X, STUDIO, 1980, NEIL ZLOZOWER.Photo Credit: NEIL ZLOZOWER/ATLASICONS.COMSie machten da weiter, wo ihre Helden The Doors aufgehört hatten: In den späten 70ern beleuchteten die Roots-Punk-Unruhestifter X die wenig glamouröse Schattenseite Kaliforniens. Dies ist die Geschichte der größten Kultband von Los Angeles.

Im Juli 1979 las der ehemalige Doors-Keyboarder Ray Manzarek die Tageszeitung „LA Reader“, als ihm etwas darin ins Auge fiel: ein Artikel unter dem Titel „Sounds Like Murder“, der einen Überblick über die boomende Punkszene von Los Angeles gab und näher auf freche Anwärter wie die Alley Cats, The Screamers, The Plugz und The Last einging.

Doch es war eine andere Band namens X, die ihn wirklich aufhorchen ließ. Bei Manzarek – einem Mann, der einige Erfahrung mit Sängern mit poetischen Anwandlungen hatte – traf der Text zum X-Lied ›Johnny Hit And Run Paulene‹ sofort einen Nerv: „He got a sterilised hypo, to shoot a sex machine drug/He got 24 hours, to shoot Paulene between the legs“. „Das ist kein Text“, dachte er sich, „das ist Poesie.“

Wenige Tage später besuchte der neugierig ge- wordene Manzarek ein X-Konzert im Whisky A Go Go, jenem Schwitzkasten am Sunset Strip, in dem sich die Doors mehr als ein Jahrzehnt zuvor ihren Namen gemacht hatten. Kurz nach Beginn des Gigs kam ihm ein Song ziemlich bekannt vor. „Es war ›Soul Kitchen‹ von den Doors bei 1000 Meilen pro Stunde“, sagt Manzarek heute. „Ich war hin und weg. Es war, als stünde man hinter einer 747 mit vollem Schub auf den Triebwerken.“

Nach dem Konzert ging er backstage und stellte sich vor: „Ich bin Ray Manzarek von den Doors. Habt ihr einen Produzenten? Ich würde euch gerne produzieren.“ Als Doors-Fans waren X – Sängerin Exene Cervenka, Bassist John Doe, Gitarrist Billy Zoom und Drummer DJ Bonebrake – genauso begeistert. „Genau dann und dort in der Umkleide des Whisky A Go Go trafen wir unsere Abmachung per Handschlag“, sagt Manzarek.

Wenige Bands davor oder seitdem haben den Klang und die Atmosphäre von Los Angeles so gut getroffen wie X. Wie ihre Urväter im Geiste, die Doors, wuchsen sie über die Szene, aus der sie erwuchsen, hinaus, um die dunklen Seiten so- wohl ihrer Heimatstadt als auch des modernen Amerika im Allgemeinen zu beleuchten. Ihre beiden Meisterwerke – LOS ANGELES von 1980 und UNDER THE BIG BLACK SUN von 1982 – klangen wie nichts anderes. Ihre anfängliche Punk-Wut wich raketenbefeuertem Rockabilly.

Manzarek war nicht der einzige Fan. Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea nennt X neben den Doors und Love als eine der L.A.-Bands, „die die Zeiten in ihrer Musik sowohl erfassen als auch definieren“. Jeff Ament von Pearl Jam bezeichnet X und Jane’s Addiction als „die zwei L.A.-Bands, zu denen wir am meisten aufsahen“. Für Henry Rollins sind sie schlicht „eine der besten Live-Bands aller Zeiten“. Wie X-Bassist John Doe sagt: „Wenn du den Namen X erwähnst, sagen Leute entweder: ‚Ihr habt mein Leben verändert‘ oder ‚Wer?‘.“

Auf ihrer Suche nach musikalisch Gleich-gesinnten gaben John Doe und Billy Zoom 1977 in derselben Woche Anzeigen in der L.A.-Zeitung „Recycler“ auf. Obwohl beide in Illinois geboren waren, hatten sie auf sehr un- terschiedlichen Wegen nach L.A. gefunden.

Nach seinem High School-Abschluss in Baltimore zog Doe (bürgerlicher Name John Nommensen Duchac) erst nach New York, bevor er nach Westen ins Land seiner literarischen Helden Raymond Chand-ler und Nathanael West aufbrach. Bei seiner Ankunft in L.A. fand Doe eine Stadt vor, deren einstiger Glanz am Verblassen war. „Hol-lywood war auf dem abstei-genden Ast“, sagt er. „Der Tennessee Williams in mir sagte: Jawoll! Der perfekte Moment! Direkt im Herz der Bestie, während gerade alles zusammenbricht.“

Zoom – geboren als Tyson Kindell – war Spross einer Musikerfamilie: Sein Vater hatte beim Jazzstar Django Reinhardt Klarinette gespielt. Versiert auf diversen Instrumenten, hatte Zoom eine Karriere als Jazzsaxofonist erwogen, bevor er sich auf die Gitarre konzentrierte.

Nachdem er in den 60ern nach L.A. gezogen war, spielte er als Sessionmusiker und bei ver-schiedenen Bands, etwa auf einer Sommertour mit Gene Vincent. Doch es war der simplistische Ansatz der Ramones, der Zoom dazu inspirierte, eine Band zu gründen, und ihre ähnlich lautenden Anzeigen, die ihn und Doe zusammenbrachten. „Da stand in etwa: ‚Suche jemanden, der keinen Mist spielt‘“, erinnert sich Doe, der die damalige Musikszene von L.A. als „ziemlich tot“ beschreibt.

Die 20-jährige Christene Cervenka wollte so dringend aus Tallahassee/Florida entkommen, dass sie per Anhalter nach Kalifornien fuhr. Sie kam mit 80 Dollar in der Tasche in L.A. an und fand schnell einen Job und eine Unterkunft bei Beyond Baroque, einem berühmten Literatur- und Kunstzentrum. Und dort, bei einem Dichter-Workshop, saß sie eines Tages neben Doe.

„Sie sagten, wir sollten eine Liste unserer zehn Lieblingsdichter machen“, sagt sie. „Ich kannte nicht wirklich viele Dichter. Ich sah rüber zu ihm und bemerkte, dass er John Lennon zweimal genannt hatte. Ich sagte: Entschuldigung, aber du hast John Lennon zweimal aufgeschrieben.“

Keine sehr vielversprechende Erstbegegnung, was die beiden allerdings nicht davon abhielt, ein Paar zu werden.
Cervenka hatte ihren Namen schon zu Exene geändert nach dem Schema „Christmas=X-mas“, also „Christene=Exene“. Obwohl sie Doors-Fan war, seit sie mit zwölf ›Light My Fire‹ gehört hatte, sah sie sich mehr als Autorin denn als Song-writerin. „Mir war nie auch nur der Gedanke gekommen, nach L.A. zu kommen und Musik zu machen“, sagt sie.

Einen Song, ›I‘m Coming Over‹, hatte sie al- lerdings schon geschrieben. Doe war so beein-druckt, dass er sie fragte, ob er ihn für die Band, die er gerade formierte, verwenden dürfte. „Nein, du kannst meinen fucking Song absolut nicht haben!“, giftete Cervenka empört zurück. Also lud Doe sie zu einer Bandprobe ein, wo sie ihn singen sollte und „sehen, wie es läuft“.

Zoom war nicht gerade begeistert von der Idee, Does Freundin in die Band aufzunehmen. „Ich dachte, John und ich sangen gut genug – und dass wir keine weitere Sängerin brauchten.“ Und die Zweifel, die er schon vorher hatte, verstärkten sich, sobald Cervenka anfing, zu singen. „Ich dachte damals nicht, dass Exene besonders gut war“, erinnert sich Zoom.

„Exene singt wirklich unkonventionell“, gesteht Doe. Doch die Kombination von ihrem schluck-aufartigen, hochtönigen Gesang und Does vollem Bariton gaben X ihre unverwechselbare Identität. „Wenn John und Exene zusammen singen, ent-steht daraus ein einzigartiger Klang“, wie Henry Rollins sagt. „Es ist unglaublich.“
Trotz der eigenen Zweifel wurde Zoom schnell bewusst, dass ihr Publikum keine hatte. „Sie riefen: ‚Exene, Exene, Exene!‘ Es war offensichtlich, dass die Leute einfach etwas an ihr mochten.“

X setzten sich so praktisch sofort von den an- deren Bands ab, die sich bevorzugt im Dunstkreis des Masque aufhielten, jenem siffigen Club und Proberaum in Hollywood, der die Keimzelle der L.A.-Punkszene bildete. Mit ihren Retro-Klamotten und dem Second-Hand-Künstler-Chic war Exene Welten von den anderen Frauen dort entfernt. Und was noch viel wichtiger war: X konnten tatsächlich spielen. Zooms Rockabilly-Gitarre, Bonebrakes streuendes Schlagzeugspiel und die schiefen Gesangsharmonien von Doe und Cervenka waren in einer ganz anderen Liga als der geradlinige Punk von Zeitgenossen wie The Germs und The Avengers.

„Es machte uns nicht besser, wir waren einfach nur anders als einige der Bands“, sagt Cervenka. „Es gab viele herausragende Leute in dieser Szene. Aber ich denke mal, dass wir drei so talentierte Musiker hatten, ließ uns herausstechen.“

1978 veröffentlichte das gerade ins Le- ben gerufene Label Dangerhouse die X-Debütsingle ›Adult Books‹. Ein Jahr später packte dasselbe Label den Klassiker der Band, ›Los Angeles‹, auf einen Sampler namens YES L.A. – eine direkte Antwort auf das von Brian Eno produzierte Album NO NEW YORK, auf dem die aufstrebende No Wave-Bewegung des Big Apple präsentiert wurde.

Der Hype um diese beiden Platten war es, der Ray Manzarek dazu bewegte, X bei ihrer Be- gegnung im Whisky A Go Go seine Dienste als Produzent für ihr Debütalbum anzubieten. Trotz der Aufbruchsphilosophie des Punk hatte Doe keinerlei Vorbehalte, mit einem Mitglied der alten Garde zusammenzuarbeiten. „Das war mir egal. Ray sah viele Parallelen zwischen uns und den Doors; dass wir eine dunklere Seite von L.A. zeigten. Das waren nicht die Beach Boys.“

Mit einem schmalen Budget von 10.000 Dollar, vom neuen Label Slash vorgestreckt, gingen X und Manzarek ins Studio. Für Manzarek war die Rolle des Produzenten ungewohnt. „In gewisser Weise wurde ich von X entjungfert“, scherzt er.

Rückblickend hat Bonebrake nichts als Lob für Manzareks Beitrag: „Er glaubte an das, was wir taten, und versuchte nicht, uns zu verändern, und genau das brauchten wir.“ Für Manzarek war es wichtig, das Element der Band zu betonen, das ihn erst zum Fan gemacht hatte: „Ich wollte, dass diese Texte gehört werden, also standen Johns und Exenes Stimmen absolut im Vordergrund.“

Das Ergebnis dieser Sessions, das Album LOS ANGELES, erschien 1980 auf dem bahnbrechenden Indie-Label Slash. Es war ein Meilenstein, verwurzelt in der Punkszene der Zeit, aber gleichzeitig etwas Älteres und etwas Progressiveres kanalisierend. Manzareks Orgelspitzen erinnerten bewusst an seine frühere Band, während Doe und Cervenka klangen wie die Nach-fahren von Johnny und June Carter Cash. Und gleichzeitig nahm das Album den Roots-Rock-Boom des folgenden Jahrzehnts voraus. Das Album fand sich letztlich auf den Jahresbesten-listen vieler Kritiker und verkaufte sich im ersten halben Jahr 100.000 Mal – eine nie dagewesene Zahl im Punkbereich.
Der Nachfolger WILD GIFT, 1981 wieder von Manzarek produziert, zementierte den Ruf der Band. „Das beste Album einer US-Band dieses Jahr“, befand der „Rolling Stone“. Doch während Kritiker begeistert waren, konnten Radiosender weniger mit ihnen anfangen. Big Business-Amerika hatte die Stationen fest in seiner Kontrolle, und die rohe, kompromisslose Musik von X passte nicht zu deren konservativen Playlisten. „Stadionrock regierte damals das Top 40-Radio, also hatten X keine Chance“, glaubt Manzarek.

Obwohl der Mainstream sie komplett ignorierte, konnten X Hallen wie das Greek Theatre in Los Angeles mit einer Kapazität von 6500 Plätzen ausverkaufen und weckten das Interesse der großen Plattenfirmen. Gleichzeitig war die Band zunehmend frustriert von ihrem Label. Autogrammstunden in Plattenläden wurden zur Lachnummer, denn die Fans konnten zwar die Band treffen, aber nicht deren Alben kaufen. „Wir waren über das Label Slash hinausgewachsen“, sagt Cervenka. „Sie hatten einfach nicht die nötige Maschinerie verfügbar.“

Nach mehreren Angeboten unterschrieb die Band bei Elektra, der einstigen Heimat der Doors. Und auch wenn Manzarek sich des begrenzten kommerziellen Potenzials der Band bewusst war, wusste er auch, dass Coolness für ein Majorlabel genauso wichtig sein kann wie Kohle. „Sie auf ihrem Label zu haben, würde sie verdammt hip machen.“

Mit einem großzügigen Budget von 100.000 Dollar gingen X wieder ins Studio. UNDER THE BIG BLACK SUN ersetzte den rohen Punkrock mit einem furiosen Rockabilly-Sound, der X wiederum mehrere Schritte von ihren Zeitgenossen entfernte.

Für Cervenka sollte das Album eine besondere Bedeutung erhalten. 1980 war ihre Schwester Muriel auf dem Weg zu einem X-Konzert im Whisky bei einem Autounfall ums Leben ge- kommen. Sie erfuhr es, kurz bevor sie auf die Bühne gehen sollte, drehte sich zu Manzarek um, der mit ihnen auftreten sollte, und sagte: „Du bist doch so fucking kosmisch. Was soll ich jetzt tun?“

Sie spielten die Show, und Cervenka schüttete später ihr Herz in ihren Texten aus. Zwei der Lieder auf UNDER THE BIG BLACK SUN – ›Riding With Mary‹ und ›Come Back To Me‹ – handelten direkt von ihrer Schwester. Bis heute ist es Cervenkas Lieblings-X-Album. „UNDER THE BIG BLACK SUN ist einfach viel emotio-naler und kommt direkt von der Quelle des Schmerzes und der Freude am Leben“, sagt sie.

Als weder UNDER THE BIG BLACK SUN noch sein 1983er Nachfolger MORE FUN IN THE NEW WORLD den unverzichtbaren Hit lieferten, schlug Elektra vor, für das nächste Album den Mötley Crüe-Produzenten Michael Wagener zu verpflichten. Das Album, das sie zusammen machten, AIN’T LOVE GRAND, wird von der Band einhellig verabscheut.
„Das Schlimmste, was wir je taten, und das einzige, was ich in Sachen Karriere in meinem Leben bereue, ist diese Platte“, hält Cervenka fest. Doe ist kaum weniger kritisch: „Ich kann es mir nicht anhören. Das war auch schon kurz nach den Aufnahmen so, denn es klang einfach nicht nach uns.“

Laut Doe hatten sie sich von Wagener erhofft, dass er ihre Platten etwas klarer klingen lassen würde. „Wir dachten: Was wäre, wenn wir den Metal-Sound und die Welt des Punkrock zusammenbringen? Aber das war keine gute Idee.“

Obwohl die Single ›Burning House Of Love‹ im Radio gespielt wurde, konnte AIN’T LOVE GRAND nicht das größere Publikum erschließen, wie man gehofft hatte. Statt zum Durchbruch der Band zu werden, zerbrach die Band daran. „Wir hatten es eben einfach nicht geschafft“, sagt Zoom. „Ich fühlte, dass es an der Zeit war, sich einen richtigen Job zu suchen.“

1985 war Doe und Cervenkas fünfjährige Ehe gescheitert. Schon vor AIN’T LOVE GRAND war die Stimmung innerhalb der Band angespannt gewesen, doch der Flop war für Zoom der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er verließ die Band. Daraufhin wechselten sich Dave Alvin von den Blasters und Tony Gilkyson von Lone Justice auf Tour und im Studio an der Gitarre ab, doch die diversen Alben, die X mit ihnen veröffentlichten, blieben ebenfalls erfolglos. Während dieser Zeit wurde die Band zweimal auf Eis gelegt, aber nie tatsächlich aufgelöst – was sie heute bereuen. „Wir hätten uns trennen sollen“, findet Cervenka. „Aber nein, wir machten weiter, und das funktionierte überhaupt nicht gut.“

1997 veröffentlichte Elektra zum 20. Bandjubiläum BEYOND AND BACK: THE X ANTHOLOGY. Die Doppel-CD beinhaltete zuvor unveröffentlichte Tracks sowie Demos und Live-Aufnahmen. Bei seinem Erscheinen gaben X eine Autogramm-stunde bei Tower Records in Hollywood. Als Zoom und Doe einander trafen, war es das erste Mal in mehr als zwölf Jahren, dass sie sich be- gegneten. Auf die Frage, was sie damals zueinander sagten, lacht Doe. „Weißt du, das war so typisch für viele Männer. So in etwa (gleichgültig): ‚Oh, was geht?‘ Und das war’s.“

Aber wo die beiden X-Männer eher indifferent ob ihres Wiedersehens waren, konnte man das-selbe von der riesigen Menge kaum behaupten. „Es war unglaublich“, lächelt Bonebrake. „Wir müssen drei Stunden dort gewesen sein. Die Schlange ging um den Block.“

Die begeisterte Reaktion auf BEYOND AND BACK führte zu lukrativen Angeboten für zwei Reunion-Shows. Nach all den Jahren weg von der Band fand Zoom es seltsam, wieder in die turbulente Welt von X zurückgeworfen zu wer-den. „Das alles schien mir mehr wie ein Film, den ich als Kind gesehen hatte, als mein tatsächliches früheres Leben.“ Die ersten Konzerte in San Francisco und L.A. waren ausverkauft, wonach weitere Termine angesetzt wurden – und Zoom gewöhnte sich wieder ein. „Als wir wieder an- fingen, regelmäßig aufzutreten, kam das alles ziemlich schnell wieder zurück.“

Seitdem haben X nicht aufgehört, zu spielen, auch wenn sie bislang nur ein neues Lied aufge-nommen haben: passenderweise eine Cover-version von ›Soul Kitchen‹ von den Doors für den Soundtrack des „Akte X“-Films von 1998. Die langjährigen X-Fans Pearl Jam nahmen die Band kürzlich als Vorgruppe auf ihre Südameika-Tournee mit, und im Juni und Juli, exakt 30 Jahre nach Erscheinen von UNDER THE BIG BLACK SUN, eröffneten sie auch in Großbritannien und Deutschland für Eddie Vedder und Co.

Cervenka, bei der letztes Jahr MS diagnostiziert wurde, ist überrascht, dass sie immer noch tourt. „Ich habe weiß Gott eine Menge Dinge getan, an denen ich hätte sterben sollen“, sagt sie. Doe ist philosophisch über den Status der Band: „Ich bin nicht enttäuscht“, sagt er, „denn die Kehrseite des Erfolgs ist doch: Je höher du steigst, desto tiefer wirst du fallen.“ Manzarek ist direkter: „Nein, sie haben nie die Anerkennung bekommen, die sie verdienen, absolut nicht.“

X mögen keine Bestseller geworden sein, aber ihr Einfluss hat sich auf andere Art und Weise bemerkbar gemacht: Sie haben für andere Bands die Türen aufgestoßen, haben eine Generation junger Musiker beeinflusst und haben eine Zeit und einen Ort auf den Punkt gebracht, wie das nur wenigen Bands je gelungen ist.

„Wir haben Los Angeles sicher keine Schande bereitet, soviel steht fest“, sagt Cervenka bescheiden. „Wir sind ein Soundtrack für Los Angeles, und das ist eine große Sache.“

JHILLPHOTO-538Interview
Party Tipps

In den letzten Jahren war es – vor allem hier in Europa – recht still um X. Doch richtig weg war die Band nie. Im Juli waren sie mit Pearl Jam auf Europa-Tour und machten in Berlin Station. Sängerin Exene Cervenka und Sänger/Bassist John Doe sprechen über den Punkrock an der amerikanischen Westküste, Eheprobleme, Hippies – und beantworten die Frage, wie man eine gute Party feiert.

Bessere Arbeitsbedingungen sind kaum vorstellbar. Die größte Sportarena Berlins ist an zwei Tagen mit jeweils 14.000 Fans ausverkauft. Im Catering-Bereich gibt es eine Riesenauswahl an verschiedenen Gerichten, in der geräumigen Garderobe quellen die Plastikwannen über vor eisgekühlten Getränken. X, die wohl meist respektierte Punkband der US-Westküste, sind zu Gast auf der Pearl Jam-Tour. „Unsere Hartnäckigkeit und die Tatsache, dass wir überlebten, hat uns die Gigs eingebracht“, grinst Basser/Sänger John Doe. „Alle Pearl Jam-Mitglieder mögen X. Schon 1999 haben wir mit ihnen vier Shows gespielt. Wir verstehen uns gut! Es ist die gleiche Musik, gemacht von verschiedenen Generationen.“ X tritt in Originalbesetzung auf, also mit der energischen Frontfrau Exene Cervenka, Gitarrist Billy Zoom, Trommler D.J. Bonebrake und besagtem John Doe.

Im Frühjahr 2012 habt ihr als Duo eine Platte namens SINGING & PLAYING veröffentlicht, auf der ihr Songs nur zur Akustik-Gitarre singt.
„Wir mochten Folk und Country eigentlich immer. Parallel zu X hatten wir The Knitters, eine Folkband. Tatsächlich haben Punk und Folk viel gemein: einfache Akkordfolgen und oft soziale Texte, die meist von den üblen Dingen handeln, die einem passieren“, so Exene. „Ich höre zurzeit die Carter Family“, ergänzt John. „Bei ihnen ist alles so schrecklich hoffnungslos, aber irgendwie trotzdem unterhaltsam. Was Country angeht, mag ich Merle Haggard und Buck Owens.“

Natürlich greifen auch die Texte von SINGING & PLAYING soziale Themen auf, wie etwa in ›Never Enough‹. „Es geht um den Konsumismus: Alles wird billig in China hergestellt oder von billigen Arbeitssklaven. In den USA können die Leute nicht genug von dem Müll kriegen. Im zweiten Vers geht es um Fanatismus, um Bomben-werfer wie Timothy McVeigh und die Terroristen aus dem Nahen Osten. Der dritte Vers handelt von Bänkern, die jeden beklauen und selbst beklaut werden. Wie gut kann man essen? Wie gut kann man leben?“, schüttelt Doe den Kopf über den sinnlosen Luxus. „Die entscheidende Frage ist doch: Bist du mit dir selbst glücklich? Magst du dich?“

In ›Because I Do‹, einem alten X-Titel, der für SINGING & PLAYING nochmal rausgeholt wurde, singt Cervenka über die Ehe. „Ich möchte meinen Mann an meiner Seite, aber trotzdem weiter suchen“, erklärt Exene den provokanten Text und öffnet sich ein Bier, das sie in langen Zügen erstaunlich schnell leert. „Ich glaube nicht mehr an die Ehe und nicht an Beziehungen mit Männern. Ich sage den Frauen, die Künstlerin oder Musikerin werden wollen: Heiratet nicht! John und ich waren eine Zeit lang verheiratet, wir hatten ja auch die Band zusammen. Das war gut für mich, denn er holte mich buchstäb-lich von der Straße. Doch generell behindern Männer die Frauen, das ist die Wahrheit! Kinder sind nicht für alle gut. Ich bin jedenfalls nicht mehr verheiratet“, betont Exene, die nach der Ehe mit Doe den Schauspieler Viggo Mortensen heiratete und mit ihm einen Sohn hat, sich aber 1997 scheiden ließ.

In dem Buch „Lexikon Devil“ von Brendan Mullen über die Germs sagt Exene an einer Stelle, Punk sei eine Fortsetzung der Hippie- und Beatnik-Bewegung gewesen. „Beide Bewegungen ent-standen im Abstand von 20 Jahren, es waren große revolutionäre Bewegungen mit dem Drang nach Freiheit und Kreativität. Von 1950 bis 1970 gab es Beatniks und Hippies. Jim Morrison starb 1971, 1975 kamen die Ramones. Die Punks hassten die Hippies, weil die Hippies in Radiostationen und Plattenfirmen saßen und alles Neue ignorierten. Ich war weder das eine noch das andere, ich war ein Bohemian mit Kleidern aus Second Hand-Läden, da ich die alten Zeiten vermisste.“
„Damals war ich kein Hippie, aber heute bin ich einer“, lacht John. „Ich lebe nördlich von San Francisco und versuche, so wenig wie möglich zu konsumieren, so viel wie möglich zu recyceln. Was mich an Hippies immer noch nervt, ist die Tatsache, dass sie faul rumliegen, immer stoned sind und übel riechen. Man sollte schon etwas Style haben. Was Punks und Hippies eint, ist ihr Zusammenhalt in der Gruppe. Sie finden, es sei wichtiger, eine gute Party zu feiern und gemein-sam zu singen, als ein neues Auto zu kaufen.“

In den USA war der Hass von Punks auf Hip-pies nie so extrem wie in England und Rest-Europa. Den Beweis lieferten X, die ihre ersten vier Alben von Ray Manzarek, Keyboarder der Doors, produzieren ließen. „Ray suchte nach etwas Neuem und stieß auf uns. Er ist Jazz-Fan und liebt Klassische Musik, aber bei X mögen wir alle Jazz und Klassik“, ruft Cervenka. „Ray ist ein smarter Typ, und wir sind eine smarte Band. Er ließ uns machen, was wir wollten, so gab es keine Probleme.“ Doe erinnert noch an eine andere Parallele. „Die Beziehung, die X zu ihren Fans hatten, war ähnlich wie die der Doors zu ihren Anhängern. Es gab keine Trennung zwischen Band und Publikum. Das gefiel ihm, genau wie unsere Poesie. Ray ließ uns X sein. Auf der ersten Platte spielte er noch Orgel, aber als er merkte, dass sie nicht zu uns passt, ließ er das bleiben.“

Die Punks der US-Ost- und Westküste unterschieden sich, erzählt Doe, in einigen wichtigen Punkten. „In New York gab es erheblich mehr Wettbewerb unter den Bands. Bei uns in L.A. mussten wir zusammenhalten; es galt Clubs zu finden, um überhaupt aufzutreten zu können. Damals kämpften wir gegen die großen Konzerne, wir dachten, sie seien der reine Wahnsinn und es könne nicht schlimmer kommen. Das war von heute aus betrachtet sicher naiv.“ Nach Exenes Meinung war der amerikanische Punkrock durchaus politisch, „einfach weil mehr Frauen involviert waren als in allen anderen musikalischen Bewegungen vorher und nachher.“

Unser Gespräch geht langsam zu Ende, X’s Auftritt naht. Letzte Frage: In Interviews hat Exene immer wieder von den tollen Parties erzählt, die sie gefeiert hat. Wie macht man eine gute Party? John überlegt kurz: „Ich tanze gerne, auch gerne eng, auch gerne Walzer. Dazu braucht man gute Musik.“ Und Cervenka meint: „Ich war ein ,Party Animal‘, das stimmt. Man braucht intelligente Leute, die sich unterhalten. Und jemanden, der die Party schmeißt.“