Zakk Wylde2009 musste er eine schwere Krankheit und seinen Rauswurf bei Ozzy verkraften. Doch Zakk Wylde nimmt’s gelassen, arbeitet mit seiner Black Label Society an einem neuen Album und philosophiert über die Freuden einer guten Flasche Bier.

Zakk Wylde ist ein Mann der Prinzipien: Er jammert nicht. Selbstmitleid ist ihm fremd, daher macht er über die Blutgerinnungsstörung, die ihn im vergangenen Jahr für mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt hat, nur ein paar flapsige Bemerkungen. Wylde betrachtet die Krankheit als eine „Prüfung Gottes“. Eine von vielen, wohlgemerkt. Daher lässt sie ihn weitgehend kalt. Viel mehr bekümmert ihn, dass er nun kein Bier mehr trinken darf. Das heißt: Die nächtelangen Jam-Sessions mit seinen Black Label Society-Kollegen gehören nun der Vergangenheit an. Aber der 43-jährige Gitarrist ist schlau genug, den Besäufnissen nicht weiter hinterherzutrauern, sondern sich statt­dessen eine Ersatzbefriedigung zu suchen…

Zakk, bist gerade im Studio, um das neue Black Label Society-Album einzuspielen. Es ist das erste Mal, dass du nüchtern Songs komponiert hast. Wie war das für dich?
Nun, schon anders. Früher habe ich ganze Nächte damit verbracht, mit meinen Band-Kumpels zu saufen und zu jammen. Aber wir haben uns zwar nicht sofort zugeschüttet, sondern langsam mit ein, zwei Bier pro Mann angefangen. Aber im Laufe des Abends wurden daraus dann doch zwei Kisten. Glücklicherweise waren wir am Anfang noch alle fit genug, um coole Ideen zu entwickeln. Auf den Mitschnitten dieser Sessions hört man nämlich deutlich den Unterschied zwischen „nüchtern“ und „besoffen“: Erst klingt alles super, doch dann übernimmt Onkel Alkohol das Regiment. Jeder liefert nur noch Müll ab, klopft sich aber selbst auf die Schulter – der Hammer… Doch das passierte immer nur während der Proben. Während wir im Studio waren, sah die Sache anders aus. Ich habe mich nie volllaufen lassen, wenn ich noch Gitarren-Parts einspielen musste. Also ist die Umstellung gar nicht so groß, wie sie vielleicht erscheinen mag.

Was ging in deinem Kopf vor, als die Ärzte bei dir eine Blutgerinnungsstörung diagnostiziert haben?
Nun, für mich ist das eine Prüfung Gottes. Und die hinterfrage ich nicht, sondern bin dankbar. Denn wer weiß: Vielleicht habe ich die Krankheit bekommen und ein kleines Mädchen ist stattdessen davon verschont geblieben? Ich versuche, mit möglichst viel Demut an die Sache heranzugehen. Diese Einstellung hatte ich schon immer. Und im Gegensatz zu manchen anderen Menschen musste ich auch nicht erst etwas Schlimmes erleben oder tun, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Ich habe schon Leute getroffen, die mir erzählten, dass es für sie die beste Erfahrung ihres Lebens war, im Gefängnis zu sitzen. Das erst hat sie dazu gebracht, über ihr Handeln nachdenken. Verdammt, ich muss doch nicht erst jemand schlagen oder ausrauben, um zu wissen, wie ich mich als anständiges Mitglied einer Gesellschaft zu verhalten habe! Daher sehe ich meine Krankheit als eine Art Stolperstein an, über den ich gefallen bin, nicht mehr und nicht weniger. Es gibt im Leben immer wieder Momente, in denen einem Negatives widerfährt. Da muss man durch. Mit Black Label Society ist uns das schon oft passiert. Wir kamen uns vor, als würden wir vor einem riesigen Berg stehen, und es gab keinen Tunnel, der uns einfach, sicher und schnell auf die andere Seite geführt hätte. Daher mussten wir uns bemühen und selbst einen Weg finden, das Monster zu überwinden, also klettern oder drumherum laufen. Das Wichtigste war, in Bewegung zu blieben und nicht auf der Stelle zu treten. Selbstmitleid hilft niemandem. Wenn du am Boden bist, dann steh gefälligst schnell wieder auf und mach weiter!

Du hast es geschafft, dich wieder aufzuraffen. Aber ganz so wie früher wird es nicht mehr sein: Speziell auf Tour ist Bier und Schnaps immer im Überfluss vorhanden. Wirst du dann genauso rigide sein wie Metallica, wo es wegen James Hetfields Abstinenz backstage keinen Tropfen Alkohol gibt?
Nein, nein, um Gottes Willen. Ich gehe ja jetzt auch aus und bin oft in Bars unterwegs. Dann bestelle ich eben ein alkoholfreies Bier, ganz einfach. Mir gefällt es, unter Menschen zu sein, ein Schwätzchen zu halten und dabei ein kühles Getränk zu schlürfen. Nur dass das Getränk jetzt eben nicht mehr betrunken macht. Aber das ist in dem Moment zweitrangig – mir geht es beim PubBesuch um den sozialen Faktor, nicht ums Trinken. Das vermisse ich eher beim Jammen mit meinen Band-Kollegen, denn das war schon eine coole Sache: abhängen, ein Bier aufmachen, zocken, noch ein Bier aufmachen, gemeinsam Blödsinn machen und dabei immer voller werden… Und klar: Ich würde das gerne weiterhin machen.

Was hält dich davon ab?
Mein Doktor. Er hat zu mir gesagt: „Zakk, wenn du dir mit deinen Kumpels weiterhin bis morgens einen reintankst, wirst du eines Tages mit gigantischen Schmerzen aufwachen und aus dem Schwanz, deinem Arsch und allen möglichen anderen Körperöffnungen Blut herausfließen sehen!“ Da wusste ich, dass es vielleicht keine allzu gute Idee ist, weiterhin Sauftouren zu veranstalten. Dafür habe ich jetzt mehr Zeit für andere Dinge. Pussies lecken zum Beispiel. Außerdem bin ich in meinem Leben wahrlich schon oft genug voll gewesen. Meine Güte, als ich bei Ozzy eingestiegen bin, war ich noch nicht mal 20 Jahre alt. Daher habe ich es dementsprechend krachen lassen. Auf Tour natürlich am heftigsten – da musste ich schließlich nicht mehr mit dem Auto nach Hause fahren. Aber auch wenn ich nicht unterwegs war, habe ich trotzdem jeden Tag zumindest zwei, drei Bier getrunken und dazu Gitarre gespielt. Das war entspannend. Wie Meditation.

Kannst du dich eigentlich noch an alles erinnern, was auf den Ozzy-Touren passiert ist, oder hattest du viele Filmrisse?
Nur ganz, ganz wenige, die kann ich an einer Hand abzählen. Ich war immer derjenige, der am nächsten Morgen noch wusste, wer in der Nacht seinen Schwanz an der Hotelbar rausgeholt oder den Fernseher aus dem Fenster geworfen hatte.

Petra Schurer