The UnionNachdem Thunder im vergangenen Jahr endgültig ausgerockt hatten, war Luke Morleys erster Schritt in eine neue Zukunft ein Anruf bei seinem langjährigen Songwriting-Partner im Hintergrund: Pete Shoulder. Nun hat das ungleiche Duo sein Debüt fertiggestellt – und Zeit genug, mit CLASSIC ROCK über Alkoholexzesse und einen Altersunterschied von 24 Jahren zu philosophieren.

Sie sind ein merkwürdiges Paar. Ein Teil des Duos ist ein alter Bekannter: Luke Morley, ehemals Gitarrist von Thunder und ein Mensch, der so aussieht, als wäre er schon mit verkniffenen Gesichtszügen aus Mamas Gebärmutter geschlüpft und hätte seither keine Miene verzogen. Ein durch und durch knorriger Typ, dem der smarte und wesentlich jüngere Pete Shoulder (26) zu jeder Sekunde die Show stiehlt. Die Musik jedoch, die das ungleiche Zweiergespann gemeinsam komponiert hat, klingt völlig anders, als der erste Eindruck von den beiden Rockern vermuten lässt. Schon nach wenigen Takten ist klar: Ihr Projekt heißt nicht ohne Grund The Union. Morley und Shoulder spielen auf Augenhöhe – sie ergänzen sich und bereichern damit den Sound ihrer Band. Diktatorische Ansätze, Hierarchiedenken oder gar Parasitentum? Gibt es nicht. Symbiose ist stattdessen angesagt.

Das merkt man auch gleich im Interview. Während Shoulder beweist, dass er geistig wesentlich reifer ist, als sein Alter vermuten lassen würde, steckt in Morley immer noch der Lausbube. Es scheint, als wären beide einfach dem Leitspruch gefolgt: „Lass uns in der Mitte treffen!“ Hat funktioniert. Und zwar laut Shoulder auch deshalb, „weil Luke ein fantastischer Trinkpartner ist“, wie er schelmisch grinsend verrät. „Es gab nämlich etliche Abende, an denen wir das herausfinden konnten.“

Und nein, die Feiern waren einfach nur Feiern, keine Notwendigkeit, um eine kreative Atmosphäre zu erzeugen. Denn The Union sind keine Zweckgemeinschaft. Oder gar der desperate Versuch eines Musikers in den besten Jahren, das Aus seiner alten Band zu verarbeiten, indem er mit einem jungen Sparringspartner noch einmal in den Rock-Ring steigt. Denn Shoulder und Morley kennen und schätzen sich nicht erst seit gestern. Ihre Freundschaft besteht schon seit einer Dekade.

„Als ich Pete kennen lernte, war er gerade 17 Jahre alt“, erinnert sich Luke Morley zurück. „Ein Bekannter hatte mir Demos von ihm gegeben, und ich war hin und weg von seinem Talent. Was für ein Sänger, was für ein Gitarrist! Pete hatte es einfach drauf, in jeglicher Hinsicht. Wir blieben in Kontakt, machten gemeinsam einige Demos, hingen aber in erster Linie einfach nur zusammen ab, tauschten Platten und hörten Musik.“

Schon bevor die beiden zum ersten Mal in Kontakt traten, war Shoulder als Musiker aktiv. Seit seinem 13. Lebensjahr trat er live auf, und zwar nicht nur beim örtlichen Schulfest, sondern ganz professionell vier Abende pro Woche. „Meine schulischen Leistungen haben zwar ziemlich darunter gelitten“, so Shoulder heute, „aber das war mir total egal. Ich wollte Musik machen. Durch die Auftritte habe ich mehr gelernt, als ich es je in einem Klassenzimmer getan hätte.“

Dort, wo Pete Shoulder herstammt, aus dem rauen Nordosten Großbritanniens, ist der ideale Nährboden für jemanden, der sich durchsetzen kann und harte Musik liebt. Bluesrock ist die favorisierte Musikrichtung in den unzähligen Bikerbars, die sich dort aneinander reihen. Free werden als Götter verehrt. Wer in diese Kerbe drischt, gewinnt – das hat Shoulder schon als 15-Jähriger festgestellt. „Ich hatte mit meiner Band einen Auftritt nach einer Motorrad-Rallye. Wir legten los, und nach ein paar Minuten rissen sich diese alten, fetten Biker im Publikum plötzlich ihre Klamotten vom Leib und fingen an, wild herumzutanzen. Wir konnten gar nicht glauben, was da gerade passierte… Während einer anderen Show schaute unser Drummer auf den Boden und sah, dass dort ein riesiges, scharfes Messer aus dem Boden ragte. Das war schon krass.“

Die Zeiten sind inzwischen vorbei. Denn mit 17 konnte Pete einen der begehrten „Development Deals“ von Sony Music ergattern, einem Programm, in dem junge Künstler gefördert werden. Zwar brachte er es als Solo-Rocker nicht zu Weltruhm, doch Shoulder erkannte, dass er Songwriter-Talent besaß. So komponierte er gemeinsam mit Luke Morley ›The Man Inside‹ von Thunders 2003er-Album SHOOTING AT THE SUN. Drei Jahre später wurde er zudem für ›Think Of Me‹ (erschienen auf dem letzten Album der Blues-Ikone Little Milton) mit einem Preis der WC Handy Blues Foundation in der Kategorie „American Blues Song Of The Year“ geehrt. Das ist vor ihm nur zwei anderen Briten gelungen, nämlich Eric Clapton und Peter Green. Noch heute kann Shoulder seine Freude darüber kaum zurückhalten – und dabei geht es ihm weniger um die Ehrung durch die Stiftung, sondern um Little Miltons musikalischen Ansatz. „Unglaublich, aber er hat sogar meine Soli übernommen und sie nicht neu eingespielt“, jubelt der Komponist.

Weniger erfolgreich verlief seine Zusammenarbeit mit Jerry Lynn Williams, der das Gros von Claptons JOURNEYMAN komponiert hatte. Doch das lag am Meister selbst, nicht an Pete Shoulder. „Jerry ließ mich jeden Tag mit einer Stretch-Limo vom Hotel abholen und sagte dem Fahrer, dass er auf dem Weg zu ihm außerdem noch Schnaps besorgen sollte. Ich war gerade mal 18 Jahre alt und durfte mit Jerry Lynn Williams herrliche Rum-Cocktails schlürfen. Da dachte ich: ›Pete, du hast es geschafft!‹ Aber am vierten Tag, an dem ich völlig betrunken war und noch keinen einzigen Ton komponiert hatte, fragte ich Williams schließlich: ›Jerry, wollen wir nicht mal mit der Arbeit anfangen?‹ Doch er konnte nicht, denn er hatte den Tod seines Sohns noch nicht verarbeitet. Einmal brach er mitten im Restaurant in Tränen aus. Schließlich rief ich meinen Manager an und sagte: ›Ich glaube, Jerry braucht mich im Moment nicht, lass uns die Sache vergessen.‹“

Während Shoulder mit Williams zwar eine Menge Geld verbrannte, aber kein einziges Stück produzierte, geht er mit Luke Morley anders vor. „Das war mir eine Lehre. Damals bin ich bis nach Oklahoma gefahren, nur um mir einen zu genehmigen. Völlig sinnlos. Mit Luke schreibe ich daher lieber erst Songs, bevor wir eine Flasche aufmachen.“

Das klappt problemlos, auch wenn sich die Arbeitsweise von Morley und Shoulder doch stark von der zwischen Morley und Danny Bowes unterscheidet. Doch auch wenn es dem Thunder-Gitarristen sicherlich nicht leicht gefallen ist, die Band im vergangenen Jahr ad acta zu legen: Er hat die Entscheidung seines Sängers respektiert. Bowes wollte nicht länger rocken, sondern sich auf seine Arbeit als Agent konzentrieren. Morley kann das zwar nicht nachvollziehen („Es ist schon ein bisschen seltsam, dass jemand, der über eine solche Stimme verfügt, nicht mehr singen will“), doch er sieht auch ein, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. „Wenn er das nicht möchte, kann ihn niemand dazu zwingen. Danny hat diese Entscheidung getroffen, fertig. Und ich für meinen Teil will kein Teil einer Band sein, in der wichtige Originalmitglieder fehlen. Denn ganz ehrlich: Es gibt schon genug Thunder-Tribute-Acts, da muss ich nicht auch noch selbst mitmischen und quasi meine eigenen Songs nachspielen. Das wäre lächerlich.“

Zumal der Niedergang von Thunder den Aufstieg von The Union erst möglich gemacht hat. Und abgesehen von einigen Hardlinern dürften auch die meisten Morley-Fans dem neuen Projekt etwas abgewinnen können. Denn die Parallen zu Thunder sind offensichtlich, selbst wenn The Union etwas erdiger und folkiger zu Werke gehen – eine Verbeugung vor US-Heroen wie Neil Young oder Tom Waits. Doch das Rückgrat von The Unions Songs sind charakteristische Rock-Riffs, die ganz klar in Morleys Thunder-Tradition stehen.

Die Mischung macht’s, ein altes, aber bewährtes Motto. Und auch ein Leitfaden für neue Kreativität, wie Morley verrät: „Die Band ist wie ein leeres Blatt Papier. Wir können draufkritzeln, was wir wollen. Es gibt es keine Grenzen, keine Einschränkungen, keine vorgefertigten Strukturen. Wir haben den Freibrief, das zu tun, wonach uns gerade der Sinn steht. Außerdem tut es mir gut, dass ich einen Songwriting-Partner habe. Es ist weniger Arbeit für mich als früher bei Thunder. Aber auch eine neue Herausforderung, denn ich bin im Laufe der Zeit natürlich auch bequemer geworden. Das schleicht sich ein, wenn man über die Jahre immer mit denselben Menschen zusammenarbeitet. Nun komme ich mit einer Idee an, und plötzlich ist da jemand, der darauf reagiert und etwas zurückfeuert. Das ist wirklich inspirierend für mich. The Union haben meinen kreativen Funken neu entfacht.“

union packshotAuch in vermarktungstechnischer Hinsicht sind The Union überaus kreativ. Den Song ›Black Monday‹ gibt es seit Wochen als Gratis-Download auf ihrer Website. Und dort können Fans auch das Debüt THE UNION kaufen – in verschiedenen Formaten, z.B. als Deluxe Edition oder als schlichten Download. Auch Special-Packages für Gigs sind dort zu erwerben: Das enthält neben einem Konzertticket auch ein Dinner mit der Band, jeweils limitiert auf je zehn Fans (plus Begleitung) pro Abend. Ein Geben und ein Nehmen also – jeder kann so viel The Union haben, wie er möchte. „Die Fans sind nicht dumm“, betont auch Morley. „Wir geben ihnen zwar einen Song kostenlos, aber sie wissen, dass wir nicht weiterarbeiten können, wenn wir nichts verdienen. Also ist klar, dass wir nicht die komplette Platte gratis ins Netz stellen können. Wenn ich mich an die Anfänge von Thunder zurückerinnere, dann merke ich erst, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Damals war es das Schwierigste, die Aufnahmen für ein Album zu finanzieren, weil das immense Summen verschlungen hat. Heute ist das ein Klacks. Dafür tut man sich gerade als neue Band unheimlich schwer, die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen.“

Doch hier haben The Union den Vorteil, dass Morley und Shoulder bereits seit Jahren im Musikgeschäft aktiv sind – selbst wenn The Union noch am Anfang stehen, so helfen ihre Namen doch weiter. Das weiß auch Luke Morley: „Ich war 21 Jahre bei Thunder und habe den Leuten dadurch bewiesen, dass ich kein unberechenbarer Mensch bin, der ständig etwas Neues anfängt und dabei nichts zu Ende bringt“, so Morley. „Zwar werden sicherlich einige Fans erwarten, dass The Union exakt wie Thunder klingen: Und da sie das nicht tun, gefällt das sicher nicht allen. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich muss mein Bestes geben, eine tolle Platte machen, sie veröffentlichen, im Anschluss daran auch ehrliche, gute Gigs spielen und alle Chancen wahrnehmen, die sich für The Union auftun werden. Dann wird schon etwas hängen bleiben – so einfach ist das. Denn ich hasse nichts mehr als den Gedanken daran, dass dieses Album vielleicht unser einziges Lebenszeichen bleiben könnte.“