Black Sabbath 2013 (1a)Nach 35-jährigem Sabbat kehren Toni Iommi, Geezer Butler und Ozzy Osbourne (leider ohne Ur-Drummer Bill Ward, aber mit Rage-Against-the-Machine-Trommler Brad Wilk- immerhin bleiben die Initialen gleich) glücklich wiedervereint zurück. Und das stärker denn je: ihr neues Album 13 präsentiert alles andere als eine altersschwache, ausgelaugte Ansammlung von Rock-Veteranen, die ihren Zenit längst überschritten haben. Black Sabbath 2013 klingen so frisch und faszinierend wie am Anfang ihrer Karriere und wurden obendrein tiptop von Meister Rick Rubin produziert. ende gut, alles gut wären da nur nicht die schwelende Ungewissheitt ob Toni Iommis Krebserkrankung. Und der personifizierte Wahnsinn namens Ozzy Osbourne.

Back Sabbath. Diesen Bandnamen umweht etwas Magisches. Zum einen, weil er auch nach 40 Jahren noch immer zu den prägnantesten, bedeutungsschwangersten und unheilvollsten der Musikgeschichte zählt. Zum anderen, weil Black Sabbath wohl wie kaum eine zweite Rockband den Anti-Sabbat zelebriert haben: Dass alle Ur-Mitglieder dieser Band im Jahr 2013 noch über die Erde wandeln, ist erstaunlich. Findet auch Ozzy Osbourne, erster und vermutlich auch letzter Sänger der Band: „Dass wir alle noch leben, ist ein Wunder“, sagt er im Interview.

Und dann auch das noch: Anfang 2012 wird bei Toni Iommi Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert nur zwei Monate nach der von Rockfans auf dem ganzen Erdenrund frenetisch gefeierten Verkündung der Sabbath-Reunion mit Ozzy am Mikro. Und anderthalb Jahre nach dem Tod eines anderen großen Sängers der Band, Ronnie James Dio durch Krebs, wohlgemerkt. Steht die jüngste Wiedergeburt dieser legendären Band unter einem dunklen Cancer-Stern? Haben Sabbath ihre sieben Leben aufgebraucht?

Schwarzer Sabbath in der Sonne Malibus

Das Szenario unseres Treffens mit Black Sabbath will so gar nicht zur Aura passen, die diese legendäre Band umströmt: An einem herrlichen Januar-Sonnentag (mit knapp 30° Celsius) haben Ozzy Osbourne und Geezer Butler zur Audi(o)enz in die legendären Shangri-la Studios in Malibu geladen, wo 13 gerade unter der versierten Knute von Star-Produzent Rick Rubin zu einem blutrot funkelnden Edelstein geschliffen wird. Wenn man vom zotteligen Teufel spricht: Da kommt der wandelnde Bart, der auf diesem Anwesen unter anderem Metallicas DEATH MAGNETIC, The Gossips MUSIC FOR MEN, ZZ Tops LA FUTURA und Adeles Überalbum 21 produziert hat, auch schon um die Ecke geschlurft. In kurzen Hosen und Badelatschen und mit einem freundlichen „Hi.“ auf den (überwucherten) Lippen ein Bild für die Ewigkeit und doch so angenehm normal auf dieser skurrilen Audio-Ranch, auf der die Zeit stillzustehen scheint. Vom vielleicht 500 Meter entfernten Ozean kriechen eine angenehme Brise und sanftes Meeresrauschen die Hügel hinauf. Hier lässt es sich gut aushalten: Irgendein unerkannter Musiker setzt sich mit seiner Gitarre in die Mittagsglut und spielt eine lässige Weise, Rubin selbst fläzt sich auf den Rasen und lässt sich die Sonne auf den Wanst braten. Aber lässt sich hier auch gut das sehnlichst erwartete Comeback-Album der vielleicht einflussreichsten Rockband der letzten 40 Jahre ausbaldowern? Ist hier nicht alles ein bisschen zu Laissezfaire für die Genesis des neuen Höllenwerks der Rock- und Metal-Ikone Black Sabbath?

0 RBegegnungen der 3.Art

Auch der Interviewraum ist so gar nicht Black Sabbath: Die Wände sind mit dem grellsten Weiß gestrichen, das der Baumarkt hergab. Kein Wunder, dass Ozzy eine Sonnenbrille trägt. Der Prince of Darkness hat sich in die rechte Ecke eines Dreiersofas gequetscht und guckt, als würde er gerade keinem Journalisten, sondern einem Außerirdischen vorgestellt. Komisch, dabei ist es doch eigentlich er, der wie ein Alien wirkt: Mit einer Melone auf der

Birne, violett verspiegelten runden Brillengläsern und dem Arm in einer gigantischen Armschlaufe er hatte kürzlich eine Hand-OP. Hinzu kommt, dass er mit einem außerirdischen Dialekt „spricht“, den man wohl nur mit einem Babelfisch im Ohr komplett dechiffrieren kann. Kein Wunder, dass an diesem Tag selbst muttersprachliche Interviewer unter Ozzys „Black Sabbelth“-Kauderwelsch ächzen. Der Verständlichkeit auch nicht gerade zuträglich ist zudem, dass der Melonenmann in den ersten Minuten des Interviews genüsslich einen Apfel kaut, wäh- rend er spricht. Irgendwie wartet man nur darauf, dass sich endlich jemand von der „Versteckten Kamera“ zu erkennen gibt vergebens. Immerhin: Geezer ist ja auch noch da und hockt in der äußersten linken Ecke besagten Sofas. Mit diesem maximalen Sicherheitsabstand wirken die beiden fast wie ein entfremdetes Paar beim Eheberater. Der Sabbath-Bassist bestellt sich erst mal einen Tee mit Sojamilch (light!) und kann sich ein ums andere Mal das Schmunzeln nicht verkneifen, wenn Kollege Ozzy in fremden Zungen nuschelt. Gitarrengott Toni Iommi ist leider nicht im sonnigen L.A., sondern hat sich aus Genesungsgründen ins arschkalte England begeben. Alle sechs Wochen musste das einzige ständige Black-Sabbath-Mitglied nach seiner Lymphdrüsenkrebsdiagnose im vergangenen Jahr zur Chemo-und Strahlentherapie. Und hat die Krankheit hoffentlich bald endgültig besiegt. „Jedes Mal, wenn er von der Chemo kam, war er für eine Woche ausgeknockt“, erinnert sich Geezer. „Doch dann zog es ihn sofort wieder ins Studio zurück, wo wir dann gemeinsam weiter an den Songs arbeiteten. Das gab ihm die Möglichkeit, sich vom Krebs abzulenken. Und für uns war es inspirierend, ihn mit dieser ‚Ich werde ihn besiegen‘-Einstellung am neuen Album arbeiten zu sehen.“ Auch Ozzy ist immer noch beeindruckt, mit welchem Willen sich das Sabbath’sche Mastermind gegen die tückische Krankheit stemmte: „Toni hat den Krebs akzeptiert. Er hat sich nicht in die Ecke gesetzt und geheult ‚buhuhu, ich habe Krebs‘, sondern hat seinen Arsch in Bewegung gesetzt und gekämpft. Und ich denke, er hat gesiegt dank seines Willens und guter Ärzte. Ich bewundere ihn dafür, dass er so tapfer ist. Früher dachte ich immer, Krebs wäre ein Todesurteil. Nicht viele Leute haben diese Krankheit überlebt.“ Vor 40 Jahren mag es so gewesen sein, heutzutage ist eine Krebsdiagnose dank Früherkennung und fortgeschrittener Medizin aber glücklicher weise nicht immer automatisch mit einem Todesurteil verbunden, wie Ozzy bereits vor zehn Jahren erfahren durfte, als bei seiner Frau (und Managerin) Sharon Darmkrebs festgestellt wurde. Eine Zeit, in der auch er kurz vor dem Abgrund stand mal wieder. „Ich dachte, sie stirbt, da ich niemanden kannte, der Krebs überlebt hatte“, erinnert sich der Sänger an eine ziemlich finstere Episode in seinem an finsteren Episoden nicht eben armen Leben.

The Prince of Drugness

Wie Ozzy am 16. April auf seiner Facebook-Seite beichtete, ist die letzte davon gar nicht lange her: „In den letzten anderthalb Jahren habe ich getrunken und Drogen genommen. Ich war an einem sehr finsteren Ort und habe mich gegenüber den Menschen, die ich am meisten liebe, wie ein Arschloch verhalten: meiner Familie. Ich kann nun aber guten Gewissens behaupten, seit 44 Tagen nüchtern zu sein. (…) Ich möchte mich bei Sharon, meiner Familie, meinen Freunden und meinen Bandkollegen für mein verrücktes Verhalten während dieser Zeit entschuldigen… und bei meinen Fans.“ Und vielleicht auch noch beim CLASSIC ROCK-Journalisten, dem er Mitte Januar noch stolz erzählte: „Wir haben ungefähr fünfmal versucht, uns wieder zusammenzutun. Diesmal hat es funktioniert, weil keiner von uns Drogen genommen oder gesoffen hat.“ 16. April minus 44 Tage gleich Anfang März 2013 als wir Sabbath also Mitte Januar auf der Shangri-la Ranch in Malibu trafen, muss Herr Osbourne noch kräftig hingelangt haben bei den einschlägigen Substanzen. Wer weiß, ob der Osbourne’sche Hausbrand, der zwei Tage vor dem Interview aus- brach und Ozzys Augenbrauen versengte, tatsächlich durch eine von Sharon vergessene brennende Kerze ausgebrochen ist. Flunkerei hin oder her: Wenn Ozzy die letzten anderthalb Jahre unter Alkohol- und Drogen-Einfluss stand, muss demnach auch das komplette 13-Album in diesem Zustand entstanden sein. Vielleicht erinnert es mit seiner umwerfenden Unmittelbarkeit und seiner düsteren Wucht ja auch deswegen an große Sabbath-Werke wie PARANOID von 1970 oder das ein Jahr später veröffentlichte MASTER OF REALITY. Schließlich hat die junge Band damals alles geraucht und eingeworfen, was ging. „Du hast vier Jungs, die in Backstage-Räumen leben. Gib ihnen ein bisschen Geld und sie fragen sich ‚Sparen oder ausgeben?‘ Wenn sie es ausgeben, kaufen sie sich Crack oder Bier etwas, womit sie Spaß haben. So war es auch bei uns damals, wir dachten ‚Super, wir können Bier, Alkohol und Pot haben alles, was wir wollen!‘ Wir haben einfach diesen Lebensstil gelebt, das ist ein ganz normaler Vorgang. Ich sage natürlich nicht, dass es eine gute Idee ist, sich jeden Tag eine Unze Kokain reinzuknallen, aber wenn sich dein Lebensstil gewandelt hat, du aus bitterer Armut kommst und plötzlich Geld, ein Auto und ein Haus hast, glaubst du, dass dir die Welt zu Füßen liegt, und beginnst damit, dir ein bisschen Spaß zu verschaffen. Wenn du das überlebst, fragst du dich irgendwann: ‚Moment mal, ich dachte, dass Kokain schnupfen Spaß macht? Was war nicht in Ordnung mit mir?‘ Das gehört aber ein- fach zum Erwachsenwerden dazu.“ Auf den Einwand, dass regelmäßiger Drogenmissbrauch sicher nur im Rock’n’Roll- Business zum Erwachsenwerden dazugehört und nicht jeder Normalbürger in seiner Jugend mit Kokain in Kontakt kommt, hat Ozzy eine plausible Erklärung parat: „Für dich war einfach nichts mehr übrig das haben wir schon alles genommen.“ Und er lacht, herrlich. Vermutlich muss man Black Sabbath also dankbar sein, dass sie den anderen damals einen Großteil des vorhanden Kokains weggeschnupft und sie so vor einer unheilvollen Drogenkarriere bewahrt haben. Danke, Sabbath!

sabbath24 Minuten Gänsehaut

Aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart, zur Shangri-la Ranch. Dort befindet sich, von dornigen Ranken über- wachsen, ein geschichtsträchtiges, stillgelegtes Vehikel: Der alte Tourbus des großen Bob Dylan, der inzwischen zum „Studio B“ des Anwesens umfunktioniert und mit tonnenweise Mischpults und Boxen vollgepumpt wurde. Hier bekommen die wenigen handverlesenen Journalisten aus aller Welt die ersten Töne von 13 zu hören, namentlich die Songs ›End Of The Beginning‹, ›Epic‹ und ›God Is Dead?‹, der im April als erste Singleauskopplung veröffentlicht wurde und weltweit bei Fans und Kritikern Begeisterung auslöste. Ein langsamer, bedrohlicher Track, der mit seiner morbiden Faszination und ominösen Schwere an jene Black Sabbath erinnert, die sich Anfang der 70er Jahre aufmachten, eine der einflussreichsten Bands der Rockgeschichte zu werden. Nach dem schleichenden Beginn explodiert der neunminütige Track plötzlich mit einem Iommi-Monster-Riff. Kein Wunder, dass Ozzy in höchsten Tönen von Tonis Arbeit schwärmt: „Ich bin verflucht, wenn ich weiß, wie er auf diese ganzen Riffs und alles gekommen ist ich an seiner Stelle wäre so mit dem Gedanken an Krebs beschäftigt gewesen, dass ich nichts auf die Reihe bekommen hätte. Seine Arbeit ist einfach fantastisch, dieser Kerl hat Erstaunliches auf diesem Album abgeliefert. Ich habe zu ihm gesagt ‚Scheiße, ich hole mir auch ein bisschen von deinem Krebs, vielleicht fällt mir dann eine bessere Gesangslinie ein‘.“ So ist er, der Prince of Darkness: Nimmt nie ein Blatt vor den Mund, wirkt dabei zwar manchmal etwas unsensibel und daneben, aber dennoch irgendwie liebenswert. Wie heißt es so schön: Lachen ist die beste Medizin.

Auch die zweite Album-Kostprobe, ›End Of The Beginning‹, klingt wie eine Selbst-Hommage an die Sabbath-Anfangstage: Mit bis zur Unerträglichkeit gedrosseltem Tempo walzt der mit acht Minuten ebenfalls überlange Track durch den Ohrkanal und erweist sich als vielschichtiges Songepos mit gewaltig donnernder Grandezza, dessen Riffs einem die Gedärme verknoten. Dritter fertig produzierter Song im Bunde ist der programmatisch

betitelte Siebenminüter ›Epic‹, der sich mit Tonis matschig wummernden Riffs und Geezers verspielten Bass-Lines zu einer bombastischen Wall of Sound hochschaukelt, die alles niederreißt, was sich ihr in den Weg stellt. Ein unheilvoller, irgendwie aber auch erhebender Song, obwohl Texter Geezer das etwas anders sieht: „Auf jedem der Tracks geht es um die dunklen Seiten des Lebens, um unser aller Sterblichkeit was natürlich auch von Tonis

Kampf mit dem Krebs beeinflusst ist. Erhebend oder hoffnungsvoll ist hier nichts.“ Hier ist alles tot selbst Gott. Stichwort Sterblichkeit: Was kommt nach dem Tod, Ozzy? „Du stirbst, verrottest und verschwindest. Ich glaube nicht, dass es ein Leben nach dem Tod, einen Himmel oder eine Hölle gibt. Wenn es einen Gott gäbe, müsste der inzwischen doch total angepisst sein, wenn da Tag für Tag Abertausende vor seiner Tür stehen und fragen ‚Darf ich rein?‘ der wäre doch nur am Arbeiten!“ Und wenn einer eine Ahnung davon hat, wie es nach dem Tod weiter geht, dann doch wohl Ozzy, schließlich hat er dem Sensenmann oft genug ins Auge geblickt. „Ich hatte bestimmt mehr Nahtoderfahrungen als Evil Knievel“, glaubt Ozzy.

Hohe Erwartungen

Unsterblich sind Black Sabbath ohnehin schon längst. Stellt sich die Frage, warum sie nach all den Jahren und unzähligen Besetzungswechseln nun noch einmal in Urbesetzung ein weiteres Album aufnehmen. Besser gesagt: aufnehmen wollten schließlich ist Trommler Bill Ward entgegen ursprünglicher Bekundung nun doch nicht mehr dabei. Nach eigener Aussage, weil ihm kein akzeptabler Vertrag vorgelegt wurde. Ein Thema, zu dem sich Ozzy eher bedeckt hält. „Unglücklicherweise hat es mit Bill nicht geklappt, was mir sehr leid tut. Aber ich habe mit dem Business nichts zu tun, ich bin Sänger in einer Band namens Black Sabbath. Meine Frau ist meine Managerin, sie konnten sich nicht einigen, ich habe keine Ahnung, warum, und möchte darin auch nicht verwickelt werden. Ich liebe Bill, er ist mein Bruder. Aber das Leben geht weiter, so ist das Geschäft. Im Ernst: Ich mische mich da nicht ein und habe keine Ahnung davon. Ich bin keiner Rock’n’Roll-Band beigetreten, um Buchhalter zu werden.“ So sind es dann also doch nur drei Viertel der Sabbath-Gründer, die sich 45 Jahre nach ihrer Band-Geburt (als The Polka Tulk Blues Band) zu neuen Heldentaten aufschwingen. Und wenn schon nicht mit Bill Ward an den Drums, dann doch immerhin mit einem überaus fähigen (Studio-)Ersatzmann: Brad Wilk hat als Schlagwerker von Rage Against The Machine und Audioslave schließlich ebenfalls Kultstatus erlangt. Freilich keinen so großen wie jener Mann, der bei zehn der ersten elf Sabbath-Alben am Kit saß. Praktisch: Immerhin bleiben die Spind-Initialen die gleichen.

Bedenken, den großen Erwartungshaltungen einer Reunion mit Ozzy am Mikro nicht gerecht werden zu können oder das große Erbe dieses Line-ups mit einem Flop zu schmälern, hatten die drei Rock-Veteranen dabei nicht. „Das ist ein gutes Album. Wenn es das nicht wäre, würden wir es nicht veröffentlichen. Uns ist klar, dass uns auch viele dafür kritisieren werden, aber du kannst einfach nicht jeden zufrieden- stellen. Alles, was zählt, ist, dass du dich selbst zufriedenstellst und dir selbst treu bleibst. Ob sich die Platte dann einmal oder eine Million Mal verkauft, ist Nebensache. Den gleichen Impact wie damals kannst du ohnehin nicht mehr haben, weil es nicht mehr den Schock des neuen hat!”

Allerdings hat 13 oder zumindest die 24 (von insgesamt 53) Minuten von 13, die wir hören durften den Schock des Unerwarteten: Dass Sabbath mit Mitte 60 und unter diesen verheerenden Umständen etwas derartig Gewaltiges abliefern würden, davon konnte jeder Rock- und Metal-Fan nur träumen. „Mir scheint es so, als würden die Leute denken, dass wir uns hingestellt und gesagt haben ‚Okay, lasst uns die 2013-Version von Black Sabbath machen’“, meint Ozzy. „Aber wir hatten wirklich Spaß daran, wussten instinktiv, dass wir da etwas Gutes erschufen, und haben all unsere Zeit und Energie in dieses Album hineingesteckt, um das Beste aus uns herauszuholen. Spaß haben und ein gutes Album machen, das war mein Motto, als ich ins Studio gegangen bin. Wenn ich mich schlecht fühle, funktioniert das nicht dann liefere ich den größten Scheiß aller Zeiten ab.“

Der Rubin Faktor

Ein wesentlicher Faktor dafür, dass 13 das geworden ist, was es geworden ist, trägt einen wild wuchernden, grauen Rasputin-Bart. Zwar hatten Sabbath bereits 2001 einen Versuch unternommen, gemeinsam mit Rick Rubin ein Reunion-Album zu machen. Doch glaubt man Geezer, ist es ganz gut, dass die Ergebnisse dieser Sessions nie das Licht der Welt erblickt haben und für immer in der Gruft versenkt wurden. Wenn Musiker nicht mit Haut und Haar bei der Sache sind, kann selbst ein Meister-Produzent wie Rick Rubin nichts Brauchbares aus ihnen herauskitzeln auch dann nicht, wenn es sich um Musikgötter wie Toni Iommi, Geezer Butler und Ozzy Osbourne handelt. Beim zweiten Versuch war nun alles anders, zum Glück. „Als wir uns diesmal mit Rick trafen, hat er uns zunächst unser Debütalbum vorgespielt und gesagt: ‚Denkt an dieses Album, wenn ihr die neuen Songs schreibt. Kopiert oder parodiert es nicht, sondern versucht einfach nur, diesen Geist wiederzufinden als würdet ihr die Songs live in einem Pub spielen.‘ Und genau so sind wir die Sache dann auch angegangen. Einiges hat funktioniert, anderes nicht, doch als wir uns einmal eingegroovt hatten, lief alles wie am Schnürchen.“ Wie schon bei so vielen anderen Künstlern fungierte Rubin auch bei den Fürsten der Finsternis als perfekte Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine und verpasste den Songs einen herrlich kernigen Sound, der einen wunderbaren Antipol zum auf Hochglanz polierten und deswegen oft viel zu klinischen Klang vieler anderer Rock-Alben der jüngeren Zeit darstellt. Stichwort: Pro Tools Software, von der Ozzy eigentlich kein großer Freund ist. „Pro Tools kann dich wie aus einer anderen Welt klingen lassen. Rick hat das Album damit aber so aufgenommen, als würde er es auf Tape aufnehmen. Er war stets darauf bedacht, dass man hört, dass da eine Person ist, die das Instrument spielt Finger, die auf dem Steg auf und ab gleiten oder die Saiten bedienen, Dinge, die real klingen. Nicht dieses elende Polieren eines Albums, damit es möglichst perfekt klingt. Wie es zum Beispiel die Produzenten von Def Leppard immer gemacht haben. Das waren großartige Alben, keine Frage, aber sie waren einfach zu glattpoliert.“ Ozzy spricht: Die Perfektion liegt in der Imperfektion. Und was Ozzy spricht, ist Gesetz. Es sei denn, er flunkert mal wieder.

Als weiterer Vorteil beim Schreiben von 13 stellte sich heraus, dass Toni anders als bei früheren Unterfangen bereits mit einem dicken Sack voller Riffs ins Studio kam und man ausnahmsweise mal nicht bei Null anfangen musste. Gemeinsam diskutierte man seine Ideen, erweiterte sie, jammte ein bisschen und hatte einen Song. Und ein mächtiges Album, mit dem sich ein Kreis schließt. „Ich wollte das alles schon immer mit der Original-Band beenden“, erklärt Geezer. „Das war immer mein Ziel: Das alte Lineup für ein letztes Album und eine letzte Tournee zusammenzutrommeln.“ Moment mal, stehen die Zeichen etwa schon wieder auf Abschied? „Mal sehn, vielleicht kommt noch mehr“, beruhigt der Bassist. Und Dollar-Zähler Ozzy ergänzt: „Wenn es ein Erfolg wird, machen wir noch eins.“

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Triskaidekaphobiker können Black Sabbath jedenfalls nicht sein, sonst hätten sie ihr Wiedervereinigungswerk nicht 13 genannt. Doch… warum dann? Es ist nicht ihr 13. Studioalbum, soviel steht fest. Berechnungen von Historikern zufolge müsste es eher ihr 19. sein. Ursprünglich hatte man zwar 13 Songs zur Auswahl und dem Ganzen daher den Arbeitstitel 13 verpasst, doch Anfang des Jahres ist diese Zahl noch angewachsen, wie Ozzy bekräftigt. „Wir haben 16 Songs, aus denen wir wählen können.“ Dann bleibt ja nur das Geburtsjahr des Babys – doch wenn das der einzige Hin- tergrund dieses Titels sein soll, dann ist er eher schwach. Findet auch Ozzy: „Ich möchte es nicht 13 nennen, damit fühle ich mich überhaupt nicht wohl. Außer- dem haben Megadeth schon ein Album mit diesem Titel rausgebracht. Ich denke, wir können uns etwas Besseres einfallen lassen als 13. Vielleicht 666?“ Ein Vorschlag, der bei seinen Kollegen anscheinend nicht auf Gegenliebe stieß: Das neue Album von Black Sabbath heißt nun offiziell 13. Entweder hat sich Ozzy breitschlagen lassen oder er scheint als verlorener Sohn nicht so viel Einfluss auf seine Band zu haben, dass diese sein Unwohlsein bezüglich des Titels respektiert hätte. Überhaupt muss man sich fragen, wie die Ur-Sabbath nach all den bewegten Jahren, in denen auch Geezer die Band diverse male verlassen hat, funktionieren. Kann man nach all dem einfach so wieder Vertrauen zueinander fassen? „Die Leute denken immer, dass wir 30 Jahre nicht miteinander gesprochen, uns nie gesehen und einander gehasst hätten. All das stimmt.“ Und da ist es wieder, dieses seltene, trockene, aber irgendwie charmante Ozzy-Lachen. „Nein, wir haben immer noch miteinander gesprochen und uns gesehen, wir haben ja auch nicht in unterschiedlichen Ländern gelebt. Dass die Band viele Jahre mit anderen Sängern unterwegs war, kümmert mich nicht mehr so etwas passiert. Zum Glück sind wir alle noch am Leben. Ich denke nicht mehr an die Vergangenheit. Das war ein anderes Ich, ich war damals ständig voll.“ Gut, das war der Prince of Darkness wohl auch dieses Mal, aber bei 13 scheint es immerhin einen positiven Einfluss auf die Kunst von Black Sabbath gehabt zu haben. Doch es sollen tatsächlich keine alten Zwistigkeiten aufgekommen sein? Immerhin hatten sich Toni und Ozzy 2009 noch gegenseitig über die Verwendung des Namens Black Sabbath verklagt. „Er hat mich verklagt, ich hab ihn verklagt, er hat mich verklagt das ist Schnee von gestern. Das Schöne an dieser Reunion ist, dass wir sehr ehrlich miteinander umgehen.“ Wahre Männerfreundschaften sind eben unkaputtbar. Manchmal.

Dio

Eine echte Männerfreundschaft pflegten Ozzy Osbourne und Ronnie James Dio, Sänger bei den Alben HEAVEN AND HELL (1980), MOB RULES (1981) und DEHUMANIZER (1992) und 2007 auch bei der gefeierten Sabbath-Inkarnation Heaven And Hell dabei, wohl nie. Dio starb am 16. Mai 2010 an Magenkrebs und wurde am 30. Mai im Rahmen eines öffentlichen Gedenkgottesdienstes beige- setzt, der im Internet übertragen wurde. Ozzy schaute zu und war „entsetzt, wie diese Jesus Freaks sein Begräbnis entweiht“ hätten (genau genommen waren es ein paar Hasser von der Westboro Baptist Church). „So etwas Respektloses habe ich noch nicht erlebt“, schnauft Ozzy. „Dieser Mann ist tot und kann ihnen nicht mal ein ‚fickt euch!‘ entgegnen. So was hat auch nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun die haben ihn als Schwuchtel und Satanisten beschimpft. Bei seinem Begräbnis, das ist absolut widerlich. Ronnie James Dio hat keine Schwarze Magie praktiziert, genau so wenig wie Black Sabbath das je getan haben. Es geht um Theatralik, um Entertainment! Ronnie war ein großartiger Sänger diese Menschen sind abscheulich. Dieses Land dreht durch.“ Geezer wirft ein: „Stell dir vor, was erst bei deiner Beerdigung los sein wird.“ „Ich werde brennen“, sagt Ozzy und beißt einer lebenden Taube den Kopf ab. Okay, jetzt haben wir ein bisschen geflunkert. Im Sinne der Theatralik. So oder so: Lang leben Black Sabbath!