U2 im Interview: „Nimm doch einfach mal die Klinke“

U2 Pressefoto 2017Bono Vox und The Edge trafen sich mit CLASSIC ROCK in Berlin, um in einem raren Interview über Erfahrungen von der Endlichkeit des Lebens, daraus entstandenes neues Liedgut und eine gewisse laufende Untersuchung zu sprechen.

Bono öffnet die Terrassentür und tritt in die kalte Abendluft hinaus. Von der Terrasse des Hotels im Westen von Berlin hat man einen phänomenalen Blick über die Stadt, die in der Geschichte von U2 eine besondere Rolle spielt. In der Zeit ihrer größten Krise erfanden sie sich hier mit ACHTUNG BABY neu und retteten so ihre von der Auflösung bedrohte Band.

Drei Tage werden Bono und The Edge insgesamt in der Stadt sein. Sie werden ein geheimes Mini-Konzert in einer U-Bahnstation der Linie 2 geben, nachdem sie in einem Zug der U2 Fan-Fragen beantwortet, Hände geschüttelt und für Fotos posiert hatten. Am letzten Abend ihres Aufenthalts werden Bono und The Edge spontan bei der Weihnachtsfeier ihrer Plattenfirma auftauchen und danach in einem Berliner Szenerestaurant mit Freunden bis tief in die Nacht essen und trinken.

Aber jetzt, in diesem Moment auf dieser Terrasse möchte Bono erst mal wissen, wo von hier aus gesehen die alte Wohnung von David Bowie liegt. Bei seinem ersten Berlin-Besuch überhaupt hat Bono als junger Mann alle Bowie-Stationen in Berlin besichtigt. ACHTUNG BABY wurde vor allem wegen Bowies Berlin-Trilogie in den Hansa-Studios aufgenommen. Der Tod des von Bono verehrten Sängers hat ihn in tiefe Trauer gestürzt und war neben den Abschieden von Prince und Leonard Cohen eine Inspiration für die dunkleren Momente auf SONGS OF EXPERIENCE. Ein Album, auf dem U2 das Leben feiern, weil sie sich seiner Endlichkeit bewusst geworden sind.

Bono: „Einige Wochen, bevor Bowies letztes Album BLACKSTAR erschien, ging ich mit meiner ältesten Tochter Jordan spazieren. Sie liebt Bowie und kannte ihn schon als kleines Kind. Wir teilten uns einen Kopfhörer und hörten das Album gemeinsam zum ersten Mal, ein schöner, intimer Moment zwischen Vater und Tochter. Als BLACKSTAR dann einige Wochen später erschien, beschlossen wir, ein gemeinsames Foto zu machen und es David zu schicken. Also schrieb ich ihm zum ersten Mal seit längerer Zeit eine sehr ausführliche Mail. Nur wenige Tage später war er tot, ein gewaltiger Schock.“

Bowie war für die künstlerische Herangehensweise von U2 stets prägend. Ähnlich wie bei ihm gab es auch in eurer Karriere zahlreiche musikalische Richtungswechsel. Zu Beginn waren U2 eine Post-Punk-Band, das Debüt BOY klingt im Grunde wie eine optimistischere Variante von Joy Division.
Bono: Wenn es in den frühen Tagen irgendeine Vorahnung dessen gab, wohin wir uns später entwickeln sollten, dann war es vielleicht unsere erste Single für Island Records, ›11 O’Clock Tick Tock‹. Martin Hannett hat den Song produziert – derselbe Martin Hanett, der auch Joy Division produziert hat. Wir haben Joy Division damals sogar im Studio besucht, als sie ›Love Will Tear Us Apart‹ aufgenommen haben, das war großartig.

In der Karriere von U2 gab es immer wieder entscheidende Wegmarkierungen, die man an Alben festmachen kann: Die Leute sprechen immer von THE JOSHUA TREE, aber war nicht eigentlich THE UNFORGETTABLE FIRE der markanteste Entwicklungssprung?
The Edge: Das kann man so sagen, und es lag natürlich an Brian Eno. Die Plattenfirma geriet regelrecht in Panik, als wir ihnen von unserer Idee erzählten, mit Eno arbeiten zu wollen. Wie sich herausstellte, hatte Brian ihnen kurz zuvor einen Vorschlag für ein Konzeptalbum gemacht, das er „Bird List“ nennen wollte. Das sollte ein atmosphärisches Ambient-Album werden, auf dem Brian über sphärische Klänge alle möglichen Vogelarten aufzählen wollte. Albatross, Amsel – das ganze Programm. Das ging dann ungefähr 25 Minuten immer so weiter. Die Verbindung zwischen diesem Typen und der jungen, hoffnungsvollen Rockband, die gerade mit ›Sunday Bloody Sunday‹ und ›New Years Day‹ zwei riesige Hits gehabt hatte, wollte den Leuten von der Plattenfirma nicht aufgehen.

Glücklicherweise habt ihr nicht auf sie gehört.
The Edge: Auch für uns war die Zusammenarbeit ein Risiko, allerdings auf positive Weise. Wir waren in kreativer Hinsicht sehr ambitioniert, aber wir wussten noch nicht, wie wir an den Punkt kommen sollten, den wir erreichen wollten. Wir brauchten dringend erfahrene Leute, die uns auf diesem Weg helfen konnten. Insofern war THE UNFORGETTABLE FIRE das vielleicht wichtigste Album unserer Karriere.
Bono: Sogar Miles Davis mochte es! Wenn ich mich recht entsinne, lag er eine Weile im Koma, bevor er starb. Seine Leute haben die zehn CDs zusammengesucht, die er zu der Zeit am meisten gehört hat, und spielten sie ihm vor, während er dort lag. Nach seinem Tod rief einer seiner Verwandten bei uns an und erzählte, dass eins dieser Alben THE UNFORGETTABLE FIRE gewesen sei. Wir wollten es zuerst gar nicht glauben, aber wenn man einen Moment darüber nachdenkt, er­­gibt es Sinn. Er hat Ambient Music immer ge­­mocht und war ein glühender Verehrer von Martin Luther King, weswegen er vielleicht etwas mit ›Pride (In The Name Of Love)‹ anfangen konnte.

U2 waren von Anfang an eine sehr ambitionierte Band, kam die Anspannung daher?
Bono: Unser Ehrgeiz kam vor allem daher, dass wir unbedingt der Enge unserer Heimat entfliehen wollten.

Dublin war damals nicht unbedingt das Zentrum der Popwelt.
Bono: Das war die totale Provinz. Aber beinahe alle großen Bands kommen aus solchen Gegenden. Ohne diese Triebfeder hätte es Nirvana oder die Beatles nicht gegeben.
The Edge: Es gibt eine direkte Parallele zwischen Städten wie Liverpool, Dublin und Seattle. Der Sound dieser Städte war geprägt von dem absoluten Wunsch, durch die Musik den eigenen Le­­bensumständen entfliehen zu können.
Bono: Dieses unbedingte Verlangen, mit der Welt in einen Dialog zu treten, hört man im Sound jeder guten jungen Band, dieser Wunsch definiert alles. Das ist bis heute unser wichtigster Antrieb. Wenn wir ein neues Album fertig haben, wie jetzt SONGS OF EXPERIENCE, sind wir immer noch aufgeregt, als wäre es unser erstes Werk überhaupt. Wir holen uns Fans und Freunde ins Studio, wenn wir fertig sind, und zelebrieren das total. Und dann ist es vorbei und ich höre das Album nie wieder.

U2 2017

Angeblich kannst du es nicht ertragen, eure Musik und vor allem deine Stimme zu hören.
Bono: Es fällt mir tatsächlich sehr schwer. Die Musik ist großartig, die Band hat keinerlei Staub angesetzt. Aber ich kann meinen Gesang nicht ertragen. Und die Texte ebenfalls nicht, viele von ihnen kommen mir im Nachhinein unfertig vor.
The Edge: Bono ist viel zu kritisch mit sich, er hört immer nur die Fehler. Dabei ist sein Gesang auf all diesen Songs natürlich großartig.

Vor den Tourneen wird euch kaum etwas anderes übrig bleiben, als die alten Platten herauszukramen. Sie müssen sich ja irgendwie vorbereiten.
Bono: Manchmal kommt das vor, aber gar nicht so oft, wie man denken könnte. Als wir jetzt die JOSHUA-TREE-Tour gemacht haben, hörte ich das Album vorher kein einziges Mal.

Ihr konntet sich an jeden einzelnen Text erinnern?
Bono: Das nicht, aber an die Melodien. Ich hab die Texte ausgedruckt, der Rest kam von selbst.

Der Zyklus aus SONGS OF INNOCENCE und SONGS OF EXPERIENCE nimmt ein Motiv aus der Frühzeit eurer Karriere auf: Auf dem Cover von BOY war Peter Rowan, der Bruder eines Freundes der Band, abgebildet. Auf den beiden aktuellen Alben sind abermals Kinder zu sehen: Larry Mullens Sohn auf SONGS OF INNOCENCE, zwei eurer beider Kinder auf dem neuen Album.
Bono: Wir haben uns bewusst für diese Motive entschieden, weil sich mit diesen Alben in gewisser Weise auch inhaltlich ein Kreis schließt: Es geht um uns, als Band, als Menschen, um unsere gemeinsame Geschichte und die der Leute, die uns umgeben. Und um die Neugierde, die uns als Musiker immer noch antreibt. Wir sind ja immer noch in der Ausbildung.

Dabei heißt das Album SONGS OF EXPERIENCE.
Bono: Es sind Songs über unsere Erfahrungen, aber das betrifft hoffentlich nur die Texte. Die Musik darf sich niemals abgezockt und routiniert anhören. Im Grunde sind das Rhapsodien, sie sind nicht an ein besonderes Genre gekoppelt. Wir sind musikalisch offen und staunen im Studio selbst immer noch am meisten. Das ist es auch, was uns morgens weiterhin aufstehen lässt.

Was war denn die musikalische Idee, die SONGS OF EXPERIENCE zugrunde liegt?
Bono: Als wir angefangen haben, Musik zu machen, war die Gefahr relativ groß, in die Progrock-Falle zu tappen. Punk war das Gegengift zu dieser Musik, das hat uns geprägt. Als wir jetzt SONGS OF INNOCENCE und SONGS OF EXPERIENCE angegangen sind, haben wir uns noch mal grundsätzlich mit unserer ursprünglichen Philosophie und der unserer größten Helden auseinandergesetzt. Lou Reed hat vor Velvet Underground im Brill Building gearbeitet und die Disziplin, die er dort gelernt hat, konnte man aus seiner Musik heraushören.

Was bedeutet das für U2?
Bono: Wir kamen zu dem Schluss, dass die Definition eines U2-Songs letztlich in der Verbindung einer starken Melodie mit einem klaren Gedanken und einem überragenden Beat liegt. Wir kommen aus einer Indie-Rock-Per­spektive, oder wie immer man das nennen will, waren aber während der Produktion auch offen für Einflüsse aus EDM oder Hip-Hop. Wirklich guter Rock’n’Roll hatte immer diese Offenheit. Es gibt also so etwas wie eine Kern-DNA von U2, Songs wie ›Sunday Bloody Sunday‹ folgen dieser Philosophie. Und auf dem neuen Album gilt das etwa für ›The Showman (Little More Better)‹. Oder nehmen wir ›Love Is All We Have Left‹. Das ist praktisch eine Science-Fiction-Version von Frank Sinatra, weil es in seinem Kern trotz der Cloud-Einflüsse ein ganz klassischer Song ist. Auch ›Lights Of Home‹ oder ›Red Flag Day‹ folgen einer starken Pop-Disziplin. Und diesen elementaren Kern von U2 haben wir auf diesen Alben für meine Begriffe perfekt herausgearbeitet. Wir sind wahnsinnig stolz auf beide Werke.

Inhaltlich ist es in Teilen sehr düster. In anderen Interviews hast du von einer Reihe existenzieller Erfahrungen gesprochen, die in die Arbeit an SONGS OF EXPERIENCE eingeflossen sind.
Bono: Vergangenes Jahr zu Weihnachten gab es einen Zwischenfall, der dazu geführt hat, dass ich mir der Endlichkeit des Lebens vollumfänglich bewusst geworden bin. Kürzlich sprach ich darüber mit Quincy Jones. Ich sagte ihm, wie großartig es ist, überhaupt am Leben zu sein. Er hat sich totgelacht: „Großartig, am Leben zu sein? Das ist die verdammte Voraussetzung für alles. Wärst du nicht am Leben, könntest du gar nicht über so was nachdenken“, hat er gesagt. Er hat natürlich absolut Recht.

Was für ein Vorfall war das?
Bono: Ich möchte da nicht ins Detail gehen, das könnte würdelos wirken. Es gibt aber eine gewisse Stufe an Ehrlichkeit, die unser Publikum zu Recht von uns erwartet. Insofern ist es mir wichtig, über die Gefühle zu sprechen, die diese Sache in mir ausgelöst hat. Auch unabhängig von diesem Vorfall sind solche Themen prägend für das Album gewesen: Ich hatte ja bekanntlich diesen Fahrradunfall, der mich ebenfalls an meine Sterblichkeit erinnert hat. Insofern kommt insbesondere der Text von ›Lights Of Home‹ aus einer sehr aufrichtigen Ecke meines Herzens.

„I thought my head was harder than ground“, singst du da unter anderem.
Bono: Ich habe mich tatsächlich lange Zeit un­­besiegbar gefühlt, insbesondere als ich jung war. Ich war fest davon überzeugt, ich könnte jede Tür einrennen, wenn ich es nur lange genug versuche. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem man feststellt, dass die Schulter schmerzt von den ganzen Türen – und dass dieser Schmerz auch nicht mehr weggeht. Man kommt an den Punkt, an dem man denkt: Nimm doch einfach mal die Klinke und öffne die Tür ganz normal!

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