David Bowie_EMI (14)Die fünf Jahre von 1969 bis 1973 brachten eine Karriere ins Rollen, an die zuvor wohl nur noch David Bowie selbst geglaubt hatte. Erst da wurde aus dem chronisch erfolglosen Vorstadtjungen David Jones zuerst Bowie – und später Ziggy Stardust, Aladdin Sane etc. An die vielleicht wichtigste Phase in seiner Laufbahn erinnert nun eine opulente Box, die sämtliche Aufnahmen aus diesen entscheidenden Jahren enthält. FIVE YEARS 1969-1973 dokumentiert, wie aus einem Rhythm-&-Blues-Musiker aus der zweiten Reihe einer der größten Performer und Songschreiber aller Zeiten wurde.

„Of all the shows on this tour this particular show will remain with us the longest. Because not only is it the last show of the tour, but it’s the last show that we’ll ever do. Thank you.“ Mit diesen von fassungslosem Kreischen begleiteten Worten – längst in den Kanon der Popgeschichte eingegangen – endete am 3. Juli 1973 eine Phase, die aus heutiger Sicht zu Recht als eine der kreativsten, ganz sicher aber als die wichtigste in der langen Karriere von David Bowie gilt. Oft wurde der finale Gruß als sein ultimativer Bühnenabschied fehlgedeutet, aber es ging an jenem Abend natürlich nur um das Ende seiner damaligen Band, der Spiders From Mars – und darum, sein übermächtig gewordenes Alter Ego Ziggy Stardust abzuschütteln.

Die fünf Jahre, die der Abschiedstournee der Spiders vorangegangen waren, markierten einen radikalen Wandel und den endgültigen Durchbruch für David Bowie, der sich zuvor jahrelang erfolglos in der unübersehbaren Londoner Szene herumgetrieben hatte. Zwar hat er sich schon vorher so genannt, aber im Prinzip wurde erst um die Jahrzehntwende aus David Jones David Bowie. Man hört den insgesamt sechs in jener Zeit entstandenen Studioalben deutlich an, wie aus dem schüchternen, aber hochehrgeizigen Jungen aus der Vorstadt einer der größten Künstler aller Zeiten wurde. Jener künstlerischen Explosion gingen indes zermürbend erfolglose Lehrjahre voran, deren glückliches Ende in der heutigen Musiklandschaft gar nicht mehr vorstellbar wäre.
Ein Blick zurück: Kurz nach Kriegsende lassen sich Hayward Stenton Jones und seine Frau Margaret Mary Burns, besser bekannt als John und Peggy, in Kentish Town nahe London nieder. John Burns ist ein gescheiterter Showstar, der in Trennung von seiner ersten Frau Hilda lebt, die seine Tochter aus einer weiteren Beziehung großzieht. Geschieden sind die beiden noch nicht. Peggy ihrerseits blickt ebenfalls auf eine Ehe und die Geburt zweier Kinder zurück, von denen eins zur Adoption freigegeben worden war. Ihren Sohn Terry, dessen späteres Schicksal von prägender Bedeutung für das künstlerische Werk von David Bowie war, bringt sie in die Ehe mit ein. Von einer für die damalige Zeit eher untypischen Familienkonstellation zu sprechen, wäre ein dramatisches Understatement.

Mit der Eheschließung der beiden kehrten indes ruhigere Zeiten ein. Vor allem, nachdem am 8. Januar 1947 der erste Sohn des Paares geboren wird, den sie David Robert nennen und mit jener Liebe überschütten, die Halbbruder Terry zeitlebens verwehrt bleibt. Davids Kindheit verläuft ruhig und behütet, als er sechs ist, zieht die Familie in ein bescheidenes Heim im beschaulichen Londoner Vorort Bromley, später in die ebenfalls in Bromley gelegene Stansfield Road 40.

Der Junge interessiert sich von Anfang an für Kunst und beginnt, Saxofon zu lernen, nachdem er das erste Mal ›Hound Dog‹ von Elvis Presley gehört hat. Bald darauf schenkt ihm sein Vater die erste Gitarre und David schließt sich der lokalen Band The Konrads an , einer billigen Vorstadtkopie der Shadows. Jones, jr. schmeißt die Schule, nimmt eine Reihe unbedeutender Gelegenheitsjobs an und beginnt schließlich, in London als Botenjunge für eine Werbeagentur zu arbeiten. Deren Büros liegen in der Nähe des Fashion Districts rund um die Carnaby Street, und so entwickelt der junge Jones eine clevere Strategie, seinen schon damals extravaganten Kleidungsstil auch ohne Geld ausleben zu können. Nachts durchwühlt er die Mülltonnen der teuren Carnaby-Street-Designer und füllt mit den Ergebnissen seinen Kleiderschrank. „Die Designer schmissen alles weg, was auch nur minimale Schäden aufwies“, erzählte Bowie 1999 bei einem Auftritt im Rahmen der Reihe „VH1 Storytellers“. Das sogenannte Dustbin Shopping entwickelt sich über die Sechziger zu einer wahren Leidenschaft des späteren Superstars, die er unter anderem mit dem jungen Marc Bolan teilt.

Der von seiner Mutter und Stiefvater John notorisch benachteiligte Terry Jones entwickelt bereits im Teenageralter paranoide Züge, die sich im Lauf der Jahre in eine ausgewachsene Schizophrenie steigern, die wiederum auf eine in der Familie verbreitete genetische Disposition zurückzuführen ist – und schließlich zu Terrys Selbstmord führt. Eine Tat, die Bowie schockt und ursächlich für seine lebenslange Angst, verrückt zu werden, verantwortlich ist. Hier hat eines der großen Bowie-Themen seinen Ursprung, das er in Songs wie ›All The Med Man‹ oder ›Aladdin Sane‹ immer wieder verhandeln sollte.

Von seinen Klassenkameraden und Gefährten jener Jahre wird er als leicht altklug, aber im Grunde schüchtern beschrieben. Bowie liest schon in jungen Jahren Wilde, Voltaire und Rousseau, schließlich Sartre und Kerouac. Eine Weile besucht er ein buddhistisches Kloster, die Vorstellung, enthaltsam hinter dessen Mauern zu leben, ist ihm jedoch unvorstellbar.