von-hertzen-brothers @ VILLE JUURIKKALA (1)Die Von Hertzen Brothers sind ein finnisches Phänomen. Sie haben ihre Kollegen von H.I.M., The Rasmus und sogar Hanoi-Rocks-Legende Michael Monroe überholt und feiern regelmäßig Spitzenplatzierungen in den Charts. Doch außerhalb ihrer Heimat sind die drei Brüder (Sänger Mikko, Gitarrist Kie und Bassist Jonne) aus Helsinki ein beinahe unbeschriebenes Blatt. Das soll sich mit ihrem sechsten Album NEW DAY RISING ändern. Und so luden sie CLASSIC ROCK zu zwei ausverkauften Shows, zum Interview und einer Führung durch die Hauptstadt Finnlands ein.

Tavastia Klubi ist der legendärste Club in der finnischen Rockgeschichte.
Mikko: Das ist unser Heimspiel. Trotzdem sind wir hier immer nervöser als irgendwo anders. Ich denke, das liegt daran, dass wir hier vor unseren Familien, Freunden und langjährigen Fans spielen. Denen muss man es natürlich immer wieder besonders beweisen.

Langsam geht die Reise immer weiter weg von zu Hause und ihr streckt eure Fühler Richtung USA aus. Wie war euer Gastspiel auf dem SXSW in Austin vor einigen Tagen?

Mikko: Nun, es war spaßig. Das ist eine dermaßen riesige Veranstaltung, dass du dort immer etwas verpasst. Für uns war das ein sehr wichtiger Besuch. Mit diesem Album versuchen wir ja jetzt auch in den Staaten Fuß zu fassen. In Austin konnten wir unsere amerikanischen Partner treffen und ihnen zeigen, wie ein Von-Hertzen-Brothers-Konzert wirklich abläuft.

Wie kam eure Show beim Ami-Publikum an?
Mikko: Die Leute fanden es gut, denke ich. Ich meine, wenn du dort spielst, trittst du zeitgleich mit 60 anderen Bands in der selben Straße auf. Da war es schon fantastisch, dass der Laden, in dem wir spielten richtig voll war und keiner während unserer Show gegangen ist.

Ihr habt für NEW DAY RISING mit dem legendären Produzenten Garth „GGGarth“ Richardson (Rage Against The Machine, Ugly Kid Joe, Rise Against, Sick Of It All, Skunk Anansie) und Mixer Randy Staub (Metallica, Bon Jovi, Bryan Adams, Nickelback) gearbeitet.
Mikko: Dasselbe Team wie das von Biffy Clyro!

War die Wahl von GGGarth mit seinen in den USA und weltweit extrem erfolgreichen Veröffentlichungen eine bewusste Entscheidung?
Mikko: Nachdem wir NINE LIVES komplett selbstständig aufgenommen und produziert hatten, haben wir uns überlegt, dass wir diesmal eine andere Erfahrung machen wollten. Es standen auch britische Produzenten zur Debatte. Es war also wirklich keine „Amerika hier, Amerika da“-Entscheidung. Wir wollten einfach hochklassige Profis.

Wisst ihr, dass GGGarth über die Zusammenarbeit mit euch von einem „traumhaften Erlebnis“ spricht?
Jonne: War das vor den Aufnahmen oder danach? (lacht)
Mikko: Viele Leute denken, es wäre traumhaft. Aber du kannst ja mal unsere Managerin Virpi fragen!
Virpi: Soll ich das wirklich beantworten? Nimmst du das gerade auf? (lacht)
Mikko: Naaaaa gut, alles hat seine Licht- und Schattenseiten! (lacht) Aber jetzt mal ernsthaft: Wenn jemand, der das seit so langer Zeit macht und bereits massive Hitalben produziert hat, sagt, dass er ganz perplex von deinen musikalischen und geschäftlichen Ambitionen ist, dann hat das schon seinen Reiz.

Wie war es eigentlich, im historischen The Farm [ehemals Little Mountain Studios, Anm. d. Red.] in Vancouver aufzunehmen?
Mikko: Als wir zum ersten Mal reingegangen sind, war das schon
beeindruckend. Als wir dann richtig zu arbeiten begonnen hatten, haben wir gar nicht mehr wahrgenommen, wo wir waren. Als wir dann die Drum- und Bass-Tracks in der Kiste hatten, haben wir uns umgesehen. Wir kannten natürlich alle den Aerosmith-Film „The Making Of Pump“, und dann das legendäre Mischpult zu sehen, das war schon cool!

 
So sieht es bei den Von Hertzen Brothers zu Hause aus:

 

Wie viel Einfluss hatte GGGarth auf die Kompositionen von NEW DAY RISING?
Jonne: Bevor wir zu ihm geflogen sind, kam er uns in Helsinki besuchen und wir gingen alle Lieder durch. In dieser Phase brachte er viele Ideen an. Einige davon kamen auf das Album, einige…
Mikko: …haben wir in die Tonne getreten! (lacht)

Hat er wirklich eine Regel aufgestellt, nach der du nur über fünf Themen texten durftest?
Mikko: Sagen wir, es war eine Richtlinie. Aber doch, das stimmt. Weil er ja weiß, was bei den Leuten einschlägt, schlug er folgende Themen vor: 1. Ich liebe dich. 2. Du liebst mich. 3. Ich liebe dich nicht. 4. Du liebst mich nicht. 5. Politik.
Kie: Also sind es nur vier. Politik hat es nicht auf das Album geschafft. (lacht)

GGGarths Team hat euch einen ganz schön glattpolierten Sound verpasst. Hattet ihr manchmal Angst, dass es den Fans zu kommerziell werden könnte und sie vielleicht denken, dass ihr euch jetzt verkauft?
Kie: Man muss sich eben immer weiterentwickeln. Sicher ist das ein gewisses Risiko, aber es war unsere Entscheidung. Es fühlt sich nicht wie ein Kompromiss an. Ganz im Gegenteil: Das ist die Umsetzung unseres Wunsches.

In den ersten Kritiken über euer neues Album konnte man häufig von Vergleichen mit legendären Rockbands wie Soundgarden oder sogar Led Zeppelin lesen. Ihr habt früher euren Stil mehr in einer Prog- Ecke wie der von Steven Wilson, Opeth oder Biffy Clyro gesehen. Ist NEW DAY RISING jetzt ein Prog- oder ein Hardrockalbum?
Jonne: Es ist eher ein reines Rockalbum.
Mikko: Oh ja! Das war auch eines unserer Vorhaben. Frühere Alben wie APPROACH und LOVE REMAINS THE SAME waren wirklich diese experimentellen, epischen Prog-Alben.

Geht es um eure Musik, ist oft von einer gewissen „finnischen Melancholie“ die Rede. Ist das wirklich eine speziell finnische Eigenschaft?
Jonne: Das ist schwer für uns zu beurteilen, weil wir ja Finnen sind. (lacht)
Mikko: Ich halte das schon für möglich. Ich denke, man hört es in unseren Melodien.
Kie: Oh, ich bin davon überzeugt. Die slawischen, östlichen Wurzeln machen das aus.
Mikko: Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass finnisches Songwriting tiefgründiger ist, als beispielsweise schwedisches. Die Schweden sind sehr viel öfter „alle happy, alles schön“. Sie haben den westlichen, amerikanischen Einfluss. Wir den russischen. Ich frage mich, ob Finnland eine Band wie ABBA hervorbringen könnte.
Kie: Haha, sicher nicht! Wir haben Lordi. (lacht)

Die Presse titelt über euch gerne mit dem Spruch „Der Sound brüderlicher Liebe“. Gibt es bei euch auch manchmal brüderlichen …
Mikko: … Hass? (lacht) Manchmal! Jeder von uns will sein Bestes in die Songs bringen und dann muss man eben auch mal streiten. Aber weil wir das schon seit so langer Zeit machen, verstehen wir schon immer den anderen. Bei diesem Album gab es nicht viele Kämpfereien.

Seit Jahren seid ihr die Nummer-1-Rockband in Finnland, doch im Ausland wissen die meisten nicht von eurer enormen Bedeutung. Wie wollt ihr daraus ausbrechen?
Mikko: Hoffentlich mit NEW DAY RISING! Und mit vielen Konzerten. Wir müssen wirklich nach Deutschland kommen.

Ihr könntet auch wieder die Foo Fighters supporten, wenn sie diesen Sommer durch Europa touren.
Mikko: Das war damals schon fantastisch. Aber jetzt, mit dem neuen Material, wäre es genial. Virpi! Machst du das bitte fix?! (lacht)