Gesellschaftskritik zum Materialismus der 80er …
oder eine Ode an heiße Action auf dem Rücksitz? Egal wie man ihn interpretiert, hat dieser heiß diskutierte Hit die Priest-Fanbase entzweit.

Judas Priest lebten in einer materiellen Welt. Es war Mitte der 80er Jahre: Gier war gut, Erfolg bedeutete Exzess, und für fünf neureiche Metaller aus Birmingham mit viel Geld in der Tasche war nichts außer Reichweite.

„Wenn man auf die 80er zurückblickt und wie wir dieses Jahrzehnt durchlebten, war es schon unglaublich dekadent“, gesteht Judas Priest- Frontmann Rob Halford. „Da war jede Menge Geld da. In vielerlei Hinsicht war es eine wahre Orgie, aber was für eine tolle Zeit. Von 1980 bis zur Grunge-Bewegung waren all die Porsches, all die Turbomotoren, einfach alles larger than life.“

„Die Band war unglaublich erfolgreich“, fügt er hinzu, „und wir hatten großen Wohlstand erreicht. Ich weiß noch, wie zur Zeit von TURBO LOVER sowohl Glenn (Tipton) als auch KK (Downing) total auf Porsches abfuhren.“

Die textliche Saat war gesät, aber die Entstehung der Musik für die 1986er Single begann, als Tipton mit einem neumodischen Gitarren-Synthie zu Sessions in Spanien erschien.

„Wir hatten gerade eine Welttournee abge- schlossen. Wir fuhren direkt nach Marbella und fingen mit dem Schreiben an“, erinnert sich Halford. „Wir hatten dieses wunderschöne Haus am Meer gemietet und sperrten uns einfach monatelang dort ein. Wir waren damals sehr produktiv, angetrieben von dem Wahnsinnserfolg, den Priest damals hatten.

Aber das große Ding an ›Turbo Lover‹ war diese neue Erfindung, die Glenn benutzte. Ich habe vergessen, wie das Gerät hieß, aber es machte all diese wirklich interessanten und inspirierenden Geräusche. Ich weiß noch, wie Glenn eines Tages sein Pedalboard trat und dieser Klang herauskam – das, was man am Anfang von ›Turbo Lover‹ hört – und ich sagte: Das klingt wie ein hochdrehender Turbomotor. Das war die Initialzündung. So wuchs der Song plötzlich, und so kam es zu dem Titel.“

Halford gibt zu, dass er nicht der erste Texter war, der die Verbindung zwischen Autos und Sex herstellte. „Wir spielten gerade so rum und – aus welchem Grund auch immer – benutzten die typische Rock’n’Roll-Analogie, ein bisschen Spaß auf dem Rücksitz zu haben“, erinnert er sich. „Du weißt schon: Ich bin dein Turbo-Liebhaber, also das Auto als Anspielung auf die Action. Das gab es doch schon immer. Sieh dir doch frühe Filme wie ‚…denn sie wissen nicht, was sie tun‘ oder ‚Die Faust im Nacken‘ an, da gab es auch schnelle Autos und Motorräder. Das geht Hand in Hand.“

Tipton schrieb das Riff und spielte das ratternde Solo („es ist simpel, aber effektiv für diesen Track“, sagt er auf seiner Website, „und endet mit Maschinengewehr-Wahnsinn“), doch Halford sagt, dass alle fünf Mitglieder beteiligt waren. „Das haben wir zusammen gemacht, genau wie wir jetzt schreiben, aber die Riffs sind immer das Fundament für einen guten Metal-Song. Wir hatten so viel Material aus diesen Sessions, dass wir dem Label sogar sagten: Wir haben hier ein Doppelalbum. Aber so lief es dann nicht.“

Als es ans Aufnehmen ging, waren Autos aber nicht das einzige Laster. Die Tantiemen auf dem Niveau der 80er erlaubten es ihnen auch, von Topstudio zu Topstudio zu ziehen. „Wir hatten drei Studios“, so Halford. „Erst Compass Point auf den Bahamas, aber das war verrückt. Wir haben nichts auf die Reihe gekriegt und konnten uns nicht konzentrieren. Es war einfach Wahnwitz. Wir fingen um sechs Uhr nachmittags an zu arbeiten, aber um acht saßen wir schon im Pub.“

„Damals nahm ich alles“, gesteht er. „Tatsächlich war das kurz bevor ich nüchtern wurde. Das ist wie eine Feuertaufe. Jeder durchläuft im Rock ’n’Roll dieses Ritual, und das kann entweder sehr kreativ sein oder sehr schädlich, wie bei mir. Ich war damals auf dem Höhepunkt. Ab Mitte der 80er fühlte ich, wie ich ein besserer Musiker wurde. Vielleicht, weil ich in diese unvermeidliche Rock’n’Roll-Wand fuhr und es überlebte.“

Die Aufnahmen wurden in Miami fortgesetzt, dann in L.A., wo sowohl das Lied als auch das Album TURBO fertiggestellt wurden. Als sie die Aufnahmen abschlossen, erinnert sich Halford, waren sie zu nah an ›Turbo Lover‹, um es objektiv bewerten zu können. „Wir wussten nicht, dass es ein Klassiker war. Aber genauso war das bei ›Breaking The Law‹ und ›Living After Midnight‹. Man denkt nie daran, was aus einem Song werden wird. Du bist so darin vertieft, dass du einfach keine Ahnung hast.“

Aus Los Angeles kommt auch Halfords Lieblingserinnerung an das Stück. „Ich fuhr in einem Porsche-Cabrio den Sunset Strip entlang, und ›Turbo Lover‹ wurde im Radio gespielt“, grinst er. „Ich dachte nur: Mein Gott, ich bin ein Typ aus Walsall in der englischen Provinz. Das war unwirklich.“

Andere waren jedoch weniger begeistert davon, und sechs Jahre nach ihrem Durchbruch-Album BRITISH STEEL teilte der trendige Sound von TURBO die Meinungen der Die-hards.

„Es gab ein bisschen Widerstand“, sagt Halford. „Aber ich erinnere mich, wie wir PAINKILLER veröffentlichten, da gab es das auch. So läuft das nun mal. Man kann es nicht jedem recht machen. Manchmal wollen deine Fans einfach immer wieder dasselbe hören. Bei Priest ignorieren wir zwar nie, was die Fans sagen, aber das kann auch sehr gefährlich sein.“

Der Sänger gibt zu, dass man sowohl Lied als auch Album lieben oder hassen konnte, aber besteht darauf, dass beide extrem wichtig für die Entwicklung der Band waren. „Wir wollten Priests Musik ja auch leidenschaftlich beschützen, aber wenn wir uns jeder Möglichkeit verschlossen hätten, wären wir nie so abenteuerlustig gewesen. Die Wahrheit ist, dass wir nie an Regeln glaubten, und wir sagten immer, dass es dumm wäre, in einer Band zu sein und nie Radio zu hören oder das, was andere Bands machen, denn da kann man viel lernen. Das ist so cool an Priest: Wenn du dir die einzelnen Jahrzehnte ansiehst – die 70er, 80er, 90er und jetzt –, haben sie alle etwas, das den damaligen Vibe verkörpert. ›Turbo Lover‹ und TURBO waren für einige Leute vielleicht kontrovers, aber so waren wir damals eben.“

Auch 2012 liebt Halford das Lied, wenn auch nicht dessen Thema. „›Turbo Lover‹ wurde zum Klassiker“, sagt er, „aber ich bin eigentlich kein Autofanatiker mehr. Seit ich 60 wurde, mache ich mir nicht mehr so viel aus materiellen Dingen. Das war eine Phase, die ich durchgemacht habe, aber jetzt ist mir klar, dass Judas Priest das Wichtigste in meinem Leben sind.“

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