The Who with Flag

1968 standen The Who am Scheideweg: Ihre Karriere als glorreiche Singles Band geriet im anbrechenden Psychedelic-Zeitalter ins Stocken, einen Plan B gab es nicht. Erst als es Gitarrist und Songwriter Pete Townshend gelang, seine spirituelle Sinnsuche in einem Projekt mit damals beispiellosen Dimensionen zu kanalisieren, konnte das für seine wüsten Live-Auftritte berühmt- berüchtigte Quartett aus London den Hebel umlegen. Der Weg war frei für die erste wirklich erfolgreiche Rockoper: TOMMY!

Text: Carsten Wohlfeld

Viele Jahre lang hat Pete Townshend den Mythos am Leben erhalten, er habe TOMMY aus reiner Verzweiflung in Angriff genommen. Richtiger ist wohl, dass er den Wandel der Musikwelt nach dem Summer of Love des Jahres 1967 perfekt antizipierte. Zuvor hatten The Who vor allem vor jungen Männern gespielt, die in erster Linie zu den Konzerten kamen, um die Band am Ende ihres Sets das Equipment in Stücke hacken zu sehen. Doch plötzlich schien das kein zukunftsträchtiger Plan mehr zu sein. Die Mod-Bewegung, aus deren Reihen sich ein Gutteil des frühen The-Who-Publikums rekrutiert hatte, verlor zusehends an Schwung, gleichzeitig wuchs auch das Interesse der Hörer am LP-Format.

Mit den Alben A QUICK ONE (1966) und THE WHO SELL OUT (1967) hatten The Who bereits ein Faible fürs Konzeptionelle und Experimentelle angedeutet, in den Augen der breiten Masse waren sie allerdings weiterhin vor allem eine Singles-Band. Doch der Strom brillanter Hits, der 1965 gleich mit der Debütsingle ›Can’t Explain‹ begonnen und nicht viel später mit ›My Generation‹ seinen Höhepunkt erreicht hatte, begann, zu versiegen. ›I Can See For Miles‹ erreichte im Okto- ber 1967 zwar gerade noch die britischen Top 10, dennoch leitete die Single einen rasanten kommerziellen Abwärtstrend in der Heimat des Quartetts ein: Der inzwischen längst vergessene Nachfolger ›Dogs‹ und das erst Jahre später zu Kultehren gekommene ›Magic Bus‹ tummelten sich in der ersten Jahreshälfte 1968 lediglich in den Niederungen der Hitparade. Es war offensichtlich: The Who passten nicht wirklich ins neue Psychedelic-Zeitalter. „Dass ›I Can See For Miles‹ nicht die Charts stürmte, war ein Schock für mich“, schrieb Townshend in seiner letztes Jahr veröffentlichten Autobiograf ie „Who I Am“. „Ich war davon ausgegangen, dass mein Meisterwerk uns zu ewigem Ruhm verhelfen würde.“

Doch die Band befand sich nicht nur künstlerisch auf dünnem Eis. Lediglich Townshend war als praktisch alleiniger Songwriter der Band durch Tantiemeneinnahmen finanziell abgesichert. Für Sänger Roger Daltrey, Bassist John Entwistle und Drummer Keith Moon dagegen mussten in erster Linie die Konzertga- gen als Auskommen reichen wenn sie nicht zuvor in dunklen Kanälen verschwanden oder durch die Zerstörungslust der Musiker gleich wieder verschlungen wurden. Trotz vier nach außen hin sehr erfolgreicher erster Jahre hatte die Band vor der TOMMY-Ära Schulden in geradezu astronomischer Höhe angehäuft. Abendgagen von maximal 300 Pfund sollen damals Verbindlichkeiten in Höhe von bis zu 60.000 Pfund gegenüberge- standen haben. Konkrete langfristige Pläne, die Misere zu überwinden, gab es zunächst nicht. „Damals waren wir schon froh, wenn wir das Ende der Woche erreichten, ohne dass die Band auseinanderbrach“, erzählte Daltrey Jahre später dem The-Who-Biografen Matt Kent.

Townshend war derweil auf der Suche nach etwas Neuem, für sich selbst, aber auch für The Who. Er wollte Geschichten erzählen und theatralisches Drama mit den Tugenden des Rock verbinden. „Ich dachte, vielleicht könnte ich versuchen, Pop-Singles mit der Vorstellung einer mystischen Reise zu verbinden das war der Punkt, an dem ich mit der Arbeit an TOMMY begann“, sagte er später. Durch den englischen Illustrator Mike McInnerney, der später das brillante Cover für TOMMY gestaltete, war er auf den indischen Mystiker Meher Baba aufmerksam geworden. Dessen Lehre von Friede, Liebe und einer drogenfreien Existenz wurde in den 70ern gerne auf das später von Bobby McFerrin auch musikalisch umgesetzte Motto „Don’t worry, be happy“ reduziert. Townshend dagegen entdeckte in den Vorstellungen einer spirituellen Erleuchtung eine wohltuende Alternative zum chaotischen, zerstörerischen Leben mit The Who.

Seine Beschäftigung mit Meher Baba führte ihm die zunehmende spirituelle Isolierung der Menschen vor Augen, die blind gegenüber Realität und Unendlichkeit sind. Um das Publikum mit der metaphorischen Story, die ihm vorschwebte, wirklich zu erreichen, griff er zu drastischen Mitteln. Der Held seiner Geschichte würde taub, stumm und blind sein, zudem autistische Züge tragen und das Leben nur als eine Folge von Vibrationen wahr- nehmen können. „Seine Einschränkungen sollen unsere eigenen symbolisieren“, erklärte Townshend damals. Obwohl er der einzige Meher-Baba-Jünger in der Band war, hatte er keinerlei Probleme, seine Mitstreiter von seinem neuen Projekt zu überzeugen. Lediglich die persönlichen Schattierungen der Rahmenhandlung, in die nicht zuletzt Townshends Kindheitserfahrungen aus der Nachkriegszeit einflossen, trafen bei den anderen Bandmitgliedern auf taube Ohren.

Auf einer USA-Tournee im Frühjahr 1968 nutzte Townshend die langen Busfahrten zwischen den Konzertorten, um seine zunächst sehr vagen Ideen zu konkretisieren. Schon Monate, bevor The Who sich an die Aufnahmen zu TOMMY machten, hatte der Gitarrist zudem versucht, den amerikanischen Medien die Story näherzubringen, obwohl er sich einiger gewagter Sprünge und möglicher Löcher in der Handlung durchaus bewusst war. TOMMY erzählt die Geschichte von Tommy Walker, der als Kind taub, stumm und blind wird, nachdem er mit ansehen muss, wie sein aus dem Krieg heimgekehrter Vater den Liebhaber der Mutter erschlägt. Fortan lebt Tommy isoliert in seiner eigenen Welt und wird durch sexuelle Übergriffe seines Onkels Ernie und Heilungsversuche einer obskuren Acid Queen wei- ter traumatisiert. Auf seiner spirituellen Suche gelangt Tommy schließlich an den Punkt der Erkenntnis: Nach dem Zerbrechen seines Spiegelbildes löst sich seine mentale Blockade und er ist in der Lage, sich wahrzunehmen und zu kommunizieren. Durch seine Wunderheilung wird er zu einer messianischen Figur und schart ein Gefolge um sich. Am Ende kann er die Erwartungen seiner Anhänger aber nicht erfüllen: Sie wenden sich von ihm ab. Auf der Platte bleibt allerdings vieles der Fantasie des Hörers überlassen. Einige Hintergründe wurden erst Jahre später in der Filmadaption von Ken Russell und in der Broadway-Bühnenfassung deutlich. Berühmt der Ausspruch von Bassist Entwistle, er habe erst nach der Filmfassung verstanden, worum es in der Story geht.

Bis die Geschichte des Tommy musikalisch und inhaltlich Hand und Fuß hatte, verging mehr als ein Jahr. Allein die Aufnahmen erstreckten sich über einen Zeitraum von sechs Monaten, weil die Band vom The-Who-Manage-
ment-Team Kit Lambert und Chris Stamp zwischendurch immer wieder auf Konzertreisen geschickt wurde, um Einkommen zu generieren. So sehr dies Townshend auch frustrierte, sorgte gerade die Spielpraxis auf der Bühne
letztlich dafür, dass die Band im Herbst 1968 das Londoner IBC Studio perfekt eingespielt betrat, um sich der Herausforderung eines konzeptionellen Doppelalbums zu stellen. Obwohl Townshend die Idee für den Songzyklus
schon so lange mit sich herumgetragen hatte, durchlief dieser auch im Studio noch eine Vielzahl von Veränderungen. Songs wurden geschrieben, bearbeitet und letztlich doch aussortiert. Erst als Townshend ein langes Gedicht zu ›Amazing Journey‹ ausarbeitete, nahm das Projekt endlich Fahrt auf. Plötzlich ließen sich sogar zuvor geschriebene Songs mühelos in das Konzept einfügen.

In seinem inzwischen auch zum Produzenten beförderten Manager Lambert fand Townshend von Beginn an einen engen Verbündeten. „Er sorgte dafür, dass ich das Ganze so ambitioniert und umfangreich wie möglich gestaltete“, erinnerte er sich später. Dies geschah nicht ganz ohne eigennützige Hintergedanken. Lambert hatte von Anfang an eine filmische Umsetzung im Hinterkopf. Dafür fertigte er am Ende der Aufnahmen hinter dem Rücken der Band sogar ein nie umgesetztes Script an. Als Spross des klassischen Komponisten und Dirigenten Constant Lambert wollte der Produzent TOMMY zudem unbedingt mit einem Sinfonieorchester veredeln. Townshend lehnte vehement ab. „Immer, wenn er das ansprach, nahm ich ihn zur Seite und wies ihn in die Schranken“, erinnerte sich der Gitarrist Jahre danach. „Dies war meine kreative Arbeit und ich war davon überzeugt, dass wir versuchen sollten, alle Instrumente selbst zu spielen.“

Dennoch erwies sich Lambert als oft unschätzbare Hilfe. Er schlug vor, die Handlung über einen größeren Zeitraum auszubreiten, der letztlich beide Weltkriege und deren Nachwehen einschloss. Auch die ganz am Ende der Sessions hinzugefügte ›Overture‹, die das Werk formell zumindest ein kleines Stück weit in Richtung einer konventionellen Oper schubste, ging auf seinen Vorschlag zurück. Der „konservative“ Soundmix des Albums, der mehr Gewicht auf den Gesang und damit auf die Geschichte legte denn auf die musikalische Wucht der Band, stammte ebenfalls von ihm.

Trotz des ernsten Themas der Platte waren die Aufnahmen eine „helle Freude“ für die Musiker, wie Daltrey bis heute immer wieder gerne betont. Dabei hatte gerade der Sänger anfangs etwas zu kämpfen. Nach Lamberts Willen hätte Townshend Tommys „innere“ Stimme singen sollen. Daltrey hätte als nomineller Leadsänger der Band demnach nur bei den letzten vier der 24 Songs die Titelrolle übernommen. „Während die Aufnahmen fortschritten, arbeitete er hart daran, die sanfte Falsettstimme hinzubekommen, mit der er Tommys ‚See me, feel me‘-Refrain singen konnte“, schrieb Townshend später über Daltreys Bemühungen. „Eines Tages gelang es ihm, was bedeutete, dass er nun alle Tommy-Zeilen von der Kindheit an singen konnte. Das war ein entscheidender Durchbruch.“
Doch auch die Rhythmusgruppe brachte sich nicht nur instrumental ein. Obwohl Townshend eigentlich als Kontrollfreak verschrien war, flossen immer wieder spontane Ideen seiner Mitstreiter in das Konzept ein. Weil sich der Gitarrist nicht an die Nummer des pervers veranlagten Uncle Ernie herantraute, schrieb Entwistle das mit Andeutungen vollgestopfte ›Fiddle About‹ und übernahm auch gleich noch das Stück von Ernies Sohn, Cousin Kevin, der Tommy drangsaliert. Währendessen schlug Drummer Moon kurzerhand vor, den Ort, an dem der zum Messias aufgestiegene Tommy am Ende seine Anhänger um sich schart, in ein überdrehtes Feriencamp zu verlegen. Townshend war begeistert. Anfang Februar 1969 glaubte die Band, das Album endlich fertiggestellt zu haben. Lambert lud den mit Townshend befreundeten Rockkritiker Nik Cohn der britischen Tageszeitung ,,The Guardian” ins Studio ein, sich das Werk als Erster anzuhören. Der junge Schreiber war für sein Flipper Faible bekannt und war gerade damit beschäftigt, einen Pop Roman namens ,,Arfur: Teenage Pinnball Queen” zu verfassen. Sein Urteil über TOMMY war keinesfalls vernichtend, allerdings hielt er die Story für zu humorlos. Ob es helfen würde, wenn Tommys Geschick am Flipperautomaten der Grund dafür wäre, dass er so viele Jünger um sich schart, wollte Townshend von dem Kritiker wissen. „In dem Fall würde ich dem Album natürlich fünf Sterne geben“, soll Cohn geantwortet haben.

Am nächsten Tag schrieb Townshend ›Pinball Wizard‹ und nahm eilig ein krudes, aber dennoch charmantes Demo auf. „Oh mein Gott, das ist fürchterlich, das ist das Unbeholfenste, was ich je geschrieben habe“, dachte er damals nach einiger Aussage. Er war überrascht, dass seine Mitstreiter von dem Song begeistert waren, als er ihn im Studio vorspielte. In den nächsten Wochen wurden einige Flipper-Referenzen in bereits existierende Songs wie ›Christmas‹ eingebaut und die nötigen Gesangsspuren neu aufgenommen. Dass die Geschichte mit dem nun zum Flipperkönig avancierten tauben, stummen und blinden Jungen endgültig eine Wendung ins Absurde genommen hatte, schien zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr zu stören. Nachträglich fand Townshend sogar einen Bezug zu Meher Baba in ›Pinball Wizard‹. Der Guru hatte einst davon gesprochen, dass Gott mit dem Universum Murmeln spielt da passte doch ein Pinball-Champion wie die Faust aufs Auge! Obwohl Tommys Talent am Flipper für das Konzept der Platte als solches nur eine untergeordnete Rolle spielte, war dieses Detail doch für viele das Zünglein an der Waage. So schrieb etwa der The-Who-Historiker Richard Barnes, dass TOMMY erst durch ›Pinball Wizard‹ von einer Gottoper zu einer Rockoper geworden sei.

Der Song erschien kurze Zeit später als erste Single und löste einen Sturm der Empörung aus, auf den die Band nicht vorbereitet war. Eine Reihe DJs der BBC verbannten das Stück aus ihren Programmen, und auch bei der Presse stieß die Vorstellung eines schwerstbehinderten Jungen als Protagonist eines Songs durch die Bank auf Ablehnung. Einige Rezensenten revidierten zwar nach dem Hören des kompletten Albums ihre Meinung, aber ein echter Kritikerliebling war TOMMY zunächst nicht. Dafür war die Story einfach viel zu gewagt. Auch der hochtrabende Terminus „Rockoper“ stieß vielen übel auf. Dass The Who den Begriff stets augenzwinkernd benutzt hatten, wurde zumeist übersehen. Um die Medien milde zu stimmen, fand die feuchtfröhliche TOMMY- Live-Premiere Anfang Mai 1969 ausschließlich vor geladenen Pressevertretern statt. Im für die Wucht von The Who eigentlich viel zu kleinen Londoner Jazzclub Ronnie Scott’s spielte die Band ihr neues Album zum ersten Mal in Gänze. Zu erleben gab es dabei nicht nur das neue Konzeptwerk, sondern auch eine neue Dynamik innerhalb der Band. Aus den vier nach Aufmerksamkeit gierenden Exzentrikern, die zuvor jahrelang jeder für sich statt gemeinsam um die Gunst des Publikums gebuhlt hatten, war praktisch über Nacht eine eingeschworene Band geworden. „Die Musik von TOMMY schien eine unerklärliche Kraft zu besitzen, die niemand von uns erwartet oder geplant hatte“, schrieb der Gitarrist über die ersten Proben. Er sollte Recht behalten. Die rund 18-monatige Tournee, die folgte, gilt nicht nur wegen des Auftritts in Woodstock bis heute als eine der legendärsten der Rockgeschichte. All-abendlich ließen The Who nach ihrer aufrührerischen Zwei-Stunden- Show restlos begeisterte Zuschauer zurück. Der im Februar 1970 bei einem Universitätsauftritt in Nordengland aufgenommene Konzertmit- schnitt LIVE AT LEEDS gilt bis heute allenthalben als das beste Live- Album überhaupt.

Als die Tournee kurz vor Weihnachten 1970 mit einer letzten TOMMY-Aufführung vor heimischem Publikum im Londoner Roundhouse zu Ende ging, war längst vergessen, dass viele das Album zunächst für anmaßend gehalten hatten. „Ohne die Kühnheit und Unverfrorenheit, sowohl Aufmerksamkeit als auch Schmähung auf sich zu ziehen, wären The Who irgendwann in der Versenkung verschwunden oder irrelevant geworden“, war sich Townshend später sicher. Mit TOMMY war dem Quartett allerdings viel mehr gelungen, als nur den Hals aus der Schlinge zu ziehen. In den Augen vieler Medienvertreter katapultierte das Album The Who auf den Rock-Olymp. Wie schrieb der britische „Melody Maker“ doch so treffend über den Status der Band am Ende der TOMMY-Ära? „Zweifelsohne sind The Who jetzt die Band, an der sich alle anderen messen lassen müssen!”

THE WHO
Die Suche nach Erleuchtung wird es immer geben

Vor 45 Jahren begannen The Who mit den Aufnahmen zu ihrem bahnbrechenden Album TOMMY, das bei seiner Veröffentlichung im Sommer 1969 als erste Rockoper in die Geschichte einging. Nun erscheint das bis heute kontrovers diskutierte vierte Werk der Engländer als erweiterte Deluxe-Edition mit einem mitreißenden „Live Bootleg“-Mitschnitt einer kompletten TOMMY-Aufführung im kanadischen Ottawa aus dem Jahre 1969 als Bonus. Die Super-Deluxe-Variante offeriert zudem das Originalalbum im 5.1-Surround-Sound auf Blu-ray und eine weitere CD mit rustikalen, aber aufschlussreichen Heimdemos der TOMMY-Songs von Gitarrist und Songwriter Pete Townshend. Eigentlich wollte die Band die Wiederveröffentlichung nicht groß kommentieren, doch nachdem zunächst alle Interviewgesuche abgelehnt worden waren, stand uns Sänger Roger Daltrey ganz knapp vor Drucklegung dieser CLASSIC ROCK-Ausgabe doch noch für ein spontanes Gespräch zur Verfügung.

Text und Interview: Carsten Wohlfeld

Roger, wie hast du dich 1968, vor Beginn der Aufnahmen zu TOMMY, als Sänger von The Who gefühlt?
Bevor wir die Arbeit an TOMMY begannen, hatte ich Probleme, eine eigenständige Stim- me für The Who zu finden. Nach ›My Generation‹ war ich gewissermaßen aus der Band geworfen worden, genauer gesagt, ich war auf Bewährung. Wir nahmen Sachen wie ›Happy Jack‹, ›Pictures Of Lily‹ oder ›I’m A Boy‹ auf, und ich hatte aufgrund ihrer Struktur und der Tatsache, dass sie sehr, sehr poppig waren, ehrlich gesagt Probleme, den richtige Gesangsstil dafür zu finden. Schließlich war ich wenn überhaupt ein Blues-Sänger. Ich war ganz versessen darauf, diese Phase hinter mir zu lassen! ›I Can See For Miles‹ hatte schon ein wenig geholfen, doch erst mit TOMMY gelang es mir, eine wirklich eigene Stimme für The Who zu finden.

TOMMY war für dich also eine Herausforderung zur richtigen Zeit? Kein Muffensau- sen, dass die damals ja noch neue Idee einer Rockoper nach hinten losgehen könnte?
Wir haben Petes neue Ideen immer unterstützt. In dieser Hinsicht hat es nie Konflikte gegeben. Das war auch schon bei der Minioper auf A QUICK ONE oder experimentellen Stücken wie ›Rael‹ so gewesen. Wir waren stets dafür zu begeistern, etwas komplett Neues auszuprobieren. Kreative Spannungen hatten wir eigentlich nie. Im Gegenteil: Die Aufnahmen zu TOMMY haben eine Menge Spaß gemacht. Für gewöhnlich brachte Pete eine Demoaufnahme mit, die zumeist sehr roh und ursprünglich war. Oft bestand sie nicht aus viel mehr als einer dünnen Stimme und ein bisschen Gitarre oder Klavier. Zusammen haben wir dann dar- auf aufgebaut. Meinen Beitrag habe ich vor allem geleistet, wenn wir uns ums Klavier versammelt haben, um die Harmonien festzulegen. John Entwistle schrieb die Songs für Uncle Ernie, und Keith Moons Idee war es, Tommy am Ende in ein Feriencamp zu verfrachten. Das wird ja gerne vergessen! Der ganze Prozess war eine helle Freude, alles war so spontan – es war wundervoll!

Trotzdem war zumindest Pete noch Jahre später nicht besonders gut auf euren zum Produzenten avancierten Manager Kit Lambert zu sprechen.
Kit Lambert wird gerne kritisiert, weil er angeblich kein guter Produzent gewesen ist. Richtig ist, dass er katastrophale Fehler gemacht hat, daran gibt es nichts zu deuteln. Aber hör dir nur mal ›Pinball Wizard‹ an das ist ein absolutes Meisterwerk! Das ist wohl der Preis, den man dafür bezahlt, mit Genies zusammenzuarbeiten.

Apropos ›Pinball Wizard‹ in der ursprünglichen Fassung der Story war Tommy zunächst gar kein Flip- perkönig…
Die ursprüngliche Idee war, aufzuzeigen, wie man das Leben erlebt, wenn man blind, taub und stumm ist und sich nur durch verschiedene Vibrationen zurecht f inden kann. Für mich war TOMMY deshalb schon immer mehr eine innerliche Reise denn eine nach außen gewandte Geschichte. Es geht darum, zum Kern des menschlichen Geistes vorzudringen. Das war ein Punkt, an dem ich einige Probleme sah. In ihrer physikalischen Form, als Platte und später als Film, war die Story natürlich nach außen gewandt, während die Texte auf eine innere Reise verwiesen. Bei den Dreharbeiten zum Film wurde mir besonders bewusst, wie schwer es für die Zuschauer sein musste, den durch äußerliche Bilder vermittelten inneren Aspekt zu begreifen. Ken Russell war vermutlich der Einzige, der dieser Aufgabe gewachsen war. Er war als Regisseur des Films absolut perfekt.

Mit dem Flipperaspekt wurde der Fokus dann etwas verlagert, weg von der spirituellen Suche.
Das sehe ich nicht so. Für mich ist das nur eine Metapher für all die Dinge, die uns von unserer spirituellen Suche abhalten. Das lässt sich auch gut auf die heutige Zeit übertragen: Wie sollen die Menschen sich denn spirituell finden, wenn sie 24 Stunden am Tag auf ihre iPhones starren?

Du hast es gerade angedeutet: Viele der Themen von TOMMY sind heute genauso aktuell wie damals. Über- rascht dich das?
Nein. Der Aspekt der Spiritualität wird immer zeitlos bleiben. Egal, zu welcher Zeit die Reise ins Innere, die Suche nach Erleuchtung wird es immer geben.

Wann wurde dir klar, dass TOMMY nicht nur ein Album war, mit dem Pete seine eigene Kindheit und Jugend reflektiert hat, sondern in der Tat der Spiegel einer ganzen Generation, wie es später gerne bezeichnet wurde?
Das passierte, sobald wir begannen, die Platte live zu spielen, obwohl wir einige Stücke auf der Bühne stets aus- gelassen haben. Die ›Underture‹ zum Beispiel war von Anfang an nur Füllwerk, weil alle vier Albumseiten rund 20 Minuten lang sein sollten, um den besten Sound zu erzielen. Wir brauchten noch eine weitere Nummer, und so entstand die ›Underture‹ überhaupt erst. Letztlich ist sie ja nicht mehr als ein Aufguss von ›Sparks‹. Die Reaktionen des Publikums zeigten uns allerdings schnell, dass TOMMY etwas Besonderes war. Das lag womöglich nicht zuletzt auch daran, dass wir den Zuschauern keine Atempause gönnten. Sobald wir im Programm zu TOMMY kamen, ließen wir den Menschen noch nicht einmal die Chance, zwischendurch zu applaudieren, was damals beispiellos war. Zu der Zeit war es ja noch üblich, nach jeder Nummer höflich einen Diener zu machen (lacht). Wir dagegen haben uns einfach durch das komplette Werk gewalzt, und als wir dann mit ›Listening To You‹ das Ende erreichten, waren die Reaktionen einfach unbeschreiblich. Praktisch über Nacht hatten wir wirklich plötzlich ein Publikum, das genau das von uns sehen wollte.

Trotzdem gab es nach 1969/70 außer einem kurz- zeitigen Comeback im Jahre 1989 keine weiteren TOM- MY-Konzerte von The Who mehr. Vor zwei Jahren hast du die Platte dann allerdings erstmals als Solist auf die Bühne gebracht. Hat sich deine Sicht auf die Platte in der Rückschau in irgendeiner Form verändert?
Nein! Allerdings war es jetzt noch eine viel größere Freude, TOMMY zu spielen, als damals in den 60ern. Ich habe die Vorlage wie ein Stück klassische Musik behandelt. Wir haben sie Note für Note und inklusive aller Harmonien gespielt, als sei es eine Arbeit von Mozart! TOMMY ist ein magisches Werk, daran besteht für mich kein Zweifel.

Mit dem Album habt ihr den Weg für viele oft weniger talentierte Künstler frei gemacht, sich konzeptionell auszutoben…
Ich würde eher sagen: Wir haben ein Fenster für das Potenzial geöffnet, das Musik erreichen kann. Das war uns damals natürlich nicht bewusst. Wir waren so mit der Arbeit beschäftigt, dass wir das nicht wie Außenstehende betrachten konnten. Das gelang erst mit der Zeit, im Rückblick. Allerdings fühlt sich das Ganze selbst heute immer noch wie ein Traum an – fast so, als hätte jemand anders das alles getan (lacht)!