Roger_Waters_1 Credit Sean EvansSchon bei der Komposition des Albums wusste Roger Waters, dass THE WALL eine besondere Platte für ihn werden würde. Was er damals aber noch nicht ahnte: Auch 34 Jahre nach ihrer Erstaufführung beschäftigt ihn das monumentale Werk immer noch. Und zwar so sehr, dass er sich dazu entschlossen hat, es erneut auf die Bühne zu bringen. In CLASSIC ROCK spricht er über sein aktuelles Vorhaben, aber auch seine heutige Beziehung zu seinen ehemaligen Pink Floyd-Kollegen.

DIE MAUER IM KOPF

Er spuckte. Auf einen Fan. Etwas Schlimmeres als diese Racheaktion, zu der sich Roger Waters 1977 während eines Konzertes im Montrealer Olympiastadion hinreißen ließ, kann ein Musiker seinen Anhängern kaum antun. So eine erbärmlich Entgleisung geht gar nicht. Auch dann nicht, wenn diese, so wie besagter Fan beim damaligen Konzert, ihren Unmut über das kreative Tun ihrer Helden äußern. Doch Waters hatte seine Contenance verloren, wohl auch deshalb, weil er schon vor dieser peinlichen Situation frustriert über die durchwachsenen Reaktionen auf die aktuelle Platte ANIMALS gewesen war.

Zumindest sah Waters seinen Fauxpas rasch ein und reagierte darauf in einer künstlerisch angemessenen Art und Weise: Er erschuf in den folgenden beiden Jahren THE WALL, eine Art Parabel auf die Entfremdung zwischen Musiker und seinem Publikum. Der Befreiungsschlag begeisterte die Massen – und zwar bis heute. Insgesamt sind inzwischen mehr als 30 Millionen Exemplare des Werks verkauft – Weltrekord für ein Doppelalbum.

Mehr als drei Dekaden ist das jetzt her, und noch immer begeistern sich die Menschen für THE WALL. Daher hat sich Waters dazu entschlossen, den musikalischen Mauerfall zurück auf die Bühne bringen und damit erneut auf Welttournee gehen. Die Konzertreise hat bereits in Nordamerika begonnen (siehe Live-Bericht auf Seite 22/23) und wird den Musiker und seine Crew im Juni auch nach Deutschland und in die Schweiz führen.

THE WALL ist der Prototyp des Konzeptalbum-Klassikers: komplexe Story, große Gesten und gespickt mit allerlei Hits, der bekannteste davon ist ›Another Brick In The Wall‹. „Das Album war zweifelsohne das anspruchsvollste und ungewöhnlichste, das wir in unserer Laufbahn gemacht haben“, erklärt Pink Floyd-Schlagzeuger Nick Mason und ergänzt: „Nie zuvor hatten wir musikalisch so hart gearbeitet und uns so strikt an die Vorgaben gehalten.“

Diese Vorgaben stammten überwiegend von Waters selbst, der quasi im Alleingang seine Lieder durchzuboxen versuchte und dabei auf regen Widerstand der übrigen Floyd-Mitglieder stieß. Speziell Gitarrist David Gilmour waren die melancholischen, selbstzweiflerischen Stücke in ihrer Gesamtheit zu spröde. Er versuchte daher, die Scheibe mit deutlich melodischeren Nummern wie ›Run Like Hell‹ und vor allem ›Comfortably Numb‹ vor einer allzu lähmenden Düsternis zu bewahren. Nur widerwillig ließ Waters diese Einflussnahme auf sein Meisterkonzept zu, rangelte mit seinen Kollegen um Autorität und Kompetenzen, um schließlich Keyboarder Rick Wright noch während der laufenden Produktion wegen dessen angeblich allzu offensichtlichen Desinteresses zu feuern. Bemerkenswert: THE WALL thematisierte nicht nur die Entfremdung zwischen Künstlern und ihren Fans, sondern verursachte genau diese auch unter den vier Pink Floyd-Mitgliedern.