Werkschau: Pearl Jam

Pearl Jam AlbenViele ihrer Zeitgenossen taten sie als Trittbrettfahrer des Grunge ab. Heute haben sie diese Kritiker nicht nur in Grund und Boden geschrieben und verkauft, sondern die meisten von ihnen auch um viele Jahre überlebt.

Pearl Jam sind die großen Überlebenden des Grunge. Im Gegensatz zu Nirvana, Soundgarden, Alice In Chains und den anderen größeren Seattle-Bands aus der Klasse von 1991, waren sie nie weg, weder für immer noch vorübergehend. Und auch wenn sie viele Tragödien erleben mussten – nicht zuletzt den Tod so vieler Freunde und Zeitgenossen –, haben sie sich davon doch nie unterkriegen lassen.

Aber Belastbarkeit ist ein Teil der Pearl-Jam-DNS. Sie entstanden aus einer dieser Tragödien: Gitarrist Stone Gossard und Bassist Jeff Ament waren zuvor Mitglieder von Mother Love Bone, deren Karriere gerade Fahrt aufnahm, als ihr Sänger Andrew Wood an einer Überdosis starb.

Sie verwandelten ihren Schmerz in Hoffnung. Ihr Debütalbum TEN fand viele Millionen Käufer – worauf sie von den Gralshütern der Coolness als fünfte Kolonne des Grunge verrissen wurden. Ein Großteil des Spotts zielte auf Sänger Eddie Vedder, den Surfer aus San Diego, der von der abgeschotteten Szene im Nordwesten der USA als Eindringling betrachtet wurde. Sein sonorer Bariton und seine offen zur Schau getragene Aufrichtigkeit waren das genaue Gegenteil von Kurt Cobains waffenfähiger Ironie und Punk-Rock-Häme.

Doch aller Hohn konnte den Aufstieg der Band nicht aufhalten: Ihr zweites Album VS. fand 1993 fast eine Million Käufer – in der ersten Woche. Insbesondere Vedder hasste diesen Er­­folg allerdings. Sie wehrten sich standhaft dagegen, weigerten sich, Videos zu drehen oder Interviews zu geben.

Ende der 90er-Jahre ließ der Wahnsinn dann nach und es kehrte wieder eine gewisse Norma­lität ein. Die Plattenverkäufe waren deutlich ge­­schrumpft – YIELD von 1998 verkaufte sich eine Million mal, verglichen mit den 13 Millionen von TEN – und man bekam den Eindruck, dass niemand darüber glücklicher war als Pearl Jam selbst.

Es sollten noch weitere schwere Zeiten folgen, nicht zuletzt die Tragödie von Roskilde, wo während des Auftritts der Band neun Fans zu Tode gequetscht wurden. Doch im Großen und Ganzen hatten Pearl Jam den Weg aus der Dunkelheit gefunden.

Seit der Jahrtausendwende existieren sie zu­­dem außerhalb der Mainstream-Musikindustrie. Ihre Stärke basiert wesentlich mehr auf ihren Live-Shows vor Tausenden devoter Fans als der kommerziellen Schlagkraft ihrer Alben, sie haben sich quasi als eine Art Grateful Dead für die Generation X positioniert. Passend dazu waren sie eine der ersten Bands, die Aufnahmen ihrer Konzerte als „offizielle Bootlegs“ verfügbar machten. Was unterstreicht, dass Pearl Jam heute eigentlich noch immer dasselbe sind wie Pearl Jam im Jahr 1991: eine Band von Menschen für Menschen.

Unverzichtbar

Pearl Jam
TEN
EPIC, 1991

Pearl Jam Ten
Das Debüt ist eines der großen Rockalben. Wo ihre Zeitgenos­sen ihre Ironie als Waffe einsetzten, trug TEN seine Auf­­richtigkeit wie eine Fahne vor sich her und ließ Eddie Vedders magnetische Intensität auf Songs los, die hymnisch (›Even Flow‹), einfühlsam (›Jeremy‹, inspiriert von einem Amoklauf an einer Schule) und dräuend (›Black‹) waren. Dass sie sich von den gerade sehr uncoolen Rockbands der Vergangenheit inspirieren ließen, gab ihren Kritikern genügend Munition. ›Alive‹ wurde fies als „das ›Free Bird‹ des Grunge” verhöhnt, was die persönliche Tragödie in dessen Kern gänzlich ignorierte. Doch TEN wurde zum Million­enseller und Pearl Jam lachten zuletzt – auch wenn es ein bitteres Lachen war.

Pearl Jam
VITALOGY
EPIC, 1994

Pearl Jam Vitalogy
Bei ihrem dritten Album hasste niemand Pearl Jam so sehr wie Pearl Jam selbst. VITALOGY war der bewusste Versuch, alles zu zerstören, was sie aufgebaut hatten. Das einzige Problem bei der Sache war, dass sie unfähig waren, eine schlechte Platte zu machen. Die erste Single ›Spin The Black Circle‹ war eine punkige Lärm­attacke, die darauf abzielte, nicht im Radio gespielt zu werden (was nicht funktionierte), und das keuchende ›Bugs‹ war einfach verrückt. Doch die kratzbürstigen ›Last Exit‹ und ›Corduroy‹ konnten ihre Stadionrock-Herzen nicht verbergen, während ruhigere Nummern wie ›Better Man‹, ›Immortality‹ und ›Nothing­man‹ zu ihren besten Songs überhaupt zählen.

Wunderbar

Pearl Jam
VS.
EPIC, 1993

Pearl Jam VS
Der Erfolg erwischte Pearl Jam auf dem falschen Fuß. Wie der Titel klarmachte, war VS. der Klang einer Band, die sich gegen den Ruhm stemmte. Sie reduzierten die großen Emotionen, das Album startete holprig mit ›Go‹. ›Blood‹ war ein Rausch an­­gepisster Wut, der auch gut auf eine Platte von Nirvana gepasst hätte. Aber ganz aus ihrer Haut konnten sie trotzdem nicht. ›Rearviewmirror‹ und das wehklagende ›Elderly Woman Be­­hind The Counter In A Small Town‹ unterstrichen, dass Pearl Jam irgendwas anderes als eine Stadionrock-Band waren – und zwar mit verdammt viel Klasse.

Pearl Jam
NO CODE
EPIC, 1996

Pearl Jam No Code
Das faszinierende, stellenweise geniale vierte Werk klingt wie nichts, was sie davor oder da­­nach gemacht haben. Aufge­nommen in einer unruhigen Zeit – angeblich hatte sich Vedder die künstlerische Kontrolle er­­stritten –, klang es größtenteils reduziert. Aber „leise“ hieß nicht zwangsläufig „schlecht“. Der Opener ›Sometimes‹ und ›Who You Are‹ strahlten ruhige Schön­heit aus, während das furiose ›Hail, Hail‹ zeigte, dass sie noch immer Gas geben konnten. NO CODE verwirrte viele, die TEN und VS. erworben hatten, die Verkäufe brachen ein. Für Pearl Jam war das ein Triumph.

Pearl Jam
YIELD
EPIC, 1998

Pearl Jam Yield
Nach dem stilistischen Haken­­schlag und folgenden kommerziellen Einbruch von NO CODE wirkte das fünfte Album als Korrektiv. Es gab immer noch die subtilen Momente – ›Given To Fly‹ ist Zeps ›Going To Cali­fornia‹ im 90er-Gewand –, doch auf ›Brain Of J.‹ und ›Do The Evolution‹ ging es wieder be­­herzter zur Sache, auch wenn die emotionale Wucht von TEN nicht erreicht wurde. Vor allem verschob sich mit YIELD das Kräftegleichgewicht – Vedder gab die Verantwortung als Ent­­scheider ab, die Stimmung hellte sich auf und Pearl Jam waren wieder eine Band.

Eddie Vedder
INTO THE WILD
J RECORDS, 2007

Eddie Vedder Into The Wild
Alle vier Alben der Band in den 00er-Jahren waren gut, aber keines war herausragend. Und keines kam an Vedders erstes Solowerk heran. Dieser reduzierte Soundtrack zum Mensch-gegen-Natur-Film „Into The Wild“ spiegelte die unbezwingbare Schönheit von Alaska perfekt wider. Vedder spielte fast alle Instrumente selbst, was das Gefühl der Abgeschiedenheit noch verstärkte. ›Far Behind‹ und das glitzernde ›Hard Sun‹ klangen wie windzerzauste Pearl Jam, doch das filigrane ›Rise‹ und ›The Wolf‹ hatten eine panoramische Grazie, die mit nichts zu vergleichen war.

Anhörbar

Brad
SHAME
EPIC, 1993

Brad Shame
Das erste und beste Album von Stone Gossards langjährigem Nebenprojekt: ein Haufen sexy-intimer Songs, die meilenweit entfernt waren von der Breit­wand-Melodramatik der Hauptband. Gossard war der große Name, aber Sänger/Keyboarder Shawn Smith war hier der wahre Star. Seine fantastisch rauchige Stimme fühlte sich in schlaftrunkenen Balladen wie ›Buttercup‹ ebenso wohl wie in nebligen Funk-Rock-Nummern wie ›20th Century‹. Niemand erwartete von SHA­ME Verkäufe auf PJ-Niveau, was sich dann auch bestätigte. Aber Gossard klang nie wieder so sehr danach, als hätte er Spaß.

Pearl Jam
PEARL JAM
J RECORDS, 2006

Pearl Jam Pearl Jam
Die mit der Avocado auf dem Cover. Was ehrlich gesagt das einzige war, das diese Platte von BINAURAL (2000), RIOT ACT (2002) und BACKSPACER (2009) unterschied, eine Serie von Alben, die Pearl Jam in einer Art Warteschleife zeigte, wenngleich einer hochwertigen. Es waren immer noch tolle Platten, aber keine unverzichtbaren. Los ging es mit den treibenden ›Life Wasted‹ und ›World Wide Sui­cide‹, während ›Gone‹ den obligatorischen Moment des Inne­haltens markierte. Die drangvolle Dynamik, die Pearl Jam einst angetrieben hatte, schien sich nun jedoch auf Konzerte und Live-Aufnahmen zu verlagern.

Pearl Jam
LIGHTNING BOLT
J RECORDS, 2013

Pearl Jam Lightning Bolt
Ihr jüngstes Studiowerk war ihr bestes seit 15 Jahren. Das lag zum Teil an ›Sirens‹, einem minimalistischen Liebeslied, das eine ganz andere emotionale Wucht zeigte als die Balladen von TEN, VS. und VITALOGY. Doch es war nicht der einzige bemerkenswerte Song. Das ex­­plosive ›Mind Your Manners‹ ließ Stone Gossard und Mike McCready mit offenherzigen Soli von der Leine, ›My Father‘s Son‹ profitierte von der Anwe­senheit des Keyboarders und inoffiziellen sechsten Mitglieds Boom Gasper, das finale ›Future‹ trug eine schwere emotionale Bürde, ohne sich davon begraben zu lassen.

Sonderbar

Eddie Vedder
UKULELE SONGS
MONKEYWRENCH, 2011

Eddie Vedder Ukulele Songs
Es ist irgendwie grausam, Ved­­ders zweites Soloalbum so zu attackieren – ein Herzensprojekt, das nicht annähernd so schlimm ist, wie man vermuten könnte. Er klingt hier, als hätte er die Zeit seines Lebens, nicht zuletzt auf schläfrigen Interpretation amerikanischer Klassiker wie ›Dream A Little Dream Of Me‹ und ›To­­night You Belong To Me‹. Doch unterm Strich ist es immer noch eine Platte, auf der ein Mann 34 Minuten lang Ukulele spielt – ein Konzept, das die Geduld strapaziert, sofern man kein absoluter Liebhaber dieses viel zu oft missbrauchten Instruments ist. Die Grunge-Kriege wurden nicht für sowas ausgetragen.

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