Trans-Siberian Orchestra 2013aZwischen Kommerzkitsch und Kultbombast.

In den Vereinigten Staaten locken sie Tausende von Fans zu ihren Konzerten, ausverkaufte Megahallen, so weit das Auge blickt. Doch in Europa kennt kaum jemand das Trans-Siberian Orchestra. Obwohl die Band bereits fünf Alben veröffentlicht hat, kräht hierzulande kein Hahn nach ihnen. Wohl auch deshalb, weil die Truppe bislang noch keine einzige Show auf unserem Kontinent gespielt hat. Das soll sich nun ändern, denn musikalisch ist der Stil der Band mit dem Euro-Geschmack durchaus kompatibel.

Trans-Siberian Orchestras Sound klingt wie ein bombastischer Mix aus sinfonischem, progressivem Hard Rock und Klassik. Bereits ihr 1996er-Debüt, das Weihnachtsalbum CHRISTMAS EVE AND OTHER STORIES, hat der Band Doppelplatin-Status eingebracht. Seither tourt die Truppe regelmäßig im Winter durch Nordame-rika. Wobei man das Touren von Trans-Siberian Orchestra nicht mit dem einer normalen Band vergleichen kann. Die Shows sind stets Shows der Superlative: mehr Spektakel als simples Konzert.

Auf CHRISTMAS EVE AND OTHER STORIES ließen Trans-Siberian Orchestra dank des großen Zuspruchs weitere Platten folgen: darunter zwei zusätzliche Weihnachts­alben, THE CHRISTMAS ATTIC (1998) und THE LOST CHRISTMAS EVE (2004), plus BEETHOVEN’S LAST NIGHT aus dem Jahr 2000 und schließlich im vergangenen Jahr NIGHT CASTLE. Insgesamt sind von allen Veröffentlichungen über sieben Millionen Exemplare über den Ladentisch gegangen. Das bedeutet: In den USA kennt jedes Schulkind den Namen Trans-Siberian Orchestra.

Die Band tourt inzwischen in zwei verschiedenen Line-ups, ein Teil an der Westküste, der andere an der Ostküste. Manchmal treffen die beiden Besetzungen auch aufeinander – so wie am heutigen Tag. So wird die Show, pardon: die Shows – denn es gibt eine Matinee und eine Abendvorstellung – zwar weitgehend von der Ostküsten-Fraktion bestritten, doch mit Jeff Scott Soto (Ex-Journey) auch ist ein Westküsten-Musiker mit am Start.

Die Halle, hauptsächlich als Eishockey-Arena konzi-piert, hat eine Kapazität von 18.000 Zuschauern. Und sie ist ausverkauft. Nachmittags und abends. Angesichts solcher Dimensionen kann man sich vorstellen, dass dieses gigantische Projekt in der Metal-Szene wurzelt. Denn die Idee zu Trans-Siberian Orchestra stammt von den Mitgliedern der Florida-Banger Savatage. Fast das komplette Personal der Band, einschließlich aller Ehemaligen, ist hier aktiv: Die Gitarristen Alex Skolnick und Chris Caffery, Frontmann Zachery Stevens, Bassist Johnny Lee Middleton und Drummer Jeff Plate. Als Produzenten und musikalische Chefs fungieren Paul O’Neill, Jon Oliva (Gesang), Al Pitrelli (Gitarre) und Robert Kinkel (Keyboard).

Nach etlichen Jahren US-Weihnachtszauber und Glitzerüberschuss will die Band nun weltweit bekannt werden. Daher führt der Weg zunächst nach Europa. Im Frühjahr 2011 soll die aktuelle Doppel-Scheibe NIGHT CASTLE hierzulande veröffentlicht werden – und natürlich wird es auch eine Tour geben. Mit etwas weniger opulentem Bühnenaufbau allerdings, denn all die Accessoires, gigantanischen Video-Leinwände, monströsen Eis-, Laser- und Nebelmaschinen, rotierenden Show-Treppen etc., die Trans-Siberian Orchestra hier in Pittsburgh auffahren (Kiss lassen grüßen!), würden in einer normalen europäischen Halle kaum Platz finden. Zudem kann die Band auch kein derart immenses Pyroprogramm auffahren: Denn in der Mellon Arena brennt so heftig die Bühne, als würden die Musiker gerade eine komplette Walfamilie durchgrillen…

In der zweiten Hälfte des Sets, als BEETHOVEN’S LAST NIGHT und NIGHT CASTLE musikalisch im Mittelpunkt stehen, freuen sich endlich auch die Rock-verwöhnten Ohren, denn der Kitschfaktor sinkt – und es macht sich ansatzweise das Gefühl von schreddernen Flying V-Gitarren breit. Hoffen wir, dass das bei der Europa-Eroberung der Schwerpunkt auf diesem Show-Teil liegt.