Glaubt man David Lee Roth, so sind Van Halen 2012 ein Haufen Rockpiraten, die die Ozeane in Angst und Schrecken versetzen, weder Tod noch Teufel fürchten, sondern plündern und brandschatzen, was das Zeug hält, und damit Ruhm, Ehre und Reichtum einfahren. Eine romantische Vorstellung. Gerade für eine Band, die schon so viel Schlagseite hatte. Die durch interne Grabenkämpfe, Gesundheitsprobleme und gesteigerte Orientierungslosigkeit glänzte, und deren Zenit längst überschritten schien. Doch weit gefehlt: Mit A DIFFFERENT KIND OF TRUTH, zugleich das Comeback von Diamond Dave, legen die Kalifornier ein grandioses Spätwerk vor, dem man die lange Pause genauso wenig anmerkt wie das fortgeschrittene Alter seiner Protagonisten. CLASSIC ROCK stellte Kapitän Roth zur Rede und stieß auf geballte Lebensweisheit – zwischen jeder Menge Seemannsgarn.

Van Halen Reunion Tour Press ConferenceWobei allein das Zustandekommen dieses Gesprächs extrem abenteuerlich verläuft: Obwohl das Album seit August vollendet ist, lässt sich die Band Zeit bei der Vertragssondierung. Erst Ende 2011 fällt die Entscheidung zuunsten von Interscope und somit gegen Columbia, das Management übernimmt Irving Azoff (u.a. The Eagles) und als Medienevent dient ein Konzert im winzigen New Yorker Café Wah?, Anfang Januar, vor 250 handverlesenen Gästen. Doch dann wird es seltsam: Statt Interviews und Fotosessions zu geben, das Werk zu bemustern und die riesige Nachfrage seitens der internationalen Fachpresse zu stillen, geht das Quartett auf Tauchstation, sagt – sofern sie je bestätigt waren – sämtliche Termine ab und lässt Coverstorys von „Rolling Stone“ bis „Q“ platzen. Einfach, weil sie diese Form der Selbstdarstellung, die sie seit Mitte der 70er pflegen, nicht mehr interessiert, weil der aktuelle Fokus auf der Musik liegt und weil man nicht mehr an seinen Fehlern und Unzulänglichkeiten der Vergangenheit gemessen werden will. Was angesichts von großartigen Geschichten über wilde Exzesse mit Wein, Weib und Gesang, verwüstete Hotels, Klettertouren in den Himalaja oder den legendären Tour-Rider ohne braune M&Ms schwer fällt. Doch der 56-Jährige, der sich Ende Januar plötzlich eines Besseren besinnt und spontan zum Telefon greift, macht eindeutig klar, dass solche Eskapaden der Vergangenheit angehören und man sich nun auf einem anderen Level bewegt – einem erschreckend erwachsenen…

David, was ist das für ein Gefühl, erstmals seit „1984“ wieder ein Album mit Van Halen zu veröffentlichen?

Oh, da hat sich nichts verändert. Es ist, als ob man Benzin für ein Rennauto mixt – irgendwann findet man die richtige Mischung, künstlerisch wie spirituell. Und jetzt, da wir viele unterschiedliche Jobs außerhalb der Band hatten und auch ein paar medizinische Zwischenfälle, wissen wir das Ganze viel mehr zu schätzen. Bei mir ist es definitiv so, dass ich heute einige Sachen liebe, die ich früher gehasst habe. Wie etwa ins Studio zu gehen – weil ich das wie einen Schultest empfand. Eben als etwas, das meine Schwächen und Unzulänglichkeiten offenbart, die ich nicht gerne zugegeben habe.

Aber mittlerweile werde ich für meine Unzulänglichkeiten verehrt. Ich bin wie deine Lieblingslederjacke, die alles andere als neu ist. Und je öfter sie getragen wurde, desto wertvoller ist sie in unserer heutigen Kultur. Was absurd ist, aber es ist einfach so. Und meine Stimme klingt wie vier platte Reifen auf einer matschigen Straße. Also wie jeder Zentimeter, den ich spirituell zurückgelegt habe. Und das lässt sich nicht kaufen, sondern das musst du leben – Minute für Minute, in Echtzeit. Alle Menschen, die ich auf dieser Reise getroffen habe, sind Teil meiner Stimme und meiner Texte.

Was auch für das gilt, was die Van Halens spielen. Und was bedeutet, dass da mehr Tiefe ist. Da herrscht mehr Schwere, und das Lächeln ist das von Piraten. Insofern würde ich sagen: Wir haben unserer Sterblichkeit ins Auge gesehen – und sind mit einem Album zurückgekehrt.

Das klingt, als wäret ihr als Menschen wie Musiker wer weiß wie erwachsen – und ganz woanders als in den 70ern und 80ern?

Stimmt! Man kann ja nicht ewig so weiter machen wie mit 20 oder 30. Ganz abgesehen davon, dass es da eine dünne Trennlinie zwischen pubertärer Wut und toller Arbeit gibt. Und: Wir haben immer noch Wut. (lacht)

Was pures Understatement ist – ihr klingt wie auf den ersten drei Alben. Ein bewusster Schritt zurück?

Lass es mich so sagen: Im Theater gibt es einen Ausdruck namens „off book“. Was nichts anderes bedeutet, als dass du das Skript nicht mehr brauchst – weil du es soweit verinnerlicht hast, dass es zu einem Teil von dir geworden ist und du es nur noch mit emotionalem Inhalt füllen musst. Genauso haben wir es mit den Songs dieses Albums gemacht. Ich war exakt 42 Mal in Eddies Studio, um mit ihnen zu proben, damit wir die neuen Sachen „off book“ hinkriegen. Also bis zu dem Grad, da die Texte sitzen, jeder den Refrain und den kompletten Song kennt, und wir das so hinkriegen wie eine neue Band, die da raus in einen Club geht, um ein Publikum für sich zu erobern. Denn der Grund, warum die ersten Alben vieler Künstler so superb sind und sie dann einen langsamen Abstieg erleben, ist doch, dass sie beim Debüt „off book“ waren. Danach haben sie angefangen, die Texte und die Songs während der Aufnahmen im Studio zu schreiben, und sie dann einfach abzulesen. Was man hört – gerade beim Gesang. Bei uns war alles fertig, ehe wir ins Studio gingen – aber nicht anders.

Denn das Studio als Einrichtung zu nutzen … da gibt es nur wenige, die das wirklich beherrschen. Wie etwa U2. Ich habe mal eine Dokumentation gesehen, wie sie da reingehen, mit den vorhandenen Möglichkeiten experimentieren und dabei ihre Musik kreieren. Was sehr verlockend ist. Aber: Van Halen machen es genau umgekehrt. Wir proben mehrere Hundert Stunden, bis es Shakespeare ist. Und wenn du Shakespeare machst, denkst du nicht an das Morgen, sondern nur ans Hier und Jetzt. Vor allem, wenn du auch noch jemandem Geld da-für abknöpfst, dass er sich hinsetzt und sich das anhört. (lacht)

Und was unseren Anspruch im Studio betrifft, so würde ich sagen: Wie bei Motown. Also: Kannst du den Song von Anfang bis Ende ohne Pro-Tools oder sonstige technische Tricks spielen? Kannst du das so singen, wie es sein sollte? Oder klingt es irgendwie künstlich und falsch? Und das als Band im Studio zu machen, ist etwas, das viele gar nicht mehr hinkriegen. Während es für uns eine Rückkehr war. Eben zu dem, wo wir mal waren, was wir mal gut hingekriegt haben, und was auch jetzt kein Problem ist. Eben: Was du da hörst, ist live im Studio, und genau so klingt es auch auf der Bühne.

Mit Songs, die sich wieder um Autos, Frauen, Tattoos und ausgelassenen Spaß drehen? Was im krassen Gegensatz zu dem steht, was du in den 90ern über Van Halen gesagt hast – nämlich Songs über Milch trinken, Nissan fahren und verheiratet sein?

(lacht) Es besitzt wieder einen anderen Anspruch. Wobei das Ganze aber nichts von einem Cartoon hat, sondern der Humor ist eher vage. Denn es ist erwachsen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Musik ist zwar auf trügerische Weise simpel, aber du könntest sie nicht mal nachspielen, wenn du noch so erfahren an deinem Instrument wärst.
Und was die Texte betrifft: Auch wenn wir da beispielsweise von Tätowierungen singen, so geht es doch um weitaus mehr als das, was Biker und Party-Leute darunter verstehen. Ich kenne zum Beispiel ein paar Typen, die im ländlichen Bergbaugebiet der Appalachen leben, und die haben ihre Gewerkschaftsnummer auf der Schulter tätowiert – genau wie es ihre Großväter getan haben. Und es ist eine Tatsache, dass sich 75 Prozent aller Leute, die sich heute in den USA tätowieren lassen, Frauen sind. Da ist zum Beispiel Sally, die im Supermarkt arbeitet, und in-dem sie sich ein simples Tattoo machen lässt, verwandelt sie sich von einer grauen Maus in einen heißen Feger – zumindest in ihren Augen. Was reine Psychologie ist. Denn zum ersten Mal zeigt sie ihr wahres Gesicht und so etwas wie Mut. Sie versteckt sich nicht mehr.

Solche Sachen verarbeiten wir in den Texten. Wobei es natürlich auch Momente gibt, wo du ganz bewusst nicht darauf achtest, was da gerade gesungen wird. Das geht mir etwa bei der Hälfte der Musik so, die ich so höre. (lacht) Und es ist auch bei uns ganz leicht, das schlichtweg zu ignorieren. Also die tiefere Bedeutung. Denn es ist Musik, die du auch zu anderen Zwecken benutzen kannst. Wie etwa zum Entfernen eines Bikinis oder zur Verbesserung deines sozialen Ansehens. Leute sind dazu in den Krieg gezogen, sie haben ihre Toten zu unserer Musik begraben, sie haben dazu getrauert, was auch immer.

Van Halen (mit David Lee Roth) (3)Jetzt hast du die Frage nur halb beantwortet: Fandest du die Texte, die Van Halen unter Sammy Hagar hatten, wirklich so schlimm? Sprich: so banal?

Natürlich – deswegen habe ich das damals gesagt, und deswegen habe ich ja auch versucht, nicht darauf zu antworten. Das war nicht Van Halen, das war Kasperletheater. Also: Es hatte nichts mit dem zu tun, was diese Band ausgemacht hat, sondern es war langweiliger, dröger Scheiß ohne echten Anspruch.

Aber aktuelle Textzeilen wie „if you want to be a monk, you got to cook a lot of rice“ sind doch auch nicht hochtrabend philosophisch, oder?

Aber es ist eine schöne Umschreibung für verdammt harte Arbeit. Also, wenn du ein Mönch sein willst, solltest du dich besser an den Gedanken gewöhnen, dass da eine Menge richtig heftiger Arbeit auf dich zukommt. Und allen jungen Musikern und Bands, die das hier lesen, kann ich nur sagen: Wenn ihr große Philosophen sein wollt, dann reicht es nicht aus, einfach eine beschwerliche Reise zur Spitze irgendeines verdammten Bergs zu unternehmen. Wenn ihr wie Eddie Van Halen spielen wollt, bedeutet das endloses, monotones Üben. Und wenn ihr so performen wollt wie diese Band, müsst ihr das mindestens drei Tage die Woche tun – und zwar vier Monate lang. So, wie wir es für die kommende Tour getan haben. Viele Künstler unseres Kalibers würden dafür sechs Wochen ansetzen. Aber hey, wir kochen schließlich eine Men-ge von diesem verfickten Reis.(lacht)

Wie steht es mit „driving with an Asian model is like Kabala – but it’s for free”?

Auch das muss man natürlich im Kontext se-hen. Eben, dass unsere Wahrnehmung von gei-stiger Arbeit sich primär danach richtet, welches Preisschild daran hängt. Und in Amerika ist es ganz allgemein so: Je teurer eine Sache ist, desto wichtiger erachten wir sie. Was bei Kabbala ja nicht anders ist. Außerdem gibt es einige Künstler, die von dem Produkt profitieren, für das sie stehen. Frank Sinatra hat zum Beispiel für einen Scotch geworben – und ihm zusätzliche Klasse verliehen. Wenn Absolute Vodka heute einen gänzlich unbekannten Act unterstützt, denken wir: „Was für ein großes, einflussreiches Produkt. Das muss wahnsinnig wichtig für je-den Künstler sein, der als halbwegs cool gelten will.“ Da hat sich die Ausrichtung also komplett gewandelt. Nur: Die Qualität einer neuen Religion oder einer geistigen Strömung bewerten wir weiterhin nach ihrem Preisschild. Und von dem, was ich gehört habe, kommt Kabbala mit einem ziemlich fetten. (lacht) Wisst ihr, was ich sage, wenn mich die Kellnerin in einem Café fragt, ob sie mir noch irgendetwas bringen kann? Ich sage: „Ja, ich hätte gerne noch einen Schuss Vergebung.“ Und ich frage mich, ob Kabbala das auch auf der Karte hat. (lacht)

Warum gründest du nicht einfach deine eigene Religion oder Sekte – die Church Of Roth?

Das habe ich längst. Wobei sich zu-nächst einmal die Frage stellt: Was ist überhaupt Religion? Das kann Fußball sein, eine politische Prämisse oder was auch immer. Und meine Religion – wenn man das so sagen kann – besteht darin, mich in den Augen anderer Menschen wiederzufinden und das in die Musik zu projizieren. In das, was ich als Künstler tue. Und vielleicht auch in meine Freizeitgestaltung.

Sprich: Du bist zu dem geworden, den man in dir sehen wollte?

Ja, ich war der Showman, der Rockstar, das wilde Tier, der Sexbolzen, das ganze Programm. Nur: Das ist ein Vierteljahrhundert her. Heute bin ich 56 und – um den Albumtitel zu zitieren: Es gibt noch eine andere Wahrheit.

Nämlich?

Ganz einfach: Van Halen war immer eine Insel. Ein Zwischenstopp von einem Ort zum anderen. Und zwar kulturell wie auch musikalisch. Als es bei uns richtig losging, als wir der heiße Scheiß waren, befand sich die Welt auf einem wilden Ritt vom „Studio 54“ und von „Saturday Night Fever“ hin zur Welt der Sex Pistols und der Clash. Was ja keine schlechte Richtung war. Und Van Halen war eine Insel auf diesem Weg, auf der ein großes Schild prangte: „Lasst eure Knarren am Eingang zurück, Jungs.“ (lacht) Das konnte man schon aus weiter Ferne erkennen – weil es ein leuchtendes Schild war.

Dann gab’s noch ein zweites, auf dem es hieß: „Wer es wagt, weiterzugehen…“ – also wie es auf dem Tor zur Hölle steht. Und alles, was du auf unserer Insel an-getroffen hast, hatte nichts mit dem zu tun, was gerade populär war. Wir waren nie cool. Wir sind es immer noch nicht. Und wir waren es erst recht nicht in den Neunzigern, als es nach „Teen Spirit“ stank. Trotzdem haben wir einen markanten Sound. Ich kenne nichts, was wie wir klingt – selbst, wenn du dir noch solche Mühe gibst, es zu imitieren.

Und wir haben ja jede Menge Bastarde. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber es gibt viele amerikanische Bands, die mehr Platten verkauft haben, die vielleicht auch bessere Sänger, bessere Texte und was auch immer haben. Aber: Es gibt keinen Act in der Geschichte der Rockmusik, der öfter kopiert wurde als wir. Aktuell sind da draußen etwa vier oder fünf Bands, die einen netten Lebensunterhalt mit unserem Sound verdienen. Und warum ist das so? Weil wir viele verschiedene Zielgruppen ansprechen und vertreten. Unsere Musik rekrutiert sich aus vielen unterschiedlichen Lagern – und der Energie und dem Enthusiasmus, der daraus resultiert. Aber: Wir haben nie versucht, hip zu sein. Und selbst, wenn ich diesen Typen von den Rolling Stones imitiere, klingt das immer nach mir. Wobei ich jeden beliebigen Song von uns nehmen und ganz genau sagen könnte: „Da kopieren wir Johnny Cash, da Deep Purple, dort James Brown und da noch Led Zeppelin.“ Wisst ihr, was ihr darauf sagen würdet? „Aber das klingt doch wie ihr.“ Genau das ist das Besondere an Van Halen.

Wobei ihr mit Eddies Sohn Wolfgang einen 20-Jährigen in euren Reihen habt. Welchen Einfluss hat das auf die Bandchemie und die Songs? Für wie viel frischen Wind sorgt er?

Für gar keinen! Mit Van Halen mithalten zu können, ist eine Sache, die jemanden Jahre und Jahre kostet. Und die Musik, die wir spielen, dreht sich um die Brüder und um mich. Wir sind zusammen zur Schule für Orchestrierung und Musiktheorie gegangen, wir haben zusammen an der Musikhochschule studiert und fünf Jahre lang in Bars, Clubs und auf irgendwelchen Partys ge-spielt. Wir haben jeden Song zusammen ge-schrieben, um die Miete bezahlen zu können. Es ist also eine eingeschworene Gemeinschaft – und allein deshalb ist da auch nicht viel Raum für externe Sachen. Was genauso für die Produktion, das Mixen und alles andere gilt. Wir sind wie ein Zirkuspferd, das nur ein Kabinettsstückchen drauf hat – aber es ist ein richtig tolles Kabinettsstückchen. (lacht) Eines, das alle anderen übertrumpft.

Trotzdem hast du die Band 1985 verlassen, und zwei Comeback-Versuche – 1996 und 2000 – sind gescheitert. Warum sollte es also diesmal klappen? Und wie stabil ist die neue alte Konstellation?

Ich mag das Unbeständige. Ich mag Spannung. Immer, wenn etwas zu angenehm und zu bequem wird, ist es nicht mehr wirklich spannend. Sondern wird zu etwas, das sich mit vorgekochtem Essen vergleichen lässt – mit Comfort food. Und ich mag eher Zusammenstöße. Mit einem möglichst großen Knall. Genauso, wie es die Größen des Jazz gehalten haben. Und im HipHop funktioniert es ähnlich. Es ist einfach nicht gesund, wenn du sagst: „Ja, das ist für immer.“ Denn dann bekommst du eine ganz andere Qualität geliefert, als wenn du sagst: „Ihr werdet alle in den nächsten drei Jahren sterben.“ Stimmt doch, oder? Und was so einen Blödsinn wie „dies ist eine große, glückliche Familie“ betrifft – das passt nicht zu Van Halen. Ich mag eher Konflikt, ich mag Reibung, ich mag Spannung. Und den Druck der Uhr. Wenn du dir zum Beispiel einen Boxkampf ansiehst, dann denken viele Leute, da wären nur zwei Gegner im Ring. Dabei sind es drei – du hast die Uhr vergessen. Die kann beide Boxer schlagen.

Und wenn wir über Spannung und Konflikte reden: Wenn du eine Karriere bewertest, ist das wie bei einem guten Film oder einer große Novelle. Du musst dir drei Fragen stellen: Wonach strebt dein Held – also was muss er tun? Was, wenn ihm das nicht gelingt? Und drittens: Warum gerade jetzt? Lass mich nur die dritte Frage beantworten: Wegen der Uhr! Dies ist eine Band, die hart gelebt und noch härter gearbeitet hat. Mein Arzt meint, bei meinen Rückenproblemen hätte ich schon vor Jahren aufhören sollen. (lacht) Und Van Halen will den Vergleich, den Konkurrenzkampf. In jeder Hinsicht. Wir sind hier nicht für eine Ausstellung. Da ist kein ironisches Blinzeln in unseren Augen, sondern wir meinen es ernst. Wir wissen, wie alt wir sind und dass das unsere letzte Chance sein könnte – und die wollen wir nutzen.

Van Halen (im Sammy Hagar) (2)Das heißt, all die Dispute, die Konflikte und die Faustkämpfe sind Schnee von gestern? Seid ihr jetzt die Einheit, die ihr nie wart?

Der ganze pubertäre Scheiß ist Vergangenheit. Und ich kann nur sagen: Wir machen hier kein Fernsehen, wir sind keine Seifenoper, kein Cartoon, sondern ein richtiger Film. Das ist der Grund, warum ich 37 Jahre später immer noch dabei bin. Und das ist der Unterschied: Ein großer Teil des Rock’n’Roll ist zur Parodie seiner selbst geworden. Was uns und unseren Fans das Gefühl gibt, dass wir das Original sind – und dass wir dieses Genre anführen. Denn wir lassen uns von nichts und niemandem vereinnahmen. Nicht von der Rock’n’Roll Hall Of Fame, nicht vom Rolling Stone-Magazine, nicht von den Grammys und auch nicht vom Super Bowl. Ihr werdet uns nie auf dem roten Teppich erleben. Und in einer Welt, wo sich selbst vermeintliche Rebellen verkaufen, bleibt Van Halen nicht nur eine autarke Angelegenheit, sondern eine regelrechte Insel, die an Port Royal im 17. Jahrhundert erinnert. Also eine Piraten-Insel. Und ein wirklich spannender Ort.

Vergleichst du euch jetzt mit Freibeutern?

Warum nicht? Ich meine, was ist überhaupt Kunst? Ganz einfach: Es ist etwas, das dich zum Denken zwingt. Was das Fernsehen definitiv nicht tut. Das will dir allenfalls irgendwelche Produkte verkaufen. Wohingegen dich richtig gute Arbeit dazu bewegt, Fragen zu stellen. Und die Leute stellen meine Arbeit im Van Halen-Kontext genauso in Frage wie die berühmten Suppendosen von Warhol. Wozu ich nur sagen kann: Egal, was ich darüber denke – er hat seinen Job gemacht. Und er hat etwas abgeliefert, das uns auch Dekaden später wunderbar unterhält. Ganz abgesehen, dass es immer noch so viel wert ist, dass er locker seine Miete davon bezahlen könnte – wenn er noch unter uns weilen würde. Was zeigt, wozu richtige Kunst fähig ist.

Und Van Halen ist Kunst?

Für mich auf jeden Fall. Es ist eine Form des individuellen Ausdrucks, in die ich viel Energie und Zeit investiere – heute noch mehr als je zuvor.

Laut deiner Biografie „Crazy From The Heat“ konntest du Live-Auftritte nie wirklich genießen – wegen starker Rückenschmerzen. Ist das noch der Stand der Dinge? Tut es immer noch weh?

Nur, wenn ich wach bin! (lacht) Ich meine, es gab keinen Moment, in dem es nicht wehgetan hätte. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich vor 20 Jahren einen meiner Kung Fu-Lehrer gefragt habe, ob es je aufhören würde zu schmerzen. Und er meinte: „Nein!“ Wobei es andererseits aber auch so ist: Wenn es nicht schmerzt, musst du nicht ganz so hart kämpfen. Bruce Lee hatte zum Beispiel fürchterliche Rückenprobleme in „Enter The Dragon“. Sie müssen so heftig gewesen sein, dass er den Film kaum beenden konnte. Und auch John F. Kennedy hatte während seiner gesamten Präsidentschaft mit üblen Schmerzen zu kämpfen. Das ist etwas, das sich durch die gesamte Geschichte zieht. Aber wer weiß: Vielleicht zwingt es einen auch dazu, noch fokussierter zu sein. Und ich bin gerade sehr fokussiert. (lacht) Das ist meine medizinische Antwort.

Was bedeutet das konkret – kriegst du den berühmten Spagat-Sprung noch hin oder verzichtest du inzwischen darauf?

Das gehört zu diesem halbwüchsigen Blödsinn, an dem sich viele Rockbands festzuklammern scheinen. Und was etwas Lustiges, aber auch Trauriges hat – wie Witze, die vor 20 Jahren mal ganz lustig waren, aber es heute nicht mehr sind. Genauso wenig wie bestimmte Tanzbewegungen, die heute allenfalls als lächerlich durchgehen. Oder auch Frisuren, bei denen du heute denkst: „Was zum Teufel habe ich mir da nur gedacht?“ All diese Sachen sind für jemanden, der aktuell und zeitgemäß sein will – wie wir – absolut gefährlich. Denn sie stehen für die Vergangenheit, für Nostalgie, und es ist wichtig, sich von diesen Vorstellungen zu lösen. Insofern brauchen sie ein Update.

Wie sieht das aus?

Ganz einfach: Ich werde mich so verhalten, wie das für mein Alter angemessen ist. Also damit ich mich nicht lächerlich mache. Was nicht heißt, dass ich keine Energie mehr habe oder nur noch steif vor dem Mikro stehe – so weit wird es nicht kommen. Ich halte es eher mit der Mohammed Ali-Methode: Ich bin ständig in Bewegung, ich tanze meinen Gegner aus – und dann schlage ich zu.

Wobei ihr in den USA mit Kool & The Gang tourt. Ist das nicht eine eher ungewöhnliche Konstellation?

Schon, aber es ist eine bewusste Entscheidung. Einfach, weil Van Halen so ein breites Publikum aus allen erdenklichen Lagern anspricht. Heavy Metal ist nur eines davon. Und Kool & The Gang stellen für uns in etwa das dar, was Clarence Clemons für die E-Street Band war – sie bringen uns Zuschauer, die sich ansonsten nie in ein Konzert wagen würden. Ganz abgesehen davon, dass Kool & The Gang seit Jahrzehnten so etwas wie den ultimativen amerikanischen Party-Soundtrack liefern: Es gibt keinen Springbreak, keine Ferien, keine Beerdigung, keine Hochzeit ohne ihre Musik.

Und bei uns ist es mittlerweile auch so, dass wir Sitzplätze bei unseren Konzerten haben – weil die Hälfte des Publikums weiblich ist. Von daher können wir nicht einfach nur Stehplätze anbieten. Auch wenn garantiert keine der Damen sitzen wird. Denn wenn wir auf der Bühne loslegen, ist jeder in Bewegung. Ausruhen können sie sich später zu Hause.

Da wir gerade vom anderen Geschlecht reden: Als du in den 80ern gefragt wurdest, wie deine Traumfrau aussieht, hast du geantwortet: „Die perfekte Frau hat einen IQ von 150, will bis vier Uhr morgens Liebe machen und verwandelt sich dann in eine Pizza.“ Haben sich deine Ansprüche inzwischen geändert?

Das ist definitiv aus den 80ern! Und für alles, was ich damals von mir gegeben habe, gilt: Ich war ein Kind und ich habe auch wie ein solches gedacht! Heute würde ich sagen, ihr IQ müsste bei mindestens 162 liegen. Und statt Pizza würde ich Thai Food bevorzugen. (lacht) Aber Sex kann ich immer noch die ganze Nacht haben – daran ist nichts falsch. Ich bin nur ein bisschen anspruchsvoller geworden.

Also ist das – bei aller Reife und allem Anspruch, den du hier unterstreichst – immer noch ein Thema, bei dem du Spaß hast?

Aber klar doch! Ich denke, du machst dir immer Gedanken darüber, wer deine Musik hört, für wen du deine Texte schreibst und wer dir bei deinen Konzerten zu-sieht. Wobei die meisten Heavy Metal-Künstler an ein Publikum denken, das zum Großteil aus Kerlen besteht. Ich meine, jedes Mal wenn irgendwo eine Faust hochgerissen wird, ist das für die Jungs – und für keinen anderen. Aber was Van Halen betrifft: Glaubt ihr etwa, wenn ich etwas Quietschgelbes trage, würde ich das für die Typen im Publikum tun? (lacht) Und für wen könnten wohl diese ganzen akrobatischen Einlagen und Tanzschritte gedacht sein? Etwa für die Brüder vom Harley Club? Nein! Wenn es nicht gerade darum geht, irgendeine hochphilosophische Botschaft ins Publikum zu brüllen, ist das alles nur für die Ladies gedacht.

Und genau das gilt auch für meine Texte. Wo-bei das nichts ist, was sich groß erklären lässt, und es ist auch keine Masche, sondern es passiert einfach. Während Stücke wie ›Winged Assassins‹ für die Jungs sind, richten sich Sachen wie ›I Can’t Wait To Feel Your Love Tonight‹ ganz klar ans andere Geschlecht – und das Video dazu dreht sich quasi von selbst.

Van Halen Cover A Different Kind Of TruthDarf man fragen, wie viele Damen du in deiner Karriere gebettet und beglückt hast?

(lacht) Ich weiß nicht, ob ich alle, die ich gebettet habe, auch wirklich beglückt habe. Aber: Ich hoffe es zumindest. Also, dass ich da zumindest eine passable Trefferquote hatte. Nur: Ich weiß nicht, wie viele es wirklich waren, und ich habe sie auch nie gezählt. Einfach, weil das nichts ist, womit ich prahle. Ich bin ein Gentleman, ich genieße und schweige. Und so halte ich es bis heute – auch, wenn ich, was das betrifft, zwangsläufig deutlich ruhiger geworden bin. Ich bin schließlich 56!

Wieso hast du nie geheiratet?

Weil Sänger in einer Rock’n’Roll-Band zu sein und auf Familie zu machen, einfach nicht zusammenpasst. Du musst leben, was du singst. Und das habe ich immer getan.

Also eine Art Berufskodex?

Ja. Natürlich hatte ich längere und feste Beziehungen. Und ich war auch ein paar Mal kurz davor, den Schritt zu machen. Einfach weil ich dachte, ich hätte die Richtige getroffen. Nur im letzten Moment habe ich dann doch immer einen Rückzieher gemacht – weil bei mir plötzlich die Alarmglocken schrillten. Und ich bin froh, dass ich darauf gehört habe. Wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre.

Wenn es nicht mehr wilde Gelage mit willigen Blondinen sind – wie sieht dann deine gegenwärtige Freizeitgestaltung aus?

Ich weiß, es klingt vielleicht etwas komisch, aber ich befasse mich mit Hundetraining – professionellem Hundetraining. Was man eigentlich gar nicht er-klären kann – schon gar nicht den Leuten in Amerika, die mich ständig fragen: „Was machst du so?“ Wenn ich denen das zu erklären versuche, ist das in etwa so wie damals, als der Fußball nach Amerika kam – Soccer, wie wir es nannten –, und keiner hatte einen blassen Schimmer, was das für eine seltsame Sportart sein sollte. Mit Hundetraining ist es dasselbe. Und auch die Fliegerei – mein anderes Ding – ist nicht gerade das, was dem normalen Bild eines Rock-Sängers entspricht.

Das ist alles immerhin nicht so gefährlich wie Bergsteigen, was du in den 80ern be-trieben hast, es unterstreicht aber immer noch dein Faible für Freiluftaktivitäten…

Ja, der Himmel sollte mich mittlerweile kennen. Und seien wir ehrlich: Das Leben eines Künstlers spielt sich eigentlich nur in geschlossenen Räumen ab – gerade jetzt, da sich das Meiste von dem, was wir im Bezug auf Film, Grafik und Text tun, am Computer passiert. Insofern hält dich schon ein simpler Flatscreen, an dem du arbeitest, von der Begegnung mit der Natur ab. Was für eine ähnliche Trennung sorgt wie bei Ying und Yang.

David Lee Roth, der Naturbursche?

Eher der Künstler, der weiß, was gut für ihn und für andere ist. Ich kann nur sagen: Ihr möchtet mich nicht erleben, wenn das nicht so wäre. (lacht)