The Young Gods_2010_4_BW_PRINTUnbeeindruckt und nach 25 Jahren immer noch hemmungslos experimentell: THE YOUNG GODS arbeiten weiter an ihrer Vision moderner Rock-Musik – und haben dabei überraschender-weise die ganz klassische Riffkultur entdeckt.

Sie waren immer Außenseiter: Pioniere des Industrial Metal, Wegbereiter der Verschmelzung von Rock und Elektronik – und doch sind die Schweizer nie dem Ruf der großen Musikwelt gefolgt: Bis heute lebt Mastermind Franz Treichler im beschaulichen Genf. „Ich wohnte 1994/95 für anderthalb Jahre in New York, aber es brachte uns nicht weiter. Der Rest der Band war damals in der Schweiz, ich fühlte mich abgeschnitten. Und Genf hat auch seine guten Seiten: Die Szene ist nicht so auf Trends versessen, dafür hat man direkten Zugang zu Dingen, die eben gerade nicht Trend sind.“

Was New York als Schmelztiegel verspricht, findet Franz seit Gründung der Young Gods 1985 also bevorzugt in seiner Heimat: vielfältige Einflüsse, die dem Mann der wichtigste Antrieb sind. Nachdem die Young Gods zuletzt akustisch unterwegs waren und dafür sogar von ARTE und „Kulturzeit“ gefeiert wurden („Was eher mit unserer Wichtigkeit für die Schweiz als mit unserer Wichtigkeit für die Welt der Musik zu tun hat“, so Franz süffisant), geht es auf EVERYBODY KNOWS wieder härter zu. „Aber nicht mit dem Vorschlaghammer“, betont Franz. „Das haben wir 2007 mit unserem Comeback-Album SUPER READY/FRAGMENTÉ versucht. Da-mals mussten wir mit der Faust auf den Tisch hauen, um der Welt unsere Existenz mitzuteilen. Die anschließenden Akustik-Sachen waren der Fall ins andere Extrem und der augenzwinkernde Hinweis: ,Hey, wir hatten da mal vor 20 Jahren ein paar Hits!‘ Mit dem neuen Album standen wir wie so oft vor der fruchtbaren Frage: ,Was nun, wenn nicht nochmal das Gleiche?‘“

Herausgekommen ist zum einen eine Mischung aus dem Vorigen, mal sehr akustisch, dann wieder elektronisch treibend, fast wie Dance-Musik. „Das Wichtigste für mich ist, dass EVERYBODY KNOWS getrieben wirkt – neue Grenzen sucht, keine Schranken akzeptiert und dabei viel eigene Persönlichkeit entwickelt.“ Man nennt das wohl Stilempfinden, wenn aus eklektischem Input ein kohärenter, sofort als The Young Gods identifizierbarer Output wird. „Es ist halb Architektur, halb Rock – und nie Routine“, bringt Franz die Vorgehensweise auf den Punkt. Und da ist heute auch Platz für lupenreine Classic-Rock-Riffs, etwa im Song ›No Land’s Man‹. „So etwas hätten wir früher nicht gemacht. Aber das war mal ein geniales Riff, warum sollten wir es groß samplen, dekonstruieren und in klassischer Industrial-Manier verwursten? Vincent, unser Gitarrist, hat Rocker-Blut in sich – und dieses Erbe haben wir auf typische Young-Gods-Art ergründet. Genau so fand diese Band schon immer ihren nächsten Schritt.“

Experimentell sein, nicht alles zu wissen glauben: Das ist auch das zentrale Thema von Franz’ Texten. „Wir leben in einer Zeit, in der jeder jederzeit Zugriff auf alle Informationen hat. Jeder nimmt deswegen an, alles zu wissen – EVERBODY KNOWS. Aber niemand weiß, was er tun soll, weil die Verkettung von Umständen hinter allem so komplex ist. Wenn wir in den Supermarkt gehen, unterstützen wir damit nicht faktische Sklaverei in Entwicklungsländern? Die Vernichtung des Urwalds? Als ich jung war, gab es eine klare Einteilung in Gut und Böse, heute ist alles irgendwie ein bisschen das Eine und ein bisschen das Andere.“ So wie, der platte Abschluss sei erlaubt, die Musik der Young Gods – nur dass das genau das Gute an ihnen ist.