Album geworden ist! Bob Ezrin und ich setzten uns in der PreProduktion zusammen und arbeiteten diesen Plan aus, eine Serie von Songs zu schreiben, die uns total vom Hocker reißen sollten! Es geht dieses Mal nicht um eine Storyline oder dergleichen. PARANORMAL bedeutet in erster Linie, dass eine Sache ein Stück neben der Normalität angesiedelt ist. Der Name passt einfach super zum Ge­­samtsound und dem Vibe der Stücke. Wir stellten keinerlei Prämissen oder Limitierungen für die Songs auf und die Idee wuchs, mit verschiedenen Schlagzeugern wie etwa U2s Larry Mullen Jr. und Neil Smith von der originalen Alice Cooper Band zu arbeiten und noch dazu allerlei tolle Gäste einzuladen.

Darunter befinden sich so großartige Kollegen wie Deep Purples Roger Glover, Billy Gibbons von ZZ Top und natürlich Gitarrist Michael Bruce und Bassist Dennis Dunaway, die mit Neil und mir das historische Alice-Cooper-Lineup auf ein paar Liedern komplettieren. Alleine wenn man sich diese Aufzählung vor Augen führt, fällt auf, dass wir auf musikalischer Ebene nahezu alle Subgenres des Rock auf PARANORMAL miteinander verschmelzen.

ES GEHT NICHT UMS GELD

PARANORMAL ist dein erstes Album seit sechs Jahren – warum hast du dir eine derart lange Studio-Auszeit gegönnt?
Tja, heutzutage ist es leider nicht mehr so wie in den 70ern, wenn du eine Scheibe aufnimmst. Damals kamen wir auf knapp zwei Platten pro Jahr und spielten zwischendurch ausschweifende Tourneen. In den 70ern kauften die Leute allerdings auch noch Alben. Das tun sie heute leider nur noch bedingt. Es war in den guten alten Tagen eigentlich ein super System. Du schriebst deine Songs, dann landeten sie nach der Studioproduktion auf Vinyl und anschließend promotete man das fertige Werk auf den Konzertbühnen dieser Welt.

Im Hier und Jetzt halten Acts wie Aerosmith, Alice Cooper oder Ozzy Osbourne nur noch am Albumkonzept fest, weil ihr Publikum, das die Shows auch nach all der Zeit noch immer ausverkauft, an diesem Medium interessiert ist. Wir lieben es Musik zu kreieren und deswegen hören meine Kollegen und ich auch nicht damit auf. PARANORMAL ist kurzum ein Geschenk an meine Fans und mich selbst, denn wir empfinden dabei alle großen Spaß – sie beim Hören und ich bei der Aufnahme.

Wie hat sich für dich das Musikbusiness in den fünf Dekaden deiner Karriere geändert?
Einige Leute denken, dass der technologische Fortschritt dem Rock‘n‘­Roll dabei half, die nächste Stufe zu erklimmen. Für mich ist es rückblickend das größte Desaster, das unserer Musik passieren konnte. Es hat –wie schon angesprochen – das Album an sich obsolet werden lassen.

Die Mehrheit der Musikkonsumenten ist nur noch auf Singles aus, die sie dann streamen oder als Download kaufen. Die Idee, eine Platte persönlich in einem Laden zu erstehen, sie komplett zu hören oder gar die Storyline zu verstehen, interessiert die neue Ge­­­neration nicht mehr. Dieses da­­mals so heilige Ritual ist in Vergessenheit geraten. Du klappst das Coverartwork auf, dann hast du diesen Geruch in der Nase, liest die Texte und Liner-Notes und legst das Vinyl auf deinen Plattenteller.

Für Künstler ist der Ist-Zustand nahezu tödlich, denn man wird auf einen Bruchteil seines Schaffens reduziert und kann sich fast gar nicht mehr adäquat ausdrücken. Deswegen halte ich so an der mir vertrauten Art und Weise fest. Ich bin zu alt, um jetzt noch anzufangen beziehungsweise zu versuchen, in dieses neue Schema hineinzupassen. Alice Cooper glaubt daran, dass es da draußen noch ein paar Menschen gibt, die ein Album hören wollen!

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