Titelstory: The Doors – Can You Picture What Will Be?

Ende August 1966 gehen The Doors ins Studio, um ihr Debütalbum aufzunehmen. Fünf Monate später wird es veröffentlicht – ein wegweisendes Werk, das bis heute nachhallt.

Das Whisky A Go Go in West Hollywood, im Mai 1966, nach Mitternacht. Jac Holzman, der 35-jährige Besitzer von Elektra Records, ist ge­­rade mit dem Abendflug aus New York angekommen und sieht sich mit schlaftrunkenen Augen diese neue Band an, mit der ihn Clubmanagerin Ronnie Haran seit Wochen nervt. Sie nennen sich The Doors und laut Ronnie sind sie „far out, man“ und total trippig. Außerdem ist ihr 22-jähriger Sänger so heiß, dass sogar Jungs ihn ablecken wollen. Holzman hat gerade erst Love unter Vertrag genommen und ihr LSD-durchtränktes Debütalbum produziert. Er hat absolut kein Interesse daran, noch eine psychedelische Rockband unter seine Fittiche zu nehmen. Doch auch Arthur Lee, der Anführer von Love, hat ihm von diesen neuen Jungs erzählt, also fühlt er sich verpflichtet, ihnen wenigstens eine Chance zu geben.

Zunächst ist er jedoch nicht gerade überwältigt von ihnen. „Morrison hinterließ überhaupt keinen Eindruck bei mir“, erzählte er mir Jahre später. „Nichts an ihm war besonders“. Holzman erinnert sich sogar, dass er so gelangweilt war, dass er nach der Hälfte des Konzerts ging. Doch Haran bestand darauf, dass er am nächsten Tag noch mal kommen sollte. Sie behauptete, Jim habe sich quergestellt und sich geweigert, für den „Anzugtypen“ eine Show abzuliefern, von dessen Anwesenheit an jenem Abend ihm Arthur Lee erzählt hatte. Also stand Holzman tags darauf wieder im Whisky und sah sich die Doors an – und der Heureka-Moment blieb erneut aus. Es war einfach eine Band, die eine beschleunigte Form des Blues mit vage klassischem und jazzigem Einschlag spielte. Und doch schien jeder, mit dem Holzman sich in L.A. unterhielt, sie für das nächste große Ding zu halten. Als dann sogar Barry Friedman (einst Pressesprecher der Beatles und seit kurzem Manager von Buffalo Springfield, einer weiteren heißen neuen Band aus der Stadt) begeistert über die Doors sprach, fuhr Holzman am nächsten Abend wieder ins Whisky, und an dem darauf ebenso.

„Wenn ich mir einen Künstler ansehe, frage ich mich immer: Ist diese Musik etwas, das ich noch nicht gehört habe?“, erklärt er. „An den ersten zwei oder drei Abenden war das nicht der Fall, aber an dem letzten schon. Manchmal gibt es Songs, die wie ein Rosettastein funktionieren, und als ich ihre Version von ›Alabama Song (Whisky Bar)‹ gehört hatte, verstand ich auch den Rest. Plötzlich ergab das alles Sinn.“ Weil die Doors „etwas so Abstruses“ – ein Lied von 1925, geschrieben für Bertolt Brecht zu Musik von Kurt Weill – „genommen und in einen Song verwandelt hatten, der auf ein Rockalbum passen würde“, kapierte Holzman endlich, worum es bei ihrem monochromatischen, Weimar-esken Cabaret-Sound ging. Wo jede andere Band 1966 mit weit aufgerissenen Augen durch ein lysergisch schillerndes Prisma aus Liebe, Liebe und nichts als Liebe zu tanzen pflegte, schienen die Doors die genaue Antithese dazu zu sein: der Engel der Dunkelheit, der kam, um seine eigenen Kinder zu fressen, seine Mutter zu ficken und seinen Vater zu töten.

Noch am selben Abend ging er im Whisky zu ihnen. „Als ich diese vierte Show hörte, wusste ich, dass sie eine grandiose Band waren. Ich wollte da sein, wo noch niemand sonst war.“ Und genau dort waren die Doors und Morrison und warteten darauf, dass Holzman und der Rest der Welt sie entdeckten.

Tatsächlich konnten die vier Mitglieder der Band ihr Glück nicht fassen. Jede Plattenfirma an der Westküste hatte sie ab­­gelehnt, und ihr einziger früherer Deal mit Columbia war beendet worden, bevor sie auch nur einen Ton aufgenommen hatten. Zudem wussten sie nicht, dass sie nur Tage davon entfernt waren, auch von ihrem einzigen dauerhaften Engagement gefeuert zu werden. Wäre Jac Holzman in einem Nikolauskostüm mit einem Sack voll Geld in ihre Garderobe gekommen, hätte er keinen einladenderen Eindruck machen können. Und doch: In typischer Nonchalance forderte Jim Morrison die anderen – Keyboarder Ray Manzarek, Gitarrist Robby Krieger und Schlagzeuger John Densmore – auf, cool zu bleiben. Mit dem Ergebnis, dass Holzman gezwungen war, „einen nervenaufreibenden Sommer lang damit zu verbringen, sie zu einer Unterschrift zu bewegen, die erst viele Monate später geleistet wurde“.

Ronnie Haran, bei der Morrison da­­mals wohnte, riet der Band, sich einen guten Anwalt zu nehmen, und schlug ihren vor – doch sie lehnten ab. Was für böses Blut sorgte und dazu führte, dass er bei ihr ausziehen musste. Als er ging, sagte er zu ihr: „Ich werde in zwei Jahren tot sein“. Doch sowas sagte er immer.
Schließlich folgten sie dem Rat von Robbys Vater Stu Krieger, der sie mit Max Fink zusammenbrachte, einem großspurigen Hollywood-Anwalt mit fest angewachsener Zigarre im Mundwinkel, der sich in den dunklen Gassen von L.A. ebenso auskannte wie den glitzernden Glaspalästen. Fink verspeiste Anzugtypen von außerhalb wie etwa Holzman zum Frühstück – oder behauptete das zumindest den Doors gegenüber – und stürzte sich begeistert in seine Arbeit. Er setzte eine Einverständniserklärung auf, die alle am 20. August unterschrieben, womit der Weg geebnet war: The Doors und Elektra konnten mit der Arbeit an einem Album beginnen. Ein längerfristiger Vertrag wurde allerdings noch zurückgehalten und kam erst im November zustande.

Jeder andere Labelboss hätte da dankend abgelehnt. Doch zum Glück für die Doors war Jac Holzman nicht jeder andere Labelboss. Der älteste Sohn eines Arztes von der Park Avenue war hochintelligent, hatte Descartes studiert und brachte seine Gabe für detaillierteste Analysen und fast geometrisches Kalkül in all seine zukünftigen Tätigkeiten ein. „Ich wollte, dass man Elektra als eine Plattenfirma wahrnimmt, die anders als all die anderen war.“ Das gelang ihm zweifelsohne. Als er die Band das erste Mal traf, galt Elektra als eines der führenden In­­dependent-Labels weltweit. Drei Wochen später hatten sich die Doors bei Sunset Sound Recorders eingerichtet, einem eher spartanischen Studio in Hollywood, das Walt Disney 1958 nach seinen Angaben hatte bauen lassen, um die Soundtracks zu „Mary Poppins“ und „101 Dalmatiner“ einzuspielen.

1 KOMMENTAR

  1. Klasse Story über eine meiner Lieblingsbands aus dieser Zeit. Höre die Songs heute noch und Jim… ein Idol meiner Jugend.
    Vielen Dank, schön dass es Classic Rock gibt

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